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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 11 (sequence 2298)
Language
German
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Erinnerungen 4. In Berlin. Im Frühjahr 1920 ging ich nach Berlin, um dort an der Universität Philosophie und deutsche Literaturgeschichte zu studieren. Die tiefsten Eindrücke in den ersten Semestern gaben mir die Vorlesungen des Philosophen Ernst Troeltsch und des Literaturhistorikers Max Herrmann. Was ich bei ihnen über Ethik und Religionsphilosophie, über die Geschichte der Philosophie, über Goethe, über Lessing, über die deutsche Romantik zu hören bekam, hat mich nachhaltig beeinflusst. Die Vorlesung von Ernst Troeltsch fand in einem der grössten Hörsäle der Universität statt. Der Saal war bis zur letzten Reihe besetzt. In einer der letzten Reihen sass ich selber. Meine Nachbarin war eine schöne, junge Studentin, die aus Memel stammte. Wir kamen bald ins Gespräch. Und wir waren dann sehr oft zusammen. Nicht nur in der Universität, sondern auch auf gemeinsamen Ausflügen in den Grunewald, nach Potsdam, an den Wannsee. Was mich damals besonders beschäftigte, war das Verhältnis von Dichtung und Philosophie. Ich dachte mir, dass sie irgendwie eins sein könnten und sein sollten. Meine Freundin Lena war damit ganz und gar nicht einverstanden. Aber gerade darum hatten wir interessante und fördernde Diskussionen miteinander, wenn wir in den Wäldern um Berlin umher spazierten. Lena wohnte in einem möblierten Zimmer ganz im Norden von Berlin. Wenn ich sie von der Universität oder von einem unserer Ausflüge nach Hause begleitete, hatten wir einen weiten Weg zurückzulegen. Wenn ich mich dann an der Tür ihres Hauses von ihr verabschiedete, hatte sie immer noch drei oder vier Treppen zu ihrem Zimmer hinaufzusteigen. Das erschien mir eine ziemliche Aufgabe für eine junge Studentin, und so pflegte ich sie jedes Mal zu bitten, mir einen Zettel hinunterzuwerfen und mir ihre gute Ankunft in ihrem Zimmer mitzuteilen, sobald sie oben angelangt war. Meine Freundin tat das gerne. Und sie schrieb mir die entzückendsten kleinen Briefchen, die sie ' mir dann vom Fenster ihres Zimmers aus auf die Strasse warf. Ich wartete mein Briefchen ab — dann begab ich mich auf die Heimreise nach dem Berliner Westen. Lena heiratete im Jahre 1923 einen Professor der Universität. Ich war dann nicht selten bei ihr und ihrem Mann zu Besuch. Und ich blieb in Verbindung mit ihr — auch als sie viele Jahre später Berlin verliess. Erst in den Wirren der Nachkriegszeit in den vierziger Jahren verlor ich ihre Spur. Das letzte Mal war ich mit ihr zusammen, als sie schon nicht mehr in Berlin wohnte, aber zur Erledigung irgendwelcher Geschäfte für ein, zwei Tage nach Berlin gekommen war. Ich traf sie kurz vor dem Abgang ihres Zuges im Wartesaal des Anhalter Bahnhof. Damals hatte ich gerade eine Reihe philosophischer Kurse im Jüdischen Lehrhaus gegeben. Nun erzählte ich Lena von diesen meinen Kursen und von meinen Hörern und Hörerinnen. Da war eine insbesondere, die mir sehr gefiel. Sie hiess Edith und war erst vor kurzer Zeit aus ihrer Heimatstadt Elberfeld nach Berlin gekommen. Ihre Laufbahn als meine Hörerin hatte sie mit meinem Kursus über Hermann Cohen begonnen. Da ich mir angwöhnt hatte, am Ende jedes Lehrgangs die Teilnehmer zu mir einzuladen und dann auch ein Bild meiner Hörer aufzunehmen, war ich in der erfreulichen Lage, Lena auch ein Bild von Edith vorzuführen. Sie sah das Bild an und hörte sich meinen Bericht aufmerksam an. Dann meinte sie: “Das wäre die richtige Frau für dich!” Ich dachte nicht daran, ihr zu widersprechen. Ich hatte die kleine Edith am 13. Mai 1937 Von Hans Margolius kennen gelernt. Das war ein ungemütlicher Tag in Berlin. Es regnete von früh bis spät in Strömen. Am liebsten wäre ich an diesem Tage zu Hause geblieben. Aber am Abend des 13. Mai fand im Logenhaus in der Joachimsthaler Strasse die Eröffnung des Sommer-Semesters des Jüdischen Lehrhauses statt. Und da ich nun seit einiger Zeit selber zum Lehrkörper des Lehrhauses gehörte, hielt ich es für meine Pflicht, bei dieser Eröffnungsfeier nicht zu fehlen. Trotz des Regens war der grosse Saal des Logenhauses fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als die Türen geschlossen wurden und die Feier begann. Es war wohl schon nach einer der Begrüssungsreden, aber noch vor dem Hauptvortrag des Abends, als die Türen sich noch einmal öffneten und ein kleines, junges Mädchen mit dunklen, braunen, lockigen Haaren sich verspätet in den Saal schob. Ich blickte auf. Kurz danach begann Dr. Warschauer mit seinem Vortrag über die “Offenbarung am Sinai." Nicht ganz eine Woche nach dieser Eröffnungsfeier begann ich in diesem Semester mit meinem Kursus. Die Zahl der Hörer war diesmal grösser als in den früheren Kursen. Ich begann mit einer Einführung in das Leben von Hermann Cohen. Noch war ich damit nicht sehr weit gekommen, als wieder wie neulich bei der Eröffnungsfeier die Tür sich auf tat und ein junges Mädchen hineinkam und sich niedersetzte. Es war unzweifelhaft dieselbe, die schon am 13. Mai zu spät gekommen war und meinen Blick auf sich gezogen hatte. Nun konnte ich sehen, dass sie unter ihren braunen Locken ein Paar dunkelblaue Augen hatte... Ein Jahr danach, am 14. Juni, dem Hochzeitstag meiner Eltern, verlobten wir uns. Es war wohl noch vor unserer Verlobung, dass ich mit Edith auf einer Wanderung ln der Umgebung von Berlin einen schönen Waldweg passierte... da begann Edith plötzlich ein Problem aufzurollen, das auch mich schon oft und wiederholt beschäftigt hatte. Sie fand, dass sie da gerade eine schöne Wanderung hinter sich hatte. Und nun kam ihr der Gedanke, dass manche ihrer Freundinnen doch nie oder nur sehr selten von Jungen Männern aufgefordert winden, zu einem schönen Ausflug mitzukommen... obschon sie doch ihrer Meinung nach, nicht weniger interessant wären als sie selber... offenbar nur darum, weil es ihnen an einer ansprechenden äusseren Erscheinung fehlte. Meine junge Begleiterin fand das in höchstem Grade ungerecht und bedenklich und wünschte von mir als Philosophen eine Erklärung. Die äussere Schönheit eines Menschen schätzen, wäre demnach keineswegs ein unberechtigtes Haften an äusserer Erscheinung. Aber Edith sah mich zweifelnd an. Sie fand meine Lösung ihres Problems nicht sonderlich befriedigend. Hatte ich das Problem nicht allzu sehr nur von einer Seite, nur von der Seite der Schönheit aus gesehen. Wenn aber die Schönheit und das Ansprechende eines Menschen auch eine Art Verdienst des inneren, des seelischen Seins dokumentierte, wie stand es auf der anderen Seite? Wie stand es mit den vielen Menschen, die äusserlich gar nicht oder nur wenig ansprechend waren und die doch unzweifelhaft in ihrem inneren Wesen den äusserlich Begabteren in nichts nachstanden, die gewiss an Feinheit des Empfindens und Verstehens, an Hilfsbereitschaft, an Wohlwollen, an Kraft des Begeisterung keinem anderen unterlegen waren? Kannten wir nicht selber viele solcher Menschen? Ich musste Edith zugeben, dass gewiss Güte und innerer Wert eines Menschen nicht immer auch äussere Schönheit zu haben scheinen. Aber, so dachte ich weiter, vielleicht scheint es eben nur so, als ob es so wäre. Und ln Wahrheit ist überall da, wo ein Gutes ist, auch ein Schönes gegeben. Und allein unser Auge sieht diese Schönheit der Güte und des inneren Wertes nicht leichthin und nicht immer ohne weiteres. Vielleicht bleibt sie uns doch nie ganz verborgen, wenn wir nur redlich bemüht nach ihr suchen... War das eine wirkliche und ganz zufrieden stellende Antwort auf Ediths Frage? Es war gewiss nicht mehr als ein erster Anfang und Ansatz einer Antwort. Aber wer wollte sich auch getrauen, irgendeine Frage, die das Leben uns stellt, voll und ganz zu lösen? Und vielleicht hat es schliesslich seinen guten Sinn, dass wir so wenig zu beantworten wissen. Was wären die Menschen, wenn sie eines Tages nichts mehr zu fragen hätten?... An unserm Verlobungstag waren Edith und ich auf der Reise. Wir hatten damals, im Juni 1938, gut eine Woche In Ediths Elternhaus in Elberfeld zugebracht. Dann aber, am 14. setzten wir uns auf die Bahn und fuhren nach dem Schwarzwald, nach Trlberg, wo eine gute Freundin Ediths uns erwartete und in Empfang nehmen sollte. Unterwegs machten wir für ein paar Stunden Station in Heidelberg. Wir stiegen zum Heidelberger Schloss hinauf. Wir sahen das Schloss an und gingen im Schlosspark spazieren. Wir waren auch an der Universität und am Neckar. Am Neckar und in Heidelberg zu sein, das war gewiss kein schlechter Platz für einen Verlobungstag. Aber unsere eigentliche Feier hatten wir doch schon am Abend zuvor gehabt. Da waren Ediths Vater und Mutter mit uns gewesen. Auch Ediths Schwestern Grete und Ulla und ihr Bruder Georg waren da, um mit uns zu feiern. Nur Ediths Schwester Alice war damals in Prag und musste sich damit begnügen, uns schriftlich zu gratulieren. Die kleine Ulla rauchte zu Ehren unserer Verlobung eine Zigarette. Ediths Vater hielt eine kleine Rede. Zuguterletzt glaubte ich, es meinem guten Ruf als "Philosoph“ schuldig zu sein, auch eine Rede zu halten. Ich welss nicht mehr, was ich da in diesem Toast auf meiner eigenen Verlobung sagte. Aber das Leitwort meines Toastes habe ich mir wohl gemerkt. Es war ein Satz, den mein Vater mich einmal viele, viele Jahre zuvor lieben lehrte: Im Buche des Jeremias heisst es: “Das Wort des Ewigen erging an mich also: Gehe und rufe vor den Toren Jeruschulajims also: So spricht der Ewige: Ich gedenke dir die Huld deiner Jugend, die Liebe deiner Brautzeit, da du mir nachzogst ln die Wüste, in ein unbebautes Land...“ Das war gesprochen von der Liebe der Kinder Israel zu ihrem Gotte... Aber galt es nicht in Wahrheit von aller Liebe überhaupt? Als mein Vater beschloss einen Vortrag über Mutter und Kind in der Bibel, den er einmal in Breslau gehalten hate, zu einem kleinen Buch auszuarbeiten, da dachte er daran, diesem Buche eine Widmung an meine Mutter voranzustellen und der Widmung dieses Wort aus d. Buch Jeremias als Motto mit auf d. Weg zu geben... Nun hatte ich wieder an diesen Satz gedacht. Ich hatte gedacht an das "unbebaute Land“, in das meine Mutter ihrem Mann einmal nachgezogen war. Und ich hatte gedacht an die “Wüste“ und an das “unbebaute Land", das nun vor Edith und mir selber lag. Wir wussten damals, im Sommer 1938, sehr wohl, dass wir nicht lange mehr in Deutschland bleiben konnten. Wir wussten, dass wir auswandern mussten. Wir wussten nicht, was in der Ferne auf uns wartete — was wir tun würden, um zu leben. Alles ln unser gemeinsamen Zukunft war im Ungewissen. In sehr viel höherem Grade noch, als meinen Eltern ihre Zukunft ungewiss und unsicher erscheinen konnte! Ich hatte allen Grund, der Jungen Gefährtin, die mit mir gehen wollte; ich hatte allen Grund, meiner Edith dankbar zu sein. 11

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