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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-04-01 · No. 41 (April 1977) · p. Seite 31

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 41 (April 1977)
Date
1977-04-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
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Erinnerung an Hans Krieg Breslauer Post um 1900 In Zellers beliebter Operette “Der Vogelhändler“ singt die “Christel von der Post“ ihre Koloratur-Arie mit dem Refrain: “denn bei der Post gehts nicht so schnell...“ In Wirklichkeit war dem nicht so. Es ging damals bei der Post in Breslau sogar sehr schnell, vorbildlich schnell. Die Post der früheren Zeiten setzte ihre ganze Kraft dafür ein, das Publikum auf raschestem Wege mit Briefen, Paketen und Telegrammen zu versehen. Es gab keine Unterbrechungen. Briefe u.s.w. sind ja wie schriftliche Gespräche, Pakete sind Liebesdienste und Depeschen sind meist — hoffentlich — erfreuliche Mitteilungen, also keine Arbeit im Sinne eines Handwerks, oft nur der einzige Berührungspunkt zwischen Eltern und Kindern. Post bedeutet also einen Liebesdienst, eine Geste der Menschlichkeit. Und es werden in den Gebeten täglich Liebe und Menschlichkeit erwähnt. Wie stand es in Breslau mit der Post? In den 90er Jahren gab es neben der Reichspost noch Privatpost. Die sogenannte “Hansa-Post“ mit eigenen Boten, eigenen Briefkästen und eigenen Marken dürfte noch in Erinnerung sein. Das Porto kostete 2i^ Pfennig. Es war ausschliesslich Stadtverkehr. Doch auch die staatliche Post war an Schnelligkeit unübertroffen. Die Briefträger kamen 2 bis 3 mal täglich. Sie bedienten die Wohnungen in jeder Etage. Es kam selten vor, dass Briefe verloren gingen. Pakete wurden mit Wagen ins Haus geliefert. Die grossen gelben Postwagen erfreuten mit ihrem Inhalt die Herzen des Adressaten. Auch Geld wurde ins Haus geliefert. Der Geldbriefträger war ein beliebter Gast. Breslau hatte ein Haupt-Telegrafenamt in der Maentlergasse, Rückseite des Hauptpostamtes. Telegramme konnten ununterbrochen aufgegeben werden, auch nachts und an Feiertagen. Nie war man von der Aussenwelt abgeschnitten. Depeschenboten lieferten die Telegramme per Fahrrad ab. Und alle Briefkästen wurden in kurzen Abständen geleert. Die ankommende Post wurde bereits in den Fernzügen sortiert. Die meisten Eisenbahnzüge führten Postwagen nach und von Breslau mit Personal mit. Man konnte eilige Post auch an den Bahnhöfen gleich in den Postwagen einwerfen. Postämter in Breslau waren folgendennassen gelegen: Hauptpost: Albrechtstrasse, Postamt II am Hauptbahnhof, Postamt III am Freiburger- Bahnhof, Postamt 4 in der Karlsstrasse, Postamt 5: Museumsplatz, Postamt 6: Friedrich Wilhelmstr., Postamt 10, Mathias-Platz, Postamt 13: Elsässer - Ecke Kaiser Wilhelmstrasse (vorher Viktoriastr.), Postamt 16 bediente Scheitnig und Postamt 18 den Südbezirk (Kuerassierstrasse). Jedes Postamt erhielt die eingehende Post für seinen Bezirk. Es gab kein Sammelpostamt. Auf jedem Postamt waren ausreichend Schalter vorhanden, wodurch langes Anstehen des Publikums vermieden wurde. Geld überwies man durch Postanweisungen, später erst kam Postscheckverkehr auf. — Der Telefonverkehr funktionierte vorbildlich, ohne Unterbrechung. Die Farbe der Postwagen war gelb, sogenanntes Postgelb. Die Marken waren 3 Pf. braun, 5 Pf. grün, 10 Pf. rot, 20 Pf. blau, auf allen prangte die Germania. Die Postülione auf den damaligen Pferdefuhrwerken sassen hoch oben in schmucken Uniformen und mit Postsignal. Die Beamten an den Schaltern trugen Uniform mit 2 roten Streifen (Tressen), Später wurden auch Damen im Schalterverkehr eingestellt. Als Kuriosum seien in diesem Zusammenhang die privaten Radler-Institute erwähnt, die innerhalb der Stadt einen Schnellverkehr für Briefe Stets ist es von mir und anderen Musikfreunden als Lücke empfunden worden, dass über den Musiker Hans Krieg kein Material der Erinnerung vorliegt. Krieg, geboren 1899 in Haynau Schlesien, erlebte seine Jugendjahre in Breslau, später lehrte er wieder in die Odermetropole zurück, um hier musikberuflich tätig zu sein. Schon deshalb sollte es besonders die Breslauer Leser interessieren, über diese bemerkungswerte Künstlerpersönlichkeit Nähe res zu erfahren, seinen Lebenslauf zu verfolgen. Hierbei muss im Voraus der Breslauerin Frau Sofie Even Pina, Haifa, (S. Eckstein, geb. Baruth) besonders herzlich gedankt werden, die reichhaltiges Material liebenswürdigerweise bewahrt und zur Verfügung stellte. Natürlich ist Raum und Platz in unserer Zeitung begrenzt, aber das Wichtigste sei erwähnt. Mein Bericht beginnt mit dem Grossvater väterlicherseits der in dem Städtchen Rawitsch Kantor der jüdischen Gemeinde und ferner mit der Grossmutter mütterlicherseits, die eine Klavierlehrerin von Format war, also — wenn man daran glaubt, — erbliche Belastung. Ich erinnere mich auch der Tatsache, dass Kriegs Vater in der Tauentzienstrasse nebenamtlich ein guter Flötist war. So nimmt es nicht wunder, dass der kleine Hans mit 8 Jahren Kompositionsversuche machte und in Musik weiter ausgebildet wurde. Mit 17 Jahren unterzog er sich einer Berufswahlprüfung durch den bekannten Breslauer Operndirigenten der Aera Theodor Löwe, Julius Prüwer. Prüwer war von seinem Prüfling so beeindruckt, dass er ihn mehrere Jahre in den Fächern Opern-Dirigieren und -Komponieren ausbildete, ferner auch in einschlägigen Nebenfächern. Zur weiteren Ausbildung begab sich Krieg an das Konservatorium nach Leipzig und 2J^ Jahre nach Berlin an die Staatsakademie für Musik. Er belegte Kurse bei prominenten Lehrkräften und bestand die Schlussprüfung mit Auszeichnung. Wer half dem jungen Musikus weiter in die Steigbügel, damit er sich die ersten Sporen verdiene? Kein Geringerer als der berühmte Komponist der Märchenoper “Hänsel und Gretel“, Engelbert Humperdinck. Durch ihn erhielt er einen Posten als Korrepetitor und Dirigent der Bühnenmusik an der Oper in Rostock. 1925 ging er nach Plauen, wo er bereits Opern dirigierte. Schliesslich landete er am Pfauentheater in Zürich in gleicher Funktion. Hier komponierte er unter anderem zu Werfels “Paulus unter den Juden“ die untermalende Musik. Der Autor drückte ihm seine Bewunderung zu der gelungenen Partitur aus. 1928—33 zog es unseren Freund wieder nach Breslau. Er wurde an das Lobetheater und Thaliatheater verpflichtet, wo er die Schauspielmusik zum Erklingen brachte. Hier studierte er auch die “Dreigroschenoper“ ein und dirigierte sie. Er und das Orchester waren im Stil jener Epoche gekleidet. Auch der grösste Arbeiterchor Schlesiens sicherte sich Krieg als Dirigenten. etc. einrichteten. Es gab “gelbe“, “grüne“ und “rote“ Radler. Erwähnt sei auch die Sonderpost nach Clarenkranst, täglich von der Hauptpost aus. In Breslau waren, wie gesagt, die Postdienste vorbildlich, was Schnelligkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit anbetraf. Es ist ja auch der eigentliche Sinn der Post, ohne Unterbrechung für das Publikum da zusein. Man hatte viel Liebe zu dieser Tätigkeit. Post — damit man von einander hört! Post verträgt keine Unterbrechungen! Julius Sachs 1933 ging Krieg nach Amsterdam. Songs, Tendenzlieder und Hörspiele erblickten hier mit Erfolg das Licht der Welt. 1943 erlebte er mit Frau und 2 Töchtern Westerborg und Bergen-Belsen. Hier lehrte er die Jugend, hebräische und holländische Volksweisen zu singen, trat auch selber als Sänger auf. Sein Mut war beispielgebend, er fühlte in diesem Chaos sozial und voller Verantwortung. 1945 hatte er Körper und Geist wieder im Griff. Im “Ernest Bloch-Award" gelang es ihm, einen der drei ersten Preise zu erhalten. Der 22. Psalm inspirierte ihn zu einer Schöpfung für 3 Frauenstimmen und Solo. Da er selbst auch Sänger war, der wusste, was der Stimme lag, konnte er auf vokalem Gebiet viel Schönes schaffen. Dort in Amsterdam, das seine zweite Vaterstadt war, war er auch als Musikpädagoge führend. Ein grosser Erfolg für unseren Musikus war die Begründung des Amsterdamer jüdischen Männerchors, der dank der hingebungsvollen Arbeit des Dirigenten Krieg, seiner Energie und Begabung ein Begriff für Holland geworden ist. Neben seiner Tätigkeit als Dirigent und Komponist hat Krieg es stets als wichtig angesehen, jüdische Musik zu pflegen. Er schuf Gesänge für Chor, Soli und Instrumentales, er verbreitete jüdische Musik unter Hollands Juden, er gab Konzerte In jüdischen Kreisen. In allen seinen Konzerten in Amsterdam und anderen Städten Hollands nahm die jüdische Musik einen bedeutenden Platz ein. Krieg bearbeitete ferner alte, aufgefundene portugiesische und spanische Liturgien und analysierte sie. Er stöberte alte Manuskripte in verstaubten Bibliotheken und in Synagogen auf. Er fand sich schnell in deren Stil, übertrug ihre Sangszeichen in moderne Notenschrift und man verlangte seitens namhafter Institutionen Kopien, u.a. auch aus Jerusalem. So geschah es z.B. mit einem Werk des portugiesischjüdischen Komponisten A. de Casseres aus dem Jahr 1739. Unzählig sind die Musikberichte über Kriegs Schaffen, über seine Konzerte und seine Stabführung in Holland. Frühere Breslauer Zeitungen wie auch später holländische künden von der Tätigkeit Kriegs auf vielen musikalischen Gebieten. Aus zahlreichen Konzertbesprechungen, in denen Werke von Krieg analysiert wurden, ist zu entnehmen, dass das religiöse Lied seine Stärke war. Seine Musik dringt zu den Herzen der Hörer, sie hat in allerfeinsten Gefühlsbewegungen oft erschütternden Ausdruck gefunden. Aber auch weltliche Texte zu Zweig, Tagore, Holz u.a. sprechen an. Seine Kinderlieder sind frisch und dem kindlichen Gemüt angepasst. Ein Kritiker äussert, dass noch lange nach Verlassen des Konzertsaales des Komponisten Melodien innerlich weiterklingen. Kann es ein schöneres Zeugnis über Kompositionen geben? Leider ist Vieles nur Manuskript geblieben, also nicht verlegt. Der grösste Vorzug seiner Vokalkompositionen liegt in der Schlichtheit und Natürlichkeit der Melodik. Er übersetzt nicht die Texte in die Sprache der Töne genau, es geht ihm in der Hauptsache um Erfassung der Stimmung. Er neigt der neuromantischen Schule zu. Fassen wir es zusammen: Er arangierte alte Melodien, er schrieb neue, und machte musikologische Entdeckungen, er fühlte sich glücklich in und mit der jüdischen Musik, obwohl er ebenso auch mit weltlicher Musik völlig vertraut war (Oper, Chor, Niederländische Operettengesellschaft usw.). Wir gedenken seiner in Freundschaft. Julius Sachs 31

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