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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-09-01 · No. 42 (September 1977) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 42 (September 1977)
Date
1977-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2289)
Language
German
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Der Tag der (Fortsetzung von Seite 1) berkeit der Seele, durch Äusserlichkeit des Gebarens bei innerer Leere Fluch geladen auf sich, auf die Gesamtheit, ja, Chillul haschem geübt, „Entweihung des göttlichen Namens“? Erst wenn der Richter in unserer eigenen Brust so zu uns sprechen darf, jedesmal, wenn wir Wort für Wort das grosse Sündenbekenntnis ablegen, erst dann haben wir „aus der Tiefe zu Gott gerufen“. Und dann dürfen wir auf das letzte Wunder hoffen, dass aus der tiefbewegten, von der Pflugschar des „Sündenstachels“ gefurchten Seele neuer Lebensglaube, neue Lebenszuversicht emporsteigt. Dann erfahren wir es, dass “aus der letzten Brunnentiefe sich Quellen und Bäche nach allen Seiten ergiessen", nicht nur Demut in uns wecken, sondern auch Stolz und Freude. Wohl muss auf die erste Tekia, das Symbol des gleichmässigen, unerschütterlichen Lebens, die aufwühlende Terua folgen. Aber dem Judentum ist nicht, wie mancher anderen Religion, die Erschütterung und Demut einziger, letzter Zweck; der Sinn der Terua ist die Tekia des neuen Lebens; je tiefer die Reue ist, um so eher kann die beseligende Kraft der Lebenserneuerung aus ihr quellen. Wir lasen jüngst von jenem geistvollen Sohn unseres Stammes, der unserem Vaterland durch Mörderhand entrissen wurde, das Wort, Kinder solle man keinerlei Furcht lehren, auch nicht die Furcht Gottes. Wer so sprechen konnte, der hat, wie leider so mancher unserer Stammesbrüder, den Reichtum fernster Geisteswellen geschaut, aber „den eigenen Garten nicht gepflegt“, den Eigenwert jüdischer Frömmigkeit nicht gekannt. Sonst wusste er, dass „Gottesfurcht“, anders als Furcht vor Menschen, nicht nur das Gefühl unserer Schwäche, sondern gerade unsere höchste Kraft offenbart, aus dem liebenden Aufstreben zum Urquell alles Guten sich ergibt, — dass nach dem Psalmisten „alle die Gott fürchten, sprechen: ewig währet seine Gnade“. Und gerade am Versöhnungstage erleben wir es, dass die Verbundenheit mit Gott, die nur aus tiefster Reue neu erblühen kann, uns jene Unbeugsamkeit und Unerschrockenheit verleiht, die den grossen Trägern der “Gottesfurcht” im Judentum, aber auch in anderen höheren Religionen stets zu eigen war, seit Elia vor Achab stand, bis auf unsere Tage. Solche Kraft und Zuversicht, aus tiefster Demut quellend, verhilft uns aber auch zur Aussöhnung mit dem Leben und seinem Leide. Zweierlei Leid, so glaubt ein neuerer jüdischer Künstler unterscheiden zu können, bringt uns das Leben. Edles und unedles Leid nennt er es. Edles Unglück erleben wir in jenen tragischen Augenblicken unseres Lebens, die wir nicht missen wollen, so schmerzlich sie uns sind, — die eigentlich „von höchstem Entzücken kaum zu unterscheiden sind; denn sie sind ein unmittelbares Bewusstwerden des Unendlichen“. Unedles Unglück stammt aus menschlicher Torheit: dem Wahn, der die Völker aufeinanderhetzt, sozialen Kastenwesen, das Tausende feinfühliger Menschen unter das Joch abstumpfenden Frondienstes beugt und den höheren Aufgaben des Menschentums entfremdet. Wenn in jener Unterscheidung eine Wahrheit liegt, so dürfen wir sagen: edles Unglück in Demut zu tragen, unedles Unglück mannhaft zu bekämpfen, das ist die Forderung, die die Religion an uns stellt, durch deren Erfüllung sie uns aussöhnt mit dem Leben. Aber nur der darf sich an die Lösung wagen, dessen Seele sich immer wieder erneuert aus den tiefsten Tiefen des Bornes der Selbstbesinnung. Denn wie tragen diejenigen unserer Brüder, die vom „Sündenstachel“ nichts wissen wollen, denen Religion nur die bequeme Ablassspenderin ist, — wie tragen sie edles Leid? Man geht ins Gotteshaus, sagt Kaddisch und übt damit — eine altge- Versöhnungen heiligte Form der Pietät, weiter nichts. Wie wenige unter den Vielen, die das Hersprechen halbverstandener Worte befriedigt, ahnen denn den religiösen Sinn des Kaddisch, dem es seine Einführung verdankt? Wenn unsere Seele aufs tiefste v. Schmerz berührt ist, dann erwartet die Religion in den ersten Tagen noch nicht, dass wir beten. Aber wenn dann die Besinung wiederkehrt, wenn wir stark genug sind, auch das Leid aus Gottes Vaterhand entgegennehmen zu können, dann sollen wir uns aufrichten und blutenden und doch ergebenen Herzens vor versammelter Gemeinde die grossen Worte sprechen: «33 ,-patP EHprpi Pun1 rrmsro Napsn “erhoben und geheiligt werde der Name des Höchsten in der Welt, die er nach seinem Willen geschaffen". Wenn also uns der Schmerz nicht niederwirft, sondern gleichsam neue Seiten der Gottergebenheit in uns erklingen lässt, dann verstehen wir die kühne Deutung, die die alten Erklärer unserer heutigen Schriftverlesung gaben: „Nach dem Tode der beiden Söhne Arons sprach Gott zu Mose: px S3’ nkT3 wächst uns aus der Ergebung in das Leid mehr als blosse Pietät, es erwächst uns Heiligkeit des Willens, Festigkeit des Entschlusses, das Beste, was wir einem teuren Heimgegangenen danken, ihm zu Ehren durchzusetzen im Leben. Denn freilich erschöpft sich wahre Heiligkeit nicht in der Innerlichkeit des Herzens. Die Bekämpfung des abwendbaren Unglücks sucht wahrhaft frommer Sinn nicht weniger als die demütige Hinnahme des edlen Leides. Wohl haben Israels Propheten darauf hingewiesen, dass kein äusserer Gottesdienst dem Ewigen gefallen kann, der nicht aus tiefstem Herzen strömt; und diese ihre Botschaft hat weit über die Grenzen des eigenen Glaubens hinaus gewirkt. Aber darin liegt ihre Eigenart, dass diese Frömmigkeit des Herzens nicht gleichsam an ihrem eigenen Kreislauf abrollt, sondern darauf hindrängt, wie es in unserem Olenu- \ ~ .. 'r' ' “ j Ein neues Jahr beginnt I Von NORA HAUBEN *! Das zu Ende gehende Jahr { Brachte uns nicht den ersehnten Frieden ’ Durch den Hass der Nachbarn! Die Bedrohung durch uneinsichtige t Übergrosse Mächte I Und das Versagen der anderen, t | Sehnsüchtig erhoben wir stets | Auf’s Neue unsere Stimme auf I Echten Frieden für Israel 1 Aber, wie so oft, fiel sie gebrochen IAn Mauern nieder, die kein Lichtstrahl durchdrang. Daemonen wollen Israel Die Wurzel zerschneiden, Aus der es das Leben zieht. Es soll Ihnen nicht gelingen! Die Tiefen des jüdischen Glaubens Haben wunderbare Überraschungen bereit So entzündet “BEWÄHRUNG” wie ein Meteor mit seinen Flammen Die Atmosphäre israelischen Lebens Ein seelischer Meteor erlischt nicht Wie ein physikalischer, IEr kommt nicht aus Raumtiefen, Sondern aus den Tiefen des Geistes. In dieser Hoffnung und in diesem Glauben I Gehen wir hinüber ins neue Jahr. Gebet heisst ito rvoPas Dpi» ipnP „die Welt zu gestalten nach dem Willen des Allmächtigen“. Gerade an diesem heiligen Tage, der uns scheinbar aus dem Weltgetriebe loslöst, ruft uns der Mund des Propheten die Mahnung zur gottgewollten Tat ins Gewissen. Die Menge seiner Zeitgenossen fastete, wie die Masse der unseren Kaddisch sagt: aus Pietät, mechanisch, mit der Absicht magischer Einwirkung. „Und das soll ein Fasttag sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag der Demütigung der Seele — wenn ihr wie Schilf euer Haupt krümmt, euch in Sack und Asche hüllt? Das nennst du Fasttag, Tag des Wohlgefallens für Gott? Führwahr, das ist ein Fasttag, der mir gefällt, zu öffnen die Schlingen des Frevels, zu lösen die Bande des Joches... den Hungernden dein Brot zu brechen, die Armen, Irrenden ins Haus zu führen!“ Den Hungernden Brot brechen — am Versöhnungstag? So fragen wir und bedenken nicht, dass der Versöhnungstag seinen abschliessenden Sinn erst im späteren Leben findet, dass Gott (wenn wir das Wort eines Meisters umbilden dürfen) nicht fragt, wie du seinen Tag feierst, sondern wie du deinen Tag begehst. Deine Werktäglichkeit ist der Prüfstein deiner Festtäglichkeit. Der Versöhnungstag führt dich zum Quell der Busse, aufklingen lässt er die letzten Tiefen deiner Seele, aufrauschen die Worte, die der versklavte Gottesbote in. deiner Brust dir zuruft: die Welt blutet aus tausend Wunden, die fluchtwürdiges Gemetzel geschlagen; unschuldige Menschen irren von Ort zu Ort; Lehrhallen Israels in deinem schwergeprüften Vaterlande haben ihre Pforten schliessen müssen; andere welken dahin; so drohen die heiligsten Pflegstätten jüdischen Geistes zu vergehen, drohen die Lungen deines Judentums zu vertrocknen; du kannst helfen und — du glaubst, der Jom Kippur verlange nichts von dir als Fasten und Beten? Erst dann hast du ihn verstanden, wenn du „jedes Joch zerbrichst“: erst das deine, das deine besten Kräfte bindet, und dann das der anderen; wenn du dich befreist, um andere zu erlösen! Dann aber, so verheisst uns der Prophet, „geniessest du das Erbe deines Vaters Jakob“. Dann darfst du froh zu deinen Vätern aufblicken, wenn du. ihr Erbe durch eigene Tat erwirbst, um es zu besitzen. Ein neues Band der Treue schlingt sich dann um dich und diejenigen, an deren Werke du weiterbaust; und neue Kraft strömt dir zu aus der Erinnerung an die Meister. Wir denken heute der verstorbenen Lehrer des Seminars, deren Trauertag um diese Zeit sich jährt: der Seminarrabbiner David Joel und Israel Lewy, des Geschichtsschreibers Heinrich Graetz. — Wer bringt, so fragen alte Erklärer, den Toten Kunde von den Lebenden? Und sie antworten: die Tora bringt Kunde, der Schmerz bringt Kunde. Das ist es, was uns mit der Vergangenheit verbindet: die uralte, ewig neue jüdische Lehre, der uralte, ewig sich erneuernde Judenschmerz. Und der Gedanke an die grossen Meister der Tora und den grossen Geschichtsschreiber des Judentums möge uns Kraft geben, treu zu stehen zu jüdischem Glauben und jüdischem Schicksal die Leiden des Geschickes zu lindern durch den Geist der jüdischen Lehre. Zu solchem Vorsatze, Allgütiger, erbitten wir Deinen Beistand. Du gabst uns diesen grossen, heiligen Tag; mit bebender Brust nehmen wir die kostbare Gabe aus Deiner Hand; lass uns nicht unwert sein der Gnade Deines Geschenkes, durch das Du uns ausgezeichnet vor den Völkern Deiner Erde! Lass uns nicht leer zurückkehren von Deinem Angesichte! öffne unser Ohr, dass es wülig Deine Botschaft vernehme, reinige unser Herz, dass es in Wahrhaftigkeit Dir diene, auf dass das Licht dieses Tages ausstrahle auf unser Leben, uns zum Heile und andern zum Segen. So führte uns zurück zu Dir, Ewiger, wir wollen zurückkehren, und erneuere und verjünge unsere Tage! Amen. 2

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