Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 41 (April 1977)
- Date
- 1977-04-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erinnerungen 3. Schreibereien. Meine Mutter schrieb gern Gedichte. Wenn die Loge in Krotoschin ein Stiftungsfest beging, wenn der Juedische Literaturverein eine besondere Festlichkeit hatte, wenn in den Kreisen unserer Freunde eine Hochzeit gefeiert wurde, dann pflegte man meine Mutter um ein Gedicht zu bitten, das das festliche Ereignis besingen sollte. Auch mein Vater schrieb zuweilen ein Gedicht. Aber das war zumeiet nur ein Gedicht fuer den engsten Familienkreis, zu Mutters Geburtstag, zu einem Geburtstag der Grossmutter, zu meiner Barmitzwah. Vaters Gedichte waren immer lustig, dazu angetan, uns lachen zu machen. In groesserem Kreise pflegte mein Vater sich mit Prosa zu begnügen. In vielen Vereinen hat er ueber die Bibel, ueber deutsche Literatur, über menschliches Zusammenleben Vorträge gehalten. Seine Vorträge über "Biblische Gestalten in der deutschen Literatur”, ueber “Die Frau in der Bibel”, ueber den “Berliner Salon” fanden besonderen Anklang. Sein Aufsatz ueber den “Orden und die Geselligkeit” wurde in den Mitteilungen der B‘nei B'rith fuer Deutschland veröffentlicht und in Amerika auch ins Englische uebersetzt. Zuweilen kam von Vereinen ausserhalb von Krotoschin in anderen Staedten der Provinz Posen, von Logen in Schlesien und anderswo eine Aufforderung, zu einem Vortrag zu ihnen zu kommen. Ich war noch recht klein, als eines Tages fuer einen solchen Vortrag meines Vaters das Honorar bei uns eintraf. Ich weiss nicht mehr, aus welcher Stadt es kam. Aber ich weiss noch sehr wohl, dass es hundert Mark waren und ich voll Begeisterung ausrief: “Nun sind wir reich! Wir haben hundert Mark!”. Im allgemeinen freilich waren die literarischen Bestrebungen meiner Eltern fianziell ganz und gar unerspriesslich. Aber das hinderte mich nicht, auch fuer meine Person schon von frühe an mich literarisch zu betätigen. Ich war offenbar noch sehr jung, als ich beschloss ein Schriftsteller zu werden. Jedenfalls schrieb ich schon kleine Geschichten und Skizzen, noch bevor ich wirklich schreiben konnte. Das will sagen, dass ich mir allerlei ausdachte, was ich dann meinem Vater diktierte. Mein Vater schrieb es In seiner schönen Handschrift getreulich nieder, solange ich noch nicht gelernt hatte, selber zu schreiben. Einmal wollte ich es mir dabei allerdings etwas zu leicht machen: Ich diktierte eine Geschichte die man fir gerade wenige Tage vorher erzählt oder vorgelesen hatte. Aber ich kam schlecht weg damit. Meine Eltern gaben mir eindeutig zu verstehen, dass Dinge dieser Art einem anständigen Schritsteller völlig unangemessen sind und dass man nicht als sein eigenes Werk diktieren duerfe, was das Werk eines anderen war. Ich muss mir diese Lehre sehr zu Herzen genommen haben. Wenn ich späterhin in irgendwelchen Aufsaetzen von der Stellungnahme eines Anderen gebrauch machte, versaeumte ich selbst in den geringfuegigsten Dingen nie, meine Quelle zu zitieren. Das grenzte dann zuweilen ans Laecherliche. Und mein Vater pflegte sich dann gelegentlich ueber mich lustig zu machen. Hatte er einen Aufsatz von mir gelesen, in dem es so an Anführungszeichen und Zitaten wimmelte, dann sagte er bisweilen: “Ich glaube, du hast hier eine deiner Quellen anzugeben vergessen. Du gebrauchst sogar mehrere Male ein “und”. Das sollte in Anführungszeichen stehen. Und du solltest die Quelle anfuehren. “Und” steht im ersten Akt von Goethes “Faust”, in der ersten Szene”. Ich habe mich aber trotz der Witze meines Vaters in dieser Hinsicht bis heute nur wenig gebessert. Oft führe ich in meinen "Schreibereien" Von Hans Margolius die Worte Anderer an, ohne dass meine Gedanken diesen Worten ihren Ursprung verdanken, wenn sie nur eben in die gleiche Richtung weisen. Ich kann auch nicht finden, dass es unrecht ist, das zu tun. Zitate Anderer können ja in jedem Falle dazu dienen, eine vorgetragene Ansicht zu bestaetigen und zu bestärken. In dieser Überzeugung stehe Ich auch nicht allein. Franz Brentano, dessen Ethik ich in den zwanziger Jahren zum Gegenstand meiner Doktorarbeit machte, aeussert sich in ähnlichem Sinne in dem Vorwort zu seinem Buch ueber die Psychologie vom empirischen Standpunkt. “Man wird”, so schreibt er hier, “selbst da, wo ich am meisten als Neuerer auftrete, gewoehnlich bei näherer Betrachtung erkennen, dass meine Ansicht wenigstens von der einen oder anderen Seite her schon angebahnt war. Ich habe nicht unterlassen, auf solche Vorbereitungen hinzuweisen, und auch dann, wenn sich meine Anschauung ohne jeden Zusammenhang mit einer früheren, ihr aehnlichen entwickelt hatte, versaeumte ich nicht, dieser Erwaehnung zu tun, weil es mir nicht darauf ankam, als der Erfinder einer neuen, sondern als der Vertreter einer wahren und gesicherten Lehre zu erscheinen”. Im Jahre 1917 erlaubten mir meine Eltern, auf Von Hans Margolius eine literarische Zeitschrift zu abonnieren. Das “Literarische Echo”, das von nun an allmonatlich zu uns ins Haus kam, machte mir viel Freude. Ich las jede Nummer mit Eifer und Gründlichkeit. Auch den Inseratenteil versaeumte ich nie aufmerksam durchzugehen. Da fand ich nun eines Tages eine Anzeige, die mir zu denken gab. Der Verlag Aurora in Dresden-Weinboehla, so hiess es hier, war auf der Suche nach Manuskripten Junger Autoren, die er in seinem Buchverlag veröffentlichen wollte, wenn sie der Veröffentlichung wert waeren. An Manuskripten fehlte es mir nicht. Ich hatte viele Skizzen und Geschichten, Märchen und Theaterstuecke, Paragraphen und Gedichte ln Prosa, die mir alle der Veroeffentlichung wert erschienen. Meine grosse Stunde schien mir gekommen. Ich ging alle meine Manuskripte sorgfältig durch und stellte aus ihnen ein kleines Heft zusammen, dem ich den Titel “Vom Lebenspfad” gab. Da waren nun die schoensten Stellen aus meinen Geschichten und, Theaterstücken zusammen mit einzelnen Blaettem aus einem gerade abgeschlossenen Tagebuch aus den Glatzer Bergen — ein kleines Heft mit Gedanken ueber das Leben, Empfindungen und Erlebnissen aller Art — alles in allen ein Buch, das wohl geeignet erschien, die Bücherliste d. Verlages Aurora bedeutsam zu bereichern. Ich weiss nicht mehr, ob ich mein Manuskript Vater oder Mutter zeigte, bevor ich es absandte. Wenn ich es tat, dann massen sie meinem Unterfangen jedenfalls keine besondere Bedeutung bei. Vielleicht dachten sie, dass es mir nichts schaden wuerde, wenn ein Verleger mir die Maengel meiner jugendlichen Produktion Vorhalten würde u. ich so einmal eine vielleicht nur förderliche Kritik von berufener Seite erhielte. Wie immer, das Manuskript “Vom Lebenspfad” ging ab. Dann, nach einigen Tagen, hatte ich wohl mehr oder weniger daran vergessen. In diesen letzten Jahren des Krieges von 1914 fehlte es auf dem Lande an Arbeitern. So hatte man sich an die Schueler der hoeheren Klassen der Gymnasien um Hilfe gewandt. Und wir Sekundaner und Primaner des Gymnasiums In Krotoschin waren im Sommer und Herbst beim landwirtschaftlichen Hilfsdienst auf den Gütern der näheren und weiteren Umgebung der Stadt. Ich selbst und meine Klassenkollegen hatten unsern Arbeitsplatz auf dem Gute Theresienstein, das unmittelbar vor den Toren der Stadt gelegen war. So konnten wir zu Hause schlafen, gingen am fruehen Morgen von Hause zur Arbeit und kehrten am Abend auch wieder nach Hause zurueck. Wir halfen beim Einesammeln und Aufstapeln des Heus, beim Dreschen des Getreides, beim Pfluegen, beim Ausladen von Ziegeln... Einmal musste ich der zarten, schoenen Jadwiga, die ich gern hatte, beim Jaeten helfen. Ein ander Mal musste ich mit der feschen, hübschen Kascha eine Herde von Kühnen von Theresienstein nach dem Vorwerk bringen. Dies waren fuer mein Gefuehl die beiden Hoehepunkte meiner landwirtschaftlichen Tätigkeit. Eines Abends, als ich von meiner Arbeit in Theresienstein nach Hause kam, begruessten mich Vater, Mutter und Grossmutter mit strahlenden Gesichtern. “Du hast einen Brief bekommen”, sagte der Vater. Und meine Grossmutter machte eine tiefe Verbeugung und sagte: "Guten Abend, Herr Schriftsteller!”, Seltsam, wie gewisse Dinge sich dem Gedaechtnis einpraegen! Das ist nun bald sechzig Jahre her. Und wie viel ist in diesen sechzig Jahren geschehen! Und doch kommt es mir vor, als waere es gerade erst gestern gewesen, dass meine liebe, kleine Grossmutter mich damals als den “Herrn Schriftsteller” begruesste. Ich hatte Antwort vom Verlag Aurora. Man hatte den “Lebenspfad” annehmbar gefunden Und man war bereit ihn zu drucken. Allerdings verlangte man von mir einen “Zuschuss zu den Kosten des Druckes”. Ich glaube, es waren hundert Mark. Ich sah meinen Vater und meine Mutter fragend an. Aber meine Grossmutter liess sie gar nicht erst zu Worte kommen “Den Zuschuss zu den Kosten”, sagte sie “bekommst du von mir”. Ich bin nicht ganz sicher, ob meine Eltern von dem Erfolg ihres Sohnes sehr erbaut waren und ob ihnen die Annahme eines Buches, die uns hundert Mark kostete, sehr beachtlich erschien. Aber sie wagten nicht, meiner Grossmutter zu widersprechen und ihrem Sohne die Freude zu nehmen. Und ein wenig freuten sie sich selber wohl auch. So kam es also, dass damals mein erstes Buch in Druck ging. Als Anfang 1919 die Korrekturen kamen, da hatte meine Mutter eine besonders Freude damit. So kamen wir ueberein, dass ich mein Buch ihr widmen sollte. Er erschien im Jahre 1919... NOCH “ÜBER DIE ANFÄNGE DES ZIONISMUS IN BRESLAU“ An Herrn Herausgeber der Mitteilungen des Verbandes ehern. Breslauer und Schlesier, Mazadastr. 27, Ramat-Gan Sehr geehrter Herr, in Nr. 40 Ihrer Mitteilungen lesen wir eine Abhandlung von Rabb. Dr. Brilling, betitelt: Über die Anfänge des Zionismus in Breslau. Genau besehen, enthält diese Abhandlung interessantes Material über die — negative — Vorgeschichte der zionistischen Bewegung in Breslau, jedenfalls nichts über den Beginn systematischer zionistischer Arbeit dort. Diese hat allem Anschein nach erst mehrere Jahre nach der von Dr. Brilling geschilderten Zeit begonnen, nämlich in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende. Wie ich aus dem Munde eines der beiden Gründer der zionistischen Ortsgruppe in Breslau, dem vor einigen Jahren hier verstorbenen Nervenarzt Dr. Ernst Kalmus s.A. weiss, waren er und sein früh verstorbener Freund und Kollege Dr. Karl Jeremias (später Gründer und Leiter der zionistischen Ortsgruppe in Posen) die Initiatoren und Gründer der Breslauer Ortsgruppe. Beide waren damals Assistenten an der psychiatrischen Abteilung des Universitäts-Krankenhauses in Breslau, was den Gegnern des Zionismus Gelegenheit gab zu fragen, welche Bedeutung wohl eine Bewegung habe, die von zwei Irrenärzten gemacht werde. Hochachtungsvoll, J. F. WOLFSON 14