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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ein Pessach an der Westfront 1915 Im ersten Kriegsjahre gab es nicht allzuviel Feldrabbiner im Westen, und die wenigen, die vorhanden waren, waren so mit Arbeit überlastet und hatten so grosse Truppenkontigente zu versorgen, dass meist nichts anderes übrigblieb, als dass sie den einen, oder anderen Soldaten, den sie kennengelernt hatten und von dem sie wussten, dass er in der Lage sei, einen G“ttesdienst abzuhalten, mit solchen Aufgaben betrauten. So kam es, dass ich einige Tage vor Pessach 1915 vom Armee Rabbiner Dr. Chone, dem Rabbiner von Konstanz, einen Brief erhielt, in dem er mich bat, für die jüdischen Mannschaften der 14. Brigade einen Seder zu veranstalten und mir mitteilte, dass ich rechtzeitig eine Anzahl Haggadoth, Mazzoth und einige Flaschen Wein erhalten würde. Ich war junger Kriegsfreiwilliger, eben gerade Gefreiter geworden, und hatte niemals vorher eine solche Aufgabe übernommen. Trotzdem aber war ich bereit, den mir gewordenen Auftrag auszuführen. Nachdem ich meinem Kompanieführer den Brief vorgelegt hatte, erhielt ich die Erlaubnis, mich ohne weiteres mit der Brigade in Verbindung zu setzen, brauchte also den Dienstweg nicht einzuhalten. Der Brigadestab lag im Dorfe Monchyle-Preux unweit von Arras. Auf meine Meldung empfing mich ein jüngerer Hauptmann, der sehr bereitwillig auf meine Vorschläge einging und mir zusagte, dass alle jüdischen Mannschaften durch Brigadebefehl zum ersten Sederabend nach Monchy bestellt werden sollten. Den Befehl schrieb er in meinem Beisein aus und stellte mir im übrigen anheim, alles so anzuordnen, wie es mir richtig erschien. Viel Räumlichkeiten gab es allerdings nicht, aber er riet mir, den Seder im Pfarrhause von Monchy zu halten, weü erstens in diesem Hause keine Einquartierung lag, und es, zweitens, dort einen Raum gab, in dem — nachdem die Kirche zerstört war, — die Einwohner von Monchy ihre G“ttesdienste abzuhalten pflegten. Ich suchte den alten katholischen Ortsgeistlichen auf, der ein recht umgänglicher Herr war, und mir gleich eine Prise Tabak aus seiner silbernen Dose bot. Sprachlich war es nicht schwer, sich mit ihm zu verständigen, — denn ich sprach ganz gut französisch. Auch den Raum, der nicht allein zu G“ttesdiensten seiner Gemeinde, sondern gleichzeitig auch als Schulstube für die wenigen noch vorhandenen Kinder diente, wollte er — es war ja Befehl — zur Verfügung stellen. Aber — und nun begann ein seltsames Zwischenspiel — dass es noch Juden geben sollte, das wollte ihm nicht in den Kopf. Er kannte natüryich sein Neues Testament gut und wusste, was Juden damals gewesen waren, aber er hatte nie davon gehört, dass es im Jahre des Herrn 1915 immer noch welche auf der Welt gebe. Er sah mich im Laufe des Gespräches immer wieder von der Seite an, und ich glaube, er hielt mich für einen — Spassmacher. Schliesslich aber gelang es mir, ihn von der Existenz der Juden im Jahre 1915 doch zu überzeugen, und nun wollte er wissen, zu welchem Zwecke ich den Raum nötig habe. Als ich ihm erklärte, was der Seder sei, führte er mich in seine Studierstube, wo eine kleine Nachbildung des Leonardoschen “Abendmahls“ hing, die er mir zeigte. Dabei fragte er, ob ich allen Ernstes behaupten wolle, dass man heutzutage noch in solcher Art das Ostermahl feierte. Zu seiner Überraschung musste ich ihm das bestätigen, erklärte ihm die Mazzah, die vier Becher Wein und versprach ihm auch eine Haggadah zu zeigen, sobald ich eine erhalten haben würde. _ Von Dr. LEOPOLD HEINEMANN, Berlin _ Der alte Herr geriet förmlich in Begeisterung und versprach, alles ln Ordnung zu bringen, versprach Stühle und Tische stellen zu lassen, und als ich mich verabschiedete, war ich überzeugt, dass der Seder so werden würde, wie ich ihn wünschte. Am Erew Pessach Vormittags bereits erhielt ich Urlaub von meiner Kompagnie und wanderte nach Monchy. Ich war schwer bepackt, denn die “Freie Vereinigung“ hatte mir bereits alles, was ich für mich zum Pessach brauchte, gesandt. Viereckig gebackene Mazzoth waren aus Karlsruhe gekommen, Dosen mit Konserven, ein Fläschchen Wein, ein kleiner Becher, Schokolade und eine Haggadah. Als ich in Monchy ankam und mich bei der Brigade meldete, wurde mir mitgeteilt, dass bereits ein grosses Paket auf mich wartete. Rabbiner Dr. Chone hatte reichlich Mazzoth gesandt, dazu mehrere Flaschen Wein, einige Würste und einige Dosen Konservenfleisch. Für die etwa 30 Mann, die ich erwartete, würde es gut reichen. Als ich mich im Pfarrhaus wieder gemeldet und mich überzeugt hatte, das der Pfarrer ausser den versprochenen Tischen und Stühlen auch Tischtücher gab, damit der Seder möglichst — dem Leonardoschen Bilde entsprechen solle, hatte ich nichts mehr zu tun, als mich um die Sederschüsel zu bekümmern. Einige Äpfel, Zimmet und Mandeln zum Charoseth hatte ich mit der Post erhalten, ein vorgebratener Knochen war gleichfalls gekommen, ebenso wie das in der Asche zubereitete EI, — nur der Morraur, die Bitterkräuter, fehlte noch. Den musste ich noch beschaffen. Neben dem Schloss, in dem der Brigadestab lag, war ein grosser Küchengarten. Ich erbat und erhielt von dem Hauptmann, mit dem ich den Seder vorbesprochen hatte die Erlaubnis, dort nach dem Notwendigen zu suchen. Während ich nun im Garten langsam die Beete entlangging und aufmerksam beobachtete, wo Petersilie und Merrettich ständen, hörte ich mich plötzlich angerufen. Hallo, Gefreiter, was tun Sie denn da? Ich drehte mich um, sah nach dem Schlosse, wo an einem Fenster der Brigadegeneral stand, und lief hin, mich zu melden. “Ich suche Bitterkraut, Excellenz.“ Bitterkraut? Was ist denn das und wozu suchen Sie? Ich erklärte ihm das Notwendige. “Na, warten Sie mal, ich komme gleich herunter“. Der General von Oven war ein sehr interessierter Herr, und bevor ich mein Bitterkraut weiter suchen durfte, musste ich ihm sehr genau erklären, was ein Seder ist, was Pessach ist, was Mazzoth bedeuten und noch vieles andere. Dann aber, als er alles erfahren hatte, ging es ihm genau so wie einige Tage vorher dem Pfarrer. Er geriet in Begeisterung und half mir, meinen Merretich und meine Petersilie suchen. Dann musste sein Adjutant, 'eben jener mir bereits bekannte Hauptmann, mit ins Pfarrhaus gehen und sich überzeugen, dass alles in schönster Ordnung ist. Am späten Nachmittag trafen nach und nach die jüdischen Mannschaften der Brigade zum Seder ein. Wohl waren sie überrascht, dass nicht der Feldrabbiner den Seder gab, aber gar bald war alles, was noch zu tun blieb, besprochen, und nachdem wir Mincha und Maariw gebetet hatten, setzten wir uns nach Einbruch der Dunkelheit hin, um den Seder zu beginnen. In der Ecke des Zimmers sass auf einem Stuhl der Pfarrer und sah zu. Dieser alte katholische Geistliche war vielleicht am gespanntesten von uns allen. Da aber, als ich gerade mit dem Kiddusch beginnen wollte, gab es draussen vor der Türe Geräusch. Ich hielt inne, sollten noch ein paar jüdische Kameraden kommen, die sich verspätet hatten? Die Tür ging auf, und in ihrem Rahmen stand unser General mit seinem Adjutanten. Alles sprang auf, um ihn vorschriftsmässig zu begrüssen. “Guten Abend die jüdischen Soldaten“, so sagte er, “ich komme, um Ihnen ein fröhliches Fest zu wünschen“. Dann ging er von einem zum anderen, fragte Jeden nach Herkunft, Beruf, Dienststellung und wandte sich dann an mich mit der Bite, dem Seder zusehen zu dürfen. Stühle wurden geholt, aber der General hatte soviel Stilgefühl, dass er verlangte, sich mit dem Adjutanten zum Pfarrer in die Ecke setzen zu dürfen. Jeder der drei Herren erhielt eine Haggadah, damit er dem Seder folgen konnte. Dr. Chone hatte genügend Haggadoth geschickt. Dann begann ich den Seder. Jeden Satz wiederholte ich auf deutsch, als ich aber im “Ho lachmo anjo“ an die Stelle kam: “Wen es hungert, der komme und esse“, nahm der General seinen Stuhl, rückte ihn an den Tisch und sagte: “Nun, dann darf ich mich mit heransetzen.“ Ein junger Kriegsfreiwilliger sagte, das “Manischtana” und von Awodim Hajinu ab bis zur Brachah des Hillel wurde der Seder immer schöner. Das Hallei wurde gemeinsam, abwechselnd Vers für Vers gesungen. Schliesslich hielten wir beim Abendessen. Mazzoth wurden ausgestellt, Wurst und Fleisch vorgelegt, und man begann zu schmausen. Da erhob sich der General, und sprach von unseren Elternhäusern, von der Freude, die es ihm bereitet, zu sehen, wie wir den Pessach feierten und erklärte schliesslich: “Und nun, liebe Kameraden, habe ich Ihnen auch noch etwas zu essen mitgebracht, um ihr Festmahl zu vervollständigen.“ Ich bekam einen kleinen Schreck, denn sofort musste ich an Chamez, oder Trefah, denken. Der General aber lachte mich an und sagte: "Ich weiss, was Sie jetzt denken, aber die Vorlesung, die Sie mir heute morgen gehalten haben, hat genügt, mich zu belehren, was Sie essen dürfen und was nicht.“ Der Adjutant verliess das Zimmer und kehrte gleich mit 2 Soldaten zurück, von denen jeder einen grossen Korb trug. Es waren Äpfel und Apfelsinen. Die durften wir freilich essen. Und als wir gegessen hatten, kam der Afikoman und dann ging der Seder weiter bis zum Chadgadjo. Als wir die ersten Strophen gesungen hatten, in jener lustigen uralten Melodie, die ich vom verstorbenen alten Lehrer Blach in Halberstadt gelernt hatte, jener Melodie, von der Heinrich Heine im “Rabbi von Bacharach“ erzählt, da hatten der General und der Adjutant und der Pfarrer von Monchy begriffen, und die 3 Herren sangen den Refrain “Chadgadja, Chadgadja“ so selbstverständlich mit, als hätten sie von Jugend auf am Sederabend nichts anderes getan. Nachbemerkung. Diesen Artikel verdanken wir unserem treuen Mitglied unseres Verbandes, Herrn Seew Epstein aus Aschkalon (Israel), der ihn Jahrzehnte sorgfältig aufbewahrte und uns für unsere Zeitung zur Verfügung gestellt hat. Es ist nicht das erste mal, dass er uns mit solchen .Dingen erfreut. Die Redaktion 4

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