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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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Die Goldenen Zwanziger oder die schleichende Inflation Man liebt es, von der guten, alten Zelt zu schwärmen, von den ‘Goldenen Zwanzigern’, ...Wir träumen von den besseren Speisen, den besseren Wohnungen, den besseren Theatervorstellungen, den besseren Verkehrsverbindungen. ...Ja, das waren noch Zeiten, als die meisten Wohnungen in Deutschland keine Badezimmer hatten, und die wir heute durch die vergoldete und bei den meisten gut versilberte Brille sehen. Ohne Widerspruch dürfen wir mindestens eine Tatsache festhalten, dass wir damals fünfzig Jahre jünger gewesen sind, die meisten von uns Kinder, Schüler, die in diesem Alter oder bei dieser Jugend, sich nur an die guten Seiten erinnern, und die Sorgen den Eltern überlassen hatten. * Das waren Zeiten, als der Ruf ‘Holz für Kartoffelschalen' durch die Berliner Strassen schallte. Rührige Müchkuhhalter sich in den Hinterhöfen der Grosstadt etabliert. Ihr Futter besorgten sie sich, indem sie für einen Korb Küchenabfälle Holzreste gaben, die man in den zwanziger Jahren, als die Gasversorgung oft aussetzte, und Kohle fast nur ‘schwarz’ zu erhalten war, gerne nahm. Der Speisezettel der Familie wurde von Rüben beherrscht: Kohlrüben mit Kartoffeln als Hauptmahlzeit, die Rübenmarmelade wurde auf die dikken ‘Stullen“ geschmiert, morgens und abends. In dem Roggenbrot war die Kleie nicht ausgemahlen, — heute empfehlen Mediziner diese Brotsorte, die die Darmtätigkeit anregen soll. Die. ‘Goldenen Zwanziger' haben auch eine andere Seite gehabt. In den Grosstädten litten viele Kinder an Skrofulöse und Unterernährung, an fiebrigen Drüseninfektionen. Der Hausarzt, der ‘Onkel Doktor' der Familie ist bald am Ende seiner Kunst, nicht einmal Calcium Tabletten helfen. Er empfiehlt Landaufenthalt. Verwandte in einem pommerschen Städtchen sind bereit. Das Fieber verschwindet am ersten Tag dort, der allgemeine (Fortsetzung von Seite 16) schätzbaren Verdienste verlieh ihm die Stadt Jerusalem den Titel eines Ehrenbürgers (Jakir Jeruschalaim). Dr. Ludwig Nelken, der Arzt, der Mensch und seine Familie sind eine untrennbare Einheit. Als Arzt bemüht er sich immer, die menschliche Seite des Patienten zu verstehen und zu würdigen. Auch ausserhalb seiner Sprechstunden in der Kupath-Cholim kommen viele, viele zu ihm, in seine Wohnung, um sich ärztlichen Rat zu holen. Dort behandelt er nicht, aber hört zu. Und dann hilft er allen mit seinem aus reicher Erfahrung schöpfenden Rat, so weit es möglich ist. Nie ist er bereit, ein Honorar dafür anzunehmen. Wenn ein Besucher das unbedingte Bedürfnis hat, sich dankbar zu zeigen, verweist ihn Dr. Nelken an das Spendenkommittee der Sommerläger für diabetische Kinder. Der Ausdruck für seine Beliebtheit zeigt sich in unzähligen Dank- und Anerkennungsschreiben, die im Hause Nelken nur schwer zu absorbieren sind, während Dr. Nelkens Geburtstag, die Feiertage und ähnliche Anlässe eine willkommene Einnahmequelle für die Blumengeschäfte in Rechawiah sind, zu deren Bewohnern die Familie Nelken nunmehr zählt. Dr. Nelkens Allgemeinbildung ist sehr umfangreich. Seine Gattin nennt ihn ein lebendiges Lexikon und verrät, dass an seinem Bett stets ein BUcherhaufen aufgestapelt sei. Zustand bessert sich schnell. Man schreibt Januar 1923. Die Franzosen besetzen das Ruhrgebiet. Die nationale Begeisterung schlägt hohe Wellen. Der Verwandte stiftet eine Fahne für den ‘Stahlhelm', der reaktionären Kriegerorganisation. Der ‘Hauptmann der Reserve’ in dem kleinen Ort, der knapp 3000 Seelen zählt, lässt verkünden, dass er nicht wusste, dass ‘es auch anständige Juden' gäbe... Was ihn nicht hinderte, zehn Jahre später, als seine Gruppe zusammen mit den Nazis die Macht ergreift, die wenigen Juden aus dem Ort zu vertreiben. Leider — so muss man rückblickend nach 45 Jahren festhalten — gelang es vielen der Mitglieder dieser Kleingemeinden, in den Grossstädten Wohnung und Beschäftigung zu finden, für fünf knappe Jahre, dass kaum einer von denen an eine Auswanderung dachte, an eine rechtzeitige Rettung. -¥■ Eine ältere Verwandte verzehrte an jedem Abend ihre geräucherte Hühnerkeule, aus der sie das Fleisch mit den Fingern herauszog. Die Zähne waren schon zu schlecht zum beissen — ein Bild, dass sich dem ausgehungerten Grosstadtkind eingeprägt hat. Die siebenundachtzig jährige Dame schimpfte über die ‘Schlechten Zeiten', in denen man sich nichts kaufen konnte, keinem Käse, kein Rindfleisch, keine Wurst, ...man müsse täglich das Gleiche essen, das selbst zubereitete Rauchfleisch, ...Auch dieses Bild gehört in die Szenerie der ‘Goldenen Zwanziger'... * Die Inflation, bis zum Januar 1923 einigermassen unter Kontrolle, beginnt nun zu galoppieren. Eine ins Rollen gekommene Lavine, die sich täglich vergrösserte, die von Tausenden zu Millionen und Billionen hopste... Ein Kaufmann aus Mitteldeutschland erscheint wöchentlich zweimal in Berlin, mit schweren Koffern voller Geldscheine. Er klappert die Fabriken ab, kauft alles, was man für Geld erwerben kann — irgendwann wird er es schon einmal in seinem Sein Werdegang ist gleichfalls aus der Verknüpfung mit seiner Familie zu verstehen und zu würdigen. Sein erstgeborener Sohn, Israel, gehörte zu den Gründern des Kibbuz Mischmar Hanegev, und fiel dort, 22 jährig, während des Unabhängigkeitskrieges Im Jahre 1948. Der zweite Sohn, Schmuei, hat von seiner Mutter die Musikalität geerbt. In seiner Jugend erhielt er eine erstklassige Ausbildung als Cellist, und wurde sogar von Tortilier als Schüler angenommen. Im Laufe der Zeit entschloss er sich doch, änhlich seinem Vater, den Mitmenschen körperliche und seelische Hilfe zu leisten, wobei er den Weg der richtigen Körper-Gestaltung durch Regulierung der Bewegungen und Stellungen nach dem Alexander-System einschlug. Seine heranwachsenden vier Kinder haben aber ihre Liebe zur Musik und das Bedrüfnis, sie zu pflegen auch von einer anderen Seite, ihrer Mutter, der bekannten Pianistin, Ora Rotem-Nelken, geerbt und die drei Generationen haben schon viel Kammermusik im Hause Nelken gemeinsam getrieben. So kann man denn Dr. Ludwig Nelken in die lange Kette der bekannten jüdischen Ärzte einreihen und seinen bisher zurückgelegten Lebenslauf als ein für unsere und kommende Generationen vorbildliches, aber schwer nachahmbares Beispiel hinstellen. Heute wünschen wir ihm, dass er seine Arbeit noch viele Jahre fortsetzen möge. Bia 120! ZVI SCHAAL kleinen Geschäft in Erfurt absetzen, nur kein Geld halten. Am Nachmittag flaniert er mit den Kündern durch die Anlagen, und verteilt dabei Tausend Mark-Scheine an die Bettler, — trotzdem das Gerücht umging, dass eine Sorte der ‘Tausender*, die mit blauem oder roten Siegel, — die Farbe habe ich ^Irgessen, — einmal aufgewertet werden... In dieser geschichtlich so grossen Zeit erhielten die Schulkinder eine ‘Aufgabe1. Der ‘schleichende Dollarkurs' brachte es dazu, dass alle Handelsgeschäfte erst nach Börsenbeginn, nach elf Uhr abgeschlossen wurden. Die Kunden wurden solange unterhalten, bis man den Tagespreis wusste. Es hat noch kein Radio gegeben, und so mussten die Kinder von der Schule bei einer Bankfiliale vorübergehen, um den ausgehängten täglichen Dollarkurs abzuschreiben. Die Geschäfte kannten keine Preisschilder, die Waren wurden mit Zahlen angeboten, die ‘Einheiten' darstellten, die mit dem tägliche Dollarkurs multipliziert wurden. Ja, das waren die ‘Goldenen Zwanziger'. Ältere Politiker und Wirtschaftler erinnern sich nicht gerne an die Zeit, und die Jungen kennen sie nicht, und wollen nicht aus der Literatur lernen. Das Ende der Geschichte, die wirtschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands, die aus den ‘Goldenen Zwanzigern’ entstand, die Millionen Arbeitslose, die zur Katastrophe führte, führen musste, gehört nicht mehr in den Unterhaltungsteil. Wir, die wir damals jung waren, sehr Jung, haben wirklich in den ‘Goldenen Zwanzigern“ gelebt, für uns war ‘die Welt offen', wie man es damals gesungen hat, und keiner konnte ahnen, dass die Zeit der Zwanziger den Anfang des Endes darstellte, die Katastrophe, die Europa umgewandelt hat. Heinzwerner Goldstein BRESLAU Reisebericht über Breslau und Schlesien aus einem Brief des Herrn A. Lopka (ehemals Breslau) jetzt Ilvesheim bei Mannheim vom 23.2.1978. Im Jahre 1975 zeigte ich meiner Frau Breslau, meine Vaterstadt und besuchte noch verbliebene Verwandte in Grünberg und fuhr dann mit meinem Wagen nach dem Riesengebirge. Als ehemaliger begeisterter Skifahrer wollte ich noch einmal die Stätten meines früher so geliebten Hobby sehen. Die Berge und Täler und die Schneekoppe sind die alten geblieben. Doch welch ein Graus die früher so herrlichen Bauden zu sehen. Das Innere der Hampelbande, früher ein urgemütlicher Raum mit wunderschönen Holzbalken geschnitzt, gleicht einem Bahnhof, dem man schnell wieder den Rücken kehrt. Die schönen holzgetäfelten Wände und Decken wurden teils mit grüner Farbe beschmiert, man erhielt kein bissei Brot oder sonstiges essbares, nur ein Glas warmen Tee. Eine andere Sprache, sie drängten verbissen um die Tasse. Ein Trauerspiel, Sinnbild und Ausdruck eines Volkes, welches mit seinem neuen Besitz nicht glücklich wurde. So hat sich auch Breslau sehr verändert. Wir kamen über Gandau und fuhren Richtung Innenstadt. Ich sagte meiner Frau, Jetzt kommt der Striegauer Platz, die Friedrichstrasse, doch wir waren bereits am Königsplatz. Bis dahin alles neue monotone Wohnsilos, die Strassen nicht wiederzuerkennen, der Brunnen selbst schwarz wie die Nacht. Ähnlich ging es mir am Odertor. Wenn ich nicht früher so oft durch die Strassen von Breslau gefahren wäre, hätte ich gedacht in einer anderen Stadt zu sein, Ganze Häuserreihen wie von Geisterhand ausgelöscht. Neue Ruinenplätze. Nur im Stadtkern am Ring merkt man etwas vom Wiederaufbau. Das Rathaus steht noch in seiner alten Pracht. Wohin ist der Glanz früherer Zeiten. 17

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