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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 27

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
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STADTRAT L R. GEORG LESS: m um m« um i I Die Juden von Breslau j Vor 50 Jahren kam ich aus meiner Geburtsstadt Berlin nach Breslau. Die Pferdebahn trottelte gemächlich durch die Strassen, hielt alle paar Minuten, und das Strassenbild mit seinen jahrhundertealten Häusern wirkte so gemütlich, wie es in einer Provinzstadt eigentlich selbstverständlich war. Aber bald gewann ich den Eindruck, dass in der schlesischen Metropole besonders ernst und intensiv gearbeitet wurde. Ein Kaffeehausleben am Vormittag existierte nicht, und ein Herumflanieren innerhalb der Geschäftszeit konnte sich nur der leisten, der als ausgesprochener Müssiggänger sattsam bekannt war. Noch gab es keine Hochhäuser, Warenhauspaläste oder Bankprachtbauten. Aber noch vor dem Ende des vergangenen Jahrhunderts nahmen Handel und Wandel einen rapiden Aufstieg. An diesem hatte die kleine Anzahl der jüdischen Mitbürger einen sehr grossen Anteil. Die Inhaber der bevorzugten Gasthöfe “Hotel Riegener“ und “Goldene Gans” waren jüdisch. Die Küche dieser beiden Häuser war berühmt. An der table d’hotel der “Goldepen Gans“ sorgten der Wirt, Herr Wiener, und einzelne Stammgäste für rege interessante Unterhaltung. Ein besonders witziger Plauderer war der Vertreter einer rheinischen Weinfirma. Als auch einmal der Chef der letzteren an einer fröhlichen Mahlzeit teilnahm, meinte er schmunzelnd, sein Vertreter könne die Tischgesellschaft besser unterhalten als sich selber. Grosszügig war stets die Reichhaltigkeit der table d’hotel. Aber als gelegentlich ein bekannter Vielesser beim Herumreichen des Rebhuhnganges zwei feiste Tierchen auf seinen Teller gleiten liess, setzte ihm doch der die Tafel präsidierende Wirt eins extra auf die Rechnung. Auch das später am Tauentzienplatz entstandene moderne Residenzhotel wurde von einem jüdischen Mitbürger errichtet. Es musste später dem grossen Warenhaus von Wertheim Platz machen. Die berühmten Weinhäuser von Kempinski in Berlin und Hamburg hatten ihr Stammhaus in Breslau, welches von einem älteren Bruder der Inhaber der Häuser in Berlin und Hamburg begründet worden war. Jüdischer Unternehmungsgeist trat in Breslau in Handel und Industrie auf allen Gebieten besonders stark zutage. Es ist nicht möglich u. auch nicht angebracht, alle jüdischen Persönlichkeiten oder auch nur selbst einen grösseren Teil, die als Pioniere zu nennen wären, aufzuzählen. Ich denke an die zu Anfang des 19. Jahrhunderts begründete Möbelfabrik von Gebr. Bauer. (Ein Mitglied dieser Familie war übrigens Lina Morgenstern-Bauer, bekannt als Gründerin des Fröbelschen Kindergartens und aus der Hausfrauenbewegung). Um ungefähr die gleiche Zeit entstand die Chemische Grosshandlung S. E. Goldschmidt und Sohn, die mit den Höchster Farbwerken liiert war, die in Oderberg eine grosse Fabrik errichtete u. ebenso Inhaberin der von Max Krüger geleiteten grossen Seifenfabrik war. Welche Bedeutung der Breslauer Wollmarkt bis zur Sperrung der polnischen Grenze hatte, ist bekannt. Viele Breslauer jüdische Wollgrosshandlungen standen in lebhaften Beziehungen zu dem Auslande. Die Spinnerei und Bindfadenfabrik von I. Schwerin und Söhne hatte in Italien eine Niederlassung und beschäftigte eine sehr grosse Anzahl von Angestellten und Arbeitern. Die Erzgrosshandlung Lippmann Bloch, deren Begründer einer der grössten Philantropen der Stadt und ein Wohltäter ohne gleichen war der übrigens, ebenso wie sein Neffe, Max Bloch, wegen seiner Betätigung auf charitativen Gebiet von der Jüdischen Gemeinde zum Gemeindeältesten ernannt wurde, möchte ich an erster Stelle miterwähnen. Viele Hunderte von Juden haben in der Zeit von 1933 an ihre Auswanderung der grossen, uneingeschränkten Hilfe der Neffen Lippmann Blochs zu verdanken. Der Tuchgrosshandel, an seiner Spitze die Patrizierfirma Gebr. Friedenthal, Engel & Mamlock u.a., die Manufakturgrosshandlungen Erber & Eppenstein, Danziger & Schreuer, Sachs & Wohlauer, B. Werner, die Baumwollgrosshandelsfirma I. Z. Hamburger und andere mehr belieferten die Provinzen Nieder- und Oberschlesien, Posen sowie Ost- und Westpreussen in grossem Umfange. Wer kannte nicht die bedeutende Schuhfabrik “Dorndorf“, welche in sovielen Städten Deutschlands Verkaufsstellen unterhielt. Weiter fallen mir die Spitzenfabrik I. Wartenberg mit ihrer Niederlassung in Madeira, die grosse Pelzwarenfabrik Gebr. Breslauer mit ihren Zweigfirmen in Berlin und Paris ein. Es ist unmöglich, die Hunderte von Herren-, Damen-, Kinderkleider, Wäsche-, Trikotagen- und Schirmfabriken, die zu 99 Prozent von jüdischen Mitbürgern begründet wurden und die alle Teile Deutschlands ohne jede Ausnahme bereisen Hessen, zu nennen. Im Kolonialwaren-Grosshandel waren die bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts entstandene Firma S. L. Samosch, sowie später Sachs & Schiedewitz von grosser Bedeutung. Die Holzgrosshandlungen von Josef Abramczyk und Kaim & Schlesinger waren in ihrer weltverbreiteten Branche führend. Max Oettinger, Mitinhaber einer Flachsgrosshandelsfirma, spielte im öffentlichen Leben besonders in der Stadtverordneten-Versammlung, eine grosse Rolle. Das bedeutende Seidenbaus A. I. Mugdan, dessen Inhaber Max Königsberger bei der Kaiserparade 1896 zu Ehren des russischen Kaisers als Rittmeister wie eine blonde Idealgestalt das Aufsehen der begeisterten Menge erregte, unterhielt nächst dem Detailgeschäft einen namhaften Grosshandel. Direktor Zwicklitz, Leiter der bedeutenden Spirtfabrik, sowie der Inhaber der Firma Herrmann Schäffer in der gleichen Branche waren jahrelang geschätzte Mitglieder der Handelskammer. Ebenso erwähnungswert ist die Drogengrosshand F. Reichelt, die sich unter der tatkräftigen Leitung der Herren Franz Beerel und Apotheker Max Kunz mit ihren Zweigniederlassungen in Berlin, Hamburg, Königsberg und Kattowiz zu einem Riesenunternehmen entwickelte, Loebel Schottländer, als Versender des Karlsbader Brunnens bekannt, sein Sohn, der Rittergutsbesitzer Julius Schottländer und dessen Sohn Dr. Paul Schottländer, der sich für die Forschungen des Kaiser Wilhelm-Instituts in Kiel interessierte und sie in jeder Weise förderte, verdienen gleichfalls einen Platz in diesen Betrachtungen. Viele angesehene Privatbanken standen in lebhaftem Verkehr mit der Kaufmannschaft, in den Direktionen der Grossbanken welche in den letzten Jahrzehnten ihre Prachtbauten errichteten, waren ohne Ausnahme an erster Stelle Juden tätig. Welcher Breslauer erinnert sich nicht “des alten Dr. Asch“, dem L’Aronge sein Lustspiel "Doktor Klaus” verdankte, und seines Sohnes, Geheimrat Robert Asch: Ferdinand Lasalle war Breslauer: an seinem Geburtstage zogen alljährlich Tausende nach seiner auf dem jüdischen Friedhof befindlichen Grabstätte. Der berühmte Rechtslehrer Paul Laband war in Breslau geboren, ebenso der Mitbegründer der A.E.G., Socius von Emil Rathenau, Felix Deutsch, dessen Vater der bekannte Kantor Deutsch war, Alfred Kerr, der Maler Eugen Spiro, der Komponist und Dirigent am Leipziger Gewandhaus, Salomon Judassohn sowie der Reichsjustizminister Eugen Schiffer waren Breslauer. Jüdische Einzelhandelsgeschäfte gaben dem Innern der Stadt durch ihre Schaufensterauslagen ein interessantes, buntes Gepräge. Einzelne wuchsen nach und nach zu grossen Kaufhäusern heran, wie Ed. Bielschowsky jr., der Leinen-Bielschowsky genannt. Die Ausstattungsfirma D. Immerwahr, die Seidenbandfirma Albert Schäffer, die Seidenhäuser M. Fischof und D. Schlesinger jr., Geschw. Trautner Nachflg, sowie Hecht & David, die Damenmäntelfabriken und zugleich Einzelhandlungen von E. Breslauer und Louis Levy junior, R. G. Leuchtag Nchflg., das Herrenkonfektionsgeschäft von Pariser & Strassner sowie die grosse Eisenwarenhandlung von Herz & Ehrlich fesselten durch ihre Auslagen die Blicke des kauffreudigen Publikums. In der Herrenschneiderei genossen Buckwitz & Silberfeld, in der Damenbekleidung M. Gerstel, sowie Hugo Cohn in ganz Deutschland einen guten Ruf. Ende des vorigen Jahrhunderts wurden von Gebr. Barrasch sowie Messow & Waldschmidt, später durch A. Wertheim Warenhauspaläste errichtet. Mit Stolz erlebten die Breslauer diesen Aufschwung des Handels und der Industrie, woran so viele Juden hervorragenden Anteil hatten. Im besten Ansehen standen viele jüdische Ärzte, von allen Kreisen der Bevölkerung in Anspruch genommen. Einzelne zogen dauernd Patienten aus dem Auslande nach Breslau. Unter den vielen, die zu nennen wären, möchte ich nur die Chirurgen Professor Gottstein, Dr. Hadela, Dr. Guttmann, die Frauenärzte Professor Hannes, Professor Heymann, Professor Ernst Fränkel, Professor Ludwig Fränkel, Geheimrat Rosenstein, Augenarzt Professor Hermann Cohn, den Vater Emil Ludwigs, ebenso Geheimrat Bielschowsky, sowie Geheimrat Minkowski, der ebenso wie die Dermatologen Geheimrat Albert Neisser und Geheimrat Jadassohn Weltruf genossen, erwähnen. Unter den jüdischen Zahnärzten wären Professor Wilhelm Sachs, der dann nach Berlin übersiedelte, wo später auch sein Sohn Dr. Hans Sachs als Spezialist für Paradentose sehr bekannt wurde, sowie Professor Riegner und Professor Bruck zu nennen. Weiter denke ich an den Physiker Geheimrat Ladenburg. Jüdische Mitbürger waren seit Jahrzehnten in der Handelskammer tätig; einige, wie Geheimer Kommerzienrat Friedenthal, Salomon Kauffmann, Samuel Mendelson, David Mugdan, Kommerzienrat Dr. Schwerin, gehörten dem Präsiduim an. An der Verwaltung der Stadt nahmen seit fast hundert Jahren Juden regen Anteil. Sie stellten seit fast achtzig Jahren stets den Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung. Geheimrat Wilhelm Freund bekleidete dieses Amt etwa vier Jahrzehnte lang. Ihm folgte Geheimrat Dr. Heilberg, Vorsitzender der Anwaltskammer und Ehrendoktor der Universität. Im Magistrat waren die Stadträte Milch und Marek Jahrzehnte hindurch tätig. Ihre Söhne Alfons Marek und Friedrich Milch wurden gleichfalls durch das Vertrauen der Bürgerschaft in den Magistrat berufen. Stadtrat Siegfried Haber, der Vater des Nobelpreisträgers Fritz Haber, Professor Ernst Fraenkel, Martin Fuchs, Stadtbaurat Fritz Berendt, Doktor Georg Landsberg und viele andere mehr, genossen durch ihre vorbildliche Betätigung die Verehrung ihrer Amtskollegen. Seit Anfang des Jahrhunderts leitete Dr. Theodor Loewe die Breslauer Bühnen. Die Oper nahm unter seiner Direkton einen grossen Aufschwung und wurde zum ersten Kunstinstitut (Fortsetzung Seite 28) 27

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