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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 9 (sequence 2296)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 8) ters); er durfte als einziger im Bezirk Bier brauen, Schnaps brennen und seine Erzeugnisse verkaufen, und besorgte daneben für den Gutsherrn allerlei mit der Gutswirtschaft zusammenhängende Geschäfte. Das Gewerbe der Arrende verlor aber nach den preussischen Freiheitskriegen (1813—15) seine wirtschaftliche Grundlage, weil in Preussen im Jahre 1810 die Gewerbefreiheit eingeführt worden war, sodass seitdem jedermann allerorten brauen und brennen durfte. Ausserdem hatte der damals stark zunehmende Kartoffelbau zur Entstehung zahlreicher kleiner Branntweinbrennereien geführt. Für die oberschlesische Bevölkerung, deren Neigung zum Branntwein berüchtigt war, hatte das natürlich üble Folgen. Die Trunksucht nahm überhand. Im Laufe des 19. Jahrhunderts versuchte die katholische Geistlichkeit wiederholt, auf gesetzlichem Wege oder durch kirchliche Zuchtmittel dem Alkoholmissbrauch zu begegnen. Das misslang aber jedesmal, denn an einem starken Branntweinverbrauch hatten die Grossgrundbesitzer das grösste Interesse, sie wussten es daher stets zu verhindern, dass eine ihrer besten Einnahmequellen durch ein Alkoholverbot verstopft wurde. Der Kampf der Geistlichkeit gegen den Branntwein hatte nur den einen Erfolg, dass in der Öffentlichkeit die Schuld an der Trunksucht der Oberschlesier den jüdischen Schankwirten — den “Schnappsjuden“ — in die Schuhe geschoben wurde. Loebel Lustig wandte sich rechtzeitig von diesem bedenklichen Gewerbezweige ab. Im Jahre 1820 gab er seine Arrende auf und zog nach Gleiwitz wo er einen Weinhandel eröffnete. Er führte hauptsächlich Ungarnwein ein; diese Weinsorte erfreut sich noch heute in Schlesien grosser Beliebtheit. Seine Vermögensumstände waren anscheinend günstig. Seinem ältesten Sohne Selig kaufte er in dem Dorfe Repten im Kreise Tarnowitz eine Mühle. Er selbst erwarb im Jahre 1839 das Gasthofgrundstück “zur goldenen Krone“ in der Gleiwitzer Vorstadt Trynek, später Nicoleistrasse 13. Dieses Haus blieb bis 1889 im Besitz der Familie. Es ist das Geburtshaus meiner Mutter Loebel Lustig war verheiratet mit Rachel Ehrlich aus einer Gleiwitzer Familie (1783—1857). Unter den Gleiwitzer Einwohnern, die im Jahre 1812 das Staatsbürgerrecht erlangten, ist auch das damalige Oberhaupt der Familie Ehrlich, Rachels Vater oder Bruder Hirschei Ehrlich zu finden. Die amtliche Liste der jüdischen Staatsbürger nennt ihn unter der Nummer 663. Aus dem Jahre 1842 sind zwei Gemälde vorhanden, die das Ehepaar Loebel und Rachel Lustig darstellen. Der Umstand, dass sie sich malen lies- Ben, beweist einmal, dass sie zu den besitzenden Klassen gehörten, und ferner, dass sie in der religiösen Auffassung freissinnig waren; denn in strenggläubigen jüdischen Familien waren Bildnisse verpönt. Loebel Lustig starb 1846, seine Frau 1857. Beide sind auf dem alten Gleiwitzer Friedhofe bestattet; ihre Grabstein waren im Jahre 1938 noch vorhanden, die Inschrift aber unkenntlich geworden. Von den sieben Kindern des Ehepaares war das Älteste der schon genannte Sohn Selig (1800— 1877), der erst in Repten als Arende-Schankwirt, Mühlenbesitzer und Landwirt lebte und in den vierziger Jahren, nachdem seine Mühle abgebrannt war, nach Gleiwitz zog. Dort führte er das Weinhandelsgeschäft seines Vaters und den Gasthofbetrieb der “Goldenen Krone“ fort. Von einem Glanzpunkte seines Lebens hat meine Muter berichtet; das war die goldene Hochzeit die er mit seiner Frau Fanny (Franziska), geb. Isaak (1801—1877) kurz nach dem französischen Kriege (1870/71) feierte. Die grosse Zahl der glückwünschenden Deputationen und Gäste von nah und fern bewies das Ansehen und die Beliebtheit, deren sich dieses Jüdische Ehepaar bei ihren Gleiwitzer Mitbürgern erfreute. Beide erreichten ein Alter von fast 77 Jahren. Ihr Grabstein auf dem Gleiwitzer Friedhof berichtet, dass der Ehemann die Gattin nur um zwei Tage überlebte. Von den fünf Kindern dieser Ehe war das dritte mein Grossvater Salomon (1830—1878). Er ist noch in der Zeit geboren, da die Famüie in Repten lebte, und ist zwischen polnischen Dorfkindern aufgewachsen, bis er auf die Gleiwitzer Schule kam. Er übernahm den väterlichen Gasthof und Betrieb, daneben ein Handelsgeschäft in Getreide und Futtermitteln. Die Zeit war für ein solches Geschäft günstig, denn die von Bismarck in den 60er Jahren durchgeführte Heeresverstärkung und die preussischen Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 brachten den Kaufleuten umfangreiche Heeerslieferungen an Fourage und damit sichere Gewinne. Bald nach dem französischen Kriege wurde Salomon Lustig von einem schweren Unfälle betroffen. Er verunglückte mit einem Eisenbahnzuge, musste verwundet in Winterkälte und Schnee lange Zeit liegen bleiben, bis er Hilfe erhielt, und zog sich dadurch eine Krankheit zu, die ihn arbeitsunfähig machte. Er lebte seitdem zurückgezogen und fand Trost an seinen Büchern sowie an der v. Jugend an geliebten Flöte. Seine Bücher habe ich noch gesehen. Wenn er sie eifrig studiert hat, muss er ein feingebildeter Mann gewesen sein. Von meiner Mutter hörte ich ezählen, dass er ein Verehrer Goethes und Heines war. Die Lieder Schuberts und Mendelsohns sind auch in seinem Haus erklungen. Andere ältere Gleiwitzer haben mir die Freundlichkeit und das gütige Wesen gerühmt, das diesen Mann in den Jahren auszeichnete, in denen er Zusehen musste, wie die anderen sich vom Aufschwung des deutschen Wirtschaftslebens emportragen liessen, während er in der Stille seinem frühen Ende — er starb mit 47 Jahren — entgegen ging. Sein ältester Sohn Leo (1860—1932) aber hat vom Vater gesagt, dieser sei ein Mann gewesen, der es gerne einem jeden habe recht machen wollen, und der sich allzu sehr bemüht habe, eine Sache von ihren beiden Seiten anzusehen. Danach wäre Salomon vielleicht ein weltfremder Idealist gewesen, wenig tauglich für den Beruf eines Kaufmanns, — und sein Sohn war ihm hierin jedenfalls nicht ähnlich; denn Leo Lustig hat immer nur daran gedacht, seine eigene, sehr persönlich gefärbte Ansicht und seinen eigenen, sehr harten Willen bei den anderen durchzusetzen. Durch diesen handfesten Realismus geführt, ist er der erfolgreiche Organisator des ostdeutschen Eisenhandels, Generaldirektor der Aktiengesellschaft “Deutscher Eisenhandel“ in Berlin, Vizepräsident des Zentralverbandes des Deutschen Gross- und Überseehandels, Königlich Freussischer Kommerzienrat, Ehrendoktor der Universität Breslau (Dr. rer. pol. h.c.) und schliesslich Ritter allerlei ziemlich hoher Orden geworden. Den Kindern seiner Schwester Alwine, um deren Erziehung er sich mehr kümmerte, als ihnen lieb war, hat Leo Lustig — nicht ohne milden Tadel — das Zeugnis ausgestellt, dass sie allesamt dem Grossvater Salomon zu ähnlich geraten seien. Daran mag etwas Wahres sein. Mir selbst ist es merkwürdig gegangen mit diesem Grossvater, der allem Anschein nach nicht die rechte Stellung zur Welt der Wirklichkeit finden konnte, aber in der besseren Welt der Bücher und der Musik seinen Trost fand. Obwohl ich ihn nicht gekannt und im Grunde nur sehr wenig von ihm erfahren habe, spüre ich doch immer eine innerliche Beziehung zu ihm, die auf einer Wesensverwandschaft beruhen muss. Man hat ja mir auch — für den Bezirk der jüdischen Gemeinschaft — seinen Namen Salomon beigelegt, — und da soll einer nicht an den Namenszauber glauben, durch den frühere Geschlechter die Seelenkräfte verstorbener Vorfahren den Nachkommen zu erhalten suchten! Vielleicht ist aber hieraus in der Tat zu folgern, dass ich mit meinen Erbanlagen weniger in die väterliche Familie Nothmann als in die mütterliche Familie Lustig hineingehöre. Nach den Gesetzen der Vererbung würde das' nicht ausschliessen, dass bei meinen Kindern wieder etwas mehr von den Eigenschaften des väterlichen Stammes zum Vorschein kommt. Ich würde ihnen jedenfalls die Frohnatur meines Vaters Adolf Nothmann von Herzen wünschen. Aber hier zeigt sich, dass eine “Geschichte der Familie Nothmann“ für die erbbiologische Betrachtung etwas höchst Fragwürdiges ist. Denn wer von uns trägt, an seiner Wesensart gemessen, den Familiennamen mit Recht? Von wie Vielen könnte man mit weit besserem Grunde sagen, dass sie eine der zahlreichen mütterlichen Seitenlinien fortsetzen? Auch Salomon Lustigs Frau, Amalie, geb. Prager, die einer weitverzweigten Beuthener Familie entstammte, soll nach Aussage mancher Freunde unseres Elternhauses ihre Wesensart den Nachkommen recht kräftig aufgeprägt haben. Sie hat ihren Mann um 30 Jahre überlebt und ist für mich und meine Geschwister “die Grossmutter“ gewesen, — die einzige von den Grosseltern, die wir gekannt haben. Aber wir kannten sie nur als eine alte, von einem Leben voller Arbeit und Sorgen verbrauchte Frau, bei aller Freundlichkeit zu den Enkeln ohne Verständnis für deren Eigenleben und ohne Fähigkeit, die sonst so häufige Freundschaft zwischen der 1. und der 3. Generation zu knüpfen. Schwerblütig und schweigsam, warmherzig, aber sehr zurückhaltend in Gefühlsäusserungen, — so war sie, und so waren fast alle ihre Kinder. Das ist auch ein Erbteil, das von der Familie Lustig den Kindern von Adolf und Alwine Nothmann zugefallen ist. BERLINER SCHULZEIT — BERUFSWAHL Mein Vater Adolf Nothmann, der das humanistische Gymnasium in Breslau von 1869 bis 1879 besuchte, hat zwar dort das normale Mass deutscher Bildung gleich seinen christlichen Mitschülern in sich aufgenommen. Aber aus der gesellschaftlichen Absonderung, die ein jüdischer Schüler damals auf jeder deutschen Schule zu spüren hatte, ist er während seiner ganzen Schuljahre nicht herausgekommen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ebbte jedoch der Antisemitismus ab, weil Stöcker und seine Gefolgsleute die abstossenden Seiten dieser Bewegung gar zu deutlich enthüllt hatten. Deshalb ist meine eigene und meiner Geschwister Schulzeit so verlaufen, dass die Absonderung und Zurücksetzung der Juden, wenn sie auch tattächlich nie aufhörte, uns doch garnlcht zum Bewusstsein kam. Wir Brüder besuchten alle vier, — ist selbst von 1893 bis 1905, — das Königliche Wilhelmsgymnasium In Berlin, dessen Schüler allerdings in den Jahren vor dem Weltkriege sehr eigenartig zusammengesetzt waren. Die Anstalt lag in der Bellevue-Strasse, zwischen dem Potsdamer Platz und dem Tiergarten, im damaligen "Geheimratsviertel", und wurde von den höheren Regierungsbeamten, ebenso wie das “Französische Gymnasium“, bevorzugt. Allmählich traten dann die Söhne von Familien der Hochfinanz und der im Berliner Westen sich ansiedelnden Kaufleute in den Vordergrund. Während meiner Schuljahre wurden durchschnittlich 50%, in manchen Klassen sogar 60% jüdische Schüler gezählt, die ausnahmslos gebildeten deutschen Familien entstammten. Juden sassen unter den hervorragenden Schülern jeder Klasse; dass sie zur Hochhaltung des Standards der Schule wesentlich beitrugen, wurde (Fortsetzung Seite 10) 9

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