Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2303)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7411685-7412524-7412561--0692-7412577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I Zur Geschichte der Juden in Oberschlesien j I mm mm mmr mmm mmm mmm mm mm m^ mmr mmr mm mmm mm, Juden hat es in Oberschlesien schon lange vor der deutschen Besiedlung dieses Landes im Mittelalter gegeben. Sie trieben damals hier Ackerbau, Handel und Handwerk. Bezeichnend ist, dass sich schon im Jahre 1227 die Kirche und die plastischen schlesischen Herzoge darüber gestritten haben, ob von dem jüdischen Grundbesitz der Zehnte der Kirche oder dem Landesfürsten gebühre. Schliesslich überliessen aber die Landesherren die Zahlung des Zehnten von dem jüdischen Ackerbesitz der Kirche. Mit dem Zuzuge deutscher Bergleute nach Oberschlesien, der im 13. JHRH. erfolgte, kamen auch solche jüdischen Glaubens nach Oberschlesien und wurden wegen ihrer Arbeitsleistung und Geschicklichkeit von Klöstern und Pürsten geschätzt. Die oberschlesischen Städte scheinen jüdische Einwohner erst in jener Zeit erhalten zu haben als Infolge der während der Kreuzzüge in Deutschland ausbrechenden Judenverfolgungen sich viele Juden, insbesondere wohlhabendere, aus West- und Mitteldeutschland nach dem Osten wandten. Auch aus Böhmen war in jener Zeit die Bewegung von Juden nach den östlichen Gebieten ziemlich stark, und so gelangten seit etwa 1280 die oberschlesischen Städte im Gebiete links der Oder zu recht ansehnlichen Judengemeinden. Erst im 15. Jhrh. als das bis dahin noch recht kulturarme östliche Oberschlesien immer mehr in den Bereich deutscher Wirtschaft und Gesittung hineingezogen wurde, liessen sich, wenn auch in weit geringerer Zahl, Juden in den Orten Oppeln, Cosel, Peiskretscham, Beuthen, Kreuzburg, Myslowitz, Pless usw. nieder. Der Historiker Brann sprich sich über diese Einwanderung — wie folgt — aus: „Die deutsche Sprache, die die Juden aus dem Westen mitbrachten, war und blieb bis zur Gegenwart ihre Muttersprache. Überall, wohin sie kamen, bildete das Bethaus, das gewiss zugleich die Schule war, in der die Jugend der Gemeinde in der Sprache der Väter und nach der Weise der Väter auf Gott vertrauen lernte, den Mittelpunkt der Ansiedlung. Grössere Gemeinden wie Neisse, Ziegenhals, Oppeln und Ratibor legten auch besondere Friedhöfe an, die zugleich von den Nachbargemeinden mitbenutzt wurden. ' Harmlos und friedlich lebten die Ankömmlinge neben den deutschen und slavischen Einwohnern in dem noch wenig kultivierten Lande. Von den staatsbürgerlichen und gesellschaftlischen Beschränkungen des späteren Mittelalters ist noch keine Spur bemerkbar.“ Das Jahr 1349 brachte für die oberschlesische Judenschaft nach jahrhundertelangem friedlichen Zusammenleben mit ihren christlichen Landsleuten eine schwere Schicksalswende. Die damals ausgebrochene unter der Bezeichnung des “schwarzen Todes“, bekannte Pestseuche und die sich an sie anschliessende furchtbare Not und Verwilderung bewirkten, dass Fanatiker und Schwindler, die die Juden der Brunnenvergiftung ziehen, das Volk leicht gegen sie aufreizen und zu Gewalttätigkeiten und Mord aufwiegeln konnten. Wenn sich auch das oberschlesische Volk selbst nicht betören liess, so nahm doch ein von Ungarn eingedrungener Haufen der sogenannten Geisselbrüder, die in grossen Organisationen mit eigenen Abzeichen in den Städten erschienen u. "Gericht“ über die Juden abhielten, hier das Werk der Ju- Von Justizarzt W. Immerwahr, Beuthen O/S. denvernichtung und Judenvertilgung selbst in die Hand. Zahlreiche Juden starben als Märtyrer den Feuertod oder wurden verstümmelt und ihre Habe selbstverständlich von den Verfolgten enteignet. In den Quellen jener Zeit werden als Orte, in denen solche Greuel sich ergeigneten ausdrücklich Neisse, Zülz und Beuthen von oberschlesischen Städten genannt. Schliesslich gelangen die Versuche, die Volksseele so zu vergiften, auch bei der einheimischen Bevölkerung wenigstens in den links der Oder gelegenen Städten soweit, dass in den nächsten hundert Jahren dort Judenverfolgungen und Vertreibungen der Juden an der Tagesordnung waren. Immerhin hatte sich bis in das Zeitalter der Reformation auch in diesen Gebieten ein gewisser Stamm der Judenschaft erhalten. Auch unter der Regierung Kaiser Ferdinands I. als die Zünfte erstarkten und sie die Konkurrenz der zwar nur wenig zahlreichen Juden drückend empfanden, wandten sich die Stadtobrigkeiten scharf gegen die Juden und wussten auch die Habsburger Zentralregierung gegen sie stark einzunehmen. Nach dem Aussterben der Oppelner Piasten war es der kaiserlichen Regierung von sich aus möglich, gegen die Juden einzugreifen, und sie vertrieb sie im Jahre 1562 aus den Herzogtümern Oppeln, Ratibor und Oberglogau, nachdem die Städte Neisse, Jägerndorf, Leobschütz und Falkenberg das Gleiche schon einige Jahre vorher getan hatten. Nur das entlegene Städtchen Zülz behielt seine Judenschaft. Hier schützte sie die Grundherrschaft, weil sie die Einkünfte aus ihren Steuern nicht entbehren möchte. Abgesehen von dieser Enclave, die mit j der Zeit bis zur preussischen Herrschaft die stärkste Judengemeinde Oberschlesiens wurde, war jegliches jüdische Leben in dem westlichen Oberschlesien untergegangen und ist auch nicht einmal in der Gegenwart bis zu jenem Stande, den es dort im Mittelalter eingenommen hatte, wieder aufgerichtet worden. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts verschiebt sich der Schwerpunkt der oberschlesischen jüdischen Geschichte völlig in das Gebiet der rechten Oder. Hier war die Verdrängung der Juden bei weitem nicht in dem Masse gelungen wie auf der anderen Seite. Es .ergab sich im Gegenteil eine stetige Zunahme der jüdischen Bevölkerung dadurch, dass aus dem westlichen Oberschlesien Vertriebene sich hier niederliessen, zu denen dann in den Wirren des 30jährigen Krieges Juden aus Böhmen und zur Zeit der Judenverfolgungen in Polen bei dem grossen Kosakenaufstand im Jahre 1654 auch Juden aus Polen kamen. Die dem übrigen Schlesien gegenüber ganz verschiedene rechtliche, wirtschaftliche und sprachliche Struktur dieses Gebietes war der Erhaltung der Judengemeinden hier viel günstiger als anderwärts. Hier bestanden die grossen Standesherrschaften und Latifundien, deren Herren und Besitzer im Gegensatz zu der absolutistisch und zentralistisch regierten linken Oderseite über Autonomien und Gerechtsame verfügten, die es ihnen ermöglichten, sich über die Vertreibungsbefehle der Oberherrschaft hinwegzusetzen und ihnen mindestens passiven Widerstand zu leisten. Eine städtische Wirtschaft fehlte hier noch so gut wie gänzlich und die Konkurrenzfurcht städtischer Zünfte kam nur wenig in Frage. Überdies waren diese Städte, mit der vielleicht alleinigen Ausnahme von Gleiwitz, nicht unmittelbar der Krone Böhmen untertan, sondern dem Eigentum der Standesherrschaft oder des Grundherrn zugehörige Mediatstädte. Die Grundherren zogen häu- ________I fig Juden für die Verwaltung und Verwertung ihres Landbesitzes heran. Unter den Gutsinspektoren, Pächtern, Dorfkaufleuten und Schankwirten, aber auch unter den kleinen Hintersassen und Landarbeitern sind vielfach Juden zu finden. — Als 1654 zahlreiche polnische Juden nach der Standesherrschaft Beuthen übertraten, bewarben sich die Gutsbesitzer geradezu darum, sie auf ihren Gütern aufzunehmen, und der Besitzer von Rybna im Kreise Tarnowitz nahm gleich 30 derselben in seine Dienste Da diese Juden, die Nachkommen der 4 Jahrhunderte vorher aus Deutschland nach Polen ausgewanderten Vorfahren, im Gegensatz zu den anderen Gutsuntertanen deutsch sprachen, war dieses Personal den Arbeitgebern besonders erwünscht. Die landwirtschaftliche Tradition der Juden im östlichen Oberschlesien hat sich fast bis in die heutigen Tage erhalten. Schon im 18. Jahrhundert hatte manches Vorwerk einen jüdischen Verwalter. Nach der Judenemanzipation in Preussen entstanden in den Standesherrschaften Beuthen und Pless, in den Herrschaften Tost, Gross- Strehlitz, Lublinitz, Rosenberg und Kreuzburg jüdische Gutsbesitzer, vereinzelt sogar Rittergutsbesitzer. Drei solcher Besitzfamilien wurden nach Übertritt zum Christentum sogar in den Adelsstand erhoben u.a. die Rosentals auf Brynnek und die Besitzer der Standesherrschaft Loslau Fritz von Friedländer-Fuld. Insbesondere liebten es die Grafen Henckel als Besitzer der Standesherrschaft Beuthen-Tarnowitz tüchtige und gebildete Juden zum Dienste in ihren Kassen-, Wirtschafts-, Forst- und Bergwerksverwaltungen heranzuziehen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts nahm der Jude Moses derart erfolgreich die Interessen seines gräflichen Herrn wahr, dass ihn der Graf mit verschiedenen schwierigen juristischen Verhandlungen betraute und den Rat seiner Stadt Beuthen wiederholt an diesen Moses verwies. Es kann daher nicht verwunderlich erscheinen, dass die Henckels hin und wieder in ihren Städten Beuthen und Tarnowitz auftretende Neigungen judengegnerischer Natur energisch zurückdämmten. übrigens blieb der konfessionelle Frieden in Beuthen wenigstens durch d. Jahrhunderte der Standesherrschaft und dann noch lange in preussischer Zeit stets ungestört erhalten. Von einem einzigen Zusammenstoss, der zudem recht harmloser Natur war, wird in den Beuthener Akten berichtet. Auf einem Wochenmarkte sammelten sich christliche Konkurrenten eines jüdischen Tuchhändlers vor seiner Verkaufsbude und reizten ihn durch judenfendliche Äusserungen. Es kam zu einer Holzerei, bei der, wie das Gerichtsurteil ergab, die Elle des Juden eine sehr tätig Rollen spielte. Dem Tarnnwitzer Rate gegenüber vermochte die gräfliche Herrschaft mit ihrer Forderung, dort Juden aufzunehmen, rlicht durchzudringen. Die Stadt berief sich darauf, dass sie, ebenso wie viele oberschlesische Städte, ein kaiserliches “Privileg“1 dafür besitze, Juden in ihren Mauer nicht dulden zu brauchen. So sah Tarnowitz die ersten jüdischen Einwohner erst nach der Preussischen Judenemanzipation von 1811. In der ausserhalb der Beuthener Standesherrschaft gelegenen und einer eigenen Grundherrschaft unterstehenden Stadt Myslowitz waren die Verhältnisse für die Juden recht günstig. Sie konnten dort in der Fleischerzunft und einigen anderen Zünften Aufnahme finden, und ein angesehener Jude war im 17. Jhrh. sogar lange Mitglied des Magistrats. (Fortsetzung auf Seite 17) 16