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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-04-01 · No. 41 (April 1977) · p. Seite 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 41 (April 1977)
Date
1977-04-01
Page
Seite 25 (sequence 25)
Language
German
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Dr. med. Fritz Ende Januar starb inNathania, seinem Wohnsitz, mein Jugendfreund Fritz Herrnstadt im Alter von 83 Jahren. Fritz Herrnstadt wurde im Jahre 1893 zu Lissa in Posen geboren als Sohn des hochangesehenen Sanitätsrates und Stabsarztes der Reserve Herrnstadt. Vater und Sohn waren keine Kinder des Glücks, das zeigte sich sogleich nach der Geburt des kleinen Fritz: seine Mutter starb im Kindbett. Nun war guter Rat teuer: der Herr Sanitätsrat brauchte neben einer Kinderpflegerin auch eine Dame, die ihm das Haus führte und später den Sohn betreute. Es fand sich der nahezu ideale Mensch für diese Stellung in der Person einer Cousine meiner Mutter. Adele Wolff war das ältere Fräulein aus gutem Hause, wie es im Buche des 19.. Jahrhunderts stand und heute nicht mehr gefunden wird: sie war vornehm, kultiviert, still, warmherzig und anhänglich, leider aber wenig jüdisch fundiert. Sie hat für Fritz gesorgt, als wenn er ihr eigenes Kind wäre und ist um ihn gewesen bis zu ihrem seligen Ende in hohen Jahren. An dem Kinde Fritz zeigte sich bald, dass er der rechte Sohn seines Vaters war: er war gleich ihm ein guter Lernkopf, und er war gleich ihm nicht eben das, was man einen Sonnenschein nennt. Beide Herrnstadts, Vater und Sohn, waren keine freundlichen Menschen; sie hatten auch wenig Grund, glücklich zu sein. Fritz ging glatt durch die Schule und begann dann wie sein Vater, das medizinische Studium. Da brach der erste Weltkrieg aus. Vater Herrnstadt wurde sogleich als Stabsarzt eingezogen, hatte sehr viel zu tun, überanstrengte sich, der kein Jüngling mehr war und starb in noch relativ jungen Jahren und ziemlich plötzlich. Der arme Fritz war nun mit Anfang zwanzig Vollwaise. Er hatte an Positivem die Tante Adele und keine Geldsorgen, sodass er nach Erledigung seiner Dienstpflicht bei der Sanität das Studium in Ruhe beenden konnte. Er war nun Arzt und ging mit Tante Adele nach Glogau. Da er ein besonders guter Diagnostiker war — die Behandlung steht schliesslich in Büchern — so schuf er sich bald eine gute Praxis und wurde von Kollegen als Consiliarius hinzugezogen. Ich sah ihn in Deutshland zum letztenmal bei der Beerdigung von Tante Adele, als ich in Glogau meine Mutter vertrat. Erst etwa ein Jahrzehnt später traf ich ihn kurz nach meiner Alij ah auf der Hauptstrasse der Unterstadt von Haifa zu meiner Ueberraschung wieder. Im fremden Erdteil, in fremdem Lande, in fremder Stadt einem alten Bekannten zu begegnen, war eine Freude: wir hatten einander viel zu erzählen. Er hatte inzwischen geheiratet, eine christliche Freundin, die zum Judentum übergetreten war und sich Ruth nannte. Er hatte von ihr einen kleinen Sohn Jakob. Er schien wohlhabend zu sein, nahm sich in Haifa eine hübsche Wohnung und machte mit der Hanotea einen Vertrag über den Bau eines Hauses in Nathania. Dieses Haus wurde sehr schön und geräumig: es hatte wohl fünf oder sechs Zimmer, zudem eine Treppe auf das Dach, das einen prächtigen Blick auf das Meer bot. Räume im Souterrain baute Fritz für seine Ordination aus. Frau Ruth richtete im Hause eine koschere Pension ein, in der dauernd ein Beamter des Rabbinats herumsass. Mit zwei Berufen hätte ihre Zukunft eigentlich gesichert sein müssen. Aber leider war die Lage des Hauses für gewerbliche Zwecke nicht günstig. Das alles ist heute kaum mehr vorstellbar. Das Haus lag auf der Rischon Lezion Strasse, die damals die letzte Strasse vor dem Meere war; sie hatte damals wie heute keinen direkten Zugang zur Ussischkinstrasse, die man nur durch Umgehung Herrnstadt s.A. der Rischonstrasse erreichen konnte. Die Jabotinskystrasse war angelegt, aber noch nicht bebaut. Wo also hätte auf der Rischonstrasse viel Verkehr herkommen sollen? Die ganze Strecke bis zum Meer hin war Wüste, restricted area, das nicht bebaut werden durfte. Man hatte also leicht versprechen, dass keine andere Strasse vor der Rischonstrasse gebaut werden würde. Dass dieses Versprechen nach dem Befreiungskriege nicht gehalten wurde, weiss jeder, der Nathania und die Gad Machnesstrasse kennt. Das Ehepaar Herrnstadt hatte in Nathania kein Glück: die Pension ging schlecht und die Praxis überhaupt nicht: Fritz hat bis zum letzten Tage seines Lebens die hebräische Sprache nicht erlernt und im Umgang mit Menschen war er nie ein Meister gewesen. Zudem entwickelte sich bald ein weiteres Erbteil seines Vaters, der sehr kurzsichtig gewesen war: ein Augenleiden, das sich trotz Behandlungen und Operationen stetig verschlimmerte. Das machte den an sich stark invertierten Menschen vollends weit- und menschenscheu. Die Jahre vergingen. Wir sahen uns selten: wir wohnten weit entfernt von einander, und in der Sandwüste von Nathania war nichts zu holen. Der Sohn Jakob wurde erwachsen und später ein Auditor in Nathania, die Eltern aber gingen nach Deutschland zurück, um weitere Augenbehandlungen zu versuchen. Die Mutter hing sehr an dem Sohne und besuchte ihn gelegentlich, Fritz hatte nie eine rechte Einstellung zu dem Kinde gefunden, das er sehr streng erzogen hatte. In Nathania aber geschah mittlerweile sehr viel: die herrlichen Promenaden entstanden und die Treppe zum Südstrand, der bald dem Nordstrand an der Schlucht grosse Konkurrenz machte. Es wurde ungemein viel gebaut und die Gad Machnesstrasse angelegt. Damals hatte die politische Partei Mapam das Grundstück neben Herrnstadts "Haus Ruth” erworben und wollte dort ein Erholungsheim für die Mitglieder bauen. Dieses Grundstück aber war für ihre weitreichenden Zwecke zu klein, und so suchten sie, das Haus Herrnstadt dazu zu erwerben. Der Verkauf kam tatsächlich zustande, und so geschah es, dass das schöne Haus von Fritz Herrnstadt vom Erdboden verschwand und an seiner statt das riesige “Hotel Kibbuz” errichtet wurde. Jakob, der Sohn, nun gleichfalls verheiratet und Vater eines Kindes, konnte den Ertrag nicht nach Deutschland transferieren und nahm eine schöne Wohnung auf der langsam entstehenden Jabotinskystrasse. Die Eltern fanden auch in Deutschland keine Ruhe oder Heilung der kranken Augen und kehrten nach Nathania zurück, wo sie sich eine hübsche Wohnung nahmen. Hier nun begann der erste Teil von Fritzens wahrer Lebenstragödie. Er war nun nahezu blind und sah nur noch ganz wenig. Das Laufen fiel ihm schwer, aber er hat uns noch vor zehn Jahren in unserm Hotel besucht. Leider verschlechterte sich sein physischer und psychischer Gesundheitszustand fortwährend. Dazu überkam ihn eine Art verzweifelter Lethargie, eine Inaktivität, die durch nichts zu durchbrechen war. Wir waren jeden Juni in Nathania, und ich sah Fritz in diesen Zeiten regelmässig. Es gibt dort eine wunderbare Institution, ein vrahrer Segen für alle, die sie brauchen: die von dem blinden Dr. Ludwig Cohn gegründete Central library for the blind. Sie verschicken Bücher in Brailleschrift und Tapes zur Unterhaltung von Blinden. Die Leiter des Instituts haben sich um Fritz sehr bemüht, und ich habe ihn immer wieder beschworen, von ihren Angeboten Gebrauch zu machen, und nicht nur dazusitzen und den ganzen Tag mit dem in der Tat bösen Schicksal zu grollen. Er machte es sich selbst und der Frau Ruth nicht leicht, die redlich für ihn sorgte. Erst als sie ihn allzu zeitig und unerwartet verlassen hatte, erkannte er, was er an ihr gehabt hatte und betrauerte sie ehrlich. Von da ab begann der zweite und letzte Akt seiner Lebenstragödie: blind, verwitwet, seiner Beine kaum mehr mächtig, von Schwiegertochter und Enkeln durch die Sprache getrennt, dem Sohne, der sein Geld verwaltete, von jeher entfremdet, war er nun wirklich in einer verzweifelten Lage. Das ausgezeichnete Pflegeheim an der Südgrenze von Nathania hatte leider keinen Platz frei, und so kam er in die Wohnung einer früheren Hausgehilfin. Ich habe ihn dort nie gesehen, sondern immer in der eleganten Wohnung des Sohnes Jakob. Noch 1975 riet ich ihm zu grösserer Aktivität, 1976 aber war sein Zustand nach einem Schlaganfall ein derartiger, dass Zureden keinen Sinn mehr gehabt hätte. Er war teilnahmslos und sehnte, wie schon im Jahre vorher, nur noch den baldigen Tod herbei. Noch weitere dreiviertel Jahre hat er leiden müssen, bis der Tod endlich ein Einsehen hatte. Ich kann seinen Heimgang nicht beklagen; das war kein Leben mehr. Aber ich traure um den Verlust meines letzten Jugendfreundes, zu dem ich sagen konnte: weisst du noch? denn Fritz hatte trotz allem ein glänzendes Gedächtnis, das bis zu 75 Jahren zurückreichte. Möge er im Gan Eden die Ruhe finden, die ihm im Leben versagt blieb. Walter B. Goldstein Dr. MORDECHAI BEN-ASCHER (Max Ascher) Der Vorgenannte ist Ende Dezember 1976 im Alter von nur 54 Jahren einem Herz-Anfall erlegen. Dr. Ben-Ascher ist in Breslau geboren und war Schüler der jüd. Schule am Rhediger Platz. Schon während seiner Schulzeit konnten seine vielseitigen Fähigkeiten erkannt werden: Er schrieb ein so schönes Hebräisch, dass ein hebräischer Aufsatz von ihm nach Israel, damals noch Palästina genannt, zur Beurteilung geschickt wurde. Dr. Ben Ascher hat noch das Abiturientenexamen in Breslau ablegen können. Bei dem im Mai 1976 stattgefundenem Treffen der Breslauer zeigte er sein Zeugnis der Reife-Prüfung, sowie die hebräische geschriebene Bescheinigung über die gleichzeitig abgelegte Prüfung in den hebräischen Fächern. Uber England kam Dr. Ben-Ascher ins Land und lebte sehr lange im Kibbuz “Misra”. Er war dort Lehrer und hat im Kibbuz seine Frau kennengelernt. Erst spät konnte Dt. Ben-Ascher sich es erlauben, seine akademischen Studien zu beginnen. Er studierte in Jerusalem, hauptsächlich hebräische Philologie, und seine Lehrer, die seine Fähigkeiten erkannt haben, haben ihn als Lehrer der hebräischen Philologie an die Universität, Haifa, empfohlen, wo er bis zu seinem Tode tätig war. Er galt als ein sehr beliebter Lehrer, der es verstanden hat, seine Schüler zu fördern und für sein Fach zu interessieren. Er hat Bücher und Aufsätze über sein Fachgebiet veröffentlicht und Hegel ins hebräische übersetzt. Von einen Büchern seien erwähnt: .’a’DöTun pnjnn niuamn (x nunnn nnaya T>anna Duvy (a .(rbwi x"n ,imxan fiapn( Dr. Ben-Ascher war ein ernster Forscher und seine Veröffentlichungen werden weiter gelesen und zitiert werden. Er war voller Humor, immer bereit, zu helfen und ein sorgender Familienvater. .■pnanua x1» rnaxi by ‘ran Es ist schade um diejenigen, die nicht mehr sind. 25

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