Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 43 (April 1978)
- Date
- 1978-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7411685-7412598-7496846--0734-7412618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erinnerung aus meiner Jugend (ERGÄNZUNG ZUM BERICHT VON DEN JOHANNEERN) Meine Vorschule besuchte ich nachmittags im Ilming-Lyceum — Im Süden Breslaus — wo uns Lehrer Schönfeld die ersten Buchstaben schreiben lehrte. Ich wohnte damals noch in der Tschepine, hinter dem Wachtplatz, und musste täglich mit der Strassenbahn hinfahren. Viele meiner Mitschüler kamen im Jahr 1924 dann in die Sexta Ins Johannes Gymnasium, wo wir mit Jungens aus den bessern Kreisen aller Konfessionen zusammen kamen. Unser 1. Klassenlehrer war Professor Hammer, der uns den lateinischen Unterricht gab. Es war schon ein älterer Herr und ein guter, gerechter Lehrer. — Auch machten wir monatlich die ersten Klasseausflüge mit ihm, die meist an einer Endstation einer Strassenbahnlinie begannen u. stundenlang ln Wäldern oder an der Oder in Gruppen spazieren gingen. — In Naturkunde hatten wir einen schon recht alten Lehrer, mit dem Beinamen Schaske — der richtige Name ist mir nicht mehr geläufig — Sein Unterricht war recht gemütlich und wurden uns auf Grund von Karten Pflanzen- und Tierteile erklärt. Aber sein Steckenpferd war mit uns, die ersten praktischen Versuche mit Pflanzen in einem Schrebergarten durchzuführen, wo jeder Schüler ein Beet bekam, das er besäen u. pflanzen musste. Meist gelang es uns nur zu sehen, wie die ersten Keimlinge und Pflänzchen aus der Erde wuchsen und dann kamen schon die grossen Ferien, wo fast alle Klassenkameraden ans Meer oder Gebirge fuhren und bei der Rückkehr fanden wir meist nur statt einem Gärtchen einen Urwald vor, da alles wild und mit viel Unkraut verwachsen war, doch manch einem gelang es Radieschen oder Tomaten zu züchten. Eines Tages war uns lieber “Schaske“ sehr traurig, da die Stadt Breslau das geliehene Terrain für andere Bauzwecke benötigte; trotz des Mitschülers Fuchs, dessen Mutter Stadträtin war und wie eine “Löwin“ für die Interessen unseres lieben "Schaskes” kämpfte flog der ganze Schreberverein auf. In Geographie belehrte uns Ferenz Jüttner — benamst Funzel —, der trotz aller Verulkungen von Seiten der Schüler sich nicht aus der Ruhe bringen liess. Er machte auch seinerseits seine Witze mit uns. Die Landkarte Spaniens hing an der Wand und wurde einer d. Jungens gefragt, welche grösseren Städte er von Sp. nennen könnte, da Befragter aber nicht über Madrid und Cordoba hinauskam, zog “Funzel” sein immer bereites Stückchen und zeigte auf die Karte und meinte “Sevilla“ aber Du willst nicht”. In ähnlichen Fällen eines Unwissenden sagte er nur ironisch “Mensch arbeite doch lieber in der Lebensmittelbranche und gehe an die Heringstonne, Heringe verkaufen, dazu brauchst du nämlich nicht das Gymnasium zu absolvieren“. Für Mathematik und Physik belehrte uns Dr. Slowak, der ein sehr guter Lehrer war. Besonders erinnere ich mich noch an die vielen Tagesausflüge, wo wir meist in Jugendherbergen übernachteten. Bei der Abwanderung am folgenden Morgen mussten wir den Herbergsvater mit einer “Abschiedsbombe“ verabschieden, es wurden rythmische Bewegungen mit Geräuschen gemacht, die am Schluss mit Händeklatschen endete. Sein Steckenpferd war, nachts die Sternbilder des Himmels zu erklären: den grossen und kleinen Wagen, den grossen Bär etc. und einiges ist mir heute noch in Erinnerung, wenn ich bei einer Europareise am nördlichen Sternenhimmel “alte Bekannte“ wiedersehe. In der Unterterzia begann der griechische Unterricht und bekamen als Klassenlehrer Studienrat Alfred Hübner, ein ziemlich unangenehmer Glatzkopf, der uns des öfteren leicht sadistisch am Ohr zog, wenn wir nicht so viel wussten wie er und meinte in hoher Stimme “ei, ei, hat der Meyer mal sich nicht wieder gut präpariertÄ. Dabei waren fast alle Mitschüler mit Kladden versorgt um die Iliade “leichter“ übersetzen zu können. — Ich hielt ihn immer für einen grossen Anti... und liess dieser Lehrer keine angenehme Erinnerungen zurück. Dagegen war Alfred Hohn bei allen ein sehr beliebter Lehrer in Geschichte und waren seine Schüler immer an seinem Unterricht sehr interessiert. Mit ihm machten wir mehrtägige Schulausflüge in die Berge, die er besonders schätzte, und lassen mich diese Tage gern an meine Jugend zurückdenken. Meistens verbrachten wir diese kurzen Ferien in vornehmen Bauden oder Hotels, also auf bessehen Niveau als Herr Slowak mit Jugendherbergen. Ausserdem wurden immer interessante Themen besprochen, sodass man von diesen Ausflügen auch von seinem Wissen und Kultur bereichert heimkam. Auch in unserer Klasse war Willy Cohn in deutscher Literatur als Lehrer tätig. Sein Sohn Wolfgang (Wölfle) war unser Mitschüler. Sein interessanter Unterricht, der uns mit der deutschen Kultur sehr vertraut machte ist mir unvergessen. Als wir in die Unterprima versetzt wurden, wurden wir dann statt mit “Du“ mit “Sie” angeredet, wobei er meinte es wäre kein grosser Unterschied ob man DU ESEL oder SIE ESEL sagte. — Später vertraten ihn jüngere Assesoren, die sich noch im Jahre 33 wagten, mit der Klasse auf politische Diskussionen sehr frei einzulassen. — In Englisch gab uns Herr Fritz Wenzel Unterricht, der ein sehr moderner und gutangezogener Herr war, ausserdem war er ein sehr bekannter Sportberichterstatter im Radio. — Als Zeichenlehrer fungierte Herr Hoffmann, alias Fridolin, der sich viel mit seinen Klassen ärgern musste, die diesen Unterricht als Unterhaltungsstunde benutzten. Wenn es dann im Zeichensaal doch zu laut wurde, so stellte er in das Wasserbecken einige leere Blechdosen über die das Wasser wie ein Wasserfall rauschte und wehe einer übertönte mit seiner Unterhaltung diese “Wassermusik”. In der grossen Aula wurde Musikunterricht erteilt und auch wurden öfters alle Schüler der Anstalt zu Vorträgen dort versammelt. Religion wurde für alle 3 Konfessionen extra erteilt. Wir hatten den jüdischen Unterricht bei dem rotbärtigen Dr. Simonsohn, ein gelehter, frommer Rabbiner, der uns in die Grundlagen der jüdischen Geschichte einführte und auch uns die ersten Hebräischen Worte beibrachte. — Am Angenehmsten waren natürlich die Pausen, wo man im Hof unter reichem Baumbestand seine mitgebrachten Brote verzehrte und dazu beim Pedell Milch oder Eis kaufen konnte. Die meisten fuhren mit Fahrrädern, viele hatten die damals modernen Rennräder. — Im Sommer war das Thermometer ein sehr wichtiger Gegenstand, denn wenn es um 12 Uhr 25° C. anzeigte gab es Hitzeferien. Leider konnte ich die Schule nicht absolvieren, da ich in den Sommerferien aus der U. Prima abging, es war Juli 1933, und zog ich vor, Paris mit Breslau zu vertauschen, um den Nazis zu entgehen. — Nur noch einige kurze Erinnerungen aus der schönen Breslauer Jugendzeit. Wir wohnten in den letzten Jahren in der Nähe des Südparks (Oranienstrasse bekannt durch das Siemenstor). Unser Sonntagsvergnügen war in den 20iger Jahren mit der Pferdedroschke vornehm nach Scheitnig zu fahren, um dort eine rosafarbene oder grüne “Brause” (Waldmeister) zu trinken; dort konnte man in den schönen Anlagen an der Jahrhunderthalle spazieren gehen. Dieses Rundgebäude steht heute noch unversehrt und fanden dort Tagungen, Messen oder das berühmte Sechstagerennen statt — die seinerzeitigen Favoriten waren Knappe und Rieger. — Dieser Sport raubte mir so manchen nächtlischen Schlaf. Im Sommer traf sich die Jugend in Leerbeutel an einem See, an einem Badestrand. Zu dieser Zeit kamen die ersten amerikanischen Jazzplatten auf und lauschten wir den modernen Klängen eines Koffergrammophons — statt der heutigen Radios mit Batterie. — Im Winter fror der See zu und war eine herrliche Eisbahn. Gleich daneben war ein kleiner Hügel, der im Volksmund “Chimborazzo“ genannt wurde und machten wir dort unsere 1. Skiversuche und auch in Rodelsport. — Ein bekanntes Ausflugsziel war Wilhelmshafen an der Oder, wo man mit Raddampfern hinfuhr und sich dort Kaffee und Kuchen gutschmecken liess. — Da wir schon beim Thema sind: Wer erinnert sich nicht an das Cafe Grossweiler mit den Cremegefüllten Bomben oder das elegante Cafe Hutmacher mit leckeren Fürst Pücklerspeisen. Auch wurden von der Jugend die Eisdielen von Giaccomo Giaccin mit dem guten ital. Eis frequentiert. — Bekannt waren auch die Fachegaststätten, wo wir als Jugendliche die ersten Schnäpschen in allen Farben ausprobieren konnte. — Gut Essen liess es sich in Breslau u.a. in den Weinstuben von Littauer & Preusse. Am Rathaus gab es die guten Bratwürste. Der gute Geruch von weitem war schon die beste Propaganda. Auf der Schmiedebrücke waren die bekannten Wurstereien von Grünpeter und sowie auf der Gartenstrasse Schnell, wo es die gute Leberwurst mit ganzen Gänselebern gab. Auch ist nicht zu vergessen der Käseböhm am Ring, wo man alle Käsesarten kaufen konnte. In der Nähe des schönen Doms war am Neumarkt der mit der Figur des Gabeljürgen bekannte Töpfelmarkt und in der Weihnachtszeit standen viele Buden mit Kerzen und Schmuck für die Tannenbäume, direkt anheimelnde Erinnerungen, die es hier im südlichen Kontinent bei wärmsten Sommerwetter leider nicht mehr gibt. Erwähnten möchte ich noch die diversen Theater, das Thalia, Lobeu. Stadttheater wo wir im Abonnement der Volksbühne die schönsten Aufführungen erlebten. Besonders erinnere ich mich an die Operettenabende zu Sylvester, wo meist die “Fledermaus“ aufgeführt wurde. Auch der Konzerthaussaal mit der Philharmonie hinterlässt mir viel musikalische Erinnerungen. Dieser Saal wurde als Zweiggottesdienst von der grossen Synagoge am Anger benutzt. Gerade heute zu Rauschhaschonoh, wo ich diese Zeilen schreibe, sind meine Gedanken, wie fast alle Jahre, noch an diese schönen Jahre, die ich in meiner frühen Jugend in Breslau verbrachte, stark verbunden. LUIS MEYER, Buenos Aires EHRUNG FÜR ERICH LEWIN Am 14. Dezember 1977 überreichte S. Ex. der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Herr Klaus Schütz dem Sekretär unseres Verbandes das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 20