Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-04-01 · No. 41 (April 1977) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 41 (April 1977)
Date
1977-04-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7411685-7412524-7496487--0660-7412545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

J Der abgesagte - und der „gelungene” Aufstand} \a mm am mm mm am am mm am am am am mm mm am am mm m Von Martin Bielski s.A. m mm am am am am ^m ^m am am am ^m am am mm mm tma^ Der Ssederabend ist für Juden ein grosses und wichtiges Fest. Selbst im fernen Tarata, in der Republik Bolivien, fanden sich die drei jüdischen Familien zu Ssederabend zusammen. Das Wetter war schlecht. Der Sturm rüttelte an den Fensterläden. Scheiben gab es ja nicht ln diesen Fenstern. Die Familien wollten sich zur Ruhe begeben. Immerhin schrieb man das Jahr 1941. Es war nicht mehr die Zeit, in welcher Wildheit u. Gewalt allein die Dinge bestimmten, jedenfalls nicht in diesen Breitengraden. Der Reiter, der in das Städtchen jagte, sass auf einem Maultier. Denn die “Mulas” waren und sind sehr beliebt in den Gebirgen der Anden. Sie finden ihren Weg über die Bergpfade auch im schlimmsten Nebel, im schlimmsten Sturm. Der Reiter stoppte abrupt vor einem der alten Häuser. Er sprang ab und klopfte an ein Fenster. Das Fenster öffnete sich, die Laden wurden aufgestossen, die Silhouette eines jungen Mannes wurde sichtbar und dann hörte man eine Gespräch in Quetchua, in der Sprache der Indianer in Bolivien, Peru und Ecuador, wobei der eine Gesprächspartner diese Sprache, die schon zu Zeiten der Incas gebraucht worden war, mit eindeutig deutschem Akzent sprach. Nicht mehr als zehn Minuten vergingen. Dann erschien der junge Mann, der am Fenster gewesen war, und er schwang sich ebenfalls auf ein Maultier. In strömendem Regen und bei gewaltigstem Sturm preschten die beiden, er und sein indianischer Begleiter davon. Sedernacht 1941. Zwei Stunden später bogen sie in die schmalen Gassen eines Städtchens ein. Julio, der Indianerführer wartete schon. Die aussergewöhnlich grosse Gestalt des Repräsentanten der “reinrassigen Indianer” wie er sich und seine Volksangehörigen gerne bezeichnete, trat aus dem Hause. Er begrüsste seinen Gast mit herzlicher Umarmung. Der junge Jude, 1940 aus Deutschland in diese Breiten verschlagen, hatte seinen Gastgeber vor zehn Monaten kennengelernt. Sofort war der Funke übersprungen. Zwischen dem jungen Juden aus Deutschland und dem Repräsentanten der bolivianischen Indianer war eine herzliche Freundschaft entstanden. Vor Wochen hatten sie sich zum letzten Male gesehen. Aber unser Einwanderer war dem Ruf des Freundes sofort gefolgt, als dieser ihn zu sich bat. Denn er wusste, dass Julio das niemals tun würde, gäbe es nicht sehr schwerwiegende Gründe dafür. Der “Chicha” kam auf den Tisch. Der Maiswein, den die Indianer hersteilen, muss in kleinen Quantitäten genossen werden, denn er berauscht sehr schnell. Aber unser Mitteleuropäer wusste, dass seine “Mula” ihn sicher zurckbringen würde. Hier ging es ja nicht darum am Steuer eines Autos zu sitzen. Und dann sprach der Indianerführer. Er erklärte seinem Gast die bittere Situation seines Volkes seit einigen Jahrhunderten. Und er wies darauf hin, dass nur noch ein blutiger Aufstand das Los der Aermsten der Armen lindern kann. Seine Pläne entwickelte er durchaus präzis. Man konnte meinen einem ausgebildeten General gegenüberzusitzen. Der junge Jude hörte aufmerksam zu. Er bewunderte, wie stets, den scharfen Geist seines Gesprächspartners. Aber in der Sache hatte er seine Bedenken. Denn er kannte die Stärke des Heeres, jedenfalls nach innen, wenn auch nicht aussen. Die Debatte wurde langsam hitzig. Der Jude versuchte Julio zu beweisen, dass ein Aufstand zusammenbrechen musste. Er machte ihm klar, dass auf diese Weise nicht damit zu rechnen sei einen Erfolg zu erzielen. Die Zeit sei noch nicht gekommen. Die Stunden gingen dahin, die Kerzen auf dem Tisch wurden immer kleiner. Endlich neigte sich Julio vor und sagte: “Ich glaube, Du hast recht, mein Freund. Ich werde unsere Aktion wieder abblasen”. Er war sehr enttäuscht. Man merkte ihm seinen Schmerz an. Aber er war viel zu klug, um nicht zu wissen, wann er geschlagen war. Und hier war er geschlagen. Durch Regen und Sturm ritt unser junge Jude nach Hause zurück. Diesmal liess er die Zügel frei, das Maultier fand den Weg allein. In tiefes Nachdenken versunken, überlegte er, ob es eigentlich gut sei, dass er und seinesgleichen sich in die inneren Angelegenheiten des Wirtslandes mischten. Denn, und das war ihm ganz klar, was er soeben getan hatte, war eine glatte Einmischung in die inneren Angelegenheiten der bolivianischen Nation. Die Jahre vergingen. Die innere Bindung der jüdischen Immigranten in diesem Lande an eben dieses Land wuchs. Man hatte die Landessprache erlernt, die Menschen, die gebürtige Bürger des Staates waren, hatten sich daran gewöhnt ihre “Gäste”, die in den schwärzesten Stundender Menschheit zu ihnen gekommen waren, als Freunde, ja, sogar als Brüder und Schwestern zu betrachten. Einzelne von ihnen waren vorgeschlagen in den Parlamentsabteilungen zu sitzen, im Unterhaus und im Senat, aber sie hatten letztlich nicht zugesagt. Man fürchtete noch immer die Konsequenzen einer “fremden Einmischung” in die inneren Angelegenheiten des Staates. Der junge Jude, der vor mehr als einem Jahrzehnt durch den Sturm und den Regen der Sedernacht geritten war, hatte ebenfalls seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Inzwischen hatte er geheiratet, ein Sohn war Ihm geboren worden. Viele Freunde aus der Gesellschaft des Wirtslandes sahen in ihm eine Hoffnung auf politischem Gebiet und er wäre auch bereit gewesen, diese Hoffnung zu erfüllen. Aber seine Volks¬ und Glaubensgenossen hinderten ihn daran. Sie befürchteten, dass daraus nur Böses für die Gemeinschaft entstehen könne. So verzichtete auch er. Seine Beziehungen zu den alten Einwohnern des Landes blieben ausgezeichnet, besser als die der meisten seiner Volks- und Glaubensbrüder. Aber “er mischte sich nicht” ein. Er blieb inaktiv. Er kümmerte sich nicht um Politik ★ Pessach 1952. Elf Jahren waren vergangen seit jenem Sederabend, da er auf dem Rücken der "Mula” geritten war, um seinen Freund Julio zu treffen. Die Rundfunknachrichten waren eindeutig. Der Indianeraufstand hatte begonnen. Der Sederabend war diesmal ungestört vorbeigegangen. Aber zwei Tage später meinte die Zeitung in der zweitgrössten Stadt des Landes, dieses Blatt, für das unser jüdischer Freund aus Deutschland manchmal schrieb, er sei der richtige Mann, um auf der anderen Seite der Front, bei den Indianern zu sehen, was eigentlich geschehe. So begab er sich nach Tarata an die Front. Die Armeeoffiziere warnten ihn sich in das Indianergebiet zu begeben. Er schlug die Warnungen ln den Wind. So überschritt er die Linien. Und bald hörte er den Ruf; El judio vienne, der Jude kommt. So hatten sie ihn damals genannt, vor mehr als ze£n Jahren, wenn er zu ihnen kam. Nur wenige Minuten dauerte es, dann umarmte er seine indianischen Freunde und sie brachten ihn zu Julio, der den Aufstand führte. Das Treffen ging schwelgend vor sich Keiner der beiden sagte ein Wort. Wieder war es zur Zeit des jüdischen Befreiungsfestes. Und genau darauf spielte Julio an, als er sagte: “Du siehst, ich habe es mir gemerkt. So wie das Euer Freiheitsfest ist, wird es das unsere sein”. Beide schwiegen. Debatten waren nicht mehr zu führen. Das Ereignis, der Kampf, war auf dem Höhepunkt angelangt. Der Jüdische Gast blieb zwei Wochen bei seinen Gastgebern. Auch diesmal hatte er seine Bedenken. Aber er sah, dass die Indianer sehr vorsichtig operierten, die Armee sehr leichtsinnig. Bis es dann zu dem Tage kam, da die Waffenruhe verkündet wurde. An den Linien trafen sich der kommandierende General und der Indianerführer Julio. Der Frieden wurde vereinbart. Von nun an aber waren die Indianer vollberechtigte, gleichberechtigte Bürger des Staates. Sie hatten augenscheinlich ihr Ziel erreicht. Und als sich unser Jude aus Deutschland u. der Indianerführer zum letzten Male umarmten, sagte Julio ruhig und klar: “Ja, mein Freund, unseren Freiheitskampf scheinen wir gewonnen zu haben. Ich sage scheinen, denn nie wissen wir Ja, ob es Wirklichkeit ist. Nun hoffe ich, dass auch Ihr Euren Freiheitskampf gewinnen werdet. Aber falls das so sein sollte, haltet die Freiheit fest.” Die beiden sahen sich nie wieder. Aber beide dürften manchmal Zweifel daran hegen, ob das, was sie erkämpft haben, genau das darstellt, was sie ersehnt hatten.... ZUM 75. GEBURTSTAG VON J DR. FRITZ BERGER, Nathania j Dr. Berger braucht nicht vorgestellt zu werden: Dieser immer seinen zionistisch-kulturellen Zielen von Anfang an treu gebliebene hier und im Ausland bekannte und beliebte Publizist und Kulturreferent war — vielen einstigen "Jekkes” bekannt — von 1936—39 Abteilungsleiter im Berliner Palästina-Amt und bekümmerte sich damals primär für die Auswanderung der bis dahin in Deutschland ansässigen polnischen Juden, um sich natürlich unter den damaligen Gegebenheiten später dem Gebiet allgemeiner Auswanderung der damaligen Juden in Deutschland zuzuwenden. Sein Weg führte ihn dann zum Genfer Zionistenkongress v. 1939, von wo aus er direkt mit seiner Frau Marietta ins Land kam. Frau Berger ging sofort an die Arbeit: Sie gründete damals die bis dato bestehende, bestrenommierte grosse Leihbibliothek — bis heute eines der “Wahrzeichen” Nathanias, von der Gründerin geleitet I Der rührige Jubilar ist seit 1940 Vorsitzender des IOME, Nathania, und fungierte viele Jahre als Präsident der Nathan Strauss-Loge, Nathania. — Seinen Ruf als Archäologe bis weit über Israels Grenzen hinaus verdankt er der Tatsache, von 1948 bis zur Pensionierung als archäologischer Inspektor für die Küstenebene gewirkt und an vielen Ausgrabungsarbeiten (auch übrigens Inder Schweiz!) mitgearbeitet zu haben. Bei alledem aber blieb für Fritz Berger immer seine von echter Humanität getragene Einstellung gegenüber Mitarbeitern, Anhängern und vielen Freunden dominierend, die diesem geistig jung gebliebenen ‘“Fünfundsiebziger” zum neuen Lebensjahr und hoffentlich auf ungezählte Jahre nur das Allerbeste wünschen! Ad mea — k’mo esrim sc ha nah!! FRIEDA HEBEL 21

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.