Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1976-04-01 · No. 39 (April 1976) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1976
Issue
No. 39 (April 1976)
Date
1976-04-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/7411685-7412491-7496486--0582-7412505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Das Realgymnasium Am Zwinger in Breslau L Einen "Zwinger” nannte man in der Festungsstadt Breslau den Raum zwischen zwei Befestigungswällen. Ein solcher Zwinger befand sich ein wenig östlich vom Leichnamstor, dem späteren Schweidnitzertor. Er erlangte eine gewisse Berühmtheit : denn hier pflegten sich die Breslauer Kaufleute im Bogenschiessen zu üben. Auch nach der Niederlegung der Befestigungen auf Befehl Napoleons blieben die Kaufleute an dieser Stelle, und es entstand hier die sogenannte Zwinger-Ressource, die Gustav Freytag in seinem antisemitischen Roman “Soll und Haben” erwähnt. Schliesslich wurde hier das palastartige Haus erbaut, an dessen Giebel nach der Zwingerstrasse zu auf einem riesigen Steinschild in goldenen Buchstaben die Worte prangten: “Verein christlicher Kaufleute”. Gegenüber lag in unseren Tagen das Realgymnasium am Zwinger. Der Zwingerraner-Rundbrief No. 28 zu Neujahr 1975/6 enthält interessante Mitteilungen über seinen Ursprung. Es muss vorab beachtet werden, dass diese Anstalt wie ein Schmetterling, mit dem sie sonst keine Aehnlichkeit hatte, drei Stadien durchlaufen musste, bevor sie in ihrer vollen Schönheit da stand: Bürgerschule, Oberrealschule, Realgymnasium. Die Gründung geschah als eine Bürgerschule des Magistrats Breslau zur Feier des 300jährigen Bestehens der Reformation in Breslau 1816. Die Angaben sind einer Festschrift entnommen, d. zum 50jährigen Bestehen des eigentlichen Realgymnasiums im neuen Hause am Zwingerplatz im Jahre 1886 ein Oberlehrer Dr. R. Ludwig verfasst hat. Sieh einer an : das ist also unser alter, kleiner, weisshariger Direktor Professor Dr. Ludwig gewesen, unter dem ich ein Jahrzehnt lang das Glück dieser Anstalt geniessen durfte. Er war zu meiner Zeit schon etwas senil. Wir nannten ihn nach einer Figur von Frank Wedekind “Lulu”. Dumpf und leise dröhnte das Spottgeheul: LUlu, LUlu! Ja, wir bauten das sogar aus und sagten nicht: das ist lustig, sondern : das ist lululustig. Ich habe ihn beim Geschichtsunterricht ln der Oberprima rufen hören: “Nein, er ritt auf keinem Schimmel. Er ritt auf einem weissen Schimmel”. Diese Tautologie erschien uns damals als bündiger Beweis von dementia senilis, von Altersirresein. Heute sage ich mir, dass das gar nicht so falsch war : es gibt ja doch schliesslich auch Rotschimmel, Apfelschimmel und sogar den Amtsschimmel, der in der Anstalt eine grosse Rolle spielte, wie der Rausschmiss von Gerhart Hauptmann beweist. Nun hatten wir in der Anstalt einen gelehrten Naturwissenschaftler, der ja doch in einem Realgymnasium von Wichtigkeit ist. Er hat eine gelehrte Schrift über die Baumwelt Breslaus verfasst, die wir alle kaufen mussten. Er war ein grosser, schlanker Mann, mit dessen Galle es nicht zum Besten bestellt gewesen sein muss; denn ich habe ihn nicht anders als mit zerrauften Haaren und wutverzerrtem Gesicht gekannt. Auch hatten wir einen prächtigen chemischen Hörsaal dicht am Eingang. Aus diesem Saal, dessen Bänke übereinander geordnet waren, sind zwei Nobelpreisträger hervorgegangen, die Physiochemiker Haber und Delius. Über den Dritten wollen wir lieber schweigen: er musste bekanntlich die Anstalt wegen Unfähigkeit verlassen. Das war später für die Anstalt peinlich, höchst peinlich. Aber Nobelpreis hin, Nobelpreis her — ein schlechter Schüler bleibt ewig ein schlechter Schüler. Und als wir Primaner auf ein Gratulationsschreiben eine freundliche Antwort bekamen und sie an die Wand der Klasse hängen wollten, hat das der Anstaltsdirektor verboten. Er wusste wohl darum. Dies nebenbei. In dem chemischen Hörsaal gab es zwischen den Bänken und dem grossen Experimentiertisch eine Art Gang. Hier rannte der wütende Naturwissenschaftler haareraufend herum und schrie ganz laut: “Lulu, Lulu! Diese verfluchte Lululiade”. Er spielte dabei auf ein uns allen bekanntes Reklameheft an mit dem Titel : “Meirias”. Das war die Meierlade. “Singe mir, Muse, die Leiden des edlen, trefflichen Meiers...” eines geplagten Professors an einem böhmischen Gymnasium. Für uns Schüler war dieses Lulu-Geschrei zugleich gruselig und erheiternd. Da schrie er nun ganz laut, was wir nur dumpf und leise zu heulen wagten. “Wartet nur”, fuhr er fort, “wenn mein Freund Aust kommen wird. Miteisernem Besen wird er auf räumen”. “Mein Freud Aust” kam und rauchte in der Tat keinen guten. Ich habe bei ihm das Abitur gemacht. Das war Lulus Ende, wie seine Festschrift sein Anfang gewesen war. 2. Diese Festschrift schildert zunächst die ursprüngliche Schulgründung. Das Elementarschulwesen in Breslau war im Anfang des 19. Jahrhunderts noch recht im argen und befand sich zum grossen Teil in privaten Händen. Ich selbst bin noch die ersten Schuljahre über um die Jahrhundertwende herum in die Wanckelsche Knabenschule am Ringe gegangen. Auf Drängen der Regierung entschloss sich darum der Magistrat zur Gründung von etlichen Bürgerschulen. Nach langen Diskussionen wurde zunächst die Gründung einer solchen Schule beschlossen, die den Namen “Friedensschule” führen sollte und für die der Magistrat einen wüst liegenden Platz auf der Hummerei No. 18 zur Verfügung stellte, wo früher das Herrenmalzhaus gestanden hatte. Die Grundsteinlegung erfolgte in Gegenwart des Oberbürgermeisters von Kospoth und anderer hoher Persönlichkeiten am 16. Februar 1816 zu Ehren der 300jährigen Säkularfeier der Reformation. In die Höhlung des Grundsteins wurden Münzen gelegt, eine auf die Säkularfeier der Reformation bezugnehmende Medaille und eine Pergamentrolle, die folgenden Text hatte : “Zum Gedächtnis der 3. Säkularfeier der durch Dr. Martin Luther bewirkten Kirchenreformation gründete — durch den dermaligen Probst zum Heiligen Geiste Herrn Gottlieb Ludwig Rahn veranlasst — am 1. November des Jahres 1817 diese Bürgerschule für die Jugend aller christlichen Konfessionen hiesiger Stadt die für die Segnungen der Reformation dankbare Stadtgemeinde zu Breslau”. Hierauf folgten die Namen des Königs, des Oberbürgermeistes usw. Schon am nächsten Tage lief seitens der Aeltesten der hiesigen israelitischen Gemeinde ein Schreiben beim Magistrat ein, in dem unter Berufung auf die erfolgte Gleichstellung und stete Bereitwilligkeit derselben, den öffentlichen Interessen zu dienen, um eine Erklärung gebeten wurde, ob aus der Bekanntmachung vom 29. Oktober (der Schlesischen Zeitung) folge, dass die israelitische Jugend von dem Besuch der neuen Schule ausgeschlossen sei : mehrere in der Gemeinde wüssten nicht, wie sie sich diese Einschränkung erklären sollten und wie solche mit dem Vorhaben zu vereinen sei, die Schule auf gemeinsame Stadtkosten zu errichten. Der Magistrat antwortete darauf, die Anstalt sei allerdings zum Gedächtnis der Reformation zunächst für die christliche Jugend gegründet worden, der eine solche Schule in Breslau noch fehle, während für die israelitische Jugend schon ein solches Institut in der Königlichen Wilhelmsschule vorhanden sei, indessen sei er weit davon entfernt, den Kindern der mosaischen Glaubensgenossen den Eintritt in seine christlichen Unterrichtsanstalten zu versagen, sowie er ja auch den jüdischen Schülern, manchen sogar unentgeldlich, den Besuch der städtischen evangelischen Gymnasien gestatte. So also sah das am Zwingerplatz ln Breslau aus, nachdem 1836 auf dem Platze des ehemaligen St. Hieronymus Hospitals das neue Schulgebäude zunächst als Oberrealschule gegründet worden war :■ auf der Südseite der Verein christlicher Kaufleute, auf der Nordseite das neue Haus für die Jugend aller christlichen Konfessionen. So war das in Breslau am Anfang der gepriesenen Assimilation, die manche Juden für ihr Paradies hielten. Sie machten aus Cohen Kohn und aus Chaim Kaim und glaubten durch verkrampfte Aehnlichung blauäugige, blonde Germanen werden zu können. Re'quisescant in pace... Ich bin in der Anstalt um 1910 mit mehreren jüdischen Mitschülern organisierter Zionist geworden. Das Leben brachte uns ganz auseinander, aber nach 1933 fanden wir einander im Lande Israel wieder zusammen. Ich glaube, ich bin der letzte Überlebende aus dieser Gruppe, darum schreibe ich über den “Zwinger”. Dr. Walter B. Goldstern Jerusalem Professor Ernsf Jokl Dem in Breslau geborenen und jetzt als Professor für Innere Medizin an der Universität von Kentucky in Lexington, Kentucky tätigen Professor Dr. med. Ernst Jokl hat der Präsident der Bundesrepublik Deutschland das Grosse Bundesverdienstkreuz verliehen, und zwar in Anerkennung seiner ‘wertvollen Beiträge zur Entwicklung der Sportmedizin, seiner Arbeit im Weltrat für Sport und Leibeserziehung, und seiner Bemühungen für den Ausbau von freundschaftlichen Beziehungen zwischen Vertretern sportlicher und sportwissenschaftlicher Körperschaften in Deutschland und im Ausland.’ Die Tochter von Professor Jokl, Frau Marion Ball, ist Professorin für medical computing an der Temple University in Philadelphia; sein Sohn, Peter Jokl Professor für Orthopädie an der Yale Universität in New Haven, Connecticut. 1 ANNIE DAVID VON DEN JUDEN IN DEUTSCHLAND 1600—1870 EIN BILDERBERICHT Massada-Verlag, 94 S. IL 9.50 “So vieles und so neues, dass man ganz eingefangen wird von Text und Bild” Jutta Bohnke-Kohlwitz, EMUNAH “Übersichtlich, neuartig und vortrefflich geschrieben”. Hans Habe “Diese Schrift ist auch besonders dem nichtjüdischen Leser zugedacht”. Israelitisches Wochenblatt, Zürich 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.