Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.IM ANFANG' von Chaim Pofok In vielen Romanen von Ch. Potok steht die Auseinandersetzung des Kindes aus traditioneller Einwandererfamilie in Amerika mit der fremden Umgebung im Mittelpunkt. Der neue Roman : “In Hie Beginning” (Verlag Heinemann, London 1975) erzählt vom Kampf der Jiddischkeit gegen die Goyischkeit — die Worte werden im englischen Text jiddisch wiedergegeben — ‘den Vater und Sohn, jeder auf seine Weise, führen, und der den Leser bis zum Ende kaptiviert. Am Beginn des Romans entdeckt der junge David Lurie eine versteckt gehaltene Photographie seines Vaters, ln der er im Mittelpunkt von Kameraden mit Waffen erscheint. Auf seine Frage erzählt ihm der Vater, dass er gegen die Überfälle auf Juden in Lemberg eine Selbstwehrorganisation gegründet hat und sie auch hier fortsetzt, um Flüchtlingen bei der Einordnung in Amerika und in Israel zu helfen. Der Vater hat durch seine Energie schnell Erfolg gehabt, verliert alles bei der grossen Wirtschaftskrise und fängt wieder von neuem an. Als Blind in den Sommerferien am See wünscht sich David, am See bleiben zu dürfen, da er sich hier Gott nahe fühle. Doch sein Vater mahnt ihn, aktiv zu sein. Er selbst wäre nicht nach Amerika gekommen, wenn er nicht aktiv gewesen wäre. David kann eine Klasse überspringen und wird einer der besten Schüler der Jeschiwa-Mittelschule. Dazwischen wird erzählt, dass die Verwandten der Familie trotz Drängen nicht rechtzeitig ausgewandert sind. Die Muter verstummt vor Kummer, als die Nazis Russland überfallen und jede Verbindung aufgehört hat. Der begabte David will ausser dem Talmud und den fünf Büchern Moses, die am Vormittag, und den weltlichen Fächern, die am Nachmittag unterrichtet werden, auch Bibel studieren. Da er hier allein lernt, greift er zu Kommentaren und stösst auch auf die Bibelkritik der deutschen Theologen. Die grossen Weisen Raschi und Maimonides haben sich einst mit der Kultur ihrer Zeit auseinandergesetzt, sieht er. Aber die Jeschiwa von heute schliesst sich ab. Er kann sich mit einem Raw der Schule aussprechen und gesteht ihm, dass er das Studium an der Universität fortsetzen will, um die Bibelkritik zu bekämpfen. Der Raw versteht ihn und stimmt ihm mit den Worten zu: “Ein Mensch, der nicht kämpft, ist ein Narr.’ ' Seinen Vater jedoch kann er nicht überzeugen. Für den Kampf mit der Feder hat) er wenig Verständnis. Aber er hindert ihn auch nicht, an der Universität zu studieren und gibt ihm die Mittel dazu. David fährt nach Deutschland, um alte hebräische Handschriften zu studieren. Dort besucht er Bergen-Belsen. Am Massengrab erscheint ihm in einer Vision der Vater im Gespräch mit dem toten Onkel, nach dem er selbst heisst. Der Vater bedauert, ihn nicht von der fremden Kultur zurückgehalten zu haben. “Zu einer anderen Kultur” nickt ihm der Onkel zu, “Um neues Leben in unsre Wurzeln zu bringen”. Dann wendet er sich David zu und zeigt auf die Gräber : “Vergiss nie die Vergangenheit wenn Du die Gegenwart nähren willst”. David erwacht aus der Vision und sagt Kaddisch für seinen Onkel. Hier schliesst der Roman. Und der Leser sagt sich : möge diese Vision von “In the Beginning”, des Wiederbeginns nach der Katastrophe, nicht nur — Phantasie eines Romans sein. Anni Loewenstein Erinnerungen von I. SCHULE DER TOLERANZ Ich bin geboren: in Krotoschin in der Provinz Posen. Mein Geburtstag war ein Freitag. Es war schon Abend, als ich zur Welt kam. Und die Lichter der Gaslampe im Schlafzimmer meiner Eltern brannten schon. Damals wusste man noch nicht, wie man heute zu wissen glaubt, dass Kinder bei ihrer Geburt noch gar nicht imstande sind etwas zu sehen. Unr so nahm man es als ein gutes Zeichen, dass ich sogleich nach meiner Ankunft die Augen nach dem Licht wandte. Alles in allem, man wusste überhaupt noch wenig in jener Zeit. Eine Schreibmaschine und ein Auto waren noch Raritäten. Es gab keine Flugzeuge. Und ein Telephon erschien bestaunenswert. Aber wenn man noch wenig wusste, so hoffte man umso viel mehr. Zwei Jahre vor meiner Geburt zum Beginn des neuen Jahrhunderts hatte meine Mutter zur Sylvesterfeier der Loge in Krotoschin ein Gedicht geschrieben, das mit grosser Begeisterung in die Zukunft schaute. Es schloss mit der schönen Hoffnung, dass man dereinst das jetzt beginnende 20. Jahrhundert als das “Jahrhundert der Humanität" lieben und feiern würde... Die Stadt, in der ich zur Welt kam, ist in vieler Hinsicht merkwürdig und ausgezeichnet. Als ich noch klein war, war mir besonders merkwürdig, dass Krotoschin auch die Geburtstadt eines deutschen Dichters war, der in der Literaturgeschichte, die im Bücherschrank meines Vaters stand, mit allen Ehren genannt war: die Geburtsstadt Otto Roquettes. Otto Roquette hat ein Märchenepos geschrieben, das von “Waldmeisters Brautfahrt" handelt. Wahrscheinlich habe ich es ihm zu verdanken, dass ich viele Jahre meiner Kindheit mich danach sehnte, einmal Waldmeister-Limonade zu trinken. Das war aber nicht so einfach, wie es aus sehen mag. Überall bei uns zu Hause konnte man Himbeer- und Zitronen-Limonade bekommen. An manchen ausgezeichneten Plätzen gab es auch Orangen-Limonade. Aber Waldmeister war kaum zu finden. Als ich sie schliesslich doch einmal zu kosten bekam (ich weiss nicht mehr, wo und wie) war ich eigentlich enttäuscht. Sie schmeckte nicht schlecht. Aber ich hatte sie mir schöner vorgestellt. Krotoschin ist nicht nur die Geburtstadt von Otto Roquette und Hans Margolius. Sie ist auch eine Stadt, ln der die Fürsten von Thum und Taxis ein grosses Anwesen hatten. In der Mitte der Stadt befand sich das Schloss der Fürsten, umgeben von den schönen Anlagen des Schlossgartens, der allen offen stand. Dieser Schlossgarten war unsere grosse Sehenswürdigkeit, die jeder, der zu Besuch nach Krotoschin kam, sehen musste. Und vor allem im Frühling, wenn in unserm Schlossgarten der Flieder blühte, gab es gewiss keinen schöneren Fleck auf Erden. Die Fürsten von Thum und Taxis, denen wir diesen Schlossgarten verdankten, waren vor Jahrzehnten einmal die Begründer der deutschen Post gewesen. Und ich war nicht wenig stolz darauf, in einer Stadt geboren zu sein, die so intime Beziehungen zu der deutschen Post für sich in Anspruch nehmen konnte. Aber noch stolzer war und bin ich noch heute, dass Krotoschin, einst der Sitz einer sehr grossen und blühenden jüdischen Gemeinde, zugleich auch der Sitz einer bedeutenden hebräischen Druckerei gewesen ist. Das war freilich viele Jahre vor meiner Geburt. Aber man zeigte doch immer noch das Haus, das einst diese berühmte Druckerei beherbergt hate. Es war das Haus, in dem mein Pate Gustav Herrmann wohnte. Viele bedeutende Bücher sind hier gedruckt worden. Ein Druck des “Talmud Jeruschalmi” gehört zu den wichtigsten. Hans Margolius Vielleicht noch wichtiger als alles andere ist für mich aber (vielleicht ohne dass ich es recht wusste) die Tatsache gewesen, dass in Krtoschln zur Zeit meiner Kindheit da zwei Nationalitäten nebeneinander wohnten. Es hatte einst zu Polen gehört. Zur Zeit meiner Kindheit gehörte es zum Deutschen Reich. Das Innere der Stad war nun fast ausschliesslich von Deutschen bewohnt. Die Aussenbezirke und die Bauerngüter rings um die Stadt waren in der Hauptsache von Polen bevölkert. Dieses Zusammen war nicht immer reibungslos gewesen. Zu meiner Zeit war es im grossen und ganzen ein friedliches Miteinander-leben. Und in meinem Elternhause insbesondere war ein freundschaftliches Zusammen von Deutschen und Polen eine Sache, die sich von selbst verstand. Wir selbst gehörten eindeutig zu den Deutschen. Aber meine Grossmutter Fanny Joseph-Levy, deren Vater aus Russisch-Polen gekommen war, konnte auch noch gut Polnisch sprechen. Ein polnisches Lehrmädchen im Geschäft meiner Grossmutter, die kleine Kascha, war eine besondere Freundin meiner Mutter. Und mein Vater hatte schon vor Jahren, als es einmal zu Reibungen zwischen Deutschen und Polen gekommen war, die Rechte der Polen mit Entschiedenheit vertreten. Ich glaube, man hatte damals in Kreisen deutscher Beamter einen Boykott polnischer Geschäfte verhängt. Vielleicht hatte mein Vater diesen Boykott nicht mitgemacht und war darum als beamteter deutscher Lehrer vor seinen Vorgesetzten zitiert worden. Wie immer, er hatte jedenfalls eine erregte Auseinandersetzung mit seinem Schul - Inspektor. Als er zu grösserem Entgegenkommen riet, rief der hitzige Schulinspektor zornig aus: “Aber wenn es diesen Polen nicht passt, so können sie ja gehen — gehen, wohin sie gehen mögen!” Darauf erwiderte mein Vater — er hat es mir später oft erzählt — “Warum sollte^ sie gehen? Haben sie nicht hier ihre HeimaC, in der sie und ihre Eltern geboren sind, an der sie mit Liebe hängen?!” — Ich weiss nicht, wie man sich einigte. Aber mir selbst hat sich von früh an der Hass gegen alle nationale Selbstgerechtigkeit, gegen alle nationale Selbsverkapselung eingeprägt. Unter meinen besten Schulfreunden hatte ich viele Polen. Zwei, der stille und feine Kowalski und der langaufgeschossene und lebhafte Krajewskl, sind mir im Gedächtnis geblieben. Und als ich in der Prima selber anfing, Jüngeren Unterricht in Literatur und fremden Sprachen zu geben, da war ein hübsches, ein sehr hübsches polnisches Mädchen eine meiner ersten und liebsten Schülerinnen. Meine Mutter, die offenbar Wert darauf legte, frühzeitig meinen Geschmack am anderen Geschlecht zu bilden, hatte mich schon eine geraume Zeit, bevor sie meine Schülerin winde, auf die “Szarne Sonja”, die schwarze Sonja, aufmerksam gemacht und mir gesagt, was das für ein schönes Mädchen wäre. Als sie dann auf Veranlassung ihrer Tante, die in unserm Hause wohnte, begann, französische Stunden bei mir zu nehmen, wurde ich von allen meinen Mitschülern um diese schöne Schülerin beneidet. Ich selbst war fast noch mehr als von ihrer dunklen Schönheit, von ihrem sanften und stillen Wesen eingenommen. Was mag aus ihr geworden sein? Vielleicht ist es sehr nützlich, von frühe an mit Menschen anderer Nationalität zusammen zu leben. Es kann am leichtesten und einfachsten lehren, Menschen anderer Art in ihrem Anderssein zu achten und zugleich die tiefe, beglückende Gleichheit aller Menschen in allen ihren Unterschieden zu begreifen. Jeder Ort, wo Menschen verschiedener Nationalität zusammen wohnen, ist eine hohe Schule der Toleranz! Könnte es sein! Sollte es sein! 13