Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 2295)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichte der Familie Nothmann (Fortsetzung von Nr. 41) Einige Jahre vorher war Adolf von den Vettern Victor und Max Nothmann, den Söhnen des Bankiers Isaac Samuel Nothmann (1805—1860), die damals in Sao Paolo als Fabrikanten erfolgreich tätig waren, aufgefordert worden, zu ihnen nach Brasilien zu kommen. Auch dieses Angebot hatte er abgelehnt. Die Übersiedlung nach der neuen Welt war ihm wohl zu abenteuerlich, und ausserdem wollte er damals heiraten. Deshalb blieb er im Lande. Er selbst hatte diesen Entschluss später nicht zu bereuen, denn er konnte es in Deutschland zu einer hervorragenden Stellung bringen. Für die heute Lebenden ist allerdings der Gedanke naheliegend, wie viel besser es für die Familie gewesen wäre, wenn Adolf damals durch rechtzeitige Auswanderung ihr die spätere Austreibung erspart hätte! Im Jahre 1839 kam dann das Angebot, das für die Zukunft Adolfs entscheidend wurde. Fritz Friedländer, der spätere Geheime Kommerzienrat von Friedländer-Fuld, übernahm ihn ln seine Firma Emanuel Friedländer & Co., für die er damals eine Koks-Verkaufsabteilung in Berlin errichtete; als “Disponent“ dieser Abteilung begann Adolf seine Tätigkeit in Berlin und wanderte nun täglich von der in der Krausenstrasse gemieteten Wohnung zum Büro unter den Linden. Aus der Verkaufsabteilung der Kohlenfirma wurde 1895 eine Aktiengesellschaft unter der Firma “Oberschlesische Kokswerke & Chemische Fabriken“ mit eigenen Kokereien in Zabrze, dem späteren Hindenburg in Oberschlesien; ein Unternehmen, das alsbald ständig mehr an Umfang zunahm, namentlich durch die wachsende Bedeutung welche die bei der Koksherstellung erzeugten Nebenprodukte, wie Benzol, Teer mit seinen Farbstoffen, Ammoniak u.a. für die chemische Industrie erlangten. Die Aktiengesellschaft hat bis 1948 bestanden und war zuletzt nach den I.G. Farben-Industrien A.G. der grösste chemische Trust Deutschlands. In ihren ersten Vorstand trat 1895 mein Vater als Direktor. 1907 wurde er Generaldirektor der Firma, die inzwischen in die Reihe der Gesellschaften mit Millionenkapital eingerückt war. Von den internationalen Verbindungen des Unternehmens bekam ich schon als Kind eine Vorstellung durch die Berichte meines Vaters über seine Verhandlungen und Verträge mit ausländischen Firmen und über seine zahlreichen Geschäftsreisen, die ihn nach Wien, Budapest und Warschau, nach Paris, Brüssel, in den Jahren 1908 und 1910 auch nach U.S.A. Mit dem wachsenden Umfang des Geschäfts hob sich auch die Stellung meines Vaters, und sein steigendes Einkommen fand Ausdruck in Lage und Ausstattung der Wohnung der Familie, die immer weiter nach dem vornehmen Berliner Westen verlegt wurde (1890 Landgrafenstrasse 19, 1905 Meinekestrasse 25 am Kurfürstendamm), und in den jährlichen Ferienreisen. Die Freude an seinen geschätflichen Erfolgen wurde meinem Vater aber immer wieder verleidet durch Zurücksetzungen, die er sich in seiner persönlichen Stellung gefallen lassen musste. Der Grund hierfür war natürlich, dass er Jude war. Leitende Stellungen wurden zwar damals in deutschen Bank- und Handelsunternehmungen von zahlreichen Juden bekleidet; aber in der Industrie, namentlich in der Kohle u. Eisen erzeugende Schwerindustrie, wurden Juden selten an d. Spitze v. Aktiengesellschaften berufen. Diese Wirtschaftskreise betrachteten sich als einen Elite-Stand, in den Juden nicht hineingehörten, — genau so wenig wie in die Armee oder die Staatsverwaltung. Daher kam es, dass der Aufsichtsrat der Oberschlesischen Kokswerke zwar die Dienste meines Vaters, deren Wert er anerkennen musste, durch angmessene Gehaltsbezüge honorierte, dass er ihm aber die repräsentative Stellung, die ihm als dem eigentlichen Leiter des Geschäfts zukam, immer wieder vorzuenthalten suchte. Das geschah sicher nicht aus persönlicher Missgunst, die mein Vater bei manchen Mitgliedern des Aufsichtsrat argwöhnte, sondern einfach aus der nicht unbegründeten Sorge, dass die Gesellschaft geschäftliche Nachteileerleiden könnte, wenn zu ihrem massgebenden Vertreter ein Jude bestellt würde. Besonders empfindlich in diesem Punkte war Fritz von Friedländer, der Hauptaktionär der Gesellschaft und Vorsitzende des Aufsichtsrats, der sich als Christ, als Preussischer Geheimrat und nun gar seit 1906 als Mitglied des preussischen Adels vom Judentum möglichst entfernt hielt. Er musste doch ängstlich vermeiden, dass “seine" Aktiengesellschaft als ein jüdisches Unternehmen abgestempelt wurde. Mehr Entgegenkommen fand mein Vater bei dem Stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Karl Fürstenberg, dem Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft. Auch dieser konnte aber nicht verhindern, dass Fritz von Friedländer sogar zu Vertragsverletzungen schritt, wenn es galt, meinen Vater von der obersten Geschäftsleitung fernzuhalten. Im Jahre 1907 schied der Generaldirektor Berve aus dem Vorstande der Gesellschaft aus. Meinem Vater war Jahre zuvor verträglich zugesichert worden, dass In diesem, bereits vorgesehenen Falle kein anderes Mitglied des Vorstandes ihm übergeordnet werden sollte. Im Widerspruch mit dieser Zusage berief Fritz von Friedländer alsbald einen neuen Generaldirektor (Liebert), dem der Vorsitz im Vorstande übertragen wurde. Liebert starb zwar bald darauf und vor einer neuen Vertragsverletzung scheute der Aufsichtsrat zurück, zumal er inzwischen wohl oder übel meinen Vater zum Generaldirektor hatte ernennen müssen. Aber damit dieser nach aussen hin nicht als eigentlicher Geschätfsführer, der er tatsächlich war, erscheinen sollte, wurde ihm alsbald ein zweiter Generaldirektor (Herrmann) zur Seite gestellt. Derselbe Vorgang wiederholte sich einige Jahre später, nach dem der Generaldirektor Herrmann aus dem Vorstande ausgeschieden war. Friedländer überliess seinen Aktienbesitz den Grossbanken als deren Vertreter der Justizrat Ahlemann den Vorsitz im Aufsichtsrat der Gesellschaft übernahm. Mit ihm geriet mein Vater sehr bald in Zwistigkeiten, da er pflichtgemäss Widerstand leistete, wenn Ahlemann die Interessen der Gesellschaft anderen unterordnen wollte. Ein solcher Fall gab Ahlemann im Jahre 1913 Anlass, wieder einen zweiten Generaldirektor zu berufen, wobei er es nicht einmal für nötig hielt, von der beabsichtigten Massnahme meinen Vater in Kenntnis zu setzen. Dass dadurch auch zwischen den Direktoren selbst ein peinliches Verhältnis geschaffen wurde, lässt sich leicht denken. Gerade die Jahre, in denen mein Vater auf der Höhe seiner geschäftlichen Erfolge stand, brachten ihm daher, neben den mit der Leitung eines umfangreichen Industrie-Unternehmens verbundenen Sorgen, unausgesetzt Aufregungen, die der Kampf um seine persönliche Stellung, die Uneinigkeit zwischen ihm und dem Aufsichtsrat, und immer wieder das Gefühl erlittenen Unrechts ver-' ursachten. Zu der Einsicht, dass es für einen Juden in Deutschland niemals Gerechtigkeit geben konnte und zu der dadurch gebotenen Resignation hat mein Vater sich nicht durchringen wollen. Er hat immer wieder den Kampf um sein Recht aufgenommen. Dieser ständige Streit, dem seine Gesundheit nicht gewachsen war, ist die Ursache seines frühen Todes geworden. Auf einer seiner Geschäftsreisen, die ihn wie so oft nach Oberschlesien führte, ist er am 13. Juni 1913 in der Stadt Tarnowitz, wenige Meilen von seinem Geburtsort Langendorf entfernt, plötzlich und ohne vorhergegangene Krankheit, kaum 53 Jahre alt, an einem Herzschlag gestorben. Es war als hätte ihn die alte Heimat liebreich in ihre Arme genommen, um ihm die kommenden Jahre der Friedlosigkeit zu ersparen. Den Weltkrieg und dei deutsche Niederlage, den Verfall der deutschn Wirtschaft, die Judenverfolgung des dritten Reiches, die Austreibung der Familie Nothmann aus Deutschland, — all dieses Unheil hat er nicht mehr erleben müssen. Seine Grabstätte u. die meiner Mutter befinden sich auf dem Friedhof der Berliner Jüdischen Gemeinde' in Weissensee. DIE FAMILIE LUSTIG Als Adolf Nothmann im Jahre 1885 heiratete, trat er in eine Familie, die über die seinige auf der sozialen Stufenleiter schon um einige Sprossen hinausgekommen war. Die Familie Lustig war schon seit 1820 In der Stadt Gleiwitz ansässig,' besass dort ein Haus und war durch den erfolgreichen Betrieb eines Gasthofes sowie verschiedener geschäftlicher Unternehmungen in die Reihe der "Honoratioren“ eingerückt. Adolf fand zwar Dank seiner Bildung leicht Eingang in diesem Hause, musste aber lang um die Braut werben, und erst die geschäftliche Stellung erreichen, die d. jungen Paar eine standesgemässe Zukunft sicherte. Der Stammvater dieser Familie hiess wahrscheinlich Ascher Löbel; er hat den Namen Lustig im Jahre 1791 in der Stadt Losslau im oberschlesischen Kreise Rybnik angenommen. In seiner Ahnenreihe war jedenfalls der Name Isaac zu finden. Aus diesem Namen ist nämlich der deutsche Name “Lustig“ herzuleiten. Andere Isaaks-Söhne nennten sich “Lachmann“, und alle dachten dabei an die berühmte Bibelstelle 1 Mose 21,6, die von der Geburt des Erzvaters erzählt: “Und Sara sprach: Gott hat mir ein Lachen zugerichtet; denn wer es hören wird, der wird meiner lachen“. Der Name Ascher wiederum ist das hebräische Wort für “selig“ und ist aus dem Dankgebet der Erzmutter Lea 1 Mose 30,13 sowie aus den Seligpreisungen der Psalmen 1,41, 119,128 entnommen. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die deutsche Übersetzung des Namens in den jüdischen Familien üblich: ihn trug auch der Grossvater meiner Mutter, Selig Lustig. Genaueres aus der Familiengeschichte ist erst vom Urgrossvater meiner Mutter Löbel Lustig bekannt. Er wurde im Jahre 1778 in Losslau geboren, lebte um 1800 in Zernitz im Kreise Gleiwitz und von etwa 1812 bis zum Jahre 1820 in Schalscha im gleichen Kreise. Das waren Dominien, d.h. Güter adliger Besitzer, von denen Löbel Lustig die Brau- und Brenn-Gerechtigkeit und den damit verbundenen Betrieb d. “Kretscham” (Gasthaus) gepachtet hatte. Er betrieb also das früher von mir schon erwähnte Gewerbe des "Arrendators“ (Schankpäch- (Fortsetzung auf Seite 9) 8