Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 43 (April 1978)
- Date
- 1978-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/7411685-7412598-7496846--0735-7412619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Leben hat seltsame Überraschungen bereit Das Leben selbst schreibt die unvorstellbarsten Romane. Kurz-Lang-Geschichten seltsamer Art, wie sie die menschliche Phantasie kaum erfinden könnte. Was mir geschah, will ich hier erzählen. Es war ln der Hitlerzeit. Meine Familie emigrierte aus Deutschland nach Czernowitz (Rumänien), doch entgingen wir nicht unserem Schicksal. Es verfolgte uns auch dort und wir wurden dann nach Transnistrien deportiert, wo uns unendliches Leid widerfuhr. Doch wie durch ein Wunder überlebten wir und konnten drei Jahre später, allerdings unter schwersten Bedingungen, nach Czernowitz zurückkehren. Meine Mutter und ich hatten das Glück, von einer uns früher bekannten Familie aufgenommen zu werden. Das Wenige, das sie hatten, teilten sie mit uns. Czernowitz wurde damals von den Russen besetzt, die bis zum heutigen Tag geblieben sind. Aus dem Lager zurückgekehrt, erholte ich mich langsam. Damals trieben die Russen viele Menschen, meist Juden, sowohl auf den Strassen als auch von den Wohnungen zusammen, schleppten die Unglücklichen in die “RAIRADA” von wo aus die Bedauernswerten in plombierten Zügen nach dem Donbas in die Kohlenbergwerke zur Arbeit verschickt wurden. Aus diesem Grunde betrat ich ein Jahr lang nicht die Strasse, hielt mich im Hause auf, und wenn es klingelte, kroch ich schnell in einen Schrank. Eines Tages läutete es an der Tür. Unglücklicherweise alle Vorsicht vergessend, weil niemand im Hause war, öffnete ich. Ein Russe setzte sofort seinen Fuss zwischen Schwelle u. Tür u. fragte mich nach meinen Dokumenten Lächerliche Frage.—Ich eine Namenlose, woher einen Ausweis? — Mit scharfer, befehlerischer Stimme sagte mir der Mann, dass ich mich am Abend in der berüchtigten “RAIRADA” einzufinden habe, von wo ich nach dem Donbas abtransportiert werde. Vor Schreck war ich wie gelähmt. Bald darauf kehrte das Ehepaar zurück, dem ich mein Erlebnis berichtete. Auf der Stelle hatte der Mann einen wertvollen Rat bei der Hand. Sorge dich nicht sagte er mir, Du wirst einige Nächte bei einer befreundeten Familie verbringen. Er verständigte sofort die Bekannten. Keine Stunde verging, und ich befand mich dort. Die Familie war als wohlhabend bekannt und bewohnte eine Sechszimmer Wohnung, ein Russe hatte zwei Zimmer für sich requiriert. — Nun kam die Nacht heran, es war so gegen 2 Uhr. Plötzlich hörten wir es mörderisch an der Tür klopfen und draussen schrien Stimmen — Sofort öffnen — die NKWD! Die erste Reaktion der Frau des Hauses war, mich sofort ins Badezimmer zu schicken. Am ganzen Körper zitternd verliess ich das Schlafzimmer, dann wurde geöffnet. Fünf Russen betraten zuerst das Schlafzimmer, um überall nach Gold und Dollars zu suchen, denn diese Familie war den Russen als Bourgois bekannt. Man durchsuchte ein Zimmer nach dem anderen. Plötzlich tauchte die Tochter auf und sagte mir: “Sofort raus aus dem Schrank, denn sie durchsuchen alles!” Wohin sollte ich mich wenden? Ich wechselte ein Versteck nach dem anderen u. wurde schliesslich doch entdeckt. “Wer bist Du — und woher kommst Du?” — fragte die Russen mich überrascht. — Deine Dokumente! — Ein strafender Blick traf die Hausfrau, denn ich hatte keine Dokumente aufzuweisen. “Setz Dich inzwischen dort in die Ecke”, befahlen sie mir,, “und wenn wir die Hausdurch- Von NORA HAUBEN suchung beenden, so nehmen wir Dich mit uns”. Kommentare meinerseits überflüssig. Sie durchsuchten alle Zimmer, Boden und Keller, Stunde um Stunde verging. War es möglich zu fassen? — Die Russen hatten mich in meiner Ecke vergessen, und nehmen mich nicht mit! Nach ein paar Tagen zu meinen Freunden zurückgekehrt, kam ich wieder in mein Versteck, bis ich und meine Mutter auf gefährlichen Umwegen nach Bukarest gelangten. Dort erst fing ich an aufzuatmen und ich fühlte mich nicht mehr verfolgt. Ich versuchte dfen schweren seelischen Ballast abzuwerfen, der mich während der ganzen Leidenszeit, sowohl im Lager Transnistrien als auch nach der “Befreiung” in Czernowitz, wie mit Krallen umfangen hielt. Nach einiger Zeit schrieben wir uns ein, um illegal nach Palästina auszuwandern, was uns erst nach vielen Bemühungen und Aufregungen gelang. Noch wussten wir nicht, was uns auf dem Schiff bei illegaler Fahrt erwartete. Der Tag der Abreise kam heran. Es wor eine der stürmischsten Nächte, die mir stets in Erinnerung blieb. Ein Wolkenbruch ergoss sich auf uns, denn wir fuhren in einem offenen Wagen, Blitz und Donner wechselten ab. Das Wetter machte das Spiel gegen uns mit. Es war Mitternacht, keiner sollte uns bemerken, Zweitausend Menschen bestiegen das Schiff, einen kleinen Frachtdampfer. Alles spielte sich in unheimlicher Ruhe und Eile ab. Wir waren vollständig durchnässt. Kaum hatten wir Platz zu sitzen. Nach qualvoller Fahrt, die schon ein paar Tage gedauert hatte, sichteten die Engländer unser Schiff und rammten es derart, dass es sich zur Seite neigte. Wir glaubten, das Schiff versinke. Plötzlich schrie der Kapitän: Alle Passagiere müssen sämtlichen Ballast über Bord werfen. Zweitausend Menschen warfen ihr letztes Hab und Gut ins Meer. — Viele Passagiere fiehlen in Ohnmacht, viele wurde schwer krank. Inzwischen brachte die Mannschaft das Schiff wieder in die Höhe. So gelangten wir nach qualvoller Reise — nicht nach Haifa sondern erst auf drei Monate hinter Stacheldraht nach Atlit. Immer wieder fragte ich mich, wann wird endlich dieser Teufelskreis, in den wir geraten waren, durchbrochen sein? Wann wird es ein Entrinnen daraus geben? Auch das üble nahm ein Ende und wir wurden befreit. Ein Teil wurde nach Kiriat Chaim gebracht. Mein grösster Wunsch war es, schon in meiner Kindheit, Schauspielerin zu werden. Bereits in Chemnitz war ich als sechsjährige in der Kinderoper aufgetreten. Auch später, als ich zehn und zwölf Jahre alt war, stand ich auf der Bühne, und wie man mir sagte, mit viel Erfolg. Nun ich träumte davon, in Palästina zu versuchen, als Schauspielerin Karriere zu machen. Aber das Schicksal wollte es anders. Als wir nach Kiriat Chaim kamen, waren wir völlig mittellos. Wir besassen nur die Kleider, die wir anhatten. Der erste Weg war in die Einwandererzentrale in Haifa, um eine Wohnung zu erhalten. Aber wo sollte ich dort übernachten? Eine nette Frau gab mir eine Adresse und einen Brief zu einer Haifaer Familie. Sofort begab ich mich nach Haifa, klingelte an der Wohnungstür und — oh Wunder! Es Hess mich ein Dienstmädchen mit weisser Schürze ein. Ich betrat ein sehr elegant eingerichtetes Speisezimmer und wartete auf die Dame des Hauses. Sie kam, vornehm, distinguiert, ganz Lady. Ich übergab ihr den Brief. Während sie las, sah ich prüfend an mir herunter. Mein Gott, wie sah ich denn aus! Ein einfaches, cremefarbenes abgetragenes Kostüm, — schäbige Eleganz wahrlich! Ich fühlte mich so klein so nichtssagend, so durchlitten, so ängstlich, beladen mit Komplexen nach all diesen schweren Jahren. Plötzlich war ich in dieses Haus gelangt, wo war ich denn eigentlich? Die Dame schreckte mich aus meinen Gedanken mit den Worten: “Mein liebes Kind sorgen Sie sich nicht mehr! Sie sind in besten Händen. Ich werde morgen mit Ihnen gehen und alles Nötige für Sie einordnen. Jetzt werden Sie sich nach all den Strapazen erst einmal ausruhen”. Ich wursste nicht wie mir geschah. Sie klingelte dem Dienstmädchen und gab ihm einen Wink. Und siehe da! Tischlein deck Dich! Die besten Speisen wurden für mich aufgetragen. Ich vergass alles, alles um mich herum und verschlang mit Heisshunger, was auf dem Tisch stand. Dann wurde ich eingeladen, mich in ein schneeweis überzogenes Bett zu legen. Es war wie im Märchen. Den nächsten Morgen begaben wir uns in die Einwandererzentrale der Zionistischen Organisation. Jetzt wurde mir klar, welche Persönlichkeit diese Frau war. Mit Ehrfuhrt wurde sie empfangen. Es stellte sich heraus, dass sie und ihre Angehörigen eine der angesehensten Familien in Haifa waren. Ohne Schwierigkeiten erledigte sie sofort alle meine Angelegenheiten. Also, eine Wohnung war mir gesichert. Kh wollte mich dankend verabschieden, aber meine neue Freundin meinte: “Bleiben Sie noch, ich werde Ihnen Haifa zeigen!” Ich blieb. Am Abend stellte sie mir ihren Mann und Sohn vor. Der Sohn schien mir so unnahbar und so vornehm wie ein Fuerst. Ich wagte nicht meinen Blick zu ihm zu erheben. Welch innere Schönheit strahlte aus seinen grauen Augen! Wie ein Bild so schön. Ein Traum-Mann. Ich war vollständig bezaubert. Mit welchem Recht durfte ich eigentlich so bezaubert sein? Wer war ich? Den nächsten Abend sah ich mich allein mit diesem wunderbaren Mann, Die Eltern waren ausgegangen. Oh welches Wunder! Der Sohn setzte sich neben mich und sagte mir: “Seien Sie doch nicht so traurig, jetzt wird sicher alles gut werden”. Das erste Mal sah ich ihm voll in die Augen. Welch edle, weiche Stimme! Ich glaubte zu träumen. War das Wirklichkeit? Plötzlich erhob sich der Sohn des Hauses, nahm meine Hände und sagte mit warmer Stimme: "Meine Liebe, wollen Sie meine Frau werden? Sie sind diejenige, auf die ich alle Zeit gewartet habe. Ich werde versuchen, Sie für all Ihr Leid zu entschädigen, durch meine Liebe und Fürsorge für Sie”. Ich glaubte nicht richtig zu hören, Ich stotterte: “Bitte sagen Sie wirklich, Ich solle Ihre Frau werden?” Plötzlich fing ich zu weinen an, das In schluchzen überging. “Oh“, sagte ich ihm, “das kann doch nicht wahr sein, soviel Glückes auf einmal. Ist das Ihr Ernst?“ “Ja meine Teuere, das ist mein Emst. Ich liebe Sie vom ganzen Herzen“. Noch immer konnte ich es nicht fassen, Ein Schauer rann mir durch den Körper. Bald darauf kamen die Eltern zurück, “Hier“, sagte der Sohn zu den Eltern, "stelle ich Euch meine Braut vor!“ Oh, dachte ich, es ist die Wahrheit, ich /bin die glücklichste Braut! Die Eltern akzeptierten mich. "Jetzt aber erlauben Sie mir, zu meiner Mutter zu fahren, um (Fortsetzung Seite 22) 21