Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 43 (April 1978)
- Date
- 1978-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erinnerungen - Im Jahre 1920 verkaufte meine Tante Caecllie, die Schwester meines Vaters, ihr Anwesen in Adelnau und zog nach Breslau. Dort hatte sie nun zusammen mit ihrer Tochter Hanna eine hübsche kleine Wohnung. Und dort waren mein Vater und ich von Berlin aus oft zu Gaste bei ihr. Meine Cousine Hanna hatte ein feines und stilles Wesen. Sie verehrte meinen Vater von ganzem Herzen. Und auch auf mein Urteil gab sie viel, was immer eine Freude für mich war. Auch d. beiden Söhne meiner Tante Bernhard u. Heimann lebten in Breslau Mein Vetter Heimann Feilchenfeld war Direktor der Jüdischen Schule. Bernard hatte ein Geschäft in der Lohestrasse. Obschon meine Tante nun nicht mehr wie in Adelnau ein eigenes Geschäft und ein sicheres eigenes Einkommen hatte, hatte sie doch wirtschaftlich keine Sorgen; ihre Kinder Hessen es ihr an nichts fehlen. Aber freilich, ganz zufrieden war sie nicht. Es war nicht leicht, ganz auf ihre Kinder angewiesen zu sein. Denn sie war von Natur aus eine Art Verschwenderin. Freilich nicht für sich. Aber für andere! Einmal, als mein Vater und ich bei ihr zu Besuch waren, da hatte mein Vater seinen Mantel mit sich gebracht. Es war kühl und regnerisch gewesen, als wir in Berlin den Zug bestiegen hatten. Aber hier in Breslau war es nun schönes und sonniges Wetter. Und als wir am Morgen in die Stadt gingen, liess mein Vater seinen Mantel am Garderobenhaken zurück. An einem der folgenden Tage sollte ich eine Kleinigkeit einkaufen. Da erinnerte sich mein Vater, dass er in seiner Manteltasche Kleingeld hatte, und machte sich nun daran, es für meinen Einkauf herauszuholen. Es war bis auf den letzten Pfenning verschwunden. Mein Vater wandte sich an seine Schwester und fragte, ob sie wohl wüsste, was aus dem Geld ln seinem Mantel geworden wäre. Sie wusste es sehr genau. Sie hatte es selbst herausgeholt. Aber aus welchem Grunde? “Warum“, fragte mein Vater, "hast du mir nicht gesagt, dass du Geld brauchst?” Sie hatte es nicht eigentlich gebraucht. Aber im Nachbarhause wohnte eine alte arme Frau. Für diese alte Frau hatte meine Tante Caeciiie einen Kuchen backen wollen. Das hatte sie in der Tat schon lange gewollt. Aber es hatte ihr nie dazu gereicht in der letzten Zeit. Darum hatte sie das Geld aus der Manteltasche genommen... * Es war im Sommer 1926 — da fuhr ich einmal für einige Tage allein nach Breslau. Damals wohnte ich mit einem Vater in der Knesebeckstrasse in Charlottenburg. Kurz noch meiner Abreise gedachten Gerlachs, unsere Nachbarn, in ihre Ferein zu gehen. Nun wollte mein Vater um diese Zeit gerade die alten Papiere und Zeitungen und Zeitschriften in Ordnung bringen, die bei uns auf einem grossen Schrank in der Küche aufgestapelt waren. Sie gehörten dort gewiss nicht hin. Aber da meine Mutter und meine Grossmutter nicht mehr lebten und so kein guter weiblicher Geist um uns war, der uns Ordnung gelehrt hätte, war der grosse Schrank in der Küche ganz und gar unzivilisiert anzusehen. Mein Vater hatte nun jedenfalls die Absicht, Besserung zu schaffen. Und da er dazu eine Leiter brauchte, wir selber aber keine Leiter besassen, hatte er beschlossen die Leiter unserer guten Nachbarn auszuborgen, bevor sie abreisten... Ich war immer ein wenig in Sorge um meinen Vater wenn ich zu verreisen hatte, Und der Gedanke, dass er nun in meiner Abwesenheit allein in der Wohnung sein und eifrig auf der Leiter herauf und heruntersteigen würde, beunruhigte mich ungemein. Darum erklärte Ich mich mit dem Unterfangen meines Vaters einverstanden: nur Von Hans Margolius unter der Bedingung, dass er versprach, die ausgeborgte Leiter erst zu benützen, wenn ich in kurzem von meiner Reise wieder zurück sein würde. Ich schlug ihm vor, statt der Aufräumearbeit in der Küche zunächst einmal einen Katalog unserer Bibliothek anzulegen. Damals schrieb er mir auf einer Postkarte nach Breslau, die ich sorgfältig auf bewahrt habe: “Mir kommt so vor, als sorgtest du dich um hier. Das wäre sehr unrecht. Ich bin den ganzen Tag in Tätigkeit, bin schon weit gediehen in der Aufnahme der Bibliothek... Nebenher koche ich für mich allein, hole die Brötchen allein und esse sie allein, hole die Milch allein und trinke sie allein. Und manchmal gehe ich auch um die Leiter herum, die ich von Nachbars noch zu guter letzt erwischt habe, — sehe aber sofort weg, um nicht zum Besteigen verleitet zu werden. Alles wie du siehst, wie du gewünscht hast...“ Es war ein anderes Mal, als ich wieder eine kurze Reise zu machen hatte, da erregte mich vor allem der Gedanke, dass mein Vater sich etwas kochen und dann vergessen würde, den Gashahn ■ in der Küche abzudrehen. Diesmal begnügte ich mich nicht mit nur mündlichen Ermahnungen. Um meinen Vater vor einer möglichen Gasvergiftung ganz sicher zu wissen, nahm ich einen grossen weissen Bogen. und schrieb darauf in riesigen Buchstaben: “Gashahn abdrehen!“ Dann brachte ich dieses Plakat an unserm kleinen Gaskocher an... Ich war kaum an meinem Bestimmungsort angelangt — ich weiss nicht mehr, ob es diesmal wieder Breslau war oder diesmal Hamburg — da brachte mir die Post ein Schreiben meines Vaters. Er sei, so schrieb er guten Mutes, Oft betrachte er mit Vergnügen das Plakat an unserem Gaskocher. Aber er finde es doch seltsam, dass dies Plakat nur von dem Abdrehen eines Gashahns spreche, aber völlig unterlasse, über das Andrehen des Gashahns ein Wort zu sagen. So müsse er doch fragen: “Wie kann man eigentlich den Gashahn ab-drehen, wenn man ihn noch gar nicht an-gedreht hat?“... * Im Februar 1929 begann ich meine Tätigkeit als angehender Bibliothekar bei der Volksbücherei Berlin in der Brunnenstrasse. Die einfachste Arbeit, die man einem jungen Bibliothekar zuweisen kann, ist offenbar die Aufsichtsführung im Lesesaal. Und so stecke man denn mich zunächst einmal in den kleinen Lesesaal der Bücherei. Hier sass ich nun am Pult des Bibliothekars, nachmittages von 2 bis 9, gab Auskunft, so gut ich konnte, wo einmal eine Auskunft gebraucht wurde, .und machte gleichzeitig meine ersten Versuche im Katalogisieren von Büchern, den Anweisungen gemäss, die man mir gegeben hatte. Das war nicht allzu viel an Arbeit. Und so hatte ich ausreichend Zeit, die Bücher, die man mir zum Katalogisieren gegeben hatte, auch ein wenig anzusehen. Da war unter diesen Büchern eines Nachmittgs auch eines, das meine Aufmerksamkeit besonders fesselte. Es war ein Buch mit Briefen von Studenten aus der Zeit des Krieges von 1914 bis 1918. Ich begann ein wenig in diesen Briefen zu lesen. Da war kein Zweifel, dass sie alle von jungen Menschen geschrieben waren, die voll einer grossen Begeisterung waren — überzeugt wavon, dass sie im Felde standen: nicht nur, um ihr Vaterland zu verteidigen, sondern zugleich damit auch für die Sache der Kultur und der wahren Menschlichkeit zu kämpfen... Aber es war 1929, als ich diese Briefe las. Und inzwischen war uns klar geworden, dass die jungen Männer auf der anderen Seite nicht anders empfunden hatten, und dass im Grunde beide im Unrecht gewesen waren — dass dieser Krieg, der da hinter uns lag, wie jeder andere Krieg zuvor, alles andere gewesen war als ein Sich-Einsetzen für die Kultur der Menschheit und für wahre Menschlichkeit — dass in Wahrheit die jungen Männer auf beiden Seiten Schreckliches getan hatten — beide Seiten gegen andere Menschen gekämpft, Werke sinnlosen Hasses und sinnloser Zerstörung unternommen hatten. Und doch! Beide hatten geglaubt, eigentlich Gutes zu tun, ihre heilige Pflicht zu erfüllen. Beide waren im Glauben an ihre Sache bereit gewesen, ihrer Sache jedes Opfer zu bringen... Ich schloss das Buch dieser Briefe und begann nachzudenken. Und mit einem Male sah ich sehr klar, dass es ohne Zweifel zwei sehr voneinander verschiedene Bereiche des ethischen Lebens gibt: ein Reich der Begeisterungen, der Motive, der Gefühle, der Intentionen: das Reich des Guten — und auf der anderen Seite ein Reich der Handlungen, des wirklichen Tuns, ein Reich der Wirkungen unserer Taten: das Reich von Recht und Unrecht. Die jungen Studenten, die aus den Briefen vor mir zu uns sprachen, waren Menschen, die ihrer Überzeugung gemäss “gut“ gehandelt hatten: Helden ihres Glaubens und ihrer Vaterlandsliebe. Aber sie waren doch zugleich Menschen, die faktisch an der Sache der Menschheit und der Menschlichkeit sich vergangen hatten: schon allein dadurch, dass sie ihr Gewehr gegen andere Menschen gerichtet hatten — Menschen, die unrecht gehandelt hatten... Es sind offenbar in aller ethischen Beurtelung zwei Fragen zu unterscheiden: die Frage nach dem “Gut“ der Gesinnung, der Absicht, die ein menschliches Handeln beseelt und bewegt — und die Frage nach dem Recht oder Unrecht der Handlung und ihrer Wirkungen selber. Vielleicht hatte die Ethik Kants vor allem das Wesen des “Guten“ klarzustellen sich bemüht. Vielleicht hatte die Ethik Albert Schweitzers mit seinem Prinzip der Ehrfurcht vor allem Leben mit besonderer Deutlichkeit das Wesen dessen, was “recht“ ist, deutlich gemacht. Gewiss auch, dass auch die Zweiheit der ethischen Frage schon von manchen erkannt worden ist. Es gibt Äusserungen in dieser Richtung bei Friedrich Jodl, bei Theodor Lipps, bei Friedrich Paulsen, bei August Messer, bei Harold Titus. Aber vielleicht, so schien mir, ist von keinem die Tatsache der zwei Reiche des Ethischen so wichtig genommen worden, wie sie es tatsächlich verdiente. Mit den Kriegsbriefen der Studenten vor mir auf meinem Pult erschien mir geraten, ja geboten, die Tatsache der Zweiheit des Guten und des Rechten zu einem Angelpunkt aller ethischen Betrachtung zu machen. Ich glaube, dass das Wissen um diese Zweiheit viel dazu helfen kann, die Welt des ethischen Lebens klarer zu sehen und das Leben der Menschen auf Erden friedlicher und schöner machen... Anfang 1949 konnten wir in Miami den Film “Little Women“ sehen, der nach einem Roman von Louisa May Alcott gedreht ist. Er erzählt uns von dem Schicksal von vier Schwestern in einer kleinen Stadt in Amerika. Die Zweitälteste, die mir am besten gefiel, Joe wird Schriftstellerin und heiratet einen Professor der Literaturwissenschaft, den sie in New York kennen gelernt hat. Sie hat etwas ungewöhnlich Anziehendes in ihrem Wesen und in ihrer Art sich zu geben: eine eigentümliche Mischung von jungenhafter Wildheit und zärtlicheir Gütigkeit, die überrascht und entzückt... June Allyson, die die Rolle der Joe spielt, scheint mit Joe auch in Wirklichkeit, auch von Natur aus irgendwie verwandt. Auch in ihr selbst erscheinen Härte und Herbheit mit Wohlwollen und Zärtlichkeit seltsam verwoben... Da ich nun June Allyson als Joe in “Little Women“ vor mir sehe, fällt mir ein Bild ein, das mir Jahre zurück dieses Ineinander von Herbheit und Zartheit zum ersten Mal vor Augen brachte. Es ist ein (Fortsetzung Seite 19) 18