Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 42 (September 1977)
- Date
- 1977-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2291)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Historiker Als Ich mit zehn Jahren die drei Bände der "Volkstümlichen Geschichte“ verschlang, habe ich mir über die Person jenes als Verfasser genannten Graetz und seine Lebensumstände wohl nicht allzuviele Gedanken gemacht. “Jüdische Geschichte“ und "Graetz“ — das waren ja fast identische Begriffe, wozu also das Grübeln über biographische Details? Hannibal, Caesar und Napoleon machten Geschichte, und die Professoren und Gelehrten schrieben sie nur. Nun, bei näherem Hinsehen bekam auch diese vereinfachende glatte Antithese ihre Risse und Sprünge — man braucht nur an Historiker der Antike oder — um beim 19. Jahrhundert zu bleiben — an Macaulay ln England oder Guizot in Frankreich zu denken. Nun hat zwar Hirsch Graetz (den Namen Heinrich haben, wie R. Michael in der biographischen Skizze des vom Mossad Bialik herausgegebenen Bandes1 bemerkt, ihm seine Schüler nach seinem Ableben “beigelegt“) — niemals aktiv in die Politik seiner Zeit eingegriffen. Aber allein die wenigen Auszüge aus Tagebüchern und Briefen, aus Polemiken, Vorträgen und Artikeln, die im vorliegenden Buch vereinigt sind — und von Jenicham Tolkes in ein gefälliges, stilistisch gewandtes Hebräisch übertragen worden sind — offenbaren ein weltzugewandtes Temperament. Wie viele seiner Generation hat auch Graetz die Revolution von 1848 freudig begrüsst, manche Tagebuchnotiz zeugt davon; und der junge Lehrer im mährichen Lundenburg scheint seine Gesinnung nicht nur seinem Tagebuch mitgeteilt zu haben — bald wurde der radikale Demokrat — der zudem noch Jude und Ausländer war — den österreichischen Behörden verdächtig, sodass seines Bleibens dort nicht länger war. Er ging nach Berlin, und erst als der Ruf an ihn erging, in dem neugegründeten Seminar zu unterrichten, kehrte er 1854 nach Breslau zurück, wo er zwölf Jahre vorher seine akademischen Studien begonnen hatte. Über vier Jahrzehnte hat also Graetz in Breslau gelebt und dort am Seminar — und später auch an der Universität — gewirkt. Aber er war kein “Professor Einsiedel“ (unter diesem Decknamen erscheint sein wohl bedeutendster Kollege, Jacob Bernays, in > einem Roman von Berthold Auerbach). Schon früh liefen Verbindungsfäden von ihm nach Ost und West. Von den Gelehrten des Ostens standen mit ihm in Kontakt der Bibliophile Halberstamm in Bielitz und der Schriftsteller S. P. Rabinowitsch in Warschau, sein hebräischer Übersetzer.2 Von Paris kam Moses Hess 1861 zu Graetz, der einer der Wenigen war, der sein Buch, mit dem er seine Rückkehr zum Judentum einleitete, begrüsst hat. Ursprünglich sollte das Werk “Erneuerung Israels“ heissen, bei der Umbenennung in “Rom und Jerusalem” hat Graetz entscheidend mitgewirkt! In einem Schreiben an Hess (vom Jahre 1866) spielt Graetz sogar mit dem Gedanken, nach Paris zu gehen und an dem dortigen “College Rabbinique” zu lehren. Das Datum ist wohl kein Zufall: sind es doch die Jahre in denen der Liberalismus in Preussen seine entscheidende Niederlage erlitt und Bismarck seine “Revolution von Oben“ mit voller Wucht in Szene setzte . Nach Beendigung seines Geschichtswerkes (1876) hat Graetz mehr und mehr seinen Blick nach England und nach dem dortigen Judentum gewandt. Das wohl interessanteste Stück der Sammelschrift ist das erste Symptom hierfür. “Briefwechsel einer englischen Dame über Judentum und Semitismus“ ist der Name einer 1883 anonym er- __ A. TOBIAS als Zeitgenosse (Die kleineren Schriften von Professor Graetz) schienenen Korrespondenz mit einer (fiktiven) Briefpartnerin aus der anglo-jüdischen high society. Es ist eine hochinteressante — aber bald völlig in Vergessenheit geratene — Apologie des Judentums, seiner religiösen und kulturellen Werte, seiner Stellung innerhalb der christlichen Welt des Westens. Dass Graetz die Briefform gewählt hat, lag im Zeitstil. Drei seiner bedeutendsten Zeitgenossen waren ihm hierin vorausgegangen: Samson Raphael Hirschs (unter einem Pseudonym erschienene) “Neunzehn Briefe“ hatten den jungen Hirsch Graetz zutiefst beeinflusst und seinen Lebensweg in die Bahnen des traditionellen Judentums geleitet. Frühzionistische und sozialistische Anregungen gingen von Moses Hess’ gelchfalls in Briefform abgefassten “Rom und Jerusalem” aus; und wenige Jahre später veröffentlichte Wühelm Herzberg seine “Jüdischen Familienpapiere", die eine mutige Kampfschrift gegen Assimilation und Taufe waren.3 Herzberg ging als Direktor eines Waisenhauses nach Jerusalem, dessen Errichtung Graetz in einem Palästina-Bericht, den er gleich nach seinem Besuch im Lande (1872) abgefasst hatte, forderte (der Bericht ist im Anhang des Buches auf S. 277—285 abgedruckt und enthält wertvolle statistische Angaben über die jüdische Bevölkerung in jenen heute schon so fernen Tagen). Von seiner “Korrespondentin“ hat Graetz erfahren, dass Gleichgültigkeit dem Judentum gegenüber dem Abfall und der Taufe den Weg ebnen. Demgegenüber entwirft er ein Bild von dem kulturellen und vor allem sittlichen Niedergang Europas, das von sozialer Unruhe geschüttelt und von anarchistischem Umsturz bedroht ist, ja, der Historiker ist nicht nur — um mit Schlegel zu reden — "ein rückwärts gewandter Prophet“. Er schaut in die Zukunft und sieht — 1883! — voraus, dass die Händel um die zerbröckelnde Türkei einen Weltbrand entfachen könnten. Aber er hat der Dame Edith auch Positives vom Judentum zu bieten: er spricht vom “Wunder des Überlebens“ nach so furchtbaren Verfolgungen; er preist die jüdische Gotteslehre als den wichtigsten Schatz, mit dem ausgerichtet unser Volk den Weg in der Geschichte weiterschreiten müsse und er rühmt vor allem die hohe Sexual- und Familienmoral unseres Volkes. Daneben ist in dem Briefwechsel von vielen Aktualia die Rede; wir hören von Statistiken unehelicher Geburten, von den letzten Vorträgen des französischen Historikers Renan, von den neuesten kirchlichen Strömungen in den Vereinigten Staaten, und ein vielzitierter Roman Ist “Daniel Deronda” v. der hochherzigen nicht jüdischen Schriftstellerin George Eliot. Mit einem prophetischen Zitat aus diesem Buch schliesst der 15. und letzte Brief: “Deronda und Mira haben ihre Hochzeitsreise nach Erez Israel unternommen; nicht Wenige werden in ihre Fusstapfen treten". In seinen letzten Jahren hat Graetz auch England besucht und in anglo-jüdischen Organen seine Stimme vernehmen lassen. Er trat damals für Gründung einer Akademie für Wissenschaft des Judentums ein, und erkannte in jenen Jahren — ein Jahrzehnt vor Herzl! — die führende Rolle, die Britannien und das britische Judentum bei der Gestaltung der jüdischen Zukunft spielen würden.4 In einem seiner Vorträge, den er 1887 in London gehalten hat, und der “Parallelen aus der Jüdischen Geschichte“ zum Thema hat, finden sich zwei Siebener Gruppen. Die ein ist die Pleiade der sieben Sterne der Grossen des spanisch-jüdischen Zeitalters. Sie geht von Ibn Dschannach und geht bis zu Rambam — in der Mitte steht der Dichter- Philosoph Jehuda Halevi, mit dem Graetz sich stets verbunden gefühlt , hat. Die zweite Gruppe betrifft sieben jüdische Hochschulen, die der Vortragende mit Stolz zitiert. Sie beginnt mit London und endet mit Rom. Und in der Mitte steht — es dürfte wohl kein Zufall sein — das Institut an dem Graetz über ein Menschenalter wirkte: das Seminar von Breslau. Das Buch, dem ein Porträt von Graetz beigegeben ist, ist gut ausgestattet und sauber gedruckt. Aber dennoch ist es nicht frei von Fehlem. Auf S. 48 muss es heissen Raw Ezriel Hildesheimer (und nicht Usiel!); auf S. 213 sind die Lebensdaten Treitschkes unkorrekt angegeben; fehlerhaft ist auf S. 259 die Transkription des französischen Politikers Barbes, und auf S. 236 der Name des Historikers Niebuhr wiedergegeben. : rrnsrn .'5? 288 ,1969 mittDVn Wl : F"U ’bS 2) Bemerkenswert ist, dass auch Leon Pinsker anlässlich der Kattowitzer Konferenz der Chowewei Zion Graetz einen Besuch abstattete. 3) Auch diese Schrift erschien in ihrer ersten Auflage unter einem Pseudonym! 4) Graetz war wohl der erste, nicht aus England stammende, der die Bedeutung des damals 23-jährigen Israel ZangwUl geahnt hat. (S. 199). j22£tf AMSJ £££/ SS2S mtm jirjy OätW flt jptm Es gab auch solche Ruth Hoff mann: Meine Freunde aus Davids Geschlecht Lettner-Verlag, Berlin. Ruth Hoffmanns Buch, das bald nach dem Weltkrieg erschien, ist hier wenig bekannt geworden. Ihre Erinnerungen sind für ehemalige deutsche Juden, besonders aus Schlesien, auch heute noch interessant. Bereits am Anfang ihres Buches erzählt sie, dass sie ihr Leben einem Juden verdankt. Der bekannte Augenarzt in Breslau der “Augen-Cohn“, hat ihre Mutter in der Kindheit vor dem Blindwerden gerettet. So konnte sie normal leben und heiraten. Dankbar denkt sie an ihr Elternhaus zurück, in dem “eine so gute Luft wehte“. Nie hörte sie ein trennendes “Aber“ oder ein abfälliges Wort über “die aus Davids Geschlecht“. Ihr Vater nahm an den Abenden der “Gesellschaft der Freunde“, einer gesellschaftlichen Vereinigung von Juden in Breslau, teil. Dort fühlte er sich wohl. Sie selbst pflegte freundschaftlichen Verkehr mit jüdischen N achbarskindern. Es war daher für sie eine schockierende Erfahrung, als sie bei einer Einladung von Schulkameraden in einem Cafe am Eingang den Anschlag sah: “Für Juden Eintritt verboten“. Sie heiratete einen jüdischen Witwer mit einem kleinen Kind. Erschütternd ist ihre Erzählung aus der Nazizeit. Ihr Mann wurde in ein Lager abgeführt. Ein nicht-jüdischer Lagerkamerad verhalf ihr einige Male zu einem Zusammentreffen mit ihrem Mann. Ihr fiel die Veränderung in seinem Antlitz auf. Alleingeblieben, verstand sie, dass er das verklärte Antlitz des Gekreuzigsten annahm. Joachim Günther, der Herausgeber der “Neuen Deutschen Hefte“ und einer der ersten Literaturkritiker in Deutschland, schrieb von diesem Buch: es sei das erste, das “dem schauerlichen und rätselvollen Komplex und Kollektivaffekt des Antisemitismus in einer positiven und heilenden Weise zu Leibe geht“. Anni Loewenstein 4