Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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CAECILIE BURGHEIM geb. Charig Ja, Caecllle Charig Burghelm, hat 98 Jahre alt diese Welt, die sie gar nicht mehr verstehen konnte, verlassen. In Breslau hatte man sie respektvoll Frau Apotheker gerufen. Ihr Vater, Moritz Charig, dessen einziges Kind sie war, hatte die Nasch - markt-Apotheke als Hochzeitsgeschenk für sie erworben. Es wird Sie vielleicht interessieren, dass Grossvater Charig das erste mir bekannte Opfer von Antisemitismus war. Er kam von Lis&a in Posen, wo er ein Nachbar von Leo Baeck war, dem er übrigens seht ähnlich sah. Grossvater war einer der besten Mathematiker am Lissa-Gymnasium, aber wohl kein guter Turner. Einmal rief der Lehrer gehässig: “Nu lasst uns mal sehen, wie der faule Judenjunge springen kann!” Dieser lief herüber und haute dem Lehrer eine wütende Ohrfeige. Lehrer und Schüler wurden vom Gymnasium entlassen. So kam es, dass Moritz Charig, der studiener. wollte, mit 14 Jahren u. 75 Pfennigen in der Tasche als Lehrling zu einem Familienfreund (ich glaube er hiess Fuchs) nach Breslau kam. Mit 21 Jahren war er bereits selbständig. Eines Tages sah er einen Bekannten am Hauptbahnhof ein reizendes Mädel in den Zug setzen. Er begrüsste ihn und erfuhr, dass dies die Tochter war. “Mein lieber Herr Luft”, sagte mein damals junger, impulsiver Grossvater, “lassen Sie sie nur bald zurückkommen, denn ich bin fest entschlossen dieses Mädchen zu heiraten!” Hermine Luft war zu einer Familienaffair nach Neisse gefahren. Sehr unglücklich packte sie ihr neues Tanzkleid unbenützt wieder ein und folgte dem Wunsche der Eltern, die mit Recht den Antrag dieses jungen, tüchtigen Geschäftsmannes ernst nahmen. So wurde sie meine Grossmutter, und war uns Kindern stets ein liebevoller, lebenslustiger Freund. Ihre Mutter Antonie Egers kam aus einer Familie von Gelehrten und Rabbinern. Hermine war 18 Jahre alt als sie die Tochter gebar, und Cielchen — wie Cecilie gerufen wurde — blieb ihr einziges Kind. Sie war lebhaft, kletterte auf die Bäume der Liebichshöhe zum Schrecken der Kinderfrau, sang und tanzte, und spielte schon sehr jung Theater, besonders in der geliebten Lessing-Loge, in der sie bis zum Aufbruch sehr tätig war. Ich hörte, dass Direktor Löwe vom Thalia-Theater sie gerne für seine Bühne haben wollte, aber das war natürlich damals nicht gesellschaftsfähig. Bei der Hochzeit ihrer Freundin Lise Holz zu Richard Burgheim lernte sie dessen jüngeren Bruder Ignatz kennen. Dieser stand gerade vor seinem Apotheker-Examen, und hatte auch noch sein Einjähriges abzudienen. Aber die Liebe hielt durch, und sie zogen jung verheiratet in die alte Naschmarkt-Apotheke. Dort wurde erst mein grosser Bruder Fritz — später Roentgenologe am Berliner Vlrchow- und Hufeland-Krankenhaus — geboren, und später ich. Eigentlich kann ich mich nicht an die Apotheke erinnern, und meine ersten Eindrücke sind von einer späteren Wohnung mit grossem Garten. Aber auf Bildern sehe ich ein hübschen Dachgarten und eine lange Altane wo wir'Kinder spielten. Von Erzählungen weiss ich, dass die Lehrlinge hinter den obersten Giebelfenstern wohnten, dass der gute Dr. Dienstferig nicht zu Fritzens (Fortsetzung von Seite 23) Haute volee jenes “gefährliche" Werk Schnitzlers, in dem eine Minute vor 12, also beim dramatischen Höhepunkt, in 10 Scenen jeweils der Vorhang fällt... Auch über Breslaus Südvorstadt, jenem glanzvollen Stadtteil, den viele so sehr liebten, ist der Vorhang gefallen. Eine beglückende Epoche war es rings um die Kaiser Wilhelmstrasse! Wer könnte sie je vergessen? JULIUS SACHS Geburt heraufkommen wollte, weil die Treppe gerade repariert wurde, dass die Muttel süssen Likör selbst braute, der ausser Himbeersaft und Limonade zum Trinken verkauft wurde, und dass ausser unserer Wohnung irgendwo das Federgeschäft von Max Lewy war, dem Vater des berühmten Mathematikers Hans Lewy (Berkely-Universität) und Edith, die bis zuletzt an der Jüdischen Schule lehrte. Meine Eltern hatten einen riesigen Verwandten- und Freundeskreis, und Muttel schien immer bei einem Geburtstag- oder sonstigem Kaffee zu sein, oder in der Loge. Auch im Hause war grosse Geselligkeit, und, da Papa ein sehr guter EiSÄSi [iS «t. *4*1 Pianist war und Muttel und andre Freunde sangen oder andere Instrumente spielten, war immer viel Musik zu hören. Sie nahmen vollen Anteil an Breslau’s reichem Kulturleben. So vergingen Vor 30 Jahren wurden aus ihrer schlesischen Heimat im Abstand von wenigen Wochen zwei Männer abberufen, die im ersten Drittel dieses Jahrhunderts einen nicht zu übersehenden Beitrag zu ihrer Zeit geleistet haben und damit auch ihren Zeitgenossen in Erinnerung geblieben sind. Danach ist es stiller geworden um den Dramatiker und Dichter Gerhart Hauptmann (1862—1946) und still um den Philosophen und Redner Eugen Kühnemann (1868—1946). Hauptmann wurde im Gasthaus zur Krone in Bad Salzbrunn in Schlesien geboren, das in seinem Schauspiel “Fuhrmann Henschel” lebendig geblieben ist. Er hat sich und seine Welt in der Theaterstadt Berlin durchgesetzt. Es war eine soziale Welt — nicht im Sinne einer Ideologie oder Partei, sondern im wohlverstandenen Sinne des Volkes, wie es leibte und lebte in all seinen Schichten und Ständen u. Stämmen als eine Ganzheit, wie sie seit eh und je das Wort "deutsch” meint, das ja volkhaft bedeutet. Hauptmanns Schaffen wurde 1912 durch Zuerkennung d. Nobelpreises gewürdigt. Dem Philosophen Eugen Kühnemann, der 1906 als ordentlicher Professor an die Universität in Breslau berufen wurde und dort seine Heimat fand, ging es im Grunde um dasselbe Anliegen auf der Ebene des Geistigen; es ging ihm — wie man schöne Jahre für Cielchen bis mein Vater krank wurde. Mit 36 Jahren war unsere Mutter Witwe, find hat nie wieder geheiratet. Kurz danach begann der erste Weltkrieg, und das war wohl der Anfang all des unglaublich Schweren und Traurigen, das für uns alle folgte. Muttel war unermüdlich in Wohltätigkeitsarbeit aller Art, nicht nur in der Loge, Kaffee-Ausgabe am Bahnhof für Truppen, Volksküche, Stellenvermittlung, Altersheim und Kinderheim, das ihr besonders am Herzen lag. Dabei sorgte sie, dass wir, Fritz und ich, unsere Erziehung nicht vernachlässigten, und weiter Musik und Kunst pflegten. — Als sie im Jahre 1939 uns Kindern nach Amerika folgte, trat sie bald in New York dem Verein der Breslauer bei, und natürlich der dortigen B’nai B’rith, Chapter Leo Baeck. Sie gründete und leitete viele Jahre eine Frauengruppe in ihrem Distrikt. Wie stolz war sie immer, wenn sie Leo Baeck dort sprechen konnte. Sie war damals 63 Jahre alt, ging in die Schule um Englisch zu lernen, fand bald ihren Weg allein in New York, und fuhr mit der Untergrundbahn in alle Richtungen, um alte und neue Freunde zu besuchen. Die kamen dann auch alle zu ihren grossen Geburtstagsfeiern, die zu ihrer Freude von Fritz und seiner Frau so schön gestaltet wurden. In ihrem 86ten Jahre flog sie noch allein nach Kalifornien wohin sie meine jung verheiratete Tochter eingeladen hatte. Es gefiel ihr so gut, dass sie dort blieb, zumal auch mein Sohn mit Familie in ihre Nähe übersiedelte. Und 2 Jahre später kamen auch wir mit Sack und Pack in Los Angeles an, da Mor wegen Krankheit seine Stellung am Pennsylvania Highway Department aufgeben musste, und ihm die kalten Winter im Osten grosse Schmerzen machten. Auch Muttel hat die Wärme hier gut getan. Sie sass nun viel im Vorgärtchen ihrer kleinen Wohnung, las den geliebten Aufbau sowohl wie Ihre Mitteilungen der Breslauer aus Israel und freute sich, dass sie fast jeden erwähnten Namen kannte. Sie machte viele Handarbeiten und war nie müssig bis wenige Wochen vor ihrem Ende. Ihre täglichen Spaziergänge wurden langsamer und kürzer, bis sie eines Tages es nur noch vom Bett zum Sessel brachte. Drei Tage später ist sie entschlafen und ruht in den grünen Hügeln von Hollywood. heute sagen würde — tun eine Identitätsfindung, die von der Herderschen Besinnung auf die Sprache ausging und kritisch unterbaut worden war von Kant. Sie war beispielhaft zur Entfaltung gekommen in Goethe, Schiler und all den anderen von Klassik und Romantik; ihre schöpferischen Impulse hatten sich in Nietsche erneuert. Kühnemanns Formel für diese Gewinnung einer Selbstgewissheit war “deutscher Idealismus”; für diesen als ein europäisches Ereignis inmitten der geistigen Leistungen anderer Völker konnte er die Scharen seiner Hörer immer wieder begeistern. Die repräsentative Begegnung des dramatischen Dichters und des prilosophischen Redners fand 1922 im Breslauer Rathaus statt, wo Eugen Kühnemann in Gegenwart des Reichspräsidenten Friedrich Ebert und Gerhart Hauptmanns die Festansprache zu dessen 60. Geburtstag hielt, während in allen Theatern der Stadt und in der Jahrhunderthalle seine Dramen von der Elite deutscher Schauspieler und Regisseure zur Aufführung gebracht wurden. Ein letztes Mal trafen die beiden Männer, die sich im schlesischen Riesengebirge angesiedelt hatten, dort kurz vor dem Ende ihres Lebens zusammen, als auch das Ende dieses deutschen Landes Schlesien gekommen war. HANS HERMANN TONI ROSENGARTEN, geb. Burgheim Ein Dichter und ein Redner ZUM TODESTAG GERHARDT HAUPTMANNS AM 6.6. UND EUGEN KÜHNEMANNS AM 12.5 24