Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 41 (April 1977)
- Date
- 1977-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit leichter Feder, mitrelssendem Stile und Humor hätte Adolf Weissmann, einer der weitblickenden und einflussreichen Musikkritiker Deutschlands im ersten Viertel des 20. Jahrh. — seine eigene Biographie geschrieben, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, im Alter auf ein gelebtes Leben zurückblicken zu können. Aber mitten aus vollem Schaffen wurde er am 23. April 1929 von einem Herzschlag dahingerafft, weggerissen von der Seite seiner Gattin, der bekannten Pianistin Gisela Gross, die ihn nach dem damaligen Palästina begleitet hatte, weg von seinen Freunden auf dem Carmel in Haifa, in deren Hause er wohnte und starb. Zur Beurteilung und Förderung der Jüdischen Musik war dieser Erkenner und Förderer junger Talente für kurze Zeit nach dem sich neu erschliessenden Lande (Palästina) mit seiner noch sehr im Anfangsstadium befindlichen Musikwelt berufen worden. Die Gestaltung des Trauerzugs, ähnlich einem Staatsbegräbnis, zeigt die Bedeutung, die man seiner Persönlichkeit beimass. Der Trauerzug in Haifa begab sich vom Carmel zum Technikum, wo eine grosse Menschenmenge an der Bahre vorbeidefilierte, ihm das Ehrengeleit gab, und wo Prof. Schorr, der bekannte Komponist und Musikpädagoge, im Namen des “Komitees zur Förderung jüdischer Musik in Palästina”, dessen Vorsitzender Adolf Weissmann war, von seinem Freunde in beredter Weise Abschied nahm, ebenso wie Realschuldirektor Biram. Am offenen Grabe sprachen auch Prof. Chaim Weizmann und Hermann Struck. Struck hatte vor der Bestattung die Totenmaske abgenommen und eine Skizze von Weissmann angefertigt. Der deutsche Consul in Palästina und die offiziellen Persönlichkeiten nahmen an dem Trauerzug teil. Adolf Weissmann wurde am 15. August 1873 als ältester Sohn des Lehrers Nathan Weissmann und seiner Frau Henriette geb. Wischnitz in Rosenberg O/S geboren. Er selbst schrieb: “Zwar bin ich nicht geborener Kattowitzer sondern der einzige der drei Brüder, überhaupt der Familie, der nicht aus dem Industriebezirk stammt. Aber, wenn ich auch nicht in Kattowitz, sondern in Folge einer Fügung der Geschichte, die meinen Vater nach Rosenberg berief, In einer anderen Ecke Oberschlesiens zur Welt gekommen bin: als Zweijähriger schon wurde ich nach Kattowitz versetzt, und alle meine Kindheitserinnerungen gehen auf diese rauchgeschwärzte Stadt zurück. In der Tat mus ich immer wieder an den Rauch zurückdenken, der ohne Unterlass in die Lüfte stieg. Der konnte die Flamme In mir nicht entzünden. Die Reizlosigkeit dieser Gegend wurde nur durch die Wälder gemildert, die sich, kaum Je von der Axt berührt, jenseits der Eisenbahn nach Emanuelssegen und Nicolau zu hinstreckten. Die Landschaft also sprach im allgemeinen nicht zu den Sinnen der Kattowitzer. Sie konnte eigentlich nicht musisch stimmen. Und doch galt die Stadt als hervorragend musikalisch. Das, was man ihr Musikleben nennen kann, war zwar mit dem Namen Oskar Meister verknüpft, hätte aber doch ohne die angeborene, beinahe schon sprichwörtliche, Musikliebe der Einwohner nicht erblühen können, freilich auch nicht ohne den Wohlstand, der diese rasch emporgeschossene und im amerikanischen Tempo wachsende Stadt auszeichnete. Das Klavier war hier ein unentbehrliches Möbelstück, das sich im Sommer, bei geöffneten Fenstern, mit den übrigen zu einer Polyphonie ruhestörenden Lärms vereinigte. Aber, dass es doch mehr war als nur Lärm, dafür sorgten Oskar Meister und seine Musikschule. Meister galt als ein genialer Sonderling. Dieser nach alter Sitte langmähnige, doch vollbärtige, schlanke Mann mit dem Schlapphut war höchst selten auf der Strasse zu sehen, wenn aber, dann ging man mit scheuer Ehrfurcht an ihm vorbei, denn er war es Ja, der mit langen Schritten, im Zimmer auf- und abschreitend, sparsam mit Worten, doch mit strenger Überwachung des Spielenden, fast sämtliche Klavierfinger von Kattowitz und Umgegend zur hohen Kunst emporzüchtete“. Meister gab Musikunterricht, Meister begründete den Gesangverein, der seinen Namen trug und “wusste die Chorkonzerte dieser Vereinigung dadurch zum Mittelpunkt des oberschlesischen Musiklebens zu machen, dass er sie mit dem Glanz berühmter Solisten umgab. Man braucht den Kattowitzern nicht zu erzählen, wie hier Künstler vom Range eines Joachim, d’Albert, Sarasate, und mancher Andere vor staunenden Ohren sich betätigten. Mochte auch auf1 die Anziehungskraft solcher Name für das zahlende, aus ganz Oberschlesien in die Kattowitzer Reichshalle strömende Publikum gerechnet werden; das Wesentliche blieb doch die durch solche Konzerte vermittelte Kenntnis der Literatur, die Freude am vollendeten Chorgesang unter der Leitung eines Mannes, der, mehr als nur ein Musiker, durch eine tiefere Auffassung von Kunst und durch eine hohe Allgemeinbildung, eine treibende Kraft für Kattowitz bedeutete. Die Chorproben des Meister’schen Gesangvereins, die in der Aula des Gymnasiums stattfanden, brachten den Austausch zwischen dem geistvollen Dirigenten und den Sängern. Danach möchte es scheinen, als ob ich selbst Mitglied des Meister’schen Gesangvereins gewesen sei. Aber ich ging zwar in demselben Hause ein und aus, doch lediglich als Pennäler... so wurde für den künftigen Musikschriftsteller, der zunächst noch keine Ahnung von der Existenz einer Musikschriftstellerei hatte, der Grund in Kattowitz gelegt, wobei freilich zu bemerken ist, dass die Oper so gut wie brach lag. Als Musik galt eigentlich nur die Konzertmusik. Seit Jener Zeit muss sich mein Horizont erheblich erweitert haben. Aber kein Wechsel des Schauplatzes kann die Erinnerung an Kattowitz und was es mir gab, auslöschen”. Früh erkannte der Vater die musikalische Begabung seines Sohnes, der ein “absolutes Gehör” hatte, und der Knabe lernte Klavier spielen. Nach Beendigung des Gymnasiums bezog der junge Student die Universitäten von Breslau, Innsbruck, Florenz, Bern. Er studierte Philosophie, wurde Oberlehrer, setzte aber seine autodidaktischen Musiktudien fort, was gerade während seiner Entwicklungsjahre, in denen er keine Gelegenheit zum Hören und Lernen im Reiche der Musik versäumte, von entscheidender Bedeutung war — namentlich die Studienzeit in Italien. Über seine Studienzeit in Florenz schreibt er: “durch strenge Pflichten nicht gebunden, nur durch die Liebe zu allem Schönen vereint, unsere Zeit zwischen Dante, Manzoni und der italienischen Oper geteilt. Ich zog in jenen Jahren frühester Empfänglichkeit, da den Studenten sonst leicht Bücherstaub und Bierstubendunst für ein künftiges Brotstudium mürbe machen, den erfrischenden Hauch italienischen Lebens, italienischer Kunst, ein. Von Verdi’schen Melodien und den lauen Abendlüften umspielt, zogen wir aus dem Teatro Pagliano in jene kleine Osteria nahe dem Casino, Hessen den Klang zu Worten werden, tauschten Gedanken und Erkenntnisse aus und kehrten mählich durch die einschlummernde Firence in unser kleines Studentenasyl zurück. Dort suchtest Du mich am nächsten Tage auf, und wir durchlebten noch einmal am Klavier den Rausch des verklungenen Abends”. Mit einer Opemgruppe schweift er durch Italien bis hinunter nach Tunis. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gibt er in einer Mädchenschule Sprach- und Gesangsunterricht. Er. Ist ein glänzender Pädagoge. Schon früh stellte er seine schrifstellerische Begabung in den Dienst der Musik. In Berlin begann er seine Laufbahn am "Berliner Tageblatt” das neue Talente suchte, arbeitete dort von 1900—1915 neben Leopold Schmidt. Er war aber während dieser Zeit auch für den “Roland von Berlin” sowie für die "Deutsche Montagszeitung” tätig. Von 1915 bis zu seinem Lebensende schrieb er für die “B. Z. am Mittag” im Ullsteinverlag und trat 1916 auch in die Redaktion dieses Blattes ein. Er wurde ein Musikfeuilletonist grossen Stils. VIcki Baum nannte ihn den “Seismographen der Musik”. Er war einer der wenigen deutschen Musikgelehrten, die an italienischen Universitäten Vorlesungen halten durften. Den Lesern der “Vossischen Zeitung ” brachte er regelmässig Aufsätze über musikalische Zeit- und Streitfragen. Er ebnete die Wege der um ihre Existenz ringenden jungen Künstler. Einer der bekanntesten “Jungen”, dessen Ruhm er verkündete, war Igor Stravinsky. Viel, wenn nicht alles, verdankten ihm die “Atonalen”. Das, was Kerr für die Literatur bedeutete, bedeutete Weissmann für die Musik. Seine Kritiken förderten Talente, sein knapper glänzender, treffender Stil wurde gelesen, gehört, gewann grundlegenden Einfluss. Er war einer der markantesten Erscheinungen der Berliner Musikpublizistik. Und er war auch der Erste, der sich nach dem ersten Weltkriege um die Wiederanknüpfung internationaler Beziehungen auf dem Gebiete der Musik hohe Verdienste erworben hatte, denn Deutschland war damals isoliert. Er war der erste Präsident der Sektion Deutschland der “Internationalen Gesellschaft für neue Musik”. Sein Name ist ein europäischer Name geworden. Durch häufige Auslandsreisen aber auch durch fruchtbare kritische und feuilletonische Arbeit hat er viel dazu beigetragen, das Interesse für die moderne Musik des Auslands in Deutschland, aber auch im Ausland das Verständnis für das zeitgenössische deutsche Schaffen zu wecken, und zu beleben. Deutschland besitzt nur wenige, die so Grundlegendes auf dem Gebiete der Musikschriftstellerei geleistet haben: Dokumentarischen Wert haben seine Werke: "Musik in der Weltkrise” und "Der Dirigent im 20. Jahrh”. Das Wesen der neuen Musik sucht er zu deuten in “Entgötterung der Musik” — ein Zeitgemälde. Schon die Titel seiner Bücher zeigen wie gross sein Interessengebiet war: Da gibt es die glänzenden Biographien über: “Bizet”, “Chopin”, “Verdi”, “Giacomo Puccini”. Seine Begeisterung für die magische Kraft des Interpreten fand seinen Niederschlag in den Büchern “Der Dirigent” (das schon unter den dokumentarisch wertvollen Büchern erwähnt ist). “Der Virtuose”, “Der Primadonna”. Das Buch “Musik der Sinne” ist ein Komposium. Es vereinigt in sich “Der Virtuose”, “Die Primadonna”, “Der Klingende Garten”. Nachbemerkung: Den ausgezeichneten Artikel über den Musikkritiker Professor Adolf Weissmann erhielten wir von Frau Dr. Lotte Weissmann, Haifa, wofür wir ihr herzlichst danken. 20