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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-04-01 · No. 39 (April 1976) · p. Seite 19

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 39 (April 1976)
Date
1976-04-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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dein. Der wichtigste auswärtige Handelsplatz für die Wareneinfuhr nach Schlesien wurde damals die galizische Stadt Krakau, die berühmte Krönungsstadt der polnischen Könige. Die Folge davon war, dass die oberschlesischen Kaufleute neue Niederlassungen auf der rechten Oderseite suchten. Zu ihnen gehörte auch Jehuda ha-Kohen. Unter den wenigen Orten, die den Juden offen standen, wählte er Langendorf, das nahe an der polnischen Grenze liegt und zudem dicht an der Handelsstrasse, die von Breslau über Gross-Strehlitz, Tost und Tarnowitz nach Krakau führte. Er dachte dabei sicher auch an die Zukunft seiner Familie. Denn in dem ländlichen Langendorf konnte er auch seine jüngeren Söhne als selbständige Hausväter “ansetzen”; in der Stadt Zülz wäre ihm das verwahrt gewesen. Schiesslich über Langendorf auch eine religiöse Anziehungskraft aus, weil es ein eigenes Gotteshaus und einen eigenen Friedhof besass. Die kleine Ortschaft Langendorf gehörte zu einem Rittergute gleichen Namens. Das Dorf wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein meist noch mit dem polnischen Namen “Wiels-wie’s” oder “Wielowitz” genannt. Beide Ausdrücke bedeuten “Langes Dorf”. Die jüdische Gemeinde Langendorf verdankte ihre Entstehung einem fortschrittlichen Grundherrn, der den Mut hatte, in politischen und kirchlichen Dingen, ganz ähnlich wie der Zülzer Herr von Proskowski, gegen den Strom zu schwimmen. Die kirchliche Parochie Langendorf war um 1575, als Schlesien die Reformation annahm, protestantisch geworden; sie wurde aber, wie fast ganz Oberschlesien, während des dreissigjährigen Krieges im Jahre 1629 gewaltsam zur Rückkehr zum katholischen Bekenntnis gezwungen. Damals zerfiel das Rittergut in mehrere Anteile. Die Besitzer eines Anteils, die Herren von Schulzendorf, trotzten der Gegenreformation und blieben Protestanten. Sie gingen auch in der Behandlung der Juden andere Wege als ihre katholischen Standesgenossen. So gestatteten sie nach dem dreissigjährigen Kriege einigen jüdischen Familien die Niederlassung auf ihrem Gutsanteil und erlaubten ihnen später sogar, dort ein Behaus zu errichten. Eine strenge Absonderung der jüdischen Wohnungen nach Art eines Ghettos gab es in Langendorf nie, nicht einmal eine richtige “Judengasse”. Die Synagoge erhob sich mitten im Dorfe, wo der — im Jahre 1771 erneuerte — bescheidene Bau noch heute steht, — allerdings ausgebrannt während der Pogrome des Jahres 1938. Die jüdischen Einwohner lebten stets zerstreut zwischen den Bauern und Häuslern. Die ersten Juden hatte der Grundherr im Jahre 1664 aufgenommen, kurz nach dem Ende des grossen Religionskrieges. Unter ihnen waren zwei Stammväter bekannter schlesischer Familien, nämlich Jonathan ben Koppel Bloch und dessen Schwiegervater Salomon Gryetz aus Grauditz im Herzogtum Troppau; letzterer ist der Ahnherr der schönen Rebekka Graetz, von der gleich noch die Rede sein wird. Die Gemeinde vergrösserte sich rasch und brachte dem Ort auch die wirtschaftliche Belebung, um die es dem Grundherrn zu tun gewesen war. Die Handelsbeziehungen, die der grosse Krieg zerstört hatte, bahnten sich allmählich wieder an. Langendorf wurde wieder ein Marktflecken, in welchem jährlich mehrere Vieh- und Krammärkte abgehalten wurden. Als Besucher der Breslauer Messe Werden in den Zolllisten des Jahres 168& drei jüdische Kaufleute aus Langendorf aufgeführt. Ende März 1751 wurden 29 Familien tolerierter Juden in Langendorf gezählt, meist kleine Händler und “Dorflauffer”, aber auch schon einige Handwerker (Fleischer, Schneider). Im Jahre 1783 wurden nicht nur die “Judenwirte”, d.h. die Familienhäupter gezählt, sondern alle im Dorf wohnenden “Seelen” christlichen und jüdischen Bekenntnisses. Dabei ergab sich eine Gesamtzahl von 138 Juden unter einer Einwohnerschaft von 537 Seelen. Die Verhältnisse, unter denen die Langendorfer Juden damals lebten, muss man sich als recht kümmerlich vorstellen. Zu Wohlstand oder auch nur zu Familienglück ist kaum einer unter den Landjuden gelangt. Viele wanderten im 18. Jahrhundert aus, namentlich auf Grund der Heiratsordnungen. Denn diese wurden unter Friedrich dem Grossen an manchen Orten noch so unbarmherzig gehandhabt, dass von jeder jüdischen Familie nur ein einziger Sohn am Orte wohnen bleiben durfte; alle übrigen Söhne mussten, wenn sie sich selbstständig machten, unweigerlich das Land räumen. Die meisten, die auf diese Weise versprengt wurden, sind verschollen. Zu den wenigen, von denen ausnahmsweise Kunde erhalten blieb, gehören einige Mitglieder der Langendorfer Gründerfamilien Bloch und Graetz, die nach England auswanderten und später weiter nach den Vereinigten Staaten gingen, — dem Lande, das von der Erklärung seiner Unabhängigkeit an (1775) auch für die Juden das Land der Freiheit und Gleichberechtigung war. Solche Auswanderer waren Jechiel ben Salomon Graetz (1740—1808), der sich später Michael Gratz nannte, und sein Sohn Hyman (Heyman) Gratz (1776—1856), der in Philadelphia das “Gratz College for Jewish Science” gründete. Michael Gratz hatte eine Tochter, die literarische Weltberühmtheit erlangte. Sie hiess Rebekka (1781—1869) und gilt als das Urbild der gleichnamigen Jüdin in Walter Scotts Roman “Ivanhoe”. Das war zu Ende der Regierungszeit Friedrich des Grossen. Unter der milderen Herrschaft Friedrich Wilhelms II (1786—1797) konnten die Langendorfer Familien unbehelligt daheim bleiben. Alsbald wuchs die Gemeinde beträchtlich. 1812 erhielten 45 jüdische Familienvorstände aus Langendorf das Staatsbürgerrecht, darunter Jesaja und Samuel Notmann; 1817 ergab die amtliche Zählung 52 Familien mit 279 Personen, darunter Jesaja Nothmanns Söhne Loebel u. Salomon. Es fanden sich darunter bereits 10 Handwerker (3 Bäcker, 2 Schlächter, 1 Fleischer, 1 Glaser, 1 Schneider) und sogar ein zur Landwirtschaft strebender Jude, der “eine freie Gärtnerstelle” besass. Die übrigen handelten mit Getreide und Leder, und diesem Erwerbe gingen auch unsere Vorfahren nach. Nach dem Fortfall der Niederlassungsbeschränkungen 1812 zerstreuten sich die Langendorfer Juden sehr bald, um die grösseren Städte Schlesiens auzusuchen, so dass ihre Gemeinde im Laufe des 19. Jahrhunderts fast völlig verschwand. In der Familie Nothmann, war Joseph (1775— 1849) der erste, der Langendorf verliess. Er pachtete etwa seit 1810 nach einander verschiedene Branntweinbrennereien im Toster Kreise und kehrte auch nach Aufgabe dieses Erwerbszweiges nicht mehr in die Heimat zurück. Dann zog Samuel Nothmann (1773—1851) in die Kreisstadt Tost, wahrscheinlich nach dem Tode des Vaters Jesaja (1815). Über den Verbleib des dritten Bruders Löbel, der 1817 noch in Langendorf lebte, ist nichts bekannt. Er Hess sich taufen und trennte sich von der Familie. Sesshaft war nur noch der vierte Bruder Salomon (1788—1847), unser Ahnherr, der nach einigen Wanderjahren, sein Leben in Langendorf verbrachte. Das Gleiche tat sein Sohn Simon (1812—79), und erst dessen Söhne verliessen Langendorf, unter ihnen mein Vater Adolf Nothmann (1860—1913), der als Schüler in Breslau aufwuchs und seit 1879 in Gleiwitz lebte und 1889 nach Berlin ging. DIE BRÜDER SAMUEL, JOSEF, UND SALOMON Die Geschichte der vielverzweigten Familienstämme, die sich von den Söhnen Jesaja Nothmann’s (1739—1815) herleitet, kann hier im Einzelnen nicht verfolgt werden. Ich beschränke mich in der Hauptsache auf die Berichte über die jüngste Linie, die von Salomon (1788—1847) über dessen Sohn Simon (1821—1879) auf meinen Vater Adolf (1860—1913) herabführt. Zunächst ist von den älteren Brüdern Salomons noch einiges zu erzählen. Der älteste Sohn Jesaja’s, Samuel (1773—1852), lebte nach den Freiheitskriegen in der Kreisstadt Tost, wo er durch die üblichen Handelsgeschäfte ln Landeserzeugnissen, sicher auch durch Geldgeschäfte, zu Wohlstand kam. In einer amtlichen Nachweisung der jüdischen Familien in Tost aus dem Jahre 1822 wird es als Haupt einer aus fünf Personen bestehenden Familie aufgeführt. Dies war ausser ihm seine Frau Matel, später Mathilde genannt, seine Söhne Isaac (1805—1860) und Hlrschel (1807—1881), und eine Tochter Miriam, später Marie (1838) und eine Tochter Rosalie. Matel-Mathilde war Samuels Base, die älteste Tochter von Jesaja’s Bruder Joel Loebel Kohn. Die Verwandtenehen waren damals sehr häufig. Die ärztlichen Einwände, die gegen eine solche “Inzucht” zu erheben sind, wurden in den jüdischen Familien wenig beachtet; schliesslich hatte ja schon der Erzvater Jacob seine Basen Lea und und Rahel geheiratet! Samuels Brautwahl fand jedenfalls in der eigenen Familie solchen Anklang, dass sein Bruder Josef seinem Beispiel folgte und ebenfalls seine Base ehelichte, nämlich Matel's Schwester Charlotte, so hiess sie jedenfalls zuletzt, ihr ursprünglicher Name war Chaja oder Chaj’le. Zwischen den Familien Nothmann und Gassmann wurden noch in der folgenden Generation Ehen geschlossen. So heiratete Samuels Tochter Miriam- Marie (1850) ihren Grossvetter Fabian Gassmann (1817—1895), einen Sohn von Loebel Feibisch Gassmann (1778—1861). Frau Mathilde (1773—1875) war durch ihre Wohltätigkeit bekannt. Diese zu üben, gab ihr die wirtschaftliche Not, die damals in Oberschlesien herrschte, reichliche Gelegenheit. Von dieser “Hungerpest”, wie die Seuche einer aus Galizien eingeschleppten Typhusepedemie, noch lange nachher genannt wurde, hat der damals in Gleiwitz lebende Arzt und Schriftsteller Dr. Max Ring in seinen Erinnerungen eine grauenvolle Schilderung hinterlassen. In jener Zeit fuhr Mathilde Nothmann, eine Frau, die das 70. Lebensjahr bereits überschritten hatte, unermüdlich mit einem Wägelchen im Toster Kreise umher und verteilte Brot an die hungernden Bauern. Der von Samuel abstammende Familienzweig ist später vor den anderen Linien hervorgetreten durch fortschrittliche Gesinnung und Unternehmungsgeist. Der älteste Sohn Isaac (1805—1860) führte in Gleiwitz ein Bankgeschäft, übernahm im Jahre 1852 den Vorsitz der Handelsabteilung in dem neu errichteten Gewerberat für die Kreise Tost und Gleiwitz und erhielt später den preussischen roten Adlerorden. Seine Söhne wanderten in den sechziger Jahren nach Amerika aus, wo 6le zu Erfolgen und Ehren kamen. Die Nachkommen des zweiten Sohnes von Samuel, Hirschei (1807— 1881), waren die ersten in der Familie Nothmann, die sich einem Studium, und zwar dem ärztlichen, zuwandten. Auch sie betätigten sich selbstverständig in der Industrie. Bleibende Bedeutung erlangten in Deutschland ihre Dachpappenfabriken, die sie seit 1902 mit den konkurrierenden Betrieben der "Vettern” Gassman in der Firma Gassmann & Nothmann in Gleiwitz vereinigten. DIE ERSTEN AUSWANDERER Von den Söhnen Isaacs (1805—1860) war Victor (1841—1905) der Erste, der bald nach dem Tode des Vaters nach Brasilien auswanderte. Er gründete dort die Importfirma Victor Nothmann & Co. in Sao Paolo. Zur Zeit, als Victor Nothmann (Fartsetzung Seite 20) 19

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