Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 41 (April 1977)
- Date
- 1977-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichte der Familie Nothmann Fortsetzung von Nr. 40) SIMON NOTHMANN Der Faden meiner Erzählung, die jetzt wieder zu den persönlichen Schicksalen der Familie Nothmann und zu der Zeit um die Mitte den 19. Jahrhundert zurückkehrt, mag hier noch einmal durch ein Geschlechtsrcgister verdeutlich werden. Die frühere Aufzählung meiner Ahnen, die im Jahre 1812 das Staatsbürgerrecht in Preussen erlangten, gab einen Ausschnitt aus der "aszendenten Genealogie”, d.h. sie führte von mir hinauf zu den acht verschiedenen Familienstämmen, denen meine acht "Altväter” oder Urgrossväter angehörten. Ein Geschlechtsregister ist dagegen ein Bestandteil der "deszendenten Genealogie”, es führt innerhalb eines und desselben Familienstammes vom ältesten bekannten Stammvater zum Jüngsten Spross des “Stammbaumes” herab. Mein Geschlechtsregister beginnt, wie man sich erinnern wird mit: Jehuda ha-Kohen oder Loebel (gestorben 1775). dessen Sohn war Jesaja (Schaye Loebel) Nothmann (1739—1815); dessen Sohn war Salomon Nothmann (1778—1847); dessen Sohn war Simon Nothmann (1821—1879); desesn Sohn war Adolf Nothmann (1860—1913); als dessen Sohn bin ich, Friedrich Nothmann, im Jahre 1887 geboren. Aus den Jahreszahlen dieses Registers ist leider auch zu ersehen( dass keiner der Nothmanns aus der mit Salomon beginnenden Reihe seinen Grossvater väterlicherseits gekannt hat. Mein Grossvater Simon Nothmann (1821—1879) ist acht Jahre vor meiner Geburt gestorben, und auch mein Vater Adolf Nothbann (1860—1913) war schon lange tot, als seine Enkel Gerhard, Sohn meines Bruders Rudolf, (geb. 1921), Horst, Sohn meines Bruders Erich, (geb. 1923), und mein Sohn Karl-Andreas (geb. 1926), zur Welt kamen. Über Simon Nothmann kann ich daher nur berichten, was ich aus Erzählungen älterer Verwandten weiss. Er war der älteste Sohn von Salomon Nothmann (1788—1847) und hat als Kind das Wanderleben seines Vaters, der erst in verschiedenen oberschlesischen Orten Fuss zu fassen versuchte, mitgemacht, über seine Jugendjahre ist nichts bekannt. Er hat Jahre in der Stadt Beuthen gewohnt, ist aber dann nach seinem Geburtsort Langendorf zurückgekehrt und hat dort wohl den grössten Teil seines Lebens verbracht. Er betrieb ein sogen. Produktengeschäft, d.h. er kaufte von den Gutsbesitzern der Umgebung die Landeserzeugnisse, die er dann in den Städten absetzte. Das waren Kommissionsgeschäfte, die in der Regel so abgeschlossen wurden, dass Simon Nothmann das Getreide “auf dem Halm” und die Wolle “auf dem Fell” kaufte, worauf er dann das Mähen und Dreschen sowie die Schafschur selbst ausführen liess. In späteren Jahren hat er, wie aus seiner Sterbeurkunde hervorgeht, auch Gastwirtschaft betrieben, — ebenso wie sein jüngerer Bruder Hayman, der daneben Handwerker war, nämlich Klempner und Dachdecker. Uber seinen Charakter ist ein amtliches Zeugnis aus dem Jahre 1853 vorhanden. Damals wurde er, 32-jährig in den aus 3 Mitgliedern bestehenden Vorstand der Langendorfer jüdischen Gemeinde gewählt. Die Wahl erhielt die erforderliche Bestätigung der Regierung in Oppeln, nachdem der Landrat in Gleiwitz den Gewählten das Zeugnis ausgestellt hatte, dass sie in gutem Rufe ständen und sich der allgemeinen Achtung erfreuten. Simon N. war — nach der Schilderung seiner Tochter Marta — von ruhigem und ernstem Wesen, in der äusseren Erscheinung stattlich, aber von gedrungener Gestalt, im Alter etwas massig. Eine Eigenschaft, die er auf seine Kinder vererbte, war die Vorliebe für die Musik. Wie weit sein Verständnis für diese Kunst ging, lässt sich nicht mehr feststellen, überliefert ist jedenfalls, dass er als Besucher der Breslauer Messe niemals versäumte, in dieser Stadt die Oper zu hören. Mir scheint, dass sein Sohn Adolf, mein Vater, seinem eigenen Vater weniger ähnelte, als der Mutter Friederike (früher Rebekka) geb. Riesenfeld (1826—1878). Die Frohnatur, die ihn auszeichnete, erbte er jedenfalls vom Mütterchen, einer klugen und freundlichen, wegen ihres Humors allgemein beliebten Frau, die aber frühzeitig einem Brustleiden erlag. Ich glaube, dass die kennzeichnenden Züge ihres Wesens, Herzlichkeit und Schelmerei, am reinsten wieder bei meinem Bruder Erich (geb. 1893) zum Vorschein gekommen sind, als ein Erbteil, das nicht wenig dazu beigetragen hat, ihn “vor Gott und den Menschen angenehm zu machen”, so wie der Ring des weisen Nathan. Bei meinem Bruder Rudolf (geb. 1891) ist dies Erbe eine drollige Mischung eingegangen mit dem schweren Blut unserer mütterlichen Familie Lustig: auch dieser Enkel Friederikes trägt, bei allem Ernst der Lebensführung, den Schalk im Nacken. Gern hätte ich ermittelt, von welchem Ahnen, die künstlerischen Begabungen in unsere Familie gekommen, sind, aber das hat mir niemand sagen können. Von der Nothmann’schen Seite muss doch wohl das hübsche Zeichentalent meines Bruders Otto (geb. 1896) stammen, denn er teilt es mit Berthold N. (geb. 1865), Sohn von Heyman N. (1836—1911), der sich auch in der Malerei mit Glück versucht hat. Hingegen möchte ich einen Zusammenhang der Vererbung finden zwischen des mütterlichen Grossvaters Salomon Lustig (1830—1878) sicher bezeugter Neigung zur Poesie und der dichterischen Begabung meiner Schwester Elfride (geb. 1886), die schon als Backfisch im Stande war, ihre Mädchengefühle in wohlgebauten Versen auszudrücken, und die auch späterhin durch Gedankenschwung, Originalität und Eleganz des feingeschliffenen Wortes die sonstigen Gelegenheitsdichter der Familie turmhoch überragte. Auch Simon N. erreichte nur ein Lebensalter von 57 Jahren. Als er 1879, wenige Monate nach seiner Frau, plötzlich starb, blieben 6 unversorgte Kinder zurück. Simon und Friederike Nothmann sind auf dem jüdischen Friedhof in Langendorf bestattet. DIE INDUSTRIE IN OBERSCHLESIEN Simon Nothmann (1821—1879) war der letzte seines Stammes, der in dem stülen Marktflecken Langendorf sein Leben unter Gutsbesitzern und Bauern verbrachte, und der nach der Väter Weise aus dem Handel mit den Landeserzeugnissen seine Nahrung zog. Seine sämtlichen Kinder verliessen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts den Ort, der über ein Jahrhundert lang die Heimat unseres Geschlechts gewesen war, und zerstreuten sich, wie das früher schon die anderen Zweige der Familie getan hatten, in den oberschlesischen Städten. Sie alle suchten eine Tätigkeit im Bereich der ln unmittelbarer Nähe entstandenen Bergwerksindustrie. Die Verlagerung von Wohnort und Beruf in unserer Familie ist eine Folge der tiefgreifenden Umgestaltung, die sich in der oberschlesischen Wirtschaft mit dem heraufkommenden technischen Zeitalter vollzog. Ein Blick auf diese Entwicklung ist hier am Platze. Das 19. Jahrhundert hat Deutschland aus einem vorwiegend landwirtschaftlichen Gebiet in einen Industriestaat verwandelt. Unsere Heimat Oberschlesien wurde durch seinen Berg- und Hüttenbau zu einem Zentrum der Industrie. Der Umschwung trat um die Mitte des Jahrhunderts ein. Die grundlegenden technischen Erfindungen wa-: ren schon viel früher gemacht worden (Dampfmaschine 1778, Puddelverfahren für Schmiedeeisen und Stahl 1784, Kokshochofen 1796); aber in Deutschland wurden sie in grossem Masstabe erst seit den 50er Jahren mit dem Aufkommen der hochkapitalistischen Wirtschaftsweise verwendet. Seitdem ermöglichen die Fortschritte in Eisen- und Stahlbereitung den Aufbau der modernen Machinenindustrie. Oberschlesien verfügt über imgewöhnlich reiche Kohlenlager; dadurch wurde es nächst dem Ruhrgebiet der wichtigste Standort der deutschen Eisenindustrie und ihrer Nebengewerbe. Im Bergbau war hier zunächst der Staat führend vorangegangen. Der kgl. preussische Bergwerksdirektor Graf von Reden wurde schon von mir als Begründes der oberschlesischen Schwerindustrie erwähnt. Die Ausbeutung der alten Blei-r und SUbererzgruben in der Tarnowitzer Gegend wurde 1784 wieder aufgenommen. Es folgte der staatliche Steinkohlenbergbau: 1730 wurde die Königsgrube eröffnet, 1791 begann der Abbau im Süden von Beuthen und Zabrze (Jetzt Hindenburg). Um die Zechen (Kohlengruben) scharten sich immer dichter Eisen- und Hüttenwerke. Seit 1800 wurde metallisches Zink aus einheimischen Erzen (Galmei und Zinkblende) gewonnen, hauptsächlich in der Gegend um Beuthen. Im Hochofenbetrieb verdrängte die Steinkohle die alte Holzfeuerung; dies wirkte dann wieder konzentrierend auf die Eisenindustrie, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Steinkohlengruben reiche Erzlager fand. So entstand Oberschlesien, wie es sich heute darstellt: überall Steinkohlenschächte, daneben Eisen- und Zinkhütten, und ringsum eine vielge- ' staltige Metall- und chemische Industrie. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderte wurde die staatliche Initiative durch das Privatkapital abgelöst. Das entsprach den damals herrschenden liberalen Ideen des “laissez faire”. Das Unternehmertum nahm alsbald den günstigen Zeitpunkt wahr. (Damals begann nämlich der Aushau des Eisenbahnnetzes sowie der Oder-Wasserstrassen, um die Ungunst der schlechten Verbindungen Oberschlesiens zum Weltmarkt auszugleichen und das Absatzgebiet der Industrie zu erweitern. Viele Jüdische Familien haben in mehreren aufeinander folgenden Generationen zum Aufbau der oberschlesischen Industrie beigetragen. Meine Geburtsstadt Gleiwitz liegt am Westrand des Industriebezirks an der Klodnitz, einem kleinen aber durch gründliche Kanalisation schiffbar gemachten Nebenfluss der Oder. Die Stadt schien schon damals, als Vorposten des Berg- und Hüttenreviers, zu dessen Hafen bestimmt zu sein. Diese Hoffnung erfüllte sich zwar zunächst nicht, aber inzwischen fand Gleiwitz gleichwertigen Ersatz im Anschluss an das schnell wachsende Eisenbahnnetz. (Fortsetzung auf Seite 19) 18