Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 43 (April 1978)
- Date
- 1978-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ein allbürgerliches Handelshaus in Tarnowilz AUS DEM LEBEN UND DER GESCHICHTE DER FAMILIE PANOFSKY Das Leben und die Familiengeschichte der Familie Panofsky sind 200 Jahre Jang aufs engste mit der alten Bergstadt Tarnowitz, verbunden, davon 100 Jahre mit dem Hause Schlossstrasse 2. Zunächst gehört es zur Vorgeschichte, zu erzählen, dass die Familie wahrscheinlich aus dem im Beuthener Kreise gelegenen Gross-Paniow zunächst nach Alt-Tarnowitz, dann nach Tarnowitz selbst übersiedelt ist. 1744 wurden in Tarnowitz schon Juden nach Alter und Stand registriert, doch ist anzunehmen, dass sie zu dieser Zeit noch nicht selbst in Tarnowitz wohnten, sondern “vor den Toren der Stadt“, zu Alt-Tarnowitz gehörig. Erst nach 1780 gab es Juden in Tarnowitz, auch wenn man sich noch sehr gegen sie wehrte. Doch die Gewerbefreiheit von 1812 brachte die Änderung und für die Juden die Pflicht, einen Familiennamen anzunehmen. Unser Vorfahre David nahm den Namen Panofsky an. David , Panofsky war unser Ur-Urgrossvater, seine Geburt ist 1756 in Tarnowitz registriert. Er ist 1827 gestorben und in Alt-Tarnowitz beerdigt, weil es zu dieser Zeit in Tarnowitz noch keinen jüdischen Friedhof gab. Eine Familienüberlieferung besagt, dass David beim Empfang Goethes in Tarnowitz teünahm. David war angesehen, erfolgreich und hochgeehrt, er war Arendar und hatte den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte — insbesondere Vieh und Spiritus — der Güter des Grafen von Donnersmarck zu besorgen. David hatte drei Kinder: Josef, Leopold und Dorothea, letztere war mit Markus Weissenberg in Alt-Repten verheiratet. Josef Panofsky lebte zunächst in Schalscha- Schakanau (Kressengrund), kehrte aber nach dem frühzeitigen Tode seiner Frau nach Tarnowitz zurück und brachte seine Kinder bei Verwandten unter. Leopold, geboren am 11.4.1819 in Alt-Tarnowitz, wurde am 20. Juni 1836 Staatsbürger und übersiedelte am 1. April 1842 nach Tarnowitz, wo er das Gebäude des herrschaftlichen Gerichts der Grafen Henkel von Donnersmarck in der Schlossstrasse 2 kaufte, das nun 100 Jahre lang das Stammhaus der Familie war und blieb. Leopold, er wurde Löbl genannt, starb 1868 an Cholera, sein Grab befindet sich noch heute auf dem Tarnowitzer Friedhof. Er besass Kohlen- und Kalkgruben, gründete 1842 im Hause Schlosstrasse 2 das bis zu Hitlers Zeiten in unserem Besitz befindliche Kolonialwaren- und Spirituosengeschäft, welches bis 1869 unter der Firma “Löbl Panofsky“ lief, nachher unter dem Namen „A. Panofsky“ und ab 1902 als „A. Panofsky, Inhaber Leo Panofsky und Elias Bach“ firmierte. Elias Bach war mit der Schwester Jenny des Leo Panofsky verheiratet. Bei diesen Inhabern gab es auch noch eine Likörfabrik, eine Kaffeerösterei und es gehörte der Firma auch die Ziegelei in Alt-Tarnowitz nebst einigen Häusern und Grundstücken. Die Firma verkaufte. ihre Waren en gros und en detail. Sie versorgte den gesamten Landkreis Tarnowitz mit Waren. In das Haus Löbl Panofsky kam auch der älteste Sohn seines Bruders Josef, mit Namen Adolf. Er wurde zusammen mit Löbls Kindern erzogen und arbeitete schon frühzeitig im Geschäft mit. In einem Legat des Testamentes von Löbl Panofsky heisst es: „Meinem Neffen Adolf Panofsky, der sich in meinem Geschäft befindet, bestimme ich zu seiner Verheiratung ein Honorar seiner Dienstleistung von zweihundert Taler, selbstverständlich, wenn derselbe sich moralisch führen sollte"! Offenbar hat er, sich moralisch geführt, denn er erbte das Geschäft. Nur die Tochter von Löbl, die den Sanitätsrat Dr. Lowitsch heiratete, blieb in Tarnowitz, die beiden Söhne Arnold und Eugen verliessen die Vaterstadt. Arnold, der nach Hannover ging und eine Frau aus dem Hause Mosse heiratete, war der Vater des bekannten Kunsthistorikers Erwin Panofsky, zunächst in Hamburg, dann Forschungsinstitut Princeton USA. Eugen wurde ein bekannter Bankier, Stadtrat in Berlin, Schwiegervater von Georg Hirschland, Mitinhaber von Simon Hirschland, einer der sieben Grosshanken Deutschlands. Der Älteste von Josefs Panofskys Kindern war mein Grossvater Adolf, der zweite Sohn war Albert Panofsky und die Tochter Dorothea heiratete den Gastwirt Goldmann in Friedrichshütte. Albert Panofsky hatte ein Produktengeschäft am Kartoffelmarkt. Er hatte vier Söhne, von denen nur einer in Tarnowitz verblieb und zwar Otto Panofsky, Inhaber der Aeskulap-Apotheke in der Krakauer Strasse. Otto war verheiratet mit Ernestine, geb. Bloch, Nichte der Erzfirma Lippmann-Bloch, Breslau, deren Söhne Karlernst und Franz sind heute die Inhaber des weltbekannten Unternehmens „Nord-Europeesche Ertz -en -Pyriet” in Amsterdam. Einer der Enkelsöhne von Es waren einmal In diesem Jahre sind 45 Jahre vergangen, dass den Juden und den jüdischen Gemeinschaften in Deutschland, wo sie seit vielen Jahrhunderten lebten, der Untergang angesagt wurde, der dann in grausamer Wirklichkeit durchgeführt wurde. Die Juden winden zuerst aus dem wirtschaftlichen, wie gesellschaftlichen Leben abgesondert, dann folgte für die, die nicht rechtzeitig entkommen konnten, der physische Untergang, die Vernichtung. Es ist hier nicht der Platz, zu diskutieren, was die Bevölkerung, Eltern, Verwandte, Freunde, bewog, nicht das Zeichen an der Wand zu verstehen, die Drohungen nicht ernst zu nehmen. Die ersten, die leiden mussten, waren die Juden in den kleinen Orten. Viele von ihnen konnten noch Unterkunft und Beschäftigung in den grossen Städten finden, bis 1938, und die fünf Jahre in dem Glauben lebten, dass man in einem “Gesellschaftlichen Ghetto“ weiter machen könne. Seit diesen Ereignissen sind mehr als vier Jahrzehnte verflossen. Denen, die glücklich genug waren, rechtzeitig zu entkommen, wurde eine neue Generation geboren, die keine Erinnerungen, keine geographischen Beziehungen zu der Vergangenheit hat, die nicht weiss, wo und wo ihre Vorfahren lebten, arbeiteten, feierten. Den grossen Gemeinden sind Erinnerungsbücher gewidmet, in denen oft Einzelheiten minutiös aufgezeichnet sind. Aber das deutsche Judentum, wie es bis 1933 bestanden hatte, war ja nicht nur in den grossen Städten konzentriert, in Schlesien, aber auch in fast allen Provinzen bestanden dutzende Kleingemeinden, oft Kleinstgemeinden, die nach dem 30. Januar 1933 die ersten waren, die die Bedrohung spürten, die leiden mussten, Orte, in denen Familien auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken konnten. Diese Kleingemeinden, von denen manche aus dem Ende des 18. und aus dem 19. Jahrhundert verhältnismässig grosse Synagogen und Beträume hatten, in denen jüdische Händler, Handwerker, und vereinzelt sogar jüdische Bauern lebten, hatten ihre eigenen Überlieferungen und Gebräuche, Minhagim, bestimmte Festspeisen und Kleider und Gewänder, Gebete und Gebetsformen, ein Ritus, Dorothea Goldmann, geb. Panofsky, ist Bankdirektor einer Grossbank in Israel. Nun kehren wir in das Haus Schlosstrasse 2 zurück. Hier wurden Adolf Panofskys Kinder geboren und die Kinder seines ältesten Sohnes Leo Panofsky, 5 Töchter. Im Erdgeschoss des Hauses befanden sich das Kolonialwarengeschäft, der Spirituosenausschank, die Büros für die beiden Chefs und die Buchhalter und ein vermietetes Ladenlokal, in dem auch eine zeitlang sich die staatliche Lotterie-Einnahme befand, solange die Firma auch dieses Unternehmen betrieb. Es gab zwei Eingänge in das Haus, der eine war ein Aufgang für Gäste, der andere war hauptsächlich für den Geschäftsbetrieb bestimmt. Doch wir alle benutzten immer diesen zweiten, mit Ausnahme der Lohn- und Vorschusstage, da sich dort betrunkene Bergleute aufhielten, die sich im Spirituosenausschank mit Alkohol versehen hatten und ihn auch bald im Hauseingang verkonsumierten. Man gelangte durch diesen breiten Tor-Eingang in den Hof, wo viele Fässer standen, unter denen gewöhnlich alle unsere Bälle verschwanden, wenn wir im Hofe Ball spielten. Die Fässer gehörten zu der im Hofe befindlichen Likörfabrik, in der auch Himbeersaft hergestellt wurde. Von dem Hof aus gab es Eingänge ins Geschäft, in die Büros, die Lagerräume, in den Keller und eine Treppe in den ersten Stock: Sie führte zu der altertümlichen Altane, die dem im inneren Hofbilde den Eindruck eines „Soll und Haben“-Hauses verlieh. Kleingemeinden der ein wenig abwich von dem der Nachbargemeinde und der der grossen Städte, Dinge, die der damals junge Mensch schnell ablegte, als er das Elternhaus verlassen hat. Wir die noch mit Bewusstsein den Umbruch miterlebt haben und durchgemacht, gehören zu der letzten Generation, die Erinnerungen haben, eigene Erlebnisse, Erzählungen kennen, die Eltern und Grosseltern berichteten, und die in das vorige Jahrhundert zurückreichen. Unsere Aufgabe soll und muss es sein, diese kleinen Erinnerungsbrocken zu sammeln, niederzuschreiben, Mosaiksteinchen gleich, aus denen spätere Generationen, zu denen unsere eigenen Enkel gehören, sich ein Bild des untergegangenen deutschen Judentums machen sollen, denn das jüdische Leben in den kleinen Orten und Dörfern gehört der endgültigen Vergangenheit an. In unserem bescheidenen Rahmen wollen wir helfen, einen Beitrag zu dem Werk zu leisten, mit Hilfe unserer Freunde und Leser. Bitte, schreiben Sie uns, was Sie noch von dem jüdischen Alltag, der Feiertagsstimmung, von Schabbatgebräuchen, Festtagsspeisen, und von den vielen anderen Dingen, die einmal typisch für bestimmte Orte waren, wissen, von Familientraditionen, von Lehrern und Gemeindevorständen, von besonderen Typen, die die Gemeinden bereisten. Bitten Sie Verwandte und Freunde, auch wenn sie nicht in Schlesien beheimatet waren, gleiches zu tun. Es bestanden viele dieser Klein- und Kleinstgemeinden im deutschen Sprachkreis, von Westpreussen bis zum Eisass. Vielleicht finden Sie Bilder und Zeichnungen der Vergangenheit, Inschriften in Sidurim und Machsorim, denen unsere Vorväter manches anvertrauten, was in der Familie, was in der Gemeinde geschah. Die Hinweise sollen helfen, dem untergegangenen jüdischen Leben in Deutschland bis 1933 ein Denkmal zu setzen, eine Erinnerung. Wir wollen die kleinen Eigenheiten und Eigenschaften sammeln, die Geschichten, die zusammen die Geschichte dieser Jüdischen Gemeinden ergeben. — hwg — 11