Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 20 (sequence 2307)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zum 90. Geburtstag von Prof. Dr. Hermann Zondek Von PAUL TREITEL, Wronke — Montevideo. Zum lezlen Mai Juden in (arlsruhe 0/S In diesen Tagen — am 4.9. — begeht Prof. H. Zondek seinen 90. Geburtstag. Ob jung oder alt können wir nicht beurteilen. Ihm gelten nicht nur die Wünsche seiner ehemaligen Landsleute, sondern der Menschen aus aller Welt, denn er war ein grosser Arzt, einer der besten jüdischen. Kliniker. Zum 85. Geburtstag schrieb Zondek auf Anregung des Leo Baeck-Institutes seine Biographie unter dem Titel: “Auf festem Fuss“. Nach den Jahren der Flucht, der Ungewissheit, der Unterbrechung seiner wissenschaftlichen Arbeiten konnte er im damaligen Palästina und heutigem Israel endlich wieder festen Fuss fassen. Hermann Zondek war der Sohn bescheidener, religiöser Eltern, in Wronke geboren, die Eltern besassen ein Manufakturwaren-Geschäft am Marktplatz, ein einstöckiges Haus, das allmählich für die Familie zu klein wurde, 6 Kinder, und deshalb aufgestockt werden musste. Nun hatte jeder, solange er daheim war, seine Bequemlichkeit und es gab noch dazu “die gute Stube“, die zwar selten benutzt wurde, aber zum guten Ton gehörte. Zu den hohen Besuchen gehörte sein Onkel, Dr. Max Zondek, der schon in den Schuljahren von Hermann ein bekannter Spezialist für Nierenkrankheiten war. Herrn. Z. schildert in dem Buch seine Jugend, seine Schul- und Studienzeit, wir erleben mit ihm die politischen Verhältnisse vor 1914, den I. Weltkrieg, die Weimarer Republik und die anbrechende Zeit des dritten Reiches. Wir fühlen mit ihm den plötzlichen Abbruch seiner erfolgreichen, medizinischen Tätigkeit, die Flucht ins Ausland, den Kampf um eine neue Existenz, das Einleben in neue, ungewohnte Verhältnisse, bis er endlich nach vielen Erlebnissen wieder festen Boden gewann. Wronke, unsere Geburtsstadt, nahe bei Posen, zählte in unserer Jugend etwa 4000 Einwohner, darunter ca. 50 jüd. Familien. Am Schabbat waren alle jüd. Geschäfte geschlossen, man ging mit dem Zylinder und dem Tallisbeutel in die alte, von portugiesischen Juden, gebaute Synagoge. Zondek schildert die Sederabende, wie auch wir sie erlebt haben und den heiteren Vorabend des Simchas Thorafestes, wo man nicht immer auf festen Füssen stand, er schildert die Schulzeit in Wronke, später in Rogasen, bis nach dem Abitur die Frage entstand, was nun? Er wollte durchaus Rabbiner werden, wozu er auch alle Fähigkeiten besass. Aber es kam der Onkel Max nach Wronke und unterhielt sich mit ihm, bis er schliesslich einwilligte, als Arzt der Menschheit dienen. Zunächst begann er in Goettingen, aber das war für einen religiösen Studenten nicht der rechte Ort und deshalb ging er nach Berlin, wo er bald viele jüdische Freunde fand. Er hasste die Taufe jüdischer Professoren, die Karriere machen wollten, und die Assimilation, die im Westen Berlins besonders zu spüren war. Finanziell ging es ihm immer schlecht, bis er durch Nachhilfestunden und später Vertretungen seine Situation verbessern konnte. Nach dem Staatsexamen und der Erlangung des Doktortitels (1912) besuchte er seine Eltern in Wronke. Voller Stolz malten sie sich schon aus, wie neben dem Firmenschild ein Messingschild leuchten würde. Dr. Hermann Zondek Prakt. Arzt und Geburtshelfer. Doch er hatte höhere Ziele, zumal seine Brüder Bernhard, der bekannte Gynäkologe und Samuel, der Internist ebenfalls schon prominente Grössen der Medizin geworden waren. Als Praktikant arbeitete Hermann zunächst in der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit Paul Ehrlich, dann in Freiburg in der Kinderklinik (ich hatte keine Ahnung), und kam dann nach Berlin in die Charite zu Virchow, Koch, Neisser u.a. Während des 1. Krieges bleibt er in Berlin als Oberarzt. Die Kriegsmedizin brachte neue Probleme. Nach dem Krieg die politische Wandlung, erste Warnung die Ermordung Rathenaus. Z. befasste sich nun wissenschaftlich speziell mit der Erforschung der inneren Drüssen und gab ein Werk heraus, das bis heute in der med. Wissenschaft eine grosse Rolle spielt. Nach kurzer Zeit als Privatdozent tätig wurde er Direktor am Urbankrankenhaus in Berlin. Hier besuchte ich ihn mit meiner Mutter, die er als Landsmännin sehr freundlich aufnahm. Inzwischen mussten seine Eltern die alte Heimat verlassen und kamen nach Berlin. Neben seiner Tätigkeit als a.o. Professor für innere Medizin an der Berliner Universität, begann er auch eine sehr erfolgreiche Privatpraxis. Er bekam Rufe ins Ausland, und spricht man von Zondek, denkt man an Stresemann, der ihn bat, ihn nach Paris zu Verhandlungen zu begleiten. Das tat er auch mit bestem Erfolg, aber kurz darauf, 1929, verstarb sein dankbarer Patient. Zu seinen prominenten Kunden gehörten auch Francois-Poncet, Paul Loebe, Hermann Müller und viele Grössen aus der Literatur, Künstler, Politiker, Diplomaten usw. Er wurde nach Rusland berufen, bekam die höchsten Ehrungen, Dankschreiben und erweiterte dadurch seinen Kundenkreis immer mehr. Aber es nahte schon eine andere Zeit. "Wir lebten bis 1933 in einem hypnotischem Zustand und erkannten nur unklar, was um uns vorging“. Er winde noch Arzt und Freund von General Kurt Schleicher, der ihm sagte: “Sorgen Sie sich nicht, wir wissen, was wir von Hitler zu halten haben. Ich bin der letzte Trumpf“. Aber der Trumpf versagte. Die Lawine kam ins Rollen und ab Januar 1933 wurden wir überrollt. Kurz nach dem Reichstagsbrand erschien in der Charite eine Abteilung der S.A., er musste unterschreiben, dass er sein Auto der Partei zur Verfügung stelle, alle jüd. Assistenzärzte wurden festgenommen, er selbst fristlos entlassen. “Mein Gefühle waren nicht zu beschreiben“. Noch am gleichen Tag fuhr er mit s. Bruder Samuel nach Zürich. Samuel sorgte dann dafür, dass die Eltern und die übrige Familie auch nach Zürich folgten. Von allen Angeboten wählte er England, wo er in Manchester vorübergehend eine jüd. Klinik leitete, aber er fand keine Ruhe und bei der Wahl USA oder Palästina entschied er sich “für unser Land, nach Hause“. Es waren schwere Zeiten, die er durchmachte, den Krieg, die Unruhen, die Hitze, eine unbedeutende Tätigkeit in einem kleinen Hospital in Jerusalem, bis er schliesslich auch hier bekannt und berühmt wurde und eine Stellung im Hadassah-Krankenhaus in J. fand. Mit 85 Jahren zog er sich aus der Praxis zurück, aber immer mehr bestätigte sich, was er in jungen Jahren wissenschaftlich erforscht hatte. Und deshalb ist er nicht, wie er schreibt, eine enttäuschte Berühmtheit, sondern eine wirkliche. Nochmals unsere herzlichsten Glückwünsche! In Nr. 41 dieses Blattes bezweifelt Herr Rosenthal, Jerusalem, die Richtigkeit meines Berichtes in Nr. 40 über Juden in Carslruhe. Er glaubt nicht an die Tatsache, dass die Städtler Juden, nur mit Knüppeln bewaffnet, dem König von Würtemberg tatkräftig halfen. Ebenso bezweifelt Herr Rosenthal, dass sich diese Begebenheit um 1820 herum abspielte, dass man damals keine “Kriege“ mit Knüppeln führte und dass die “Piasten“ um diese Zeit nicht mehr existierten. Herr Rosenthal hat nie in der Oppelner oder Carlsruher Gegend gelebt, sonst hätte er gewusst, dass im jüdischen Volksmund jeder Graf oder Grossgrundbesitzer “Piasten“ genannt wurde. (Pi — polnisch trink, asten — hast ihn, gemeint, dass mit diesen Leuten Geschäfte leichter beim Trinken gemacht werden konnten). Ich versäumte in meinem Bericht allerdings zu erwähnen, dass das Wort Piasten ein Spitzname ist. Rabbiner Dr. Braunschweiger aus Oppeln erwähnte in seiner Ansprache anlässlich meiner Barmizvah vor 57 Jahren die Tatsache, dass das Bestehen der Carlsruher Synagoge den Städtler Juden zu verdanken ist. Dasselbe Thema wurde von einem der Sprecher bei der 125jährigen Gedenkfeier des Städtler Friedhofes erwähnt. (Das war 1936 oder' 37 in Staedtel). Ein Grossonkel von mir, Josef Deckro aus Dombrowka, der jahrelang zu den hohen Feiertagen in Städtel den Gottesdienst abhielt, starb 1935 im Alter von 90 Jahren und war der Letzte, der in Staedtl beerdigt wurde. Ich bin sicher, dass sich noch Nachkommen ehemaliger Städtler an ihn erinnern können. Er erzählte mir oft, wie die “Arbeiter und Knechte“ der “Piasten“ (gemeint die Banden irgend eines Grafen oder Grossgrundbesitzers und denen traute man sicherlich keine Feuerwaffen an), die mit Knüppeln und Sensen bewaffnet waren, von den Städtler Juden zurück geschlagen wurden. Er behauptete, dass er noch selbst einige dieser tapferen Männer gekannt hatte. Deshalb glaube ich annehmen zu können, dass es in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war. Herr Rosenthal zieht es ins Lächerliche, dass ich einen “König in Zores“ erwähnte. Ich las hier in einer jüdischen Zeitung über die “Zores“, die Nixon hatte.'Nun, wenn ein Präsident Zores hatte, warum soll ein König keine Zores haben? Ich könnte noch weitere Zweifel widerlegen, doch mein Bericht würde zu lang werden. Zum Abschluss möchte ich nur noch bemerken, dass zu den hohen Feiertagen im Tempel in Carlsruhe beim Gebet für den Landesherren auch stets für den König von Würtemberg gebetet wurde. NACHBEMERKUNG ZU DEM BERICHT IN NR. 40. Leider wurden einige Namen der ehemaligen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Carlsruhe ausgelassen, bzw. doppelt gedruckt. Folgende Namen fehlen: Kantor Simon Mamlok, Carlsruhe, Wilhelm Krämer, Carlsruhe, Max Schüftan, Dammratsch, Adolf Schüftan und Elias Seidel, beide Falkowitz, Schönfeld, Lugnian, Dzolkowitz, Jellowa und Rosenbaum oder Rosenthal, Alt Budkowitz. FRIEDHOF IN CARLSRUHE. Ich erfuhr von einem ehemaligen Carlsruher, der jetzt nach Westdeutschland übersiedelte, dass der Friedhof leider vollkommen verwuchert und verwahrlost ist. Bis 1950 wurde der Friedhof durch meine Bemühungen wenigstens einigermassen gepflegt. Martin Schüftan 20