Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2299)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Io B E R S C H L E S I E Nl ni __________ Aus dem Buch von Heinemann Stern, Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen, Erinnerungen, herausgegeben und kommentiert von Hans Ch. Meyer. Düsseldorf, 1970. Heinemann Stern war von 1906 bis Anfang 1922 Lehrer in Oberschlesien. Zunächst drei Jahre in Tarnowitz, ab 1909 in Kattowitz. Von 1931 bis 1939 leitete Stern die Knabenmittelschule in der Grossen Hamburgerstrasse ln Berlin. Er emigrierte nach Brasilien. Seine Tochter Miriam Schamir lebt mit ihrer Familie im Kibbuz Doroth. Ein Sohn Othniel, geboren 1941, wurde als Fliegerhauptmann im Sechstagekrieg abgeschossen. Der Enkel des entschiedenen C.V.ers Stern starb den Heldentod für Israel. Im Frühjahr 1909 las ich die Ausschreibung einer Stelle an der Knabenmittelschule in Kattowitz, und auf den dringenden Rat eines befreundeten Kollegen hin sandte ich meine Bewerbung ein — eher pflichtmässig als hoffnungsvoll. Immerhin machte ich dem Rektor der Schule meine Aufwartung und bat ihn um eine Äusserung über meine Aussichten. Seine Antwort war charakteristisch für die in Oberschlesien herrschende Auffassung von Gleichberechtigung, zugleich aber auch für die politische Stellung des Judentums im Bezirk. “Unsere Schule zahlt rund hundert jüdische Schüler, und diese Zahl begründet einen Anspruch der Juden auf zwei Lehrerstellen. Ich habe mich schon immer gewundert, dass sich kein Jüdischer Kollege meldet“. So etwas hatte ich in meinem bewegten und erfahrungsreichen Lehrerdasein noch nicht zu hören bekommen, und danach durfte ich wohl Hoffnungen hegen. Sie erfüllten sich, und wenige Wochen später war ich Mittelschullehrer in Kattowitz. So hatte sich also die harte dreijährige Arbeit zur Mittelschulehrer- Prüfung doch noch gelohnt, und ich hatte die höchste Sprosse der Leiter, die für mich erreichbar war, erklettert. Aber auch in materieller Hinsicht bedeutete die Berufung eine ausserordentliche Besserung meiner Lage: die Gehaltsverhältnisse waren erheblich besser, die Unterrichtsverhältnisse unvergleichlich angenehmer, und endlich trat ich in den Dienst einer Verwaltung, die wegen ihrer Liberalität, Grosszügigkeit und ihres ausgezeichneten Verhältnisses zu ihrer Beamtenschaft bekannt und anerkannt war. Wenn ich in diesen Jahren gelegentlich der 'Ferienreisen in meine Heimat kam und auf die Frage, wo ich denn eigentlich stecke, Oberschlesien nannte, dann traf mich in der Regel ein Blick des tiefsten Bedauerns; denn in der Vorstellung des eingefleischten West- und Süddeutschen war alles Land östlich der Elbe, Berlin natürlich ausgenommen, Halbasien. Es war ein Vorurteil, wie hundert andere entstanden aus der absoluten Unkenntnis der Dinge. Von dem atemraubenden Rhythmus des wirtschaftlichen, dem hohen Niveau des kulturellen Lebens machte sich kaum einer eine annähernde Vorstellung, allerdings auch nicht von der landschaftlichen Armut, ja Hässlichkeit weiter Strecken des Bezirks. Und der Mittelpunkt dieser verkannten Provinz, wenigstens der kulturelle, war Kattowitz. Die Stadt hatte damals etwa 50 000 Einwohner, unter diesen etwa 3500 Juden, einschliesslich der Gemeindemitglieder in den Vororten. Es war die kleinste unter den grossen Städten des Bezirks, aber trotzdem die sauberste, hellste — von Schönheit wage ich nicht zu sprechen — und von einer Lebhaftigkeit des gestig-künstlerischen Lebens, die ganz gewiss von keiner Grosstadt des Westens oder Südens mit 100 000 Einwohnern übertroffen wurde. Man kann darum den Dünkel der Kattowitzer begreifen, wenn sie mit bewusster Übertreibung die Provinzial-Hauptstadt Breslau — 2% D-Zug-Stunden entfernt — eine Vorstadt von Kattowitz nannten. Eine gewisse eifersüchtige Konkurrenz bestand nur mit dem benachbarten Beuthen, das grösser und reicher war, vor allem aber als solider galt — und wohl mit Recht. In diesem bewegten Leben spielte das jüdische Element eine führende Rolle, nicht nur infolge seiner zahlenmässigen Stärke, sondern auch wegen seiner Leistungsfähigkeit. Und ebenso intensiv war das Jüdisch-geistige und gesellschaftliche Leben, getragen von einer breiten Schicht gebildeter und interessierter Persönlichkeiten, vor allem auch einer ausserordentlich aktiven Jugend. Kein Wunder, dass ich in diesem Strom mit Behagen schwamm und nicht nur glaubte, sonder nauch wünschte, endlich am Ziel meines nun zehnjährigen Wanderlebens zu sein. Und dann, ich war unterdes ein Dreissiger geworden, sah ich mich ernsthaft unter den Töchtern des Landes um — unernsthaft hatte ich das selbstverständlich schon lange getan, wenn ich auch nicht davon gesprochen habe —, und es kam, wie es kommen musste. Ich fand die Frau,1 wie ich sie mir wünschte, aus einer Familie, deren Namen ln Schlesien einen guten Klang hatte und in der dieselben Grundsätze der Schlichtheit und Geradheit herrschten, in denen ich erzogen war. In Kattowitz sind dann im Laufe der Jahre unsere drei Kinder geboren, von denen die beiden älteren zu unserem Glück aufwuchsen, während wir das Jüngste wieder verloren. Wenn auch Kummer und Sorgen nicht ausblieben, so hatte einer meiner Tarnowitzer Freunde doch recht, als er sagte: “Der Stern ist im Glück; was er anfasst, gelingt ihm". Ja, es gelang noch manch anderes. In Kattowitz wuchs ich in zwei Arbeitsgebiete hinein, in denen ich mich auch literarisch betätigte: in die Psychologie und in die Judenfrage.2 Nur äusserlich liegen diese Gebiete weit auseinander; denn die Judenfrage ist im Grunde ein historisches und psychologisches Problem. Je weiter ich in seine Tiefen drang, um so mehr verlor das Studium für mich seine ursprüngliche apologetische Bedeutung, und die wissenschaftliche Problematik trat in den Vordergrund, umso mehr erkannte ich ferner die unlösbare Verflechtung der jüdischen mit der allgemeinen Geschichte. Dadurch kam ich zu einer kritischen Stellungnahme gegenüber der üblichen jüdischen Geschichtsschreibung, vornehmlich der populären, und zum üblichen Geschichtsunterricht,3 die beide aus der jüdischen Geschichte fast ausschliesslich eine Darstellung des jüdischen Martyriums und 'der geistig-religiösen Entwicklung gemacht haben. Das mir in der kleinen Provinzstadt, fern von allen wissenschaftlichen Instituten, eine solche geistige Arbeit möglich wurde, verdanke ich nicht zuletzt der ausgezeichneten Buchhandlung von Georg Hirsch und dem bewundernswerten Verständnis ihres Inhabers für meine besonderen Bedürfnisse. Übrigens war def Instinkt dieses idealen Buchhändlers durchaus nicht einseitig; denn wenn ich in den Schätzen des engen Lädchens herumstöberte, geschah es gewöhnlich in distanzierter Nähe mit dem erklärten Rassenantisemiten der Stadt, Herrn Pestor N., der den kulturschändigen Einfluss des Judentums bekämpfte — einerseits; als Bezugsmittel für seine literarischen Kampfmittel jedoch den jüdischen Schädling den arteignen Förderern vorzog — anderseits. SPANUNGEN UND KÄMPFE Ein politischer Wetterwinkel Grenzgebiete sind selten ruhige Wohnstätten; Oberschlesien war es ganz gewiss nicht. Unser Industriebezirk war ein Herd nationaler und religiöser Gegensätze, die sich noch dazu kreuzten. Auf engem Boden lebten etwa eine Million Menschen, dicht zusammengedrängt, Deutsche und Polen der Nationalität, Katholiken, Protestanten und Juden der Religion nach. Die überwältigende Majorität bildeten die Katholiken. Nicht so klar war das Verhätlnis der Nationalitäten zueinander: auf dem Lande und in den Industrieorten war unbedingt das Polentum in der Mehrheit, in den Städten das Deutschtum. Diese Gruppen standen einander in Kampfstellung gegenüber, Polen und Katholiken — vielfach ein- und dasselbe — um die Erringung, die anderen um die Behauptung der Macht. Und mitten im Zentrum der Spannungen die Juden; hier aber nicht als religiöse Minderheit, sondern als Faktor in der Politik, wenigstens in der Kommunalpolitik. Es waren im ganzen etwa 15 000 Juden, in den Städten jedoch dicht gesiedelt, bis etwa zu drei Prozent der Bevölkerung; absolut genommen stärker als in den meisten Grosstädten des Westens und Südens. Beruflich waren sie hauptsächlich im Handel, auch im Grosshandel, und in den freien akademischen Berufen vertreten. Aber auch das Handwerk und ebenso das Beamtentum waren bei ihnen anzutreffen; an den Gerichten, in den Schulen, im Eisenbahnwesen, hier auch Im mittleren Dienst. Während sie jedoch in diesen Kreisen in der Masse verschwanden, traten sie in den anderen umso mehr hervor. Man kann wohl sagen, dass die Zahl der jüdischen Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte und besonders Apotheker der der christlichen gleichkam, wenn sie diese nicht gar übertraf. In Tarnowitz waren zwei Apotheken — ln jüdischen Händen, in Kattowitz zur Zeit meiner Übersiedlung vier, davon drei in jüdischem Besitz. Unter den Handelszweigen waren besonders zwei stark von Juden besetzt: das Schankgewerbe, oft in Verbindung mit Grossdestillation, und der Holzgrosshandel, der im Berbau eine lebenswichtige Rolle spielt. Es gab ln dieser Branche jüdische Firmen von osteuropäischer Bedeutung; daneben andere in Spezialzweigen von Ruf, wie zum Beispiel die Firma Rawack und Grünfeld (Erze) in Beuthen, die ihren Sitz später nach Berlin verlegte, sowie die oberschlesische Niederlassung Silberstein der Kohlen-Grosshandelsfirma Friedländer-Fuld in Berlin. Auch im Hotel- und Speditionswesen traten die Juden hervor.4 Gesellschaftlich war das Judentum isoliert. Damit will ich nicht sagen, das eine jüdische Familie nicht auch einmal mit einer christlichen Verkehr gehabt hätte. Aber im allgemeinen war das Verhältnis so, dass man da, wo es üblich war, sich gegenseitig den Antrittsbesuch machte, sich dann bei Gelegenheit freundlich begrüsste, im Berufsleben, also bei den Herren der akademischen Berufe, sehr kollegial miteinander verkehrte und sich so ausgezeichnet stand. Was ich von interkonfessionellem Verkehr persönlich erlebt habe, war nicht erfreulich. Ohne Ausnahme war der Partner von der anderen Organisation — Rassen waren damals offiziell noch unbekannt — für seinesgleichen nicht vollwertig, eine sehr peinliche Feststellung für einen Chronisten jüdischen Lebens. Nur in einem Fall konnte man eine allgemeingültige Ausnahme bemerken: Wenn es sich um künstlerisch interessierte Kreise handelte, waren die üblichen Gegensätze ausgeschaltet; die Kunst, bei uns vor allem die Musik, überbrückte (Fortsetzung auf Seite 13) 12