Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 2300)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Fortsetzung von Seite 12) alle Spaltungen, übrigens fühle ich mich verpflichtet, hervorzuheben, dass auch das Zusammenwirken im öffentlichen Leben, sogar in den Frauenorganisationen, durch die gesellschaftliche Trennnung in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Da ich grossen Wert darauf lege, dass meine Berichte als Tatsachen- und nicht als Meinungsberichte aufgenommen werden, will ich als Beleg für meine Darstellung der gesellschaftlichen Beziehungen eine Geschichte aus Kattowitz erzählen. Tauchte da eines Tages ein Ingenieur mit seiner Frau auf, der — ganz zufällig natürlich — im neuen schönen Hause eines jüdischen Besitzers eine Wohnung mietete. Bald stand das Paar in freundschaftlichen Beziehungen zu seinem Wirt und dessen jüdischen Kreis. Und ebenso bald stellte es sich heraus, dass es dem jungen Paar sehr schlecht ging. Als die Zeit gekommen war, kam die junge Frau nieder, und da nicht mal eine Windel vorhanden war, sorgten die jüdischen Freundinnen für die nötige Kinderwäsche, gar nicht davon zu reden, dass der jüdische Arzt die Entbindung vornahm, honoris causa selbstverständlich. Die Zeit ging hin, und nach einer Wahl, bei der es ziemlich hitzig hergegangen war, sass man wieder einmal beisammen, und da bemerkte der Herr Ingenieur: “Ja, wir haben auch .rechts“ gewählt... die Juden machen sich zu breit“. Ihre politische Stellung verdankten die Juden dem Dreiklassen-Wahlrecht, jenem antiliberalen plutokratischen System, das noch im Staate Preussen und seinen Gemeinden herrschte und mit dessen Hilfe die Besitzenden, oft nur eine Handvoll, die besitzlosen und minderbegüterten Massen parlamentarisch majorisierten. So waren die Juden Nutzniesser eines Wahlrechts, das sie als Liberale — später sagte man statt dessen Demokraten — theoretisch verabscheuten und praktisch bekämpften. Kraft ihrer wirtschaftlichen Potenz besetzten die Juden nicht selten die erste oder die zweite Klasse bei den Kommunalwahlen, oder sie hatten ln diesen Klassen einen entscheidenden Einfluss, das heisst, sie stellten ein Drittel der Abgeordneten zum Stadtparlament oder mindestens einen Teil desselben — trotz ihrer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung geringen Zahl. Im nationalen Kampf zwischen Deutschen und Polen standen sie natürlich unbeirrt zum Deutschtum. Die Nachteile, die ihnen aus dieser Haltung bei den Polen erwuchsen, waren auf dem Lande nicht gering, winden jedoch als unvermeidlich in Kauf genommen. Weniger einfach und selbstverständlich war ihre Stellung im religiösen oder besser religions-politischen Gegensatz. Als politisch Liberale — nicht als Juden! — waren sie Gegner des Zentrums, das heisst der parteipolitischen Organisation der Katholiken, und Bundesgenossen aller nichtkatholischen Elemente, auch solcher, zu denen sie nicht selten in einem entschiedeneren Gegensatz standen als zu den Katholiken. So standen sie in einer Front mit jenen politisch rechtsstehenden Gruppen, die genau so antijüdisch wie antipolnisch und antikatholisch waren; die mit den Juden nur paktierten, weil die Umstände es verlangten, vor allem aber ihre treu-deutsche Haltung nicht einmal anerkannten, auch nicht bereit waren, ihnen im Notfall Rückendeckung gegen polnische Angriffe zu gewähren. Einmal, es war wohl während einer erregten Wahlkampagne, griff in meiner Gegenwart ein höherer Bergbeamter die posenschen Juden an, weil sie sich in nationaler Hinsicht als unzuverlässig erwiesen hätten. In meiner Erwiderung brauchte ich mich zum Glück nicht auf die eben gegebene Darlegung der Verhältnisse zu beschränken. Ich konnte dem Herrn auch einen Beweis dafür liefern, dass er und seine Kreise kein Recht zu solchen Verdächtigungen hätten, nachdem ein Regierungsrat in der Provinz Posen, also eine offizielle Persönlichkeit, die für die Einheit aller deutschen Gruppen zu wirken hatte, in einer Zeitung öffentlich erklärt habe: “Wir wollen und brauchen die Juden nicht in unserem Kampf gegen die Polen, wir kämpfen unseren Kampf allein". Es war ein Vorteil für die Juden, dass sie infolge ihrer Stellung als Zünglein an der Waage auch ausgleichend wirken konnten und sich dadurch den Dank aller Elemente verdienten, die keine Verschärfung der Gegensätze wünschten. Vor allem arbeitete die Staatsregierung im Interesse der deutschen Einheit auf möglichste Befriedigung hin, und dazu gehörte auch die Vermeidung von Wahlkämpfen durch friedliche Vereinbarungen. Aber die Gegensätze waren da, und sie erwiesen ihre Lebensfähigkeit durch gelegentliche Explosionen schwächerer oder auch stärkerer Natur. So gab es auch einen latenten Antisemitismus. Natürlich war vielen die wirtschaftliche Stellung der Juden ein Dorn im Auge, und da der Neid bekanntlich nicht eine vorzüglich antisemitische Qualität ist, hatten auch solche Leute den genannten Dorn im Fleische, die empört gewesen wären, wenn man sie dieserhalb zu Antisemiten gestempelt hätte. Wie zum Beispiel jener liebe, harmlose und übrigens sozialdemokratische Kollege, der mir einmal versichete: “Sehen Sie, wenn wir so über die Grundmannstrasse (Kattowitzer Hauptstrasse) gehen und sehen jedes Geschäft in jüdischen Händen, das gefällt uns nicht, da regt sich was in uns“. Anders war mir schon zumute, als mich mein damals vierjähriges Söhnchen, als ich es vom Spielen weg mit nach Hause nahm, unvermittelt fragte: “Papa, warum hassen sie uns?“ Dies waren nur gelegentliche Warnungen vor allzu grosser Sicherheit in einer Situation, die im allgemeinen Ansehen, Respekt und Einfluss gewährte. Es gab aber auch ständige Erscheinungen, die uns wachsam hielten. Da war vor allem der "Oberschlesische Hammerbund“, ein Ableger des gefährlichen “Hammerbundes“ des verbissenen, giftigen Judenfressers Theodor Fritsch8 in Leipzig, einer der erfolgreichsten Vorarbeiter Hitlers. Der Bund hatte seine Hauptstütze in der mittleren Beamtenschaft, und seine Wochenzeitung arbeitete mit den Argumenten, die etwa dem Arsenal der “Weisen von Zion“6 entnommen sein konnten. Mitunter wagten sich “Hammerbündler“ in die Versammlungen des “CentralVereins”, und wenn es auch nicht schwer war, sie rednerisch zu “schlagen“, so gewährte der Sieg doch keine Befriedigung, weil es zu deprimierend war, wenigstens für mich, dem ausschliesslich die Aufgabe zufiel, der Hydra entgegenzutreten, mit sachlichen und logischen Argumenten gegen einen veritablen Dämonenglauben anzukämpfen. Waren auch die Äusserungen dieser Feindseligkeit meist lächerlich, die Gegnerschaft selbst war alles andere als ungefährlich, und in viel stärkerem Grade gilt diese Erkenntnis von der höheren Schicht der Gegner, deren anti jüdische Ideologie in Chamberlains “Grundlagen des neunzehnten Jahrhundrts”7 wurzelte. Dieses gefährliche Werk hat auf die deutsche Intelligenz einen kulturpolitischen Einfluss ausgeübt, der mit der Wirkung der Philosophie Nietzsches auf die Kreise der Literatur und der Kunst zu vergleichen ist. Hier wie dort waren die Irrtümer und Irrlehren mit den Händen zu greifen, auch bei den Gläubigen, und doch behielten diese geistigen Schöpfungen ihre faszinierende Anziehungskraft, weil ihre Tendenz auf eine verwandte gefühlsmässige Grundhaltung weiter Schichten traf. Diese verwandten Seelen waren vor allem in den Kreisen der Lehrerschaft und der höheren Beamtenschaft zu suchen, wobei der Charakter der Grenzlandschaft, die bekanntlich auch das natürliche nationale Bewusstsein nur zu leicht in ein nationalistisches transformiert, einen bestimmenden Einfluss ausübte. Ihren politischen Ausdruck fand diese Gesinnung in der völkischen Bewegung, dem Mutterboden des Nationalsozialismus. In Oberschlesien hatte sie damals, um 1910, keinen aggressiven Charakter, noch nicht, aber eine umso intensivere und extensivere agitatorische Wirkung. Sie stellte sich nicht zum Kampf, aber sie bewies immer wieder ihr Dasein. Die weiten Jüdischen Kreise unterschätzten die Gefahr, weil sie sich nicht brutal aufdrängte, und überschätzten die leichten Volksversammlungssiege, weil sie die offenen Gegner für die wesentlichen hielten. ANMERKUNGEN 1 Johanna Schäffer (geb. 1886 in Rybnik). Nach dem Tode ihres Mannes (22. Dezember 1957) und ihres Sohnes Ludwig (1912—1959) in Rio de Janeiro, zog Frau Stern 1963 zu ihrer verheirateten Tochter Mirjam Schamir (geb. 1911) nach Israel in den Kibbuz Doroth/Süddistrikt. 2 Es ist wenig verwunderlich, dass der Verfasser ein Ereignis nicht erwähnt, das in der Jüdischen Geschichte als epochemachend gelten kann: die 1884 stattgefundene Kattowitzer Konferenz der Zions-Vereine. Die gesamte Führerelite des damaligen Präzionismus fand sich in Kattowitz ein: Leo Pinsker (Verfasser der “Autoemanzipation”), Rabbi Samuel Mohilewer, David Gordon (Herausgeber der ln Lyck/Ostpr. gedruckten hebräischen Zeitschrift “Hamagid”). Max Chasanowitsch, Wissotzky (Teemagnat in Russland) u.a. Es gibt nur eine Erklärung, weswegen H. St. diese Konferenz nicht erwähnt, und diese liegt In seinem zwar grossen, zuweilen aber doch sehr selektiven Wissen über die Jüdische Geschichte. — Übrigens fand 1912 wiederum eine bedeutsame Konferenz in Kattowitz statt, nämlich die Gründungsversammlung der Agudath-Jisrael Partei, an der die Prominenz der orthodoxen Richtung teilnahm. Auch diese Konferenz übergeht Stern mit Stillschweigen. 3 Bereits zur Zeit der Jahrhundertwende wurde um den Standort des jüdischen Geschichtsunterrichts von erstklassigen Schulmännern bzw. Rabbinern gerungen, z.B. im “Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht", hrsg. von Dr. M. Spanier und E. Flanter (H. 1, 1899: R. Dr. Benno Jacob, Behandlung der Jüdischen Geschichte; H. 2: Prof. Dr. Tachauer zum gleichen Thema, wobei er sich vor allem auf Maybaums “Methodik des jüdischen Religionsunterrichts”, Breslau 1896, stützt). 4 In der oberschlesischen Industrie zur Zeit ihrer Gründung gab es eine Anzahl Jüdischer Namen. So gründete Moritz Friedländer zusammen mit Mannheimer und Löwy die Minerva-Hütte. Vgl. hierzu Kurt Zielenziger, Juden in der deutschen Wirtschaft, Berlin 1930: “Otto Friedländer [der Sohn von M.] errichtet Ende der sechziger Jahre die Heinitz-Grube und die Moritz-Hütte, die heute als Julien-Hütte das grösste Werk Oberschlesiens darstellt. Heinrich und Aloys Kern schaffen die Herminen-Hütte bei Laband, an der sich ihre Neffen Georg und Oskar Caro beteiligen... Die Nachkommen dieser Gründerfamilien sind heute längst nicht mehr an diesen Unternehmungen, die meistens In der Oberschles. Hüttenwerke AG zusammengefasst sind, beteiligt”. 5 Theodor Fritsch (1855—1933). Sein am meisten verbreitetes Werk, “Handbuch der Judenfrage”, zählte bis 1919 28 Auflagen, bis 1944 49 Auflagen. 6 Die sogenannten “Protokolle der Weisen von Zion” sind keine wirklichen Protokolle, sondern eine raffinierte Fälschung. Anonyme Publizisten Im zaristischen Russland kompilierten darin aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissene Aussprüche von Jüdischen Persönlichkeiten. Das Ziel war, Unruhe und Empörung vor dem zersetzenden und gemeingefährlichen Charakter des internationalen und zugleich doch völkischen Judentums zu entfachen. Vgl. Benjamin Segel, Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet, Berlin 1924. 13