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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 6 (sequence 2293)
Language
German
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1. Es sei vorausgeschickt, dass ich die Eigenschaft des halbblinden Optimismus mit meinen Volksgenossen nicht teile. Schon mein Vater, ein höchst erfolgreicher Mann, hat sie nicht in vollem Masse besessen, obgleich er gelegentlich das Wort zitierte: “Es kann regnen) es kann schnei’n; es kann auch kommen Sonnenschein“. Aber im Grunde war er ein überaus real und nüchtern denkender Mann. Weitaus die meisten Juden aber sind nicht so veranlagt: sie blicken mit einer Art blindem Optimismus in die Zukunft, mag sie auch noch so schwarz aussehen. Und sie sind stolz auf diese Art der Weltanschauung und schimpfen anders Geartete: Pessimisten und Miessmacher. Die Jüdische Gemeinde in Breslau war rasant antizionistisch. Bei Hitlers Antritt waren wir nur wenig über hundert organisierte Zionisten. Da ich seit 1909 oder 1910 dazu gehörte, so kann ich ein Liedlein trällern. Der jüdische Optimismus setzt sich zusammen aus: 80% Kurzsichtigkeit, 10% Leichtsinn und 10% schlichter Dummheit. Dies alles getaucht in eine Art verkrampfter Hoffnung. Im allgemeinen sind wir Juden ausgesprochen kurzsichtige Menschen, das heisst: wir sehen in der Nähe ganz ausgezeichnet, sogar schärfer als andere Menschen, dagegen ist uns die Ferne förmlich verschlossen. Wir leben gern dem Tag und der Stunde, und wenn die in Ordnung sind, dann meinen wir, das ganze Leben sei in Ordnung. Menschen, die es anders sehen und vor der Zukunft warnen, werden gehasst. Durch eben diesen unberechtigten Optimismus stolpern wir immer und immer wieder in das grösste Unglück. Unsere ganze unselige Geschichte erklärt sich zum Teil aus dieser Charaktereigenschaft. Nicht alles, aber gar manches wäre bei grösserer Weitsichtigkeit zu verhindern gewesen. 2. Es gibt Beispiele aus den verschiedensten Zeitaltern, in denen sich der jüdische Optimismus schrecklich gerächt hat. Vor dem Jahre 70 christlicher Zeitrechnung schreien die Juden in Jerusalem: der Tempel, der Tempel. Solange wir den Tempel haben, kann uns nichts geschehen. So riefen wir vor 1973: die Armee, die Armee, Jüdischer Optimismus! Am 14. Februar 1453 erschien in meiner Geburtsstadt Breslau der berühmte Generalgrossinquisitor Johannes aus Capistrano. Er war ein Minoritenmönch eben aus dem Abbruzzendorf Capistrano. Giovanni mit Namen. Sein Weg durch Europa war durch die Flammen der Scheiterhaufen eWeuchtet. Er war ein grosser Kreuzzugsprediger und hatte riesigen Zulauf, trotzdem ihn in Deutschland kein Mensch verstand; denn deutsch sprechen konnte er nicht und sein Latein war schlecht. Er soll nur durch die Gewalt seiner Suada und durch das Rollen seiner Augen gewirkt haben. Seine fanatisierende Wirkung steht jedenfalls fest. Man wurde nicht zufällig Generalgrossinquisitor. Da er gar so viele Juden gefoltert und grausam ermordet hatte, so wurde er später heilig gesprochen: Sankt Capistrano. So pflegte das ja doch zu sein; bei Sankt Carolus unter dem Hochalter des Mailänder Domes war es nicht anders. Capistrano ging systematisch vor: erst kamen die gewöhnlichen Hetzpredigten, die die Menge in Wallung brachten. Dann wurde ein Feuerchen angezündet aus Gegenständen des Luxus und der Völlefei. Und dann erst zu später Stunde begann die Pogromhetze, die mit einem Auto da fe endete. Die Breslauer Juden wohnten damals in der Gegend der Ursulinerstrasse, also nahe der Burg, der späteren Universität. Capistrano hielt seine Hetzpredigten an verschiedenen Stellen, am häufigsten jedoch auf dem Salzringe, dem späteren Blücherplatz, wo er auch wohnte. Vom Blücherplatz bis zur Ursulinerstrasse ist es wirklich nicht weit; keine Entfernung war weit in der mittelalterlichen Festungsstadt Breslau. Die Breslauer Juden müssen das bösartige Jubelgeschrei der fanatisierten Menge bis in ihre Wohnungen hinein gehört haben, zu schweigen von den Gerüchten und Berichten, von denen die ganze Stadt voll war. Sie müssen das Programm des Grossinquisitors von anderen Städten her gekannt und gewusst haben, dass es zum Schluss ihnen an den Kragen gehen würde; denn der Türke war weit, aber der Jude war nah. In der Tat hat sich der Leiter der Gemeinde, der Rabbiner, das Lieben genommen, nachdem er allen Gemeindemitgliedern geraten hatte, ein Gleiches zu tun. Es ist mir immer verwunderlich gewesen, warum die Juden damals nicht aus Breslau geflohen sind, warum sie bis zum bitteren Ende gewartet haben. Hätte man sie am Verlassen der Stadt gehindert? Wollte man nicht nur ihren angeblichen Reichtunm, sondern auch ihre Körper? Sie wurden gefoltert in Gegenwart Capistranos, der dem Henker gute Ratschläge gab, der heilige Mann. Und dann erfolgte das Auto da fe, die Handlung des Glaubens, auf dem Salzringe, bei dem 42 Juden zugrunde gingen. 16 wurden gevierteilt, nachdem ihnen der Henker «mmmmmB VON JÜDISCHEN OPTIMISMUS otaEmmmmm mit glühenden Zangen das Fleisch vom Leibe gerissen hatte, der Rest winde lebendig verbrannt. Nur ganz wenige, meist junge Leute, wählten als Ausweg die Taufe. Ich habe nie begriffen, warum es die Breslauer Juden soweit haben kommen lassen. Ein ganz anderes Bild, gleichfalls Breslau und ganz Deutschland, fast ein halbes Jahrtausend später: 1933, das dritte Reich. Horden ziehen herum und singen: “Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut“. Hitlers Buch “Mein Kampf“ liegt vor; es ist in ihm alles gesagt, was geschehen werde, wenn er zur Macht käme. Als einziges Land Europas gab Deutschland den Juden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen; denn nur bei ihnen hatte die üble Entwicklung zwei Phasen: das Narrenparadies bis etwa 1938 und dann erst die Endlösung. 'Volle fünf Jahre also, von 1933 bis 1938 haben die deutschen Juden Zeit gehabt, sich zu retten. Und wieder geschieht das Gleiche wie 1453: sie warten zum grossen Teile. Sie warten, weil sie glauben, doch noch die Sieger werden zu können in diesem ungleichen Kampfe gegen die schwarzen Scharen Himmlers. Es ist wahr: in letzter Minute haben noch viele ihr nacktes Leben gerettet, aber viel zu viele sind an dieser Unvernunft zugrunde gegangen, die Hälfte des deutschen Judentums, wohl eine Viertelmillion jüdischer Männer, Frauen und Kinder. Sie sagten: Ruhe ist die erste Judenpflicht und stiegen ruhig in die stinkenden Viehwagen zur “Umsiedlung“. Sie hatten gedacht: vielleicht nimmt der Spuk ein Ende, und wir können dann bleiben. Sie bedachten nicht, dass, falls der Spuk wirklich ein vorzeitiges Ende nehmen sollte, kein Jude lebendig bleiben würde. Sie hatten den Unterschied nicht erkannt zwischen dem dritten, also dem christlich-heidnischen Reiche, und dem zweiten, dem rein christlichen Reiche. Zahllose Bekannte, von denen man nie mehr ein Wort hörte, müssen umgebracht worden sein. Auch dieses seltsame "Abwarten“ des Unheils, diese schreckliche Form des jüdischen Optimismus, habe ich niemals begriffen. 3. Während ich den Fall Capistrano nur aus der Geschichte meiner Geburtsstadt Breslau kenne, den Fall Hitler seit 1934 nur aus der Ferne miterlebt habe, hatte ich bei einem dritten Falle meinen eigenen Kopf unter dem Fallbeil und lebte mit den Meinen tagelang in Sorge, ob es herunter rasseln würde oder nicht. Es ist ein anderer Erdteil, ein anderes Land, eine andere Sonne, ein anderer Mond, und es handelt sich nicht um deutsche Juden, sogenannte “Blöde Jeckes“, sondern um weise slavische Juden, die ja doch in Israel regieren und von ihrer Gottähnlichkeit überzeugt sind, weshalb sie sich gelegentlich als “Charismatiker“ bezeichnen.' Nie, und wenn ich 125 Jahre altwerden sollte, werde ich den Jom Kippur 1973 vergessen. Es war Mittag, man war müde und abgespannt aus dem Gottesdienste gekommen, hatte es sich leicht gemacht und sich ein wenig zur Ruhe gelegt. Es war zwei Uhr. Da plötzlich — wie ein Blitz aus heiterem Himmel begannen die Sirenen zu ragen: immer auf und ab, immer auf und ab. Kein Zweifel: das war ein Alarm. Um Himmles willen: heute am Jom Kippur! In Jerusalem hat man seine trüben Erfahrungen von 1948 und 1967 her. So dachte ich nur an Jerusalem und fürchtete, gleich wieder werden die Granaten heulend um uns herum einschlagen. Man ging in den Miklat, der so gut wie unbenutzbar war. Lautsprecherwagen schrieen, dass es Ernst sei und kein Manöver. Erst durch ein Gespräch mit einer Nachbarin hörten wir, dass das ganze Land in Alarmzustand sei, dass schwere Luftkämpfe stattfänden in Süd und Nord, von denen man nicht wissen könne, wie weit sie sich ausbreiten würden. Die Araber hatten angegriffen in der schwächsten Stunde des Jahres. Man wird diesen Krieg später den Jom Kippur- Krieg nennen. Nichts war vorbereitet; man holte die Reservisten buchstäblich aus den Tempeln heraus. Manche Männer sind im Tallis und in den an diesem Tage vorgeschriebenen Schlafschuhen an die Front gegangen. Der Krieg hatte nach den Angaben der Intelligenz um sechs Uhr beginnen sollen. Bei derentscheidenden Ministerratssitzung tat ein Minister den Mund auf und fragte: “Was wird, wenn die Araber eher angreifen?“ Darauf antwortete ihm der charismatische Kriegsminister: “Das ist die wichtigste Frage bei dieser Sitzung", Es war als Hohn gedacht, aber es war die richtigste Antwort, die er hätte geben können. Die kostbare Bar Lew-Linie, die uns so viel Geld gekostet hatte, ging in wenigen Tagen verloren. Sie war von weniger als 500 Mann verteidigt, gegen die zwei riesige ägyptische Armeen heranrückten. Die Tanks kamen mit eigener Kraft zu spät zu Hilfe. Reserven waren kaum da, die Flugwaffe, auf die man sich verlassen hatte, musste schwere Verluste erleiden. Im Norden war es durch einen glücklichen Zufall etwas besser: hier gelang es, den Anprall aufzuhalten. Nur der sagenhaften Tapferkeit und dem grenzenlosen Opfermut der Männer Israels ist es zu danken, dass nicht ein ungeheuerliches Unglück geschah, nämlich die Überrenung des Staates Israel. Dazu kam “brother Henry“, den die Araber mit Recht auf alle Backen küssten. Die gesamte Situation, die seit 1967 gehalten worden war, kam ins Rutschen. Jüdischer Optimismus? Man wird es so nennen müssen, diese Mischung aus Leichtsinn, Kurzsichtigkeit, Überheblichkeit und Unvorsichtigkeit. An Warnungen vorher hatte es nicht gefehlt: die Menschen an der Front hatten das Unheil kommen sehen. Man glaubte ihnen nicht. Immer, wenn ich an den Jom Kippur-Krieg (Fortsetzung Seite 7) 6

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