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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Echad mi Jodea...! Der Seder, der Abend der Ordnung, ist anders als andere Festanfänge. Ein Familientreffen, das in allen Kreisen, ob sie religiös sind oder nicht, mit einem gemeinsamen Mahl begonnen wird, und das man erfinden müsste, wenn es nicht die Tradition fordern würde. Die Pessachfeier geht auf älteste Überlieferungen zurück. Es wird ein Jahr nach dem Auszug aus Ägypten gefeiert, 4. Mos. 9/1—15. Die Hagada, die Erzählung, mit der der Sedergebende die Familie unterhält, ist seit Jahrhunderten in der uns bekannten Form bekannt. Eine Zusammenstellung von Segenssprüchen, Gebeten, Psalmen, Berichten und lustigen Liedern, unterbrochen und aufgelockert durch symbolische Handlungen, von dem Eintunken des Bitterkrautes, der .Charosset’, der Süssspeise, die an den Mörtel erinnern soll, den die 'Knechte in Ägypten’ zum Bau der Paläste des Ramses benutzen. Nachdem man, und das nehmen die Grossen, wie die Kinder der Familie sehr genau, auch wenn sie es sonst nicht so mit religiösen Gebräuchen halten, gut gespeist haben und ihre vier Gläser Wein getrunken, stellt sich eine gewisse Sättigung, eine Müdigkeit ein. Die Hagada, die man bis dahin als Gebetbuch auffassen kann, ändert Form und Ton, der Vortrag wird zum Gesang, in dem die Anwesenden kräftig einfallen. In manchen Familien, wenn alle in guter Weinlaune sind, geht es heiter und laut zu, — und der Text steht in dem gleichen Büchlein, aus dem einige Seiten vorher aus den Psalmen gebetet wird, 79 & 69, ‘Schütte deinen Grimm über die Völker, die Dich nicht anerkennen' und ‘Schütte Deinen Zorn auf sie!' Fast zum Schluss ertönt aus vielen Kehlen das Lied, ‘Echad, mi jode’a’..., ‘Eins, wer weiss es?..., das in seiner Form besonders die Kinder anregt. Es wird mit jedem Kehrreim länger, und verlangt eine gewisse Zungenfertigkeit, wenn man sich nicht verhaspeln will. Es ist verhältnismässig neu in der Hagada. Irgendwann am Ende des 15. Jahrhunderts in Deutschland entstanden. Es gehört seit dem frühen 16. Jahrhundert zum ‘Seder‘. Der unbekannte Autor will in der Form des deutschen Hobelliedes ‘Guter Freund, ich frage dich...1, die Gäste unterhalten, insbesondere die Kinder anregen, die Müdigkeit zu überkommen, die die ‘Lange Nacht1, wie der Abend in einigen deutschen Kreisen genannt wurde, bringt. Mit den 13 Stanzen wird eine religiöse Absicht verbunden. Die christliche Umwelt lebt in der Vorstellung der ‘Dreieinigkeit’, drei Einheiten oder personifizierte Gestalten, die zusammen Gott bilden, während das Judentum, wie die erste Strophe aussagt, nur einen Gott kennt, den ,Gott des Himmels und der Erde“, dem 13 göttliche Attribute zugeschrieben werden, die Zahl, die die göttlichen Eigenschaften symbolisiert. Die anderen Strophen geben stichwortähnlich beinahe alles, was in der jüdischen Geschichte und Religion erwähnenswert erscheint. Zwei sind die Gesetzestafeln, drei die Stammväter, vier, die Stammütter, fünf, die Bücher der Thora, sechs, die der Mischna, sieben, die Tage der Woche, acht, der Tag der Beschneidung, neun, die Monate der Schwangerschaft, zehn, die Gebote, elf, die Sterne, die Josef im Traum sieht, 1. Mos. 37/3, zwölf die Zahl der Stämme. Eine andere Anordnung, die scheinbar ein moralischer Zensor eingebaut hat, verbindet die Zahl acht mit den Chanukkalichtern, neun mit der Zahl der jüdischen Feiertage. Über die Entstehung des Liedes, das wir in jedem Jahr voller Begeisterung singen, weiss man wenig. Es gehört zu der Gruppe der ‘Volkslieder“, die einmal irgendwo gesungen werden, die gefallen, und die sich schnell verbreiten, bis sie in das Gebetbuch aufgenommen werden. Vielleicht hat es Das Breslauer Tagebuch 1933 - 1940 Walter Tausk, Breslauer Tagebuch 1933—1940, Verlag Rütten-& Loening, Berlin, 1977. 2. Auflage, Bestellnummer 6180297, 265 Seiten, Leinen, mit Abbildungen. Es ist dem Verlag Rütten & Loening in Ostberlin gelungen ein kleines, aber äusserst wichtiges, Buch zu veröffentlichen, das eine Forschungsquelle ersten Ranges zu Geschichte der Juden in Breslau darstellt. Der Autor, Ryszard Kincel — offensichtlich polnischer Herkunft — hat in besonders sorgfältigen Nachforschungen ein Tagebuch aufgespürt, dass die Geschichte der Breslauer Juden in der Nazi-Zeit auf die tragischen Geschehnisse — bis hin zu den Deportationen aufzeichnet. In seinem Vorwort schreibt der Autor u.a.: “Die Katalogkarte im Handschriftenkabinett gab eine scheinbar wenig interessante Auskunft: “Tausk, Walter, jüdischer Kaufmann aus Breslau“. Alsbald sollte sich doch heraussteilen, dass es sich gelohnt hatte diesen Titel aus dem Regal des Magazins in der Universitätsbibliothek Wroclaw (Breslau) geholt zu haben. So war es möglich, das tragische Leben und das aufschlussreiche Werk von Walter Tausk, einem unbekannten Breslauer Juden, zu rekonstruieren“. Die Familie Tausk kam im Jahre 1892 nach Breslau, ein Jahr später erscheint der Name zum ersten Male im Adressbuch. Der Vater des dreijährigen Walter führte damals ein Handels- und Grundstückvermittlungsbüro. 1920 betrat Walter ebenfalls dieses Handelsgebiet, aber er fühlte sich dieser Tätigkeit nicht verbunden und schrieb 1918 in sein Tagebuch: “Ich habe mich in der Überzeugung» bestärkt, dass ich kein Kaufmann bin... in mir steckt ein Künstler und Dichter... aber dem es einfach an Mitteln fehlt”... Die in seinen Tagebüchern verstreuten Informationen und Notizen vermitteln deutlich die literarischen Bemühungen Walter Tausks, so schreibt er um 1925 einen Roman “Werner Baron“, sein erstes Buch war vermutlich “Ella Jande”, seine Novelle “Olaf Höris Tod“ erschien 1924 in Buchform, danach schrieb er “Ruth Baruch”. Der erste Teil wurde im Juli 1936 an den Berliner Morgen-Verlag gesandt — er erhielt von dort nicht einmal eine Antwort. Er schrieb auch satyrische und lyrische Gedichte und war in den 20ger Jahren aktiver Mitarbeiter einer Zeitschrift. Was die Entwicklung der politischen Situation anbelangte war Tausk Optimist, aber bereits zwei Jahre vor Hitlers Machtantritt vermerkte er in seinem Diarium: “In Wahrheit ist Hitler der Totengräber Deutschlands! ” ein Vater für seine Kinder geschrieben, um sie zu unterhalten. Die Art der verlängerten Refrains, der in jeder Strophe die Antwort der vorigen aufnimmt, ist in Volksliedern gebräuchlich, und sie wird in der Hagada wiederholt, in der Geschichte von dem Lamm, das der Vater kauft..., aber das ist nicht in Deutschland enstanden und nicht in der hebräischen Sprache geschrieben, wie Echad, mi jode’a, sondern aramäisch. Das Thema taucht, wie Zunz beschreibt, später in Avignon, Frankreich, als Tischlied an Festtagen auf, und kommt bis nach Ceylon und Cochin, wo es einen Schabbatgesang bildet, der-auch bei Hochzeiten gesungen wird. Das Lied, ‘Eins, wer weiss es?'..., ist zu einem festen Bestandteil des Seder geworden. Es wird überall gesungen, in vielen Ländern der Welt, wo Juden leben und ihr Pessachmahl verzehren, von dem man eines nur nicht weiss, wer es gedichtet, wann es das erste Mal erklungen ist, und wo, in welcher der deutschen Gemeinden des Mittelalters. Heinzwerner Goldstein Am 1. Februar 1933 begann er sein Tagebuch Nr. 20 zu schreiben und begann mit dem Worten: “Wie ich vor Verdun nicht Deutschlands Sieg sah, sondern das bittere Ende der Niederlage, so sehe ich heute nicht seinen Wiederaufstieg, sondern seinen sicheren Rückfall in Chaos, Barbarei und Mittelalter”. 1.4.1933: “Das moderne Pogrom... Ich ging zuerst mal auf die Wallstrasse und kam gerade zurecht wie zwölf Nazis die Börse besetzten... An allen jüdischen Firmen sieht man die Schaufenster mit grossen Buchstaben beschmiert: Jude! oder: Deutsche, kauft nicht beim Juden!...” 2.11.1935: “Der kalte Pogrom geht weiter! Am Freitag erschienen schlagartig an zirka 800 Geschäften weisse Schilder: Jüdische Vertreter nicht erwünscht!...” 16.9.1938: “Dass Hitler den Krieg will, sieht man aus folgendem: Ohne Unterbrechung durch Sonntag gehen von 7 Uhr früh bis abends um 8 die Festungsarbeiten an der schlesischen Grenze... seit elf Tagen rollen die Geschütze in ihre Stellungen...” Die Strasse dick mit gaffendem und heftig diskutierendem Publikum, teils in heller Begeisterrung... die Synagoge, ein bekannter schöner Bau von Oppler, war nur noch eine rauchende Ruine. Die obere Kuppel hatte sich bereits nach einer Seite zu senken angefangen und musste nachmittags gesprengt werden, wozu alle Einwohner der umliegenden Häuser die Wohnungen zu verlassen hatten... zum Polizeipräsidium kommend sah ich die Wagen des “Überfallkommandos” laut tutend anfahrend — alle aus der Richtung Breslau-Süd kommend und besetzt mit gefangenen jüdischen Männern. Das dichte Spalier an der Kreuzung Tauentzien-Höfchenstrasse gröhlte bei jedem Auto: “Aufhängen!“... Wer jüdisch aussah wurde angepöbelt oder gar mitgeschleift...“ 29.12. 1938: “Verhaftete kommen nach Buchenwald... Gestern morgen sechs Uhr wurden hier 200 von Buchenwald zurückgeschickt“... 22.1.1939: Ladung zur Gestapo: Mir wurde eröffnet dass ich bis zum 15.2.1939 aus Deutschland verschwunden zu sein habe, “sonst beschliessen Sie Ihre Tage in Dachau oder Buchenwald“... 26.8.1939: “An Auswanderung ist nicht zu denken. Von morgen an ist Krieg....“ 1.9.1939: “...Das gesamte Jüdische Krankenhaus ist auf Knall und Fall evakuiert worden... man überbot sich der Unmenschlichkeit: man evakuierte Frischoperierte, man warf alte Leute, über achtzig, mit Sack und Pack raus...“ 24.9.1939: Zum Versöhnungsfest waren alle gottesdienstlichen Handlungen verboten, bis auf einen Jugendgottesdienst in der “Rhediger-Schule“ und einen internen Gottesdienst für 150 Lehrer, Beamte und Angestellte des Gemeindehauses...“ 22.10.1939: “...Man hörte von heimgekehrten Soldaten dass unter den Juden in Polen aufgeräumt“ wurde... als die deutschen Truppen in Kattowitz einrückten, fielen zwei bis drei Schüsse, worauf die Truppen die Kattowitzer Juden in die Synagoge trieben und das Haus verbrannten... In Krakau haben deutsche Truppen beim Einzug eine Synagoge, die mit Juden gefüllt war, in die Luft gesprengt... ” Die letzte Eintragung datiert vom 5.3.1940: “Vorladung zur Gestapo... Entgegen den Dementis hat man mit den ca. 800 Juden in Stettin folgendes gemacht: Man sperrte sie erst in ein leerstehendes Warenhaus, dann entliess man sie nach Hause. Dann bekamen sie den Befehl, sich in fünf Stunden abmarschfertig zu machen — und man transportierte sie teils in die Gegend von Lublin, teils nach Skalmierice. Ganz Pommern wurde so entjudet...” Man erfährt nicht das Ende von Walter Tausk... So zeugt dieses Buch vom Leidensweg der Breslauer Juden. Es ist ein erschütterndes Dokument. ADOLF DIAMANT, Frankfurt 12

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