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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Geschichte der Familie Nothmann (Fortsetzung von Nr. 42) Als Dinglinger, der vier Jahre älter als ich u. "Obmann”, d.h. Vorsitzender des Schüler-Turnvereines "Tuisko“ war, mich nach längerer gymnastischer Vorbereitung im Jahre 1901 zum Eintritt in diesen Verein aufforderte, stellte sich heraus, dass diese deutsche Turnergilde, die in der Stöckerzeit gegründet worden war und den Namen eines teutonischen Stammesgottes führte, noch niemals Juden als Mitglied aufgenommen hatte,— wohlgemerkt: ungetaufte Juden; getaufte Juden wurden, wenn sie gute Turner waren, gern genommen. Ich nahm, was mir damals als der Überrest einer primitiven Gedankenwelt erschien, belustigt zur Kenntnis und trat dem Schüler-Ruderverein bei, der soeben gegründet worden war, und den adlige und jüdische Sportgrössen gleichermassen zierten. Meine Brüder folgten meinem Beispiel. Durch diesen Verein haben wir uns gewöhnt, die Pflege der Leibesübungen u. des Freiluftsports als unentbehrliches Element allseitiger Bildung zu betrachten; und seitdem wir im Ruderboot die schöne Landschaft der Flüsse und Seen rund um Berlin kennen lernten, ist für uns wurzellose Grosstädter das märkische Land zwischen Potsdam und dem Spreewald erst eine richtige Heimat geworden. Auf der Universität erfuhren wir Brüder dann, dass zwischen den deutschen und den jüdischen Söhnen der alma mater eine scharfe Scheidung bestand, und dass die meisten studentischen Verbindungen uns als Juden verschlossen waren. Der von Stöcker gegründete “Verein deutscher Studenten“ hatte seit den achtziger Jahren durchgesetzt, dass weder Korpsnoch Burschenschaften Juden auf nahmen. Aber das berührte uns wenig. .Eine Pflegestätte deutscher Ideale schienen uns diese Trink- und Fechtklubs nicht gerade zu sein. Wir verspürten keine Neigung für das studentische Verbindungswesen und fanden abseits davon gleichgesinnte Freunde genug. Wenn uns diese Scheidung in unserer Berufswahl nicht so recht fühlbar wurde, so lag das wohl daran, dass keiner von uns ein Fach der literarischen Bildung wählte. Mein Vater hat wohl zeitweise daran gedacht, dass ich den Beruf ergreifen sollte, den er selbst sich mit Schmerzen hatte versagen müssen, nämlich das Studium der alten Sprachen; dies hätte meinen Neigungen, und wohl auch meiner Begabung, am meisten entsprochen. Schliesslich aber bestimmte er mich doch zum Studium der Rechte. Er meinte wohl, dass seine Kinder vor allem durch eine auskömmliche Stellung die Sicherheit ihrer materiellen Existenz begründen, nicht aber in dem entsagungsreichen Dasein eines Gymnasialprofessors, zumal eines jüdischen Lehrers, stecken bleiben sollten. So studierte ich statt der antiken Dichter die Pandekten und statt der platonischen “Gesetze“ die zahllosen Gesetzbücher des neuen Deutschen Kaiserreiches. An eine Beamtenlaufbahn hat mein Vater natürlich auch nicht gedacht. Ich sollte vielmehr als graduierter Jurist Eingang in die Industrie finden, wobei mir sein Name die Wege geebnet hätte. Durch den frühen Tod des Vaters (1913) und durch den Weltkrieg (1914—1918) ist es anders gekommen. Nachdem ich 1914 preussischer Gerichtsassessor geworden war, blieb ich weiter im Staatsdienst, — auf Anregung meiner Vorgesetzten, die mir ein Aufsteigen in der richterlichen Laufbahn mit Rücksicht auf meine Prüfungszeugnisse in Aussicht stellen. Der Ausfall dieser Prüfungen konnte allerdings d. Gedanken nahelegen, dass auch ein Jude, — und gerade ein Jude, — sich dem Staatsdienste widmen sollte. In der ersten Prüfung (1909) bestanden nämlich allein die beiden jüdischen Kandidaten mit dem Prädikat “gut“. In der zweiten, der grossen Staatsprüfung (1914) war ich unter sechs Bewerbern der einzige Jude und ging auch allein mit jenem Prädikat daraus hervor. Der einzige christliche Teilnehmer, dessen Leistungen hierbei ebenfalls noch zählten, war ein schlesischer Landsmann aus dem alten Geschlecht der Grafen von Starchwitz; ich habe ihn in Erinnerung behalten, weil er sich bei den Vorbereitungen zur Prüfung kameradschaftlich an mich angeschlossen hatte, und weil seine oberschlesischen Vorfahren in den Jahren 1842 bis 1885 als Landräte den Kreis Tost- Gleiwitz verwalteten; diese hohen Herren hätten sich ein solches Zusammentreffen der Enkel im Jahre 1914 wohl auch nicht träumen lassen! DIE FAMILIE SCHNEIDER Aus meiner ersten, am 1.8.1916 geschlossenen Ehe mit Charlotte Antonie Schneider aus Berlin stammt meine Tochter Hildegard, Beate, geboren 26.7.1920. Für sie ist an dieser Stelle eingefügt, was mir an Nachrichten über ihre mütterliche Familie zugänglich war. Die Familie Schneider kommt aus dem deutschböhmischen Egerland, der nordwestlichen Ecke des früheren österreichischen Kronlandes Böhmen. Der älteste bekannte Ahnherr und der erste Namensträger ist Joachim Schneider, der zwischen 1740 und 1810 lebte; er wohnte zuletzt in dem Dörfchen Girsch, das im Bezirk Tepl,' zwischen den Städten Eger und Pilsen, gelegen ist. Er erlebte in seiner Jugend die letzte schlimme Judenverfolgung des Jahrhunderts, aber dann in den achtziger Jahren die Emanzipation der Juden in Österreich. Die Kaiserin Maria Theresia hat eine Form Judenhasses gezeigt, in der sich Glaubenseifer und Hysterie mischten. Die Wut über ihre Niederlagen in den preussischen Kriegen um Schlesien liess sie an den böhmischen Juden aus, die sie kurzerhand und samt und sonders des Landesverrates beschuldigte. Während der preussischen Besetzung der Stadt Prag in den Jahren 1741 und 1745 war den dortigen Juden nachgesagt worden, dass sie den Eroberern Hilfe geleistet hätten. Das war ein haltloses Gerücht; die geschichtliche Forschung hat keinerlei Beweise für derartige Beschuldigungen erbracht. Aber die allerchristlichste Kaiserin nahm sie ohne nähere Untersuchung zum Anlass, die Gesamtheit der böhmischen Juden dem Morden und Plündern der Panduren und anderer ungarischer Soldateska preiszugeben. Der Tag der Morde von Böhmisch Leipa (zwischen Aussig und Reichenberg) wurde noch vor kurzer Zeit als ein Trauertag in dieser Gemeinde jährlich begangen, — bis sie im Jahre 1938 aufgelöst wurde. Der Vernichtung war diese Gemeinde bereits vor 200 Jahren einmal nahe gewesen. Denn auf Befehl der Kaiserin wurden die Juden im Dezember 1744 kurzerhand sämtlich aus Böhmen ausgewiesen, vor allem zunächst aus den Städten Prag, Eger, Elbogen, Saaz, Pilsen. Drei Jahre lang irrten damals die böhmischen Juden durch das Land, ohne eine bleibende Unterkunft zu finden. Diese Massnahme erregte solches Aufsehen in der übrigen europäischen Welt, dass die Regierungen Englands und der Niederlande sich ins Mittel legten. Auf ihre Vorstellung wurde die Ausweisung zunächst verschoben und schliesslich zurückgenommen, freilich nicht ohne, dass die Kaiserin sich diesen Gnadenakt mit einer Judensteuer von 410.000 Gulden bezahlen lies. (Kastein, Eine Geschichte der Juden 1931, S. 518). Die Juden durften sich danach wieder in böhmischen Orten ansiedeln. Sie waren aber völlig verarmt und mussten sich aus kleinsten Verhältnissen hocharbeiten. So ist Joachim Schneider als ländlicher Händler nach Girsch gekommen, wo sein Sohn Salomo im Jahre 1778 geboren wurde. Die Mutter hiess Chauba (d.i. Chawa oder Eve) Goldmann und stammte aus dem Dorfe Tochowitz im böhmischen Bezirk Blatno. Joachim ist es, der den Familiennamen Schneider angenommen hat. Im Königreich Böhmen wurden die Juden durch das Patent vom 23.7.1787, eines der fortschrittlichen “Toleranzedikte“ des österreichischen Kaisers Josef II., angehalten, sich einen Geschlechtsnamen beizulegen, während sie bis dahin nur ihre biblischen Ruf- und Vaternamen geführt hatten. Auf Empfehlung der Registerbeamten wählten sie vielfach Handwerkernamen, die ihrem Beruf entsprachen. Joachim war seines Zeichens nicht nur Handelsmann, wie die meisten seiner Glaubensgenossen, sondern nebenbei auch Schneider. So nannte er sich seit 1787 Joachim Schneider, und dieser Name blieb nach der gesetzlichen Vorschrift in seiner Familie erblich. Auch sein Sohn Salomo (1778—1851) lernte ein Handwerk. Er war Weber, hat sich jedoch über den Posten eines Weberfaktors (Fabriksarbeiter) zum selbstständigen Unternehmer aufgeschwungen und gleichzeitig den Handel mit Wolle und Tuchen betrieben. Die Wollerzeugung nahm damals in Böhmen, ebenso wie in den Nachbarländern Sachsen und Schlesien, einen lebhaften Aufschwung, der hauptsächlich der Einfuhr der spanischen Merinoschafe zu danken war. Die genannten Länder blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Haupterzeugungsgebiete der feinen Wolle. Diese Wirtschaftskonjunktur war bestimmend für den Erwerbszweig, in dem sich die Familie Schneider durch zwei Generationen hindurch betätigte. Salomo Schneider besass um 1800 eine kleine “Tucherzeugung“ in dem Städtchen Königsberg ab der Eger, nicht weit von der Bezirkshauptstadt Eger. Bald danach hat er seinen Wohnsitz nach Hörsig verlegt, einem ländlichen Orte am Fleissenach, nahe der sächsichen Grenze. Dass er sich hier niederliess, steht wohl in Verbindung mit seiner Eheschliessung. Er heiratete damals Sara Unger, die Tochter eines Kaufmanns aus dem dicht bei Hörsig gelegenen Orte Steingrub, in dem jüdische Familien zu jener Zeit in grösserer Zahl wohnten. In Hörsing hat die Familie Salomo Schneider bis zum Jahre 1851 bestanden. Hier hat Salomo ein Haus erworben. Hier sind seine 4 Kinder geboren: Samuel 1806, Joachim 1812, Jacob 1813, Anna 1815. Samuel und Jacob halfen beim Ausbau des Geschäfts, namentlich bei der Ausdehnung der Beziehungen auf das benachbarte Land Sachsen. Es war die Zeit, in der die Wollindustrie im sächsischen Vogtlande aufblühte. Dort unterhielt die Firma seit 1822 in der Stadt Reichenbach eine (Fortsetzung Seite 7) 6

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