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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-04-01 · No. 41 (April 1977) · p. Seite 32

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 41 (April 1977)
Date
1977-04-01
Page
Seite 32 (sequence 32)
Language
German
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Rabbiner Dr. Zwi Bassfreund s.A. Vor und hinter dem Tauentzienplatz (Ein WandelbUd) Eigentlich war es im Frühjahr, etwa Mai— Juni, hier am schönsten. Der Flieder blühte und die alten Bäume, unter denen man sitzen konnte, gaben der Luft ein würziges Aroma! Wenn man vom Ring her die Schweidnitzer Strasse herunterging, begann eigentlich schon der Tauentzienplatz vorher. Seine plastisch-schönen Umrisse erblickte man gleich nach der Dorotheengasse. Rechts war die Buchhandlung von Max, Inhaber Wellmann, dann kam das Zeitungshaus Rudolf Mosse, dann das Stadttheater und das Generalkommando, wo 1901—05 die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen Meiningen als Chefin des 11. Grenadierregiments residierte. Hinter der Promenade am Exerzierplatz werfen wir noch einen Blick auf den Schweidnitzer Stadtgraben. Die Hoheit des Gotteshauses der Neuen Synagoge genoss man voller Bewunderung und Ehrfurcht. Hier amtierten die Rabbiner, Prof. Guttmann, Vogelstein, Saenger. Die Kantoren Cerini und Borin bereicherten die Andachten durch ihre erhebenden Gesänge, unterstützt von einem Chor und Orgel. In meiner Jugendzeit war an der Ecke zur Schweidnitzerstrasse ein Weisswarengeschäft von M. Schneider, später kam das Postscheckamt hierher und im I. Stock war das elegante Konzertcafö, Vaterland (Inhaber Grundmann). Unten am Schweidnitzer Stadtgraben war das Cabaret "Kaiserkrone“. Der tüchtige und rührige Inhaber, Herr Walter Seifert, wusste ein internationales Programm zu bieten. Um die Ecke, zum Tauentzienplatz zu, gab es erst eine Buchhandluna (Schweizer), dann eröffnete die Lotterie von Arndt viele Möglichkeiten, dem Glück die Hand zu bieten und in der daneben liegenden Bank konnte man die Gewinne gleich gut anlegen. Doch zurück zur gegenüberliegenden Seite, am Zwingerplatz. Dort war im 1. Stock das Schloss-Cafö, unten ein Musikgeschäft und Konzertdirektion, vis ä vis das Cafö Fahrig, wo abend die künstlerische Prominenz verkehrte. Dort war auch ein Spezereigeschäft von Buchali und um die Ecke zog Hugo Cohn, Hoflieferant, die Damen der Breslauer Haute volöe und des schlesischen Landadels elegant an. Der Juwelier Raimondo Lorenzi nebenan schmückte sie mit “Perlen in der Krone". In diesem Hause wohnte auch einer der fähigsten Strafverteidiger Breslaus, Justizrat Mamroth. Hinfer der Torwache, am Schweidnitzer Stadtgraben, gab es einst ein Wolff-Telegraphenbüro, wo ausländische Zeitungen auslagen. Daneben lud “Bodega” zu einem süssen Glas spanischem Wein ein. Die HAPAG (Hamburg-Amerika-Linie) war hier vertreten und im Kaiser Wilhelm-Cafe verkehrte vielfach die einstige Generation. Um die Ecke erblickte man das elegante Modehaus Willy Caspari. Voll Begeisterung bewunderte man seine modernen Auslagen. Nun war man endlich am Tauentzienplatz angelangt. Das Residenz-Hotel mit elegantem Cafö konnte man noch bis 1929 bewundern. Daneben erstand das Tauentzien Theater als moderner Kinopalast für Erstaufführungen. Im Sommer waren daneben die Tische des Pschorr-Braeus innen und aussen stets stark frequentiert. Überschritt man die Tauentzienstrasse, auf der die Linie 11 der alten Elektrischen bis Morgenau zuckelte, kam man zum Savoy-Hotel, berühmt als Übernachtung auswärtiger hoher Offiziere und Adliger. Noch berühmter der Speiseraum, durch seine Spezialität “Kartoffelsuppe", gewürzt durch eine krebsartige Beilage. Dort war ferner die American-Bar des Hotels 'des Direktors Fischer. In der südöstlichen Ecke erfüllte das Ufa-Theater, gleichfalls ein Erstaufführungskino, seine unterhaltsame Pflichten. Im nächsten Haus, No. 10 b, befand sich ein behagliches Restaurant das "Spatenbrau“. Dieses Haus beherbergte ferner die Wohnung des einstigen Theaterdirektors Dr. Theodor Loewe. Loewe war ein kenntnisreicher Kunstsammler und seine Galerie, reich an Aquarellen, Originalgraphik, Stilleben, Tag- und Nachtlandschaften und Portraits war sehenswert. Der Maler Laboschin und Prof. Ernst Scheyer haben die Loewe-Gallerie wiederholt beschrieben. Eine weitere Kunststätte am Tauentzienplatz war die Filiale der Kunsthandlung Arnold, wo man speziell die Expressionisten begutachten oder beschlechtachten konnte. Im Eckhause No. 10 war eine Confiserie von Fassbender, wo es leckere Dinge zu kaufen gab. Vis ä vis, im südwestlichen Teil des Platzes, konnte man sich bei SOWA mit den exquisitesten Delikatessen eindecken. In der Südwestecke tanzten elegante Paare in der Charlotte-Bar. Und in einer Wohnung an der Nordseite residierte Richard Heymann, der Direktor von Meyer Kauffmann, mit seiner hochmusikalischen Familie. In No. 10a praktizierte Dr. Albert Sachs, Spezialarzt für Wasserkuren. Die allerersten Lichtreklamen in Breslau waren am Tauentzienplatz wirkungsvoll. Dann in No. 9 praktizierte ein sehr tüchtiger Zahndoktor, Herr Schoeps. Er trug stets eine braune Samtjacke, er hatte auch samtene Hände und klopfte samt und sonders das ganze Gebiss ab, gewiss, um den Störenfried zu entdecken. Bald war die Wurzel allen Übels gefunden und so setzte deren Behandlung ein. Man bat ihn, einem nicht weh zu tun und er antwortete: Was wollen Sie denn, er ist doch schon draussen! Hierob war man wirklich wie betäubt. Vor Freude. Sein Assistent war sein Neffe, Dr. Goldschmidt, den wir hier im Lande wiedersahen. Er arbeitete im Kibbutz Dovrath. Durch den grossen Wertheim-Bau wurden die Detailgeschäfte, die einst hier florierten, vertrieben. Infolge der sogenannten “Hirtsiefer-Verordnung bekamen sie keine Entschädigung. Dieser Warenhauskomplex nahm ein ganzes Strassenviertel ein, eine Zierde des Platzes. Die Schienenwege der Strassenbahnlinien 2, 2 E, 3, 12 und 22 umfuhren das Grabdenkmal des Generals Tauentzien und kreuzten die Linie 11 der Bahn nach Morgenau. Es folgt die Neue Schweidnitzerstrasse. Links das Palast-Restaurant, in dessen Garten ehemals Konzerte der Breslauer Militärkapellen stattfanden. Folgende Kapellen traten hier auf: Die der Elfer unter A. Reindl, die 51er unter Sobanski, die der Artillerie unter Ruschka und die Blasmusik der feudalen Kuerassiere unter Christian Schall. Man spielte wertvolle Unterhaltungsmusik, Potpourris, Fantasien aus Opern und Balletten, Ouvertüren, Walzer und andere beliebte Tänze. Hier war auch das Palast-Kino, ein ehemaliger Saal für Festlichkeiten wie jüdische Hochzeiten. Im gleichen Haus war die Teppich-Firma Leipziger & Koessler und ferner die Wohnung von Albert und Selma Hahn. Vis & vis übte Dr. Pinczower seine Praxis im Hause einer Apotheke aus und fast an der Ecke zur Gartenstrasse sorgte die Firma Uhren-Rosenthal dafür, dass man nicht zu spät kam. Hier wollen wir heute unseren Spaziergang “rund um den Tauentzienplatz“ beenden und im Cafö Brandt um die Ecke die beliebte Melange schlürfen, die delikate Torte probieren und neueste Zeitungen einsehen. Julius Sachs?» * ** * In Nd. 40 unseres Blattes Seite 36 haben wir unserem hochverehrten Rabbiner Dr. Bassfreund zum 90. Geburtstage gratuliert. Leider müssen wir heute ihm einen Nachruf widmen. In No. 30 erschien s.Zt. ein grosser Artikel über die Familie Bassfreund. Heute wollen wir nur hinzufügen, dass dieser ausgezeichnete Mann als Krone der Familie weit über die Grenzen seines Kreises ein grosses Ansehen genoss dank seiner grossen Gelehrsamkeit und einer ausgeprägten Bescheidenheit. Seine Parole und sein Lebensideal waren: Nur mit Erfüllung der Mitzwoth (Pflichten des Judentums) in all seine Sparten sind wir lebensfähig. Das hat er in seinem Leben verwirklicht. Wir verbinden uns in tiefem Mitgefühl mit seiner Gattin, den Kindern und der weiteren Familie. Möge er ein guter Fürsprecher für die Seinen und Klall Israel sein. WIR KONDOLIEREN: Frau Carola Glaser geb. Ster, (Viktor), zum Ableben ihrer Tochter, Herrn Schlomoh Ascher, Ramat Gan, Arlosoroffstr. 58, zum Ableben seiner Gattin und der guten Mutter, Frau Ascher war durch ihre ausserordentlichen Qualitäten als wirklich fromme jüdische Frau bekannt, Familien Freund und Lewin zum Ableben von Frau Irma Freund, geb. Lewin, die nach langem, schwerem Leiden heimgegangen ist. Sie kam bereits mit ihrem Gatten, Leo Freund s.A. im Jahre 1932 nach dem damaligen Palästina, und war das Haus Leo Freund für die von 1933 ankommenden religiösen Kreise aus Breslau Halt und Stütze. Der Bescheidenheit der Heimgegangenen wegen unterlassen wir auf ihre eigene Bitte, Besonderes hinzuzufügen. Siegbert Mannheim, Kirjat Ono, P.O.B. 34, zum Ableben seines Bruders Kurt Mannheim, Kfar Sirkin. Der Heimgegangene hat durch schwere Arbeit mit grosser Liebe zum Lande dies mitaufbauen helfen und ist durch sein grades Wesen, seine ausserordentliche Pflichterfüllung, überall beliebt gewesen. 32

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