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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 7 (sequence 2376)
Language
German
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Erinnerungen Von Hans Margolius ZWEI PATEN Zur Zeit, da die Provinz Posen zu Deutschland und damit zu Preussen gehörte, unterstanden die Lehrer an den jüdischen Schulen der preussischen Regierung. Das war nicht in allen deutschen Provinzen der Fall. In den meisten waren die jüdischen Schulen in der Obhut der jüdischen Gemeinden. Freilich, auch in der Provinz Posen hatten die Gemeinden eine Art von Mitbestimmungsrecht. Die preussische Regierung zahlte die Gehälter, und sie schlug die Lehrer zur Anstellung vor. Aber die Vorsteher und Repräsentanten der Gemeinde hatten das Recht, einen für ihre Schule vorgeschlagenen Lehrer abzulehnen, wenn er ihnen aus irgendwelchen Gründen nicht zusagte. Als mein Pate Moritz Ries als Hauptlehrer der Jüdischen Schule in Krotoschin installiert wurde, da kam einer der Vorsteher der jüdischen Gemeinde auf ihn zu und sagte: “Mein Lieber Herr Ries! Ich möchte Ihnen etwas nicht ganz verschweigen: Sie sind von der Gemeinde zu unserem Lehrer gemacht worden. Aber ich persönlich habe Ihnen meine Stimme nicht gegeben.” Da verneigte sich mein Pate Ries und erwiederte mft freundlichem Lächeln. “Lieber Herr! Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, so muss ich Ihnen gestehen: es ist mir'lieber, dass Sie mir Ihre Stimme nicht gegeben haben, und ich bin gewählt worden, — als dass Sie mir Ihre Stimme gegeben hätten, und ich wäre nicht gewählt worden.” Mein lieber “Onkel” Ries war nicht nur schlagfertig gegenüber den Häuptern der Gemeinde; er wusste sich auch nach der anderen Seite hin: gegenüber den Vertretern der Regierung in Ansehen zu halten. Einmal kam ein Schulinspektor in die Schule zur Besichtigung. Und nachdem er vieles andere bemängelt hatte, glaubte er schliesslich auch beklagen zu müssen, dass Bänke und Pulte nicht so blitzten, wie sie seiner Überzeugung nach in einer preussischen Schule blitzen sollten. So ging er an eines der Pulte heran, strich mit seinem Finger darüber und hob dann den Finger in die Luft. “Herr Lehrer”, sagte er, “hier ist Staub!” Mein Pate Ries fand sich dadurch nicht im geringsten behelligt und betroffen. Er ging an ein anderes Pult, strich mit seinem Finger darüber und hob den Finger empor. “Herr Schulinspektor”, rief er fröhlich aus, “hier ist auch Staub!” Was der Herr Schulinspektor darauf erwiderte, ob er überhaupt etwas erwiderte,,- weiss ich nicht. Aber es ist seltsam, wie sich manche Worte, manche Aussprüche, die man einmal gehört hat, im Gedächtnis erhalten. Es muss nun fünfzig Jahre oder mehr her sein, dass mein Vater mir diese Aussprüche meines Paten berichtet hat, und sie sind mir doch noch so lebendig in Erinnerung, als ob sie erst gestern ausgesprochen und weiter erzählt worden wären. Mein Onkel Ries zog schon in meiner frühesten Kinderzeit von Krotoschin fort. Viele Jahre lebte er in Posen. Später zog er mit seinen Kindern nach Berlin. Dort habe ich dann wieder gesehen, als ich mit meinem Vater nach Berlin kam. Er hat eine Anzahl sehr hübscher humoristischer Bücher geschrieben und voröffentlicht. Ich erinnere mich an zwei Geschichten die wir besassen und die ich las. Die eine behandelte eine “Heirat aus Liebe”, die andere eine “Heirat aus Hass”. Noch grösseren Eindruck aber machte mir ein anderes kleines Buch von ihm, das ein Lustspiel enthielt. Dieses Lustspiel war zu einem Stiftungsfest der B’nai Brith Loge in Krotoschin geschrieben und aufgeführt worden. Es machte mir aber in meiner Kindheit einen besonderen Eindruck, weil in ihm auch mein Vater und meine Mutter dargestellt waren.... Auch mein zweiter Pate Gustav Herrmann zog schon sehr früh von Krotoschin fort. Aber ich wusste, wo er in Krotoschin gewohnt hatte. Und sein Haus hier war mir noch besonders ehrwürdig, weil es einmal eine hebräische Druckerei beherbergt hatte. Eine bedeutende Druckerei, in der viele Gebetbücher gedruckt wurden und in der einmal auch eine Ausgabe des Talmud Jeruschalmi herausgebracht wurde. Mein Pate Herrmann lebte mit seiner Frau und Tochter in Breslau, nachdem er Krotoschin verlassen hatte. Von 1915 an waren wir öfters in Breslau — zum Einkäufen oder auf der Durchreise in die schlesischen Gebirge. Dann versäumten wir nie, ihn und seine Familie zu besuchen. Einmal war ich mit meiner Mutter in Bad Kudowa im Glatzer Bergland. Als das Ende meiner Ferien gekommen war, da beschloss meine Mutter mich allein nach Hause fahren zu lassen und selbst noch eine kurze Zeit in Kudowa zu bleiben. Das war die erste grosse Reise, die ich allein zu machen hätte. Ich war sehr stolz darauf. In Breslau machte ich Station, wie gewohnt von meinen sonstigen Reisen mit Mutter und Vater. Und wie gewohnt, suchte ich auch meinen Onkel Herrmann auf. Dass ich in der grossen Stadt Breslau allein meinen Weg zu iihm fand, erfüllte mich mit grosser Befriedigung. Damals ging mein Onkel Herrmann zu meiner grossen Freude mit mir ln das Cafe Fahrig am Zwingerplatz. Das war ein Cafe, in dem viele Schriftsteller und Künstler zu verkehren pflegten. Es war das erste Literaten-Cafö, das ich kennen lernte. DAS BUCH JONAH Ich weiss nicht mehr, wann es gewesen ist und wie es dazu kam, dass mein Vater auf einem unser gemeinsamen Spaziergänge einmal über das Buch Jonah zu sprechen begann. Vermutlich war es kurz vor den hohen Feiertagen, und er wollte mir erklären, warum man in den Synagogen beim Gottesdienst am Nachmittag des Versöhungstages das Buch Jonah vorzulesen pflegt. Die Geschichte von Jonah war mir gewiss nicht unbekannt. Aber ich hatte sie bisher nicht für besonders interessant gehalten. Ich wusste, dass Jonah sich geweigert hatte, der Aufforderung Gottes zu folgen und nach Ninive zu gehen, um der Stadt ihren Untergang zu prophezeien. Ich wusste, dass er zur Strafe für seinen Ungehorsam von einem Walfisch verschlungen worden war, dass er im Bauche des Walfisches eine Reihe recht ungemütlicher Tage zugebracht hatte, dass er aber schliesslich für das Gottvertrauen, das ihn auch In dieser unerfreulichen Situation nicht verlassen hatte, belohnt worden war und, von dem Walfisch wieder ans Land gebracht, schliesslich doch nach Ninive gegangen war. Nun aber begann mein Vater mir die Geschichte Jonahs auf eine gänzlich andere Weise zu erzählen. Den berühmten Walfisch erwähnte er, wenn überhaupt, nur ganz nebenher. Um so mehr liess er sich über Jonah selber aus. Jonah weiss von allem Anfang an, dass sein Gott ein gnädiger und nachsichtiger und vergebender Gott ist. Da Gott ihn ruft und ihm gebietet, nach Ninive zu gehen und der Stadt den Untergang zu prophezeien, weil die Bewohner Ninives Unrecht auf sich geladen haben, da weigert er sich: nicht ohne Grund. Er fürchtet, dass Gott sich besinnen und davor zurückschrecken werde, die Stadt zu vernichten — wie er ihm doch jetzt zu prophezeien befiehlt. Er hat nicht unrecht gehabt. Da er sich doch schliesslich bestimmen lässt, nach Ninive zu gehen und zu tun, was Gott ihm befohlen hat, da erfasst die Bewohner Ninives, von den Worten Jonahs ergriffen, die Reue über ihre Taten. Sie hüllen sich in Sack und Asche und tun Busse für das Unrecht, das sie begangen haben. Und Gott erbarmt sich der Reuigen und nimmt zurück, was Er Jonah hatte androhen lassen. So sind die Prophezeiungen Jonahs Lügen gestraft. Unmutig zieht der Prophet sich zurück. Und der hadert mit Gott, der allzu barmherdg und langmütig ist. Da aber lässt Gott einen Kikajon wachsen — unmittelbar vor der Hütte, die Jonah sich vor den Toren der Stadt gemacht hat. Der Prophet freut sich über den schönen Baum, der ihm Schatten gibt. Doch in der Nacht darauf sendet Gott einem Wurm, der den Kikajon sticht, sodass seine Blätter verdorren. Und Jonah trauert um den verdorrten Baum. Da ruft Gott ihm zu: “Ist es dir leid um den Kikajon? Um den Baum, mit dem du keine Mühe hattest, der in einer Nacht entstanden und dn einer Nacht verdorrt ist? Und mir sollte es nicht leid sein um Ninive, die grosse Stadt, in welcher so viele Tausende von Menschen wohnen, und so viele Tiere dazu?” Als mein Vater mir die Geschichte Jonahs bis hierher erzählt hatte, da fühlte ich mich aufs tiefste ergriffen. Ich glaube, ich hatte plötzlich Tränen in den Augen. Seitdem habe ich das Buch Jonah wieder und wieder gelesen. Und immer wieder haben mich die Schlussworte ergriffen, die mir damals in der Erzählung meines Vaters zum ersten Male nahe gekommen waren. Ist das, was sie uns sagen, nicht eine der wesentlichsten Lehren des Judentums? Der Sinn des höchsten Gerichts über Menschen und Menschen-tun liegt nicht in vollendeter Gerechtigkeit, sondern im Mitleid ohne Grenzen. Klingt in diesen Worten des Buches Jonah nicht schon ein Stück der Botschaft des Sophokles; "Nicht mit-zuhassen, mit-zulleben bin ich da!” Ist in ihnen nicht schon die grosse Lehre vom Mitleid als der fundamentalen Tugend des Menschen, wie Schopenhauer sie uns gegeben hat, vorausgeahnt? Aber vielleicht auch noch mehr als das! Vielleicht sagen sie uns zugleich, dass in jedem Menschen und in jedem Tier, — dass in allem Leben ein unermesslicher Wert gegeben ist. Zweitausend Jahre nach dem Buche Jonah führt Israel ben Eliezer, der Begründer des Chassidismus, ihre Lehre fort. “In allem, was ln der Welt ist, wohnen heilige Funken. Kein Ding ist ihrer ledig.” ' Und noch einmal zweihundert Jahre nach den Chassidim bestimmt Albert Schweitzer das Wesen alles ethischen Handelns als Hingabe an Leben aus, Ehrfurcht vor dem Leben. Was ist das anderes als eine neue und genauere Formel der Botschaft des Buches Jonalj? PAUL MÜHSAM GLAUBENSBEKENNTNIS 71 - seitige Broschüre, klein-oktav quer, DM 5.— Zu beziehen durch: Else Levi—Mühsam, Gottfried von Herder Weg 2, D-7750 Konstanz oder durch Ihre Buchhandlung. In Israel: Lotte Markowitz, Ramat Chen, Aluf David 81, Telefon: 742627. Hier haben Sie alles das, was in sieben Jahrzehnten in Ihnen wurde, in komprimiertester Formung gegeben.... Als ein Weltweiser sprechen Sie zu uns, als Deutscher, als Jude... als Mensch, als Prophet.” (Aus einem Brief 1947). "Glaubensbekenntnis” entstand 1946 und wird Jetzt erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Paul Mühsam wurde 1876 in Brandenburg/Havel geboren und wuchs in Chemnitz und Zittau auf. 1905 Niederlassung als Rechtsanwalt in Görlitz. 1917/18 Leiter einer Abteilung des Zentralkomitees vom Roten Kreuz in Berlin. 1919 Wiederaufbau der Praxis, 1933 Verlust der Existenz und Auswanderung nach Palästina. 1960 in Jerusalem gestorben. 7

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