Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 41 (April 1977)
- Date
- 1977-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(ß/sr DU AUCH EIN JOHANNEER?| ERINNERUNGEN AN DIE 20ER JAHRE Es Ist eigenartig: überall in der Welt, wo sich echte Johanneer treffen, ist ein Band um sie geschlungen; es sind nicht nur Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, sie sprechen darüber hinaus eine gemeinsame Sprache, in der sie aufgewachsen sind. Das Johanneum in Breslau war eine Schule eigener Art: 1872 war sie als eine paritätische Anstalt gegründet worden; der Anteil von Juden und Christen war bei Lehrern und Schülern in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt. Gegenseitige Achtung und Toleranz gaben ihr das Gepräge. Wir Jungens nahmen diese Haltung gleichsam als Muttermilch in uns auf, vorausgesetzt, dass nicht die Atmosphäre durch äussere Einflüsse vergiftet wurde. Das jüdische Element gab der Schule ein hohes Niveau. Die Konkurrenz führte zu einem guten Ausleseverfahren. In der unteren Klassen waren unter den christlichen Schülern vielfach Angehörige einfacher Familien, die in den umliegenden Strassen wohnten, von denen mancher das Ziel nicht erreichte. Dabei machte man eine interessante Beobachtung: versagte ein jüdischer Schüler, wurde er kurzerhand vom Vater abgemeldet und als Stift ins Geschäft gesteckt, während es bei Christen zunächst mit Nachhilfestunden versucht wurde, bis auch sie es aufgaben. Die oberen Klassen wiesen daher vielfach eine Elite auf, wobei unter den Christen die Söhne liberaler intellektueller Kreise überwogen. Die Schule hatte' Tradition. Schon mein Vater, Zoologieprofessor an der Universität, hatte sie besucht und schwärmte vor allem von den Professoren Wohlauer, Badt und Töplitz. Ich selbst gehörte der nächsten Generation an, wohnte als Bub der Beerdigung des Professor Ries auf dem jüdischen Friedhof bei, der gleichsam zwischen den Generatonen stand. Ebenso erlebte ich in den unteren Klassen die Feier des 50jährigen Jubiläums, bei der im Lobetheater die Antigone des Sophokles in griechischer Ursprache aufgeführt wurde. Ich besuchte die Schule 12 Jahre von 1918— 1930 unter der Leitung des liberalen Direktors Alexis Gabriel. Damals gab es noch eine sog. Vorschule, wo wir bei Herrn Schall Schreiben und Lesen lernten, der die Uebungen mit dem schwierigen gotischen "w” mit dem rhytmischem Vers begleitete: “Auf-ab-auf-ab - Kaffeemühle-dickes Backe. Der hohe geistige Stand der Anstalt brachte es mit sich, dass es im Gymnasium unter den Lehrern ausgesprochene Köpfe gab, die sich auf den verschiedensten Gebieten fanden. Max Krüger war ein ausgezeichneter Pädagoge, der uns im Latein die Weisheit des alten Cato vor Augen führte, die Wurzeln der Wissenschaft seien bitter, die Früchte jedoch süss. Julius Stenzei war ein bedeutender Platonforscher — sein Buch “Platon als Erzieher” wurde wieder neu aufgelegt —, im Unterricht lebhaft, doch meist nur auf einen Dialog mit einem begabten Schüler beschränkt. Er erhielt eine Professur an der Universität Kiel, die er 1933 aufgeben musste. Karl Mittelhaus, Mitherausgeber der Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, stammte aus einem reichen Hause und hatte Jahrzehnte studiert. Er hatte jedoch die Semester keineswegs verbummelt, sondern sich einen weiten Horizont angeeignet. Er gehörte zu jenen heute ausgestorbenen Gelehrten, die eine echte Allgemeinbildung besassen. Ausser seinem eigentlichen Fachgebiet war er in der Romanistik, Kunstwissenschaft u. Musik in gleicher Weise zu Hause. Ihm verdanke ich den Weitblick, der aus der Enge schulmeisterlichen Banausentums in die frische Luft menschlichen Geistes führte. Unter den Mathematikern gab es nur eine Koryphäe: Hermann Kober, der später Wesentliches bei der Entwicklung des Radars in England beigetragen hat. Ich sehe noch vor mir seine schmalen Finger, mit denen er mich manchmal ganz vorsichtig am Ohr zog. Die Ordnung, die er uns in den Zahlen und Figuren lehrte, verkörperte er auch in -seiner persönlichen Haltung: nach dem Kriege lehnte er alle plumpen Anbiederungsversuche von Leuten, die 1933 ihn nicht mehr kennen wollten und nun so taten, als ob nichts gewesen wäre, rigoros ab. Sein Kollege Ferencz Jüttner (“Funzel”) galt als ein grosser Gelehrter, der die Relativitätslehre besser verstände als Einstein; er war in Wirklichkeit ein grosser Konfusionsrat, bei dem wir die schönsten Gaudis erlebten: im Nachbarhof spielte ein Leierkastenmann die “Waldeslust”. Jüttner Hess Fenster und Luken schliessen, bis er nervös das Fenster wieder öffnete und herunterrief: "Aufhören, Aufhören". Darauf die Stimme von unten: “Bin bezahlt für eine Stunde bis 11 Uhr” und wieder ertönte zu unserem Jubel die “Waldesluuust”. Vor einiger Zeit traf ich an der Allenby in Tel Aviv einen solchen Mann: begeistert blieb ich stehen und gab ihm ein reichliches Trinkgeld; er war erstaunt und ich sagte ihm auf Jiddisch, es sei eine Erinnerung an seinen hochverdienten Kollegen von der Paradiesstrasse in Breslau! Ein anderes Mal bauten wir in dem nach hinten stufenweise ansteigenden Physiksaal die Bänke so auf, dass sie bei einem leichten Stoss Ins Rutschen kamen und aufeinander fielen. Jüttner konnte es sich nicht erklären, worauf wir ihm mit ernstem Gesicht sagten, es seien die Nachwehen des schweren Erdbebens in Tokyo! Der Zeichenlehrer Hoffmann . ("Fridolin”) war ein angesehener Maler und wir waren stolz, in der Kunstausstellung seine Bilder zu sehen, von denen ein Stilleben mit einem Laib Brot auf einem weiss gedeckten Tisch mir noch vor Augen steht. Bei seinem Vorgänger Kakuschke hingen die Zensuren von den Geldern ab, die man für die Missionen spendete. Meine Eltern waren strikt dagegen, doch erbettelte ich mir von einer Tante 50 Pfennige und brachte daraufhin triumphierend beim nächsten Zeugnis ein “gut” im Zeichnen nach Hause! Und dass der gebildete Fritz Wenzel der erste Sportsprecher Deutschlands im Rundfunk war, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Johanneum, das für alle Gebiete offen war. Alfred Kohn kannte ich nur als jungen Assessor. Er brillierte mit seinem Wissen und machte auf mich Eindruck, weil er so gepflegt und elegant war. Den stärksten Einfluss hat auf mich jedoch Willy Cohn gehabt. Es war nicht so sehr das Fachwissen als das Beispiel seiner einzigartigen Persönlichkeit, die mich zu einem grossen Teil zu dem geformt hat, was ich heute bin. Vieles ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich selbst es garnicht weiss, sondern meine Freunde es mir sagen, dass Willy Cohn die eigentliche Quelle ist. Nie sass er auf dem Katheder, sein Lieblingsplatz war eine Schul- oder Fensterbank Und mit Würde balancierte er auf seinem Kopf oder auf seinem Finger den Zeigestock. Er war ein bedeutender Historiker, der als Schüler von Reinke-Bloch über Friedrich II und Hermann von Salza geschrieben hat. Er war ein echter Sozialist, dem besonders Lassall am Herzen lag, dem er eine Broschüre gewidmet hat. Vor allem war er ein echter Jude, der sein Judentum nicht versteckte oder zu assimilieren suchte, sondern bewusst in der Tradition seines Volkes stand. Wie moderne Lebensauffassung und konservative Haltung eine echte Harmonie bilden, hat er uns vorgelebt. Im Mittelpunkt stand bei ihm die echte Menschlichkeit, die nur d. wirklich verstehen kann, der wie er im Religiösen verwurzelt ist. Als er uns die Pyramiden vorführte, sagte er uns, wir sollten uns an ihrer Grösse nicht nur berauschen, sondern auch an das Leid, die Tränen, das Blut und den Schweiss all derer denken, die als Kriegsgefangene und Sklaven daran gearbeitet haben. Nie habe ich derartiges von Christen gehört, welche die Kreuzfahrerkirchen in unserem Lande den Pügern erklären! Der Deutschunterricht von Willy Cohn war der modernste, den man sich vorstellen kann; die Experimente, die man heutzutage unternimmt, sind damit überhaupt nicht zu vergleichen. Literatur hörte bei ihm nicht mit Schiller und Goethe auf. In weitem Masse zog er moderne Werke heran, die gerade damals eine Hochblüte erlebten. Doch waren es nicht akademische literarhistorische Probleme, die ihn interessierten, sondern die grossen Lebensfragen, die er an die jungen Menschen heranbrachte. Er führte uns vor die Augen die Gestalten Hauptmanns in ihrer Tragik, Problematik und Mystik. Erregende Stunden waren es, wenn er über den Kleinbürger bei Werfel, über die Tragik des alternden Mannes im “Tod in Venedig” von Thomas Mann, über den Krieg bei Remarque oder Arnold Zweig oder über die nur scheinbaren Gegensätze bei Emst Toller, der neben den “Maschinenstürmern” auch das “Schwalbenbuch” schrieb, sprach. Die Diskussion über das Verhältnis von Vater und Sohn an Hand von Wassermanns “Fall Mauritius” führte ich zu Hause am Mittagstisch fort, bis mein Vater erklärte, dieser Etzel müsse in Zwangserziehung! Und am Nachmittag ging ich auf die Wölflstrasse zu meinem Lehrer, um ihn zu fragen, warum ausgerechnet ein Jude in der Person des Waremme bei Wassermann in einem so schlechten Lichte erscheine. Das moderne Theater stand bei ihm ebenfalls Im Zentrum, dreimal hintereinander sah ich auf der “Trampelloge” die “Dreigroschenoper”. Viele der damaligen Werke habe, ich mir wieder gekauft, weü sie für mich so eng verbunden mit Willy Cohn sind. Nichts kann ihn jedoch besser charakterisieren als das Aufsatzthema, das er uns im Abitur gab: Kann das Wort des alten Weisen Hillel: “wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich, wenn ich für mich allein bin, was bin ich, und wenn nicht jetzt, wann dann?” als Richtschnur für das Leben dienen? Ich sehe noch immer seine Augen vor mir und muss dabei an das Wort von Heinz Politzer denken, das er Max Brod gewidmet hat: “Dem Lehrer, welcher immer lernt, hat G”tt die Augen schön besternt”. Atmosphäre einer Schule wird geprägt wesentlich auch von den Schülern. Viel habe ich ihnen zu verdanken; unter ihnen sei nur unser Steinfeldt genannt, der bereits 1932 sein Leben lassen musste. Gegen Ende des Jahrzehnts gab es auch im Jahanneum schrille Töne. Unter den Lehrern gab es kleine Geister, die sich ihrer eigenen Identität nicht bewusst oder Karrieremacher waren. Bei der Anstellung von Alfred Kohn fiel die Bemerkung: Wie kann der Direktor zwei Cohns verkraften? Der Johanniterverein nahm nur “arische” Abiturienten auf. Als ein Christ die Einladung zur Kneipe unter Hinweis auf seine (Fortsetzung auf Seite 9 8