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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1977-04-01 · No. 41 (April 1977) · p. Seite 19

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1977
Issue
No. 41 (April 1977)
Date
1977-04-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 18) Als mein Vater Adolf Nothmann im Jahre 1879 nach Oleiwitz kam, zählte die Stadt etwa 15.000 Einwohner und war bereits im Mittelpunkt des Handelsverkehrs im Bergwerkrevier. An dem Aufschwung der Eisenindustrie, die sich nach der Reichsgründung (1871) gewaltig verstärkte, nahm Gleiwitz einen bedeutenden Anteil. An die Namen verschiedener Unternehmungen, die damals dort entstanden, knüpft sich auch das Schicksal unserer Familie. Im Jahre 1848 entstand in Laband-Hammer bei Gleiwitz das Puddling-Walzwerk der Breslauer Firma M. J. Caro & Sohn, das spätere Eisenwerk Herminenhütte, gegründet von Moritz Isaac Caro. Im Jahre 1852 eröffnete Wilhelm Hegenscheidt eine Draht- und Kettenfabrik, der er 1853/54 Drahtwalzwerk, Drahtnägel- und Drahtseilfabrik anfügte, das erste schlesische Werk für derartige Erzeugnisse. 1865/66 errichtete Heinrich Kern, ein Bruder von Robert Caro’s Gattin Hermine, Schwiegersohn des Bankiers Isaac S. Nothmann, zusammen mit der Firma M. J. Caro das Drahtwalzwerk Heinrich Kern & Co. Aus der Vereinigung der Betriebe Caro-Hegenscheidt-Kern ging später im Zeitalter der Verschmelzungen und Konzernbildungen die Firma “Oberschlesische Eisenindustrie Aktlen-Gesellschaft” in Gleiwitz hervor. Im Betriebe des Drahtwalzwerkes Heinrich Kern & Co. hat mein Vater vom Jahre 1879 an seine kaufmännische Ausbildung erhalten. Im Jahre 1867/8 bauten Albert Hahn und Salomon Huldschinsky das erste Röhrenwalzwerk Schlesiens, das zunächst unter der Firma Hahn & Huldschinsky geführt wurde und seit 1873 im alleinigen Besitz der Familie Huldschinsky verblieb. Als Korrespondent der Firma Huldschinsky & Söhne hat Bertold Nothmann (geb. 1865) die Lauf-, bahn begonnen, die ihn über die Oberschlesische Stahlwerksgesellschaft zum deutschen Röhrenverband führte. Im Jahre 1880 starb in Gleiwitz eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des oberschlesischen Wirtschaftslebens, der jüdische Kaufmann Emanuel Friedländer. Sein Grossvater Salomon Moses Friedländer war um 1800 von Zülz nach Glogau gekommen. Sein Vater Moritz Friedländer hatte im Jahre 1840 zusammen mit Simon Löwy die Friedenshütte bei Zabrze (jetzt Hindenburg) errichtet. Emanuel Friedländer lebte in Gleiwitz, wo er die Kohlengrosshandlung gründete, die unter seinem Namen noch 1933 bestand. Er wurde als Organisator des Oberschlesischen Kohlengrosshandels allgemein der “Kohlenkönig” genannt. Seit 1866 war er Kgl. Preussischer Kommerzienrat und später langjähriger Präsident der Handelskamer für die oberschlesischen Kreise Gleiwitz, Beuthen, Lubnitz und Pless. Sein Sohn, der im Jahre 1906 von Kaiser Wilhelm II in den Adelsstand erhobene Fritz von Friedländer-Fuld, (1858-1917), führte die väterliche Firma fort und errichtete daneben in Zabrze die erste Kokerei Oberschlesiens, aus der 1895 die Firma “Oberschlesische Kokswerke und Chemische Fabriken A.G.” entstand. Das ist das Industrie-Unternehmen, dessen Aufbau mein Vater Adolf Nothmann seit 1890 seine Lebensarbeit widmete. ADOLF NOTHMANN (1860—1913) Mein Vater Adolf Nothmann wurde im Jahre 1860 als der dritte von 9 Kindern in Langendorf geboren. Er musste sich durch eine harte Jugendzeit durchkämpfen, und es ist zu bewundern, dass er sich lebenslang den heiteren, offenen Sinn bewahrte, durch den er sich so zahlreiche Freunde erwarb. Über seine Erinnerungen an das Elternhaus hat er vor seinen eigenen Kindern geschwiegen. Die einzige, die uns von Langendorf, vom ernsten Grossvater Simon und von der klugen humorvollen Grossmutter Friederike manchmal erzählte, war Adolf’s jüngste Schwester Marta (1864—1936), die vor ihrer Heirat (1896) einige Jahre in Berlin in meinem Elternhause lebte. Sie war erst 14 Jahre alt gewesen, als ihre Eltern starben und sie das Langendorfer Haus verlassen musste. Sie erinnerte sich aber noch mancher aufregender Geschichten, die dort erzählt wurden: so von der bösen Hungersnot des Jahres 1881, oder von dem Schrecken, den die Räuberbande der Elias und Pistulka im Lande verbreitet hatte. Diese Verbrecher hatten sich jahrelang in den ausgedehnten oberschlesischen Wäldern, nicht ohne Unterstützung der armen Bevölkerung, halten können und das ganze Industriegebiet gebrandschatzt. Im Jahre 1877 wurden sie in Beuthen abgeurteilt. Der Prozess, der in Deutschland grosses Aufsehen erregte, beleuchtete grell die trostlosen Zustände der Gesetzlosigkeit und Unsicherheit in der Provinz Oberschlesien, die diesmal mit dem früheren Königreich Neapel, der Heimat der “Camorra” verglichen wurde. Adolf kam frühzeitig von Langendorf fort. Da er gut lernte, brachte ihn sein Vater im Jahre 1870 nach Breslau, wo eine Schwester der Mutter lebte, Rosalie Riesenfeld, die mit dem Kaufmann David Deutsch verheiratet war. In dieser Familie Deutsch-verbrachte Adolf die Schuljahre, in denen er das Breslauer Gymnasium zu St. Marien und Magdalenen besuchte (1870 — 1878). Der Onkel David war ein kleiner verwachsener Mann, den seine ungünstige, ja lächerlich wirkende Erscheinung gehindert hatte, über eine kleine kaufmännische Stellung hinauszukommen. In zwei Dingen war jedoch sein Haus verbildlich: im innigen Zusammenhalt der Jüdischen Familie und in der geschäftlichen Ehrbarkeit. Adolf hat diesem seltsamen Pflegevater ein treues Andenken bewahrt. Mit besonderer Liebe hing er an der Tante Rosalie, die ihm die ferne Mutter ersetzte. Zu den wenigen Freunden ihres mühseligen Lebens gehörten später die beruflichen Erfolge ihres Pflegesohnes, die sie mit mütterlichem Stolz verfolgte. Sie hat mir das selbst erzählt, als ich sie im Jahre 1909 im Breslauer Altersheim besuchte. Der Haushalt der Familie Deutsch, die drei eigene Kinder besass, war dürftig genug. Simon Nothmann konnte seinem Sohne keinen nennenswerten Zuschuss geben. Dieser musste froh sein, dass er eine Freistelle am Gymnasium besass und durch Empfehlung von Verwandten einige “Freitische” bei jüdischen Familien erhielt. Als älterer Schüler bestritt er dann seinen Unterhalt durch Erteilung von Nachhilfestunden. Das war ein mühseliges Dasein. Enttäuschungen und Demütigungen blieben dem ärmlichen jüdischen Jungen nicht erspart. Einmal verlor er einen Schüler, weil er es gewagt hatte, eine Erhöhung seines Stundenhonorares von 25 auf 30 Pfenning zu erbitten. Auch das Zusammenleben mit seinen Mitschülern muss wenig erfreulich gewesen sein. Seine Gymnasialjahre fielen in die Zeit des “Kulturkampfes” und der “Gründerjahre”. Die Wellen, der damals neu entfachten Judenhetze drangen auch in die Schule. Die Jüdischen Schüler wurden zwar in ihren Rechten nicht beschränkt, aber doch von den christlichen Schülern, oft auch von den Lehrern als zweitklassig behandelt. Diese Erlebnisse mögen den Grund dafür gegeben haben, dass mein Vater seinen Kindern niemals von der eigenen Schulzeit erzählte. Nur manchmal blitzte aus einer zufälligen Bemerkung die Liebe auf, die er sich für die römischen und griechischen Klassiker bewahrt hatte. Einen weiteren Grund für sein Schweigen büdete aber das Unglück, das seine Langendorfer Familie in diesen Jahren Schlag auf Schlag traf. Die Mutter Friederike war seit langem brustleidend. Ihre Krankheit hatte sich auf vier ihrer Töchter vererbt. Im Jahre 1877 starb die älteste Tochter Henriette (Jettei) verehelichte Adler, 27 jährig. Das gleiche Schicksal erreilte im Jahre 1882 die dritte Tochter Serafine, verehelichte Naumann, — die “schöne Sara”, wie 6ie mit ihrem Jüdischen Namen genannt, wurde, — ebenfalls im Alter von 27 Jahren. Die Schwestern Philippine (Schlesinger) und Amalia — Milka — (Böhm), denen ihr Bruder Adolf später die Mittel zur Heilbehandlung zuwenden konnte, erreichten ein höheres Alter. Aber ein Jahr nach dem Tode der ältesten Schwester verlor Adolf die Mutter (gestorben 30.10. 1878) und nur wenige Monate danach den Vater (gestorben 21.2.1879), Die amtliche preussische Sterbeurkunde hat mich manches begreifen gelehrt, was ich im Wesen meines Vaters als Kind nicht hatte enträtseln können. Aus dem nüchternen Bericht des Langendorfer Standesregisters steigt das düstere BUd des Tages auf, an dem vor dem damaligen Besitzer des Rittergutes Langendorf, Baron Durant, der als Amtsvorsteher auch Standesbeamter war, der arme Gymnasiast als Vertreter des kranken Vaters erschien, um ihm unter Tränen den Tod der Mutter zu melden. Diese Erlebnisse erschütterten den weichen und empfindsamen Jüngling so sehr, dass er im Gymnasium versagte. Bisher ein ausgezeichneter Schüler, wurde er nun von der Reifeprüfung zurückgestellt. Damit verlor er die Aussicht auf ein Universitätsstudium, mit dessen Hilfe er, nach seinem Lieblingswunsch, sich dem Studium der alten Sprachen hätte widmen können. Er wäre so gerne Gymnasiallehrer geworden. Jetzt musste er die Schule vorzeitig verlassen, um einen kaufmännischen Beruf zu ergreifen. Das war auch deshalb nötig, weil er schleunigst Geld verdienen sollte, um seine zahlreichen Geschwister zu unterstützen, — eine Aufgabe, der er sein Leben hindurch treu geblieben ist. BehUflich war ihm diesmal die in Gleiwitz lebende Verwandschaft aus der von Samuel Nothmann (1773—1852) abstammenden Linie. Von den Töchtern des Bankiers Isaak Samuel Nothmann (1805—1860) war die zweite, Agnes, mit dem Fabrikanten, später Kommerzienrat Heinrich Kern verheiratet, der 1865 zusammen mit der Breslauer Firma M. J. Caro das Drahtwalzwerk Heinrich Kern & Caro in Gleiwitz errichtet hatte. Bei dieser Firma trat Adolf Nothmann als Lehrling ein, erhielt nach beendeter Lehrzeit eine Stelle als Buchhalter u. erlangte (1885) mit d. Stellung eines Korrespondenten die Möglichkeit, seinen Hausstand zu gründen. Am 9. Juni 1885 heiratete er Alvira Lustig aus Gleiwitz. Seine Gymnasialbildung ist ihm schliesslich doch im kaufmännischen Betriebe zu statten gekommen. Dass seine Geschäftsbriefe durch ihre klare und gewählte Ausdrucksweise den oberschlesischen Durchschnitt überragten, fiel auch den Geschäftsfreunden seiner Firma auf. Im Jahre 1887 bot ihm Oscar Huldschinski & Söhne eine Stellung als Korrespondent in seiner Firma an. Adolf Nothmann lehnte diesmal ab, schlug aber an seiner Stelle seinen Vetter Berthold Nothmann (1865 geboren) vor der dann auch aus Breslau nach Gleiwitz berufen wurde und damit den Eingang zu seiner erfolgreichen Laufbahn in der oberschlesischen Eisenindustrie fand. Seit dieser Zeit datiert die enge Freundschaft, die Berthold mit meinen Eltern lebenslang verbunden und die sich auf uns Kinder übüertragen hat. 19

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