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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 3 (sequence 2290)
Language
German
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Jerusalem, du “Wenn ich Dein vergässe, Jeruschalayim“—(Ps. 137) Es war vor erst wenigen Monaten, dass wir den zehnten Jahrestag der 1967 erfolgten Wiedervereinigung Jerusalems begingen — in allen Landesteilen, in Gremien aller Art, in Schulen und deren Veranstaltungen, wie u.a. den Ausstellungen all jener Schülerarbeiten dieses Jahres, die sich aufs Thema “Jerusalem“ bezogen; da gab es Aufsätze über “Ir ha-kodesch“, Slides, handwerkliche Leistungen zum gleichen Inhalt, Bilder, Radierungen, Schmuck und vieles andere. Schüler und Schülerinnen zogen in Gruppen hinauf in die “Ewige Stadt“, trafen sich an der “Kotei“ und verstanden tief innen einmal mehr, was diese wahrhaft festgefügten Steine uns Juden während der Jahrtausende und bis heute in all ihrer schweigenden und verschwiegenen Art, eben in der Stummheit der Steine, so beredt zu künden vermochten und vermögen — auf weitere Jahrtausende, wie wir alle von Herzen hoffen! Und wenn wir nun wiederum einmal, zum Beginn der “Jamim noraim“, uns für uns selbst zu Hause in aller Abgeschiedenheit daran erinnern, wie atemlos wir damals, in den heissen Julitagen vor zehn Jahren, zum ersten Mal das wiedergeeinte Jerusalem erschauen und erleben durften, fühlen wir von neuem, wie unvergesslich und unvergänglich dieses Miterleben für uns geblieben ist. Wir standen wie alle die Tausende spontaner Ausflügler nach dem Beenden des als “Sechstagekrieg" bereits in Israels Historie eingegangenen Kampfes tun d. Befreiung Jerusalems, standen in tiefer Ergriffenheit auf der damals noch wenig geweiteten “Rechavah“, dem Platz an der Kotei aus uralter Zeit und vernahmen von den unzähligen Betenden an der Mauer ihr leises Flüstern, aber oft auch ihr lautes, stürmisches Danken — wer könnte es je vergessen? Die grelle Sonne brannte unerbittlich auf uns herab, das Durstgefühl war oft überstark — wir fühlten es kaum: Hier standen wir, auf geweihter Erde, von neuem getränkt vom eben vergossenen Blut unserer Teuersten. Einer der vielen vor Zeiten für diese Stadt geschriebenen Psalmen stand neu in uns auf: “Als der Ewige zurückführte die Weggeführten Zion’s waren wir gleich Träumenden” (Ps. 126). Eine alte Hoffnung würde neu evident, die uns der Psalm 122 von Jugend auf gelehrt hatte: “Jerusalem, Du Äufgebaute, wie eine ganz verbundene Stadt” (erst später und hier lasen wir eine andere Übersetzung, “Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammen kommen soll). — Wir selbst, unsere Generation der in diesem Jahrhundert Gejagten und Gehetzten, Verlorenen und Verschollenen, aber doch auch wieder Geretteten und Zurückgeführten — wir durften ja ganz bescheiden hier mitreden und in Fortsetzung dieses Psalmes sagen, “Unsere Füsse stehen (standen) in deinen Toren, Jerusalem“. (“Jahrhundert der Vertriebenen“, so hatte es im gleichen Jerusalem bei der Eröffnung des 39. PEN-Kongresses 1974 der Nobelpreisträger Heinrich Böll genannt; und wir fragen uns heute, ob nicht ein gerader Weg über die Jahrtausende hinweg und dennoch kurz von Babylon nach Auschwitz geführt hat...). Doch kehren wir zurück zum Thema und zu den ewig gültigen Schlussversen des zitierten Psalms: “Wünschet Jerusalem Glück. Es möge wohl gehen denen, die dich lieben. Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen. Um des Hauses willen heilige Stadt... des Herrn unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.“ Die Friedenssehnsucht dominiert, damals wie heute, wie auch gerade jetzt in unseren Festtagen. “Dein Bestes“ — was gäbe es noch Besseres als Frieden? Unsere festliche Stimmung will es einfach nicht zulassen, diese Erkenntnis dessen, dass der endliche Frieden nur basieren könne auf den Verhandlungen der Völker und ihrer Regierungen, auf den nicht immer und nicht überall geraden Wegen einer (meist anrüchigen) “Politik“... Wer und was sind die Politiker, die da kommen und gehen? Sie mögen Nationen und Parteien beherrschen, aber ahnen sie ab und zu, dass dieses Herrschen und die gravierende Herrschsucht verblassen müssen vor der Macht des Gebetes, insbesondere unserer Gebete zu Rosch-Haschana und Jomhakipurim? Die Macht, die jedes menschliche Planen himmelweit übersteigt, ja, im wahrsten Wortsinne “himmelweit“; wie selten ist es doch uns “Kleinen" vergönnt, einen Hauch jener übermenschlichen Macht zu verspüren, dies etwa beim Anhören und Mitsagen unserer Bitten zu “Kolnidre“, unseres Flehens im “Jiskor", unserem abschiednehmenden “Neila“ und schliesslich im heiligen Bekenntnis der “Schemoth”.- Selbst im Jubel zu “Simchat-Thora“ — auch da wohnt unsere Freude dicht neben unserer Trauer! — bleiben wir tief eingedenk all dessen, was durch die Zeiten geschah unserem Volke und uns bis heute und weiter seit den Tagen der Gesetzgebung am Sinai. Nur schwer trennen wir uns alljährlich von diesen Wochen einer in heutiger Turbulenz so seltenen Besinnung, fühlen, wie sich die Pforten der inneren Einkehr lautlos hinter uns verschliessen für die weitere Zeitspanne eines Jahres. Ein ergreifender Abschied, bei dem wir nichts anderes tun können als das, was wir in solchen Situationen zu tun gewohnt sind: Wir können nur hoffen und bitten, dass uns ein neuer Abschitt geschenkt werden wird und nach ihm ein neuerliches Zurückfinden zu uns selbst und zu den dann wiederkehrenden, immer aufs Neue bewegenden “Jamim noraim“.- Und nochmals Jerusalem. “Eine Stadt, in der man Zusammenkommen soll“ — ja, Juden wie Araber, Vettern und Brüder, mögen endlich zum friedlichen Gespräch Zusammenkommen! Das wäre ein echtes “Schanah-towa”! Frieda Hebel Der Schrei nach Frieden Oh, Herr des Himmels lass es gescheh’n Dass wir endlich den Frieden seh’n Gib unseren Feinden den Gedanken ein, Auf dass es möge Frieden sein. Genug geopfert unserer Söhne Blut Unser Schatz, unser» teuerstes Gut Keinen grossem Wunsch wir hegen auf Erden Auf das es möge FRIEDEN werden! Was nützt uns der Vorstoss im Weltenraum Wenn Rückschritt auf Erden, man glaubt es kaum. Die Menschheit zerfleischt sich in blinder Wut Und entfacht ein Feuer aus glimmender Glut. Lasst nicht das Pulverfass zu Flammen werden In letzter Stunde, — warn ich Euch, — kehrt um! Und facht ihr an den Höllenbrand auf Erden Verbrennt ihr mit! — Und fraget nicht warum? NORA HAUBEN UNETANE TOKEF... UND LASST DIE HEILIGKEIT DES TAGES VERKÜNDEN, DENN ER IST FURCHTBAR UND SCHRECKLICH Die Feiertagsstimmung der Juden unterscheidet sich von der anderer Völker. Sie ist ernster, spannungsreicher. Man ruht aus und blickt zurück, um so etwas wie eine innere Bilanz zu ziehen, eine seelische Abrechnung. Das abgelaufene Jahr hat wie viele seiner Vorgänger aufregende Tage gebracht, für die Gemeinschaft, für den Einzelnen. Es ist gut, dass es Zeiten gibt, die der Besinnung, der Erinnerung gewidmet sind. Man kann und soll Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen, für die Zukunft planen. Das Denken, Nachdenken soll zu persönlichen Entscheidungen führen, vielleicht zur Besserung, insbesondere in dem Verhalten gegenüber dem Nächsten, dem Nachbarn. — Es liegt im Charakter der Feste, so wie sie sich seit zwei Tausend Jahren entwickelt haben, dass ihnen besondere Bedeutungen zugewiesen wurden. Aus den fröhlichen Wallfahrtfesten, den Tagen des Ernteabschlusses sind Erinnerungen geblieben. Man begrüsst sich ‘Chag Same'ach’, man wünscht sich gegenseitig eine freudiges Fest. Andere Bedeutung und Aufgaben haben Rosch Haschana und der Jom Hakipurim, die ‘Jamim Hanora’im“, die ‘furchtbaren Tage“. Das Neujahrsfest wird in der Bibel nicht erwähnt, dort ist ein Gedenk- und Opfertag vorgeschrieben. Die heutige Bedeutung bekommen die Tage erst nach der persischen Periode, zur Zeit des Zweiten Tempels.— Wenn man in diesem Jahre wieder das Unetane Tokef-Gebet vernimmt, fühlt man, dass der ‘Tag furchtbar und schrecklich* sein kann. Es kann aber auch gefürchtet heissen, der Tag, der Schrecken einjagt und bedroht. Im Gotteshaus wird man an die Geschehen des abgelaufenen Jahres erinnert: denn zu gross sind unsere Sünden, Vernachlässigungen, — wie es der fromme Beter fühlt. Das Unetane Tokef-Gebet, dieser Aufschrei, stammt, einer Überlieferung nach, von einem Rabbi Amnon, der nach Folterungen sich in die Synagoge von Mainz bringen lässt, den Gottesdienst an einer der wichtigsten Stellen im Mussaf- Gebet unterbricht, vor der Keduscha, vor dem Ausspruch der Heiligkeit, um einen Pijut, eine religiöse Dichtung, vorzutragen, die er nach der Tradition unvorbereitet ausspricht. Es gibt keine historischen Unterlagen oder Hinweise auf einen Mainzer Rabbi mit diesem Namen. Der Inhalt zeigt, dass der Pijut irgendwann, irgendwo in den Tagen der Verfolgungen, die das deutsche Judentum wöhrend der Kreuzfahrerperiode erleiden musste, entstand. In den Jahren wurde grade dieses Gebet, das ja eigentlich nur einen Aufschrei darstellt, von fast allen jüdischen Gemeinden übernommen, und es befindet sich in den meisten Machsorim, den Festgebeten. Der Ruf ‘Und lasst die Heiligkeit des Tages verkünden“ wurde zu einem religiösen Bekenntnis. Er beherrscht die ‘ehrfurchtgebietenden Tage“, die ‘Jamim Hanora’im“, die uns auch in diesem Jahre, ob man nun religiös ist, gläubig, oder nicht, anspricht, anpackt. Er ist — so will es scheinen — für uns geschrieben, für unsere Generation, für unsere Zeit, für unser Schicksal. Die Forderung endet mit der Bitte, dem Aufruf, dass ‘Rückkehr, Busse, Gebet und Wohlfahrt“, der man die Einsicht hinzusetzen sollte, die schrecklichen Ereignisse abwenden mögen... Das ist das, was wir erhoffen, wenn wir uns in diesem Jahre, dem Beginn des religiösen Jahres mit der Zahl 5738, zum Gebet versammeln, und das ‘Unetane Tokef‘, diesen Aufschrei eines Bedrückten der Vergangenheit, vernehmen... Heinzwerner Goldstein 3

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