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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 14 (sequence 2301)
Language
German
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Der Niedergang des iohanneums In der vorigen Nummer lasen wir über die Glanzzeit des Johanneums. Meine Erinnerungen jedoch umfassen die 30er Jahre, wo nicht nur das Johanneum, sondern Toleranz und Menschlichkeit überhaupt einen tragischen Niedergang erlitten. Ostern 1932 betrat ich als stolzer Sextaner die ehrwürdigen Räume des Johanneums. Die meisten Schüler waren jüdisch, obwohl es ihnen durchaus nicht allen bewusst war. Im Winter wurde nicht nur Weihnachten gefeiert, sondern der Musiklehrer Pollatschek (“Polio“) veranstaltete eine Channukafeier mit Maos Zur auf dem Klavier. (Nur wenige jüdische Schüler kannten auch den Text). Mir war es noch vergönnt bei Willy Cohn Geographie zu lernen, und schon damals war ich von seiner intellektuellen Vielseitigkeit stark beeindruckt. Er verlangte von uns nicht sinnloses Einpauken von veralteten Lehrbüchern, sondern unterhielt sich mit uns über Nachrichten aus der Zeitung, und dabei erweckte er unser Interesse und Verständnis für Geographie. Seine gutmütige Ironie glingt mir noch heute im Ohr, als er mir “kleine Kartoffeln im Leben“ voraussagte, denn, bekanntlich, haben ja die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln. In unserer Klasse wurden drei Vertrauensschüler gewählt, selbstverständlich alles Juden. Religionsunterricht gab es natürlich für alle Religionen, einige Schüler wussten gar nicht ganz genau, wo sie eigentlich hingehören. Zum Schluss entschieden sie sich für die evangelische Religion, denn dort gab es angeblich die besten Zensuren. Nach der sog. Machtergreifung änderte sich dieser paradiesische Zustand (wir lernten ja in der Paradiesstrasse) recht bald. Die jüdischen Vertrauensschüler sollten durch arische ersetzt werden, und erst Jetzt stellte es sich heraus, dass von den 30 Schülern der Sexta nur drei rein arisch waren. Da konnte man sich die Wahlen sparen. Ostern 1933 wurden Prämien verteilt: Alle 5 Sextaner waren Nicht-Arier, aber das war auch das letzte Mal, denn von nun gab es keine Prämien mehr für Juden. Auch Direktor Gabriel wurde gleich ln Pension geschickt. Bald darauf wurden alle jüdischen Lehrer entlassen, aber auch die jüdischen Schüler verliessen die Schule. Die Klassen schrumpften immer mehr ein, Paralellklassen wurden zusammengelegt, und im Jahre 1935 das Johanneum mit dem Zwinger — Real Gymnasium vereinigt. Das Gebäude blieb zwar in der Paradiesstrasse, und eine humanistische Oberstufe blieb erhalten, aber nichts bezeichnete besser die wirkliche Lage als die Namensänderung der Schule. Ihr Name war nämlich jetzt “Zwinger, Ober-Realschule für deutsche Jungen“. Das judaeisch-griechische Fundament der abendländischen Kultur wurde also somit auch symbolisch durch einen germanischen Zwinger ersetzt. Einige wenige privilegierte jüdische Schüler, die Söhne von Frontkämpfern und Ausländern, blieben in der Schule. Die arischen Mitschüler durften mit uns kein Wort mehr reden, aber ich möchte trotzdem eine kleine Minderheit erwähnen, die den Mut fand, den Kontakt mit uns nicht ganz abreissen zu lassen. Ausserdem gab es einige christliche Nichtarier, mit denen alle Seiten reden durften. Von Ausflügen und Feiern waren wir ausgeschlossen, aber noch immer hofften wir, irgendwie es bis zum Abitur noch durchhalten zu können, vielleicht würde der Nazi-Alptraum doch auf irgendeine Weise Vorbeigehen. Ich sollte doch, dem Wunsche meiner Eltern entsprechend, Grieohisch lernen, und wo in Breslau gab es eine bessere Schule? Der Lehrplan änderte sich natürlich entsprechend den Zeiten: Die Lateinstunden waren nun vor allen Dingen, den Tugenden der Germanen, im Vergleich zu den Römern, gewidmet. Aber als die Achse Berlin—Rom aktueller wurde, wurden d. Römer wieder etwas rehabilitiert. Da die Griechen Sport trieben, wurden die Griechisch-Stunden zugunsten v. Leibesübungen reduziert. Statt Biologie gab es jetzt Rassenkunde, aber taktvollerweise wurde die jüdische Rasse gerade an den jüdischen Feiertagen behandelt, wo wir abwesend waren. Der jüdische Religions-Unterricht musste in das Jugendheim am Stadtgraben verlegt werden, denn, man konnte doch den Ariern nicht zumuten, einen jüdischen Religionslehrer im Gymnasium zu sehen. Der Geschichtsunterricht wurde natürlich völlig umgestaltet, die Geschichte des jüdischen Volkes im allgemeinen Geschichtsbuch einfach mit weissem Papier überklebt. (Man wird doch der Juden wegen kein neues Buch drucken lassen), was die Schüler natürlich sehr erfreute, denn man brauchte da weniger zu lernen, überhaupt, es wurde viel weniger, qualitativ und quantitativ gelernt, ein Jahr wurde völlig gestrichen, damit die Abiturienten schon mit 18 Jahren Soldaten sein konnten. Dafür gab es aber jetzt mehr Feiern. Die älteren Lehrer, meist deutsch-national eingestellt und ehemalige Offiziere, waren nicht direkt antisemitisch, aber sie waren sehr vorsichtig, ihre Sympathien für jüdische Schüler zu zeigen. Im allgemeinen benahmen sie sich uns gegenüber NOCHMALS ANFÄNGE DES ZIONISMUS IN BRESLAU Zu dem besonders interessanten Artikel zu diesem Thema von Rabbi Dr. Brilling in der früheren Ausgabe aber insbesondere wieder angeregt durch die in der jetzigen Ausgabe von Pessach kurzen Ausführungen von J.F. Wolfson, möchte ich mir erlauben kurze Ergänzungen zu bringen. Dr. Briliing benutzt als Quellen Report vom Centralverein Jüdischer Staatsbürger u.s.w., und von Berichten von Dr. Hans Prinz aus dem Jahre 1937. Da ich die Anfänge persönlich von 1898 bis 1904 miterlebt und durchlebt habe, kann ich sie so weit erinnerlich, da leider keine schriftlichen Notizen mehr habe direkt berichten. Mr. Wolfson ist nach meiner Erinnerung durchaus korrekt mit seinen Angaben, dass Dr. Kalmus und Karl Jeremias aus Posen die Initiatoren der Breslauer Ortsgruppenbildung waren. Als ich im Mai 1898 nach Breslau kam, bestand die Ortsgruppe schon. Ob vorher wie Dr. Brilling berichtet, Besprechungen vorbereitender Art von einem Mr. Brieger und Willi Bambus aus Berlin, den ich persönlich später kennen lernte, gewesen sind, habe ich in Breslau nie gehört. Es ist richtig, dass die Versammlungen ln Liebichs Restaurant stattfanden, und ich besuchte sie auch im Sommer 1898. Der erste Vorstand der Ortsgruppe bestand aus Hugo Schachtel, Leo Grünthal, Dr. Kalmus, Dr. Jeremias, Dr. Sandler, R.A. Schwarz, Dr. Finkei, einem Ingenieur aus Österreich, Später kamen als Mitarbeiter hinzu meine Lehrkollegen Otto Cohn, Paul Theodor und etwas später Lazar Felix Pinkus, und Ende des Jahres meine Wenigkeit. Die Versammlungen auf die Rabbi Brilling mit Referendar Posener hinweist, fanden in all den Jahren um 1900 herum statt, und zwar sowohl von den Zionisten als auch als Gegenpol vom Diskutierclub Graetz arrangiert. In diesen trat besonders neben anderen Mr. Posner als schärfster Gegner und Agitator und Antizionist hervor. Diese interessanten, scharfen Debatten haben uns meistens neue Mitglieder hinzugebracht. Diese Erinnerungen sind ja nun History und wohl interessant für die Nachkommen der Breslauer, die um diese Zeit lebten. July 1977, Salo Translateur, Miami Beach anständig. Ein älterer Geschichtslehrer namens Sengfelder, wagte manchmal einige ironische Bemerkungen gegen die Nazis, wenn er sicher war, dass die arische Schüler sie nicht verstehen werden. Die jüngeren Lehrer demonstrierten, so laut sie konnten, ihre Nazigesinnung, vor allen Dingen, um ihre Unwissenheit in ihren eigentlichen Fächern zu übertünchen. Im Herbst 1938 war es bei mir in der Schule nun doch zu Ende. Ich war fast der einzige Jude in der Unter-Prima, als wir endlich auswandern konnten (es wurde dann schon 1939). Als meine Eltern dem Direktor meinen Abgang mitteilten, schlug er ihnen vor, ich solle doch wenigstens das Abitur beenden, er werde für meine Unterbringung in Breslau sorgen, selbst wenn meine Eltern auswanderten. Ein deutsches Abitur sei ja auch im Ausland sehr geschätzt. Sein Vorschlag zeugte zwar von seiner Anständigkeit, aber auch von Naivität und meine Eltern lehnten ihn selbstverständlich ab. Einige Wochen darauf, nach der Kristallnacht, gab es wohl keinen Juden mehr in der Schule, eine Periode war zu Ende gegangen ... In seiner ursprünglichen Gestalt war das Johannes-Gymnasium bestrebt, seine Schüler zu Persönlichkeiten im besten Sinne des Humanismus zu formen, d.h. dass sie sich gemäss dem Ideal des klassische Altertums, in allen Hinsichten zu einer harmonischen Vollkommenheit entwickeln. Mir selbst war es nur kurze Zeit beschieden, diese Bildung zu geniessen, aber doch bin auch ich dem Johanneum zu Dank verpflichtet. Gavriel (Gerhard) Holzer, Aschdod (Israel) AUS EINEM BRIEF AN MEINE MUTTER NACH MARKKLEEBERG BEI LEIPZIG: (Breslau), Samstag, 12.11.(1938) Der Zeitungsausschnitt aus den Leipzlre Neusten Nachrichten interessierte mich sehr; hier ists ähnlich zugegangen. Die teuflischen Juden, die ihr eigenes Geschäftshaus anzünden!1 2 Ob etwa auch die Rabbiner und Totengräber auf dieselbe Idee gekommen waren?») Das empörte Volk, das ohne jede Organisation sich Luft machte1), wie Göbbels gesagt hat, bestand hier aus SS. Auch wurden ca. 1000 Juden inhaftiert und noch am selben Abend abtransportiert; überall sah man die Wagen des Überfallkommando fahren mit ihnen. Es ist seitsamt, dann über Recht, Polizei, Eigentum, Gerichtsbarkeit usw. vom Katheder zu sprechen, aber die Jungen, die nichts mehr anderes kennen, finden das alles wohl ganz in der Ordnung. Wie wird es Bübchen wohl einmal ergehen, das Jetzt so lieb in seinem Bettchen strampelt?... Übrigens sagte Ursel mit Recht: wir sollen jede Rasierklinge und Zinntube sammeln, und da lässt man in einer Nacht in vielen hunderten von Geschäften Waren im Werte von Millionen verderben! Allein, was bei Bamberger & Hertz, bei Ury, hier bei Etam, in dem Schuhladen Seiser, in Optiker- und Ledergeschäften verdorben ist! Man konnte ln manchen dieser Läden hineinschauen. 1) In Leipzig war behauptet worden, das Konfektionshaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz sei von seinen Eigentümern selber angezündet worden. 2) ‘spontan“, sagte Göbbels damals — das Wort wurde von da ab nur noch ironisch gebraucht. *) Hier ist die Zerstörung der Synagogen und die Schändung der jüd. Friedhöfe-gemeint. 14

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