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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-04-01 · No. 43 (April 1978) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 43 (April 1978)
Date
1978-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Erinnerungen an Marlin Buber ZU SEINEM HUNDERTSTEN GEBURGSTAG AM 9. FEBRUAR 1978 O Streit der Seele! Nur den Tor zerreist es, Den Starken trägt es doppelt hoch und weit. Der vor mir thronte, war ein Fürst des Geistes — Ein suchend-mutterlöses Kind der Zeit. Ja, seines Wesens Grund war doppelschichtig, Halb erdgebunden-heiss, halb kühl und klar. So wie einst Janus war er zwiegesichtig. Und immer stand man vor dem Zwülingspaar. Stieg man hinan auf seines Hauses Treppen Zum grossen Rebben aus dem Odenwald, Sprach man zu ihm — zu nichts als zu dem Rebben —, Ward der Professor leicht chockiert und kalt. Doch liess man nur sich den Professor taugen, Hielt man sich wissenschaftlich kühl und glatt, — Dann stoben Funken aus den Wunderaugen Und schnell ward er des trockenen Tones satt. So lang er rührend mit sich selbst im Streite, Ging aber in der Seelennot nicht fehl, Wuchs grad’ im Kampf zur Höhe und zur Breite, So war er wir. So war er Jisrael. Dieses Gedicht habe ich im Jahre 1942 geschrieben, im Anfänge meiner jahrzehntelangen Bekanntschaft mit Buber, die er Freundschaft nannte. Ich habe es 1967 in mein Buch “Martin Buber, Gespräche, Briefe, Worte“ aufgenommen und setzte es jetzt anlässlich seines hundertsten Geburtstages noch einmal hierher, weil ich es auch in dem grossen Abstande von 35 Jahren für richtig halte und es heute nicht mehr so sagen könnte. Kinder aus Gegensätzen haben es schwer im Leben: die grosse Gegensätzlichkeit der beiden Eltern kämpft in ihren Seelen. “Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust Und eine will sich von der andern trennen...“ Ist das Kind schwach, so kann dieser Zwiespalt zu einem bösen und vorzeitigen Ende führen. Es kann einen Selbstmord geben oder der Mensch kann mit zerrissener Seele ein vorzeitiges Ende nehmen. Das klassische Beispiel für diesen Fall ist der Kammerrat August von Goethe, der Sohn aus der Ehe des Ministers und Geheimen Rates mit der geborenen Vulpius. Als Kind schon war er ein Trinker, lebte mit der Welt und den Menschen zerfallen und ist mit nur 41 Jahren in Rom gestorben, wo er auf dem evangelischen Friedhof bei der Pyramide des Cestius begraben liegt. Ist das Kind aber seelisch stark, so kann es ein produktiver Mensch werden; die gegensätzlichen Eigenschaften der Eltern können sich in ihm gegenseitig stützen und ergänzen und stärken. Das war genau der Fall bei Martin Buber. Er stammte väterlicherseits aus dem frommen Lemberg. Sein Grossvater, bei dem er erzogen wurde, Salomo Buber, war ein frommer und menschenfreundlicher Jude, der jüdische Volksbibliotheken errichtete und die Benutzer interessiert fragte, ob sie auch das Gewünschte erhalten hätten. Seine Mutter war ein offenbar schönes Mädchen aus Odessa. Odessa war die Hochburg der jüdischen Aufklärung in Russland. “Zweihundert Meilen um Odessa brennt die Hölle“, sagte mein Lehrer Recznikow, als ich ihn nach Odessa fragte. Strenge jüdische Frömmigkeit jüdischer Freigeist, das kämpfte in der Seele Bubers. Gesiegt hat leider Odessa. Er war der areligiöseste Mensch, der mir je vorgekommen ist, gleichzeitig aber ein Glaubensriese. Das eine hat mit dem andern wenig zu tun. Der Glaube macht zwar selig, aber sozial ist er uninteressant; denn er ist wirklich reine Privatsache und wirkt nichts aus, falls der Betreffende nicht ein Religionsstifter ist, eben aus seinem Glauben heraus. Nicht der Glaube hat die Menschen aus dem Stadium der Barbarei wenigstens vorübergehend in das der Gesittung gebracht, sondern einzig und allein die Religionen, die aus dem Gottesglauben ein Gesetz des Wohlverhaltens und der Sitte gemacht haben. Ohne die jüdische Religion wären die Zehn Gebote auf dem Sinai geblieben und nicht unter die Menschen gekommen, die sie freilich nicht beachten. Was einer glaubt, ist seine Sache; nur die Zugehörigkeit macht aus ihm im religiösen Sinne ein soziales Wesen. Buber sagte mir einmal, dass auch das Judentum bei ihm nur ein Beispiel sei, wenn auch das grösste. Ja, er verstieg sich zu der seltsamen Bemerkung, das Judentum habe überhaupt keine Religion, sondern nur einen Kalender und eine Geschichte. Er schrieb einmal: “Ich meine nicht die Religionen, ich meine G“tt.“ Auch hier liegt einer der Zwiespalte in seinem Wesen. 2. Jakob Wassermann schildert im “Gänsemännchen“ ein Mädchen, das wie unter einer gläsernen Glocke lebt. Wohl alle Schaffenden müssen mehr oder weniger diese gläserne Glocke haben. Sie brau chen sie, auf dass ihnen nicht durch den Wirrsal der Welt das Werk unter den Händen zerbreche. Bei Jakob Wassermann selbst war diese gläserne Glocke ganz deutlich. Als sie zerbrach, ging er zugrunde. Bei Martin Buber stiess man sich immer wieder daran. Das waren dann für den Gesprächspartner fatale Momente. Er hing mit grosser Liebe an der Erinnerung an seine Grossmutter, die bei ihm Mutterstelle vertreten hatte. Häufig zitierte er ein Wort von ihr: “Man weiss nie, wie ein Engel aussieht“. Buber glaubte an Engel. Aber das Merkwürdige war, dass er das Gegenteil nicht gelten liess: man weiss nie, wie ein Teufel aussieht. Er bestritt schlechthin die Existenz des Satan, der doch in unserer jüdischen Literatur eine so grosse Rolle spielt, gegen den wir um Schutz “Vor und hinter uns" täglich beten. Seiner Meinung nach würde die Existenz des Satan der Einheit G“ttes zu nahe treten. Man hat darum einmal von Buber gesagt — ich glaube, es war Tschechow — dass er die Schlange des Paradieses nicht ernst genug nehme. Dass ich sie ernst nahm, führte er auf den Liberalismus meiner Jugend zurück. Sonderbar. Da hätte er sie doch erst recht ernst nehmen müssen; denn er war viel liberaler, als ich je gewesen war. Das Gespräch fand statt, als in Europa das wüsteste Superpogrom unserer Geschichte tobte. Wenn dort nicht Satan am Werke war, dann weiss ich nicht, wer Satan ist. Für meine Begriffe wird die Einheit G“ttes durch Satan nicht gestört: er hat den bösen Engel geschaffen, wie die guten. Bei solchem Optimismus konnte es nicht fehlen, dass Buber gelegentlich mit der Wirklichkeit in Streit geriet. Er war an sich ein überaus nüchterner und praktischer Mann, von dem man die brauchbarsten Ratschläge erhalten konnte. Aber wenn die Wirklichkeit nicht wollte wie er, dann geschah etwas Merkwürdiges: er bestritt einfach die Wirklichkeit, wie er Satan bestritt, und das gerade waren die schwierigen Momente im Verkehr mit ihm. Mir ist das dreimal mit ihm begegnet. Das erste Mal, als — ziemlich spät erst — am Ende des zweiten Weltkrieges hier im Lande die grausige Tatsache der Ausrottung der europäischen Juden bekannt wurde. Da empfing er mich bei einem Besuch in grosser Aufregung: “Was sagen Sie zu der Sache mit den toten Juden? Das ist der Krieg! Das ist der Krieg! Und die Propaganda, die sie damit machen“... Seine Seele unter der Glasglocke sträubte sich einfach gegen das Fürwahrhalten des Unglaublichen. Nur ganz allmählich ging er schrittweise an die entsetzliche Sache heran. Noch in Frankfurt in der Paulskirche, bei der Annahme des Goethepreises sagte er: “Es müssen mindestens einige tausend Menschen daran beteiligt gewesen sein“. “O, engelhafte Unschuld du...“ Was müssen die Zuhörer bei soviel Optimismus gedacht haben! Sie wussten doch, dass bei der Wannseekonferenz alle Staatssekretäre der Ministerien begeistert dem Plane der Ausrottung zugestimmt hatten; die Grosindustrie neben den Ausrottungslägern Fabriken eingerichtet hatte, um billige jüdische Sklavenarbeiter zu bekommen; dass die gesamten Eisenbahnverwaltung in Deutschland und den besetzten Ländern genau im Bilde war, dass zahllose voll besetzte Judenzüge, aus Viehwagen bestehend, nach Auschwitz hinein, aber dass kein einziger Zug besetzt heraus fuhr; dass alle SS-Leute Bescheid wussten, die Himmler die Dominikaner der Neuzeit genannt hatte. — Und als gar nichts mehr half, da erklärte Buber das deutsche Volk für schwer erkrankt, nannte aber leider nicht den Namen der Krankheit. Schliesslich kann nicht ein ganzes Volk an Gehirnerweichung leiden. Wenn das Ermorden von Juden eine Krankheit war, dann war das deutsche Volk das ganze zweite Jahrtausend mit Ausnahme der kurzen Assimilationszeit schwer erkrankt. Das zweitemal erlebte ich es bei einer schweren Lungenerkrankung von mir, deren Ernst er durchaus nicht wahrhaben wollte. Noch nach vielen Jahren, als das Unglück schon Alltag in meinem Leben geworden war, fragte er mich, ob mir die Ärzte wirklich gesagt hätten, dass das unheilbar sei. Der dritte Fall war noch seltsamer. Buber hat tausend chassidische Geschichten veröffentlicht. Das ganze Buch “Gog und Magog“ besteht daraus; er nannte es ein “rechtes Herzensbuch“. Und nun wollte er durchaus ein polnischer Rebbe sein und erklärte, er sei Pole. Das war historisch unwahr: er stammte aus Lemberg, geboren war er in Wien. Seine Mutter war Russin. Von Kongresspolen war bei ihm keine Rede. Er aber erklärte, Lemberg sei ursprünglich eine polnische Stadt gewesen. Das stimmt für die Zeit vor der Teilung Polens, also vor 1772. Seitdem aber war Galizien eine österreichische Provinz, und Buber hatte gar manches vom Österreicher an sich. — Die tausend chassidischen Geschichten wird niemand ohne Nutzen für seine Seele lesen: die ganze Weisheit Bubers und Israels liegt darin. Nur — die wirklichen polnischen Chassidim waren das nicht. Das haben Buber schon vor 40 Jahren die Professoren Guttmann und Scholem gesagt. Die wirklichen Chassidim standen eisenfest auf dem Boden des jüdischen Gesetzes, das es doch für Buber nicht gab. Für sie war “Thora min haschamajim” eine Selbstverständlichkeit. Sekularisierte Chassidim hat es re vera niemals gegeben. Aber darin hatte Buber wiederum recht, dass vieles in unserem Lande von den Chassidim herrührt, verbunden mit russischer Aufklärung. Man durfte nicht jedes Wort von ihm auf die Goldwage legen. Buber war ein Geistesfürst. Vom Fürsten aber sagt Goethe: "Verlasse dich auf Fürsten nicht: Sie sind wie eine Wiege. Wer heute Hosianah spricht, Ruft morgen: Crucifige.“ Ich habe Martin Buber sehr geliebt. Seine Seele ruhe in Frieden! Dr. Walter B. Goldstein, Jerusalem. 3

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