Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Vortsetzung von Seite fl) Jetzt naht mein 80. Geburtstag bald Ich gedenke mit Wehmut der Stunde, als wir in Thormersdorf den 80. Geburtstag der feingeistigen, rüstigen blinden Dame mit einer Aufmerksamkeit vom Heim und unsern Glückwünschen begehen wollten. — Ich sollte die Sprecherin sein. Doch als ich vor ihr stand und zu sprechen begann, rief sie mit einem Schmerzensschrei: “Wünschen Sie mir nichts, doch beten Sie zu G”tt, dass er mich heimberufen soll. Dieses Schicksal und Lebensende haben wir alle nicht verdient. Sie sind ein warmer herzlicher Mensch, und wir alle wollen G”tt bitten dass Sie bald wieder mit Ihren Lieben vereint werden. Aber wir Alten haben wohl nichts mehr zu hoffen. Sie haben uns durch die lehrreichen Freitag-Abende viel gegeben, aber jetzt kann nur eine höhere Macht — oder ein Wunder — uns befreien. Ich sehe nicht, aber ich fühle den Schmerz und das Leid um mich herum”. Als Einzige bekam sie mit ihrer Compagnion ein Einzelzimmer — kalt und schmal — dass ausser dem Nötigsten nichts enthielt. Nur einen bequemen Stuhl durfte sie sich mitbringen — — Leider raubte das Schicksal mir all diese lieben Menschen und Leidensgenossen, die so glücklich waren in dem Breslauer Paradies. Die leitenden Damen des Heims konnten nicht herausbekommen, wie die Damen und einige sehr alte Herren in den Besitz von Gift gekommen waren. Einigen konnten sie es abnehmen — andere hielten es versteckt. Am ersten Morgen in der Frühe ging ein alter Herr — der auch in Breslau viel spazieren ging — durch’s Dorf. Das hatte zur Folge, dass ein Beamter der Gestapo ins Heim kam — von Zimmer zu Zimmer ging — um uns Verhaltungsmassnahmen zu geben Es dürfte vorerst niemand das Haus verlassen und durchs Dorf spazieren gehn — der Garten sei gross genug, um frische Luft zu atmen. Das Obst im Garten zu pflücken — Johannisbeeren und Stachelbeeren — sei streng untersagt und Einkäufe im Dorf zu machen sei nur Vorstandsdamen erlaubt. Man würde später versuchen, einen Weg zum Spazierengehen frei zu machen; die Dorfbewohner wollten nicht immer die Juden durchs Dorf gehen sehen Es kamen fast täglich neue Transporte. Der erste war der der Insassen des "Beate Gutmann- Heims”. Uns gegenseitig zu besuchen in den Nachbarhäusern, war uns auch nicht erlaubt. So vergingen langsam und traurig — trotz der warmen Sonne — die Wochen. Die Heimleiterinnen und die Heimschwestern hatten es sehr schwer. Viele erkrankten und andere verloren ganz die Nerven — die sonst immer gut gelaunt und verträglich waren — auch ich, die Jüngste des Hauses, verlor oft die Nerven und konnte nicht essen und schlafen. Da beschlossen die Leiterinnen meinen Bruder, (“Onkel Jo”), zu bitten, nach Thormersdorf zu kommen, den Alten Trost zu geben, auch seine eigene Schwester brauche Trost. Denn immer wieder hiess es, “Der Transport ist nicht zustande gekommen — wir müssen in Geduld abwarten!” Mein Bruder war der einzige Rabbiner in Deutschland, der noch überall hinreisen konnte — Wagen nehmen u.s.w. Auch die erste Leiterin unseres Heims konnte reisen nach Breslau und Berlin — so oft sie dort zu tun hatte. Sie stand auf gutem Fuss mit der Gestapo, nur Hessen sich die Räuber bei ihren vielen Besuchen im Hause durch Frau Cohn’s Bitten um Nachsicht oder Erleichterung nicht beeinflussen. Der Oberrabbiner aus Hamburg kam an einem Mittwoch, musste aber Freitag früh um 6 Uhr wieder abreisen, um in Berlin zu sein, wo er eine beschlagnahmte Synagoge — die freigegeben wurde — wieder einzuweihen hatte. Frau Cohn musste am selben Tag nach Breslau und wollte auch am Freitag zurücksein Sie liess mich rufen und sagte zu mir: “Frau Rosenak, ich warne Sie, verlassen Sie das Haus nicht, ehe ich zurückkomme! Sie würden uns alle gefährden”. Ich war immer an meines Bruders Seite, wohin er ging. Neben ihm fühlte ich mich so frei und sicher. In seiner temperamentvollen, frohen Art, in seinen beruhigenden, Trost- und liebvollen Ansprachen, in der brüderlichen Art, wie er die Weinenden und Verzagten in den Arm nahm, mit uns allen ein Hallelujah unter Tränen anstimmte, gelang es ihm wirklich einige aufzumuntern und zu beruhigen. Als wir dann Donnerstag zwischen 6 und 7 Uhr in unser Heim zurückkamen, lag auf meinem Platz ein Brief vom Hilfsverein und ein Brief von Schwester Elsbeth. Der JBruder hat mich, den Brief vom Hilfsverein am nächsten Morgen zu öffnen, damit ich mir nicht wieder eine schlaflose Nacht durch Transport-Absage mache “Zeige mir”, sagte er, dass Du stärker bist als die schwachen Frauen. Ich war so froh, Dich heute frischer zu sehen Morgen früh bei Tageslicht sieht sich alles besser an”. Mit einem Mal sah ich, dass der Brief nicht fest geschlossen war. Ich öffnete ihn leicht, in dem ich zu meinem Bruder Jo sagte: “In Deiner Gegenwart ertrage ich die Absage leichter”. Das Couvert ging von selbst — spielend — auf und in dem Brief stand: “Reisen Sie sofort ab, um Sonntag dem Transport angeschlossen zu werden!” -Diese Nacht kann ich kaum schildern; man lachte und weinte mit mir. Die Vorstandsdamen sagten, ich dürfte das Heim nicht' verlassen. Man dürfte mich auf der Strasse nicht sehen. Da schlug Jo auf den Tisch und sagte in energischem Ton: “Meine Schwester steht von dieser Stunde an unter meinem Schutz. Ich trage für sie und für alle Insassen hier die Verantwortung. Morgen früh um 6 Uhr fahren wir”. Es winde gelacht und geweint; gepackt und geordnet, was ich mitnehmen konnte. All mein Gepäck war bereits ein Jahr vorher — durch die Kontrolle der Gestapo — mit Schwester Elsbeth’s Hilfe in grösster Sorgfalt nach Basel zu Dr. Markus Oohn geschickt worden, der es mir dann später nach Amerika nachschicken wollte. Es stand auch in dem Brief, Lebensmittel für 3 Wochen mitzubringen Aber man konnte mir nur Brotmarken migeben, da Frau Cohn noch nicht zurück war. Desgleichen entnahm man dem Brief, dass es wahrscheinlich der letzte Transport sein würde. Wir blieben die Nacht im Tagesraum — und mit uns Omama Aber und viele, die sich mit mir angefreundet hatten. Omi Aber war ganz aufgelöst und bat, wir sollten, sie doch nicht allein lassen. Ich trennte mich schweren Herzens, denn es stand ja nicht in unserer Macht sie mitzunehmen. Ich hatte selbst noch nicht einmal das Visum, und wir wussten nicht sicher, ob der Weg wirklich in die Freiheit führen würde. Um den Abschied leichter zu machen, gingen wir, während viele noch schliefen, schon um 5 Uhr aus dem Hause und sassen, ängstlich um uns sehend, wartend im verrauchten Warteraum des Bahnhofs. G.s.D. sprach uns niemand an. Durch ein grosses Trinkgeld hob ein Schaffner mich in den Zug, und meine Angst und Herzklopfen wichen erst, als der Zug sich nun wirklich in Bewegung setzte. Wie wohltuend war meines Bruders Fürsorge!!! Er betete laut und dankte G”tt, dass der erste Schritt in die Freiheit gelungen war. Aber die Freiheit war noch nicht vollkommen und sicher. Da ich seit Wochen kein lebhaftes Strassenleben mehr kannte, war ich froh und erstaunt, es jetzt in Berlin wieder zu sehen. Wir fuhren in meines Bruders Pension, wo er, wenn er allmonatlich in Berlin sprechen musste, ein festbelegtes Zimmer hatte. — Aber, als wir in die Wohnung traten, und die Pensionsinhaberin hörte, dass ich 2 Nächte bei ihr (in Onkel Jo’s Zimmer) wohnen sollte, bekam sie fast einen Schreikrampf und sagte: "Um G“ttes Willen, Herr Oberrabbiner, machen Sie mich und alle meine Pensionäre nicht unglücklich; Ich kann und darf nicht Ihre Schwester aufnehmen. Jeden Freitag Nacht kommt eine Kontrolle”. Noch energischer als im Heim — aber höflich — befahl mein Bruder: “Meine Schwester schläft in meinem Bett — ich übernehme die Verantwortung für Ihr ganzes Haus — bleibe die Nacht auf — und G’tt wird geben, dass uns nichts zustösst!” — G.s.D. blieb die Nacht ruhig, und trotz der grossen Erregung der beiden letzten Tage schlief ich vor Übermüdung ein, schreckte im Schlaf nur einige Male zusammen, weil ich glaubte, es riefe mich jemand. Es klopfte mein Herz vor Angst und Sorge, wie ich mich in dem hastigen Berlin — ohne meinen Bruder — zurechtfinden und mein Visum bekommen sollte. Jo musste gleich nach Schabbos wieder zurück nach Hamburg. Es war unser letztes Beisammensein. — — Schon am Freitag bestellte er eine Dame, die mit mir zum “Hilfsverein” gehen sollte und mich am Abend zu dem Transport bringen. Er zahlte ihr 100.— Mark und gab durch sie auch dem Leiter des Transports 100.— Mark, um einen Sitzplatz für mich zu sichern. — Auch ein Freund von Dzialowskis half mir — Dr. Alexander — der von Leipzig nach Berlin zog, in dem Glauben, wo die Herren Goering und Goebbels leben, ist man sicherer. Leider konnte auch er ■ sich nicht retten. — Wir sassen am Sonntag viele Stunden im Hilfsverein, bis mein Name endlich aufgerufen wurde. Dr. Alexander brachte mir 2 mal einen kleinen Imbiss — der mich sehr erfrischte — denn ich war sehr erregt. Endlich, nach vielen Stunden, konnte ich zum Konsul hineingehen. (Mit dem Leiter des Hilfsverein sprach mein Bruder Jo noch am Freitag und sagte ihm, wer ich sei und wie gern er mich selbst bis zur Abfahrt meines Zuges betreut hätte). Ich glaubte nicht, dass mir noch oder wieder eine grosse Erregung bevorstehe. Der Konsul war unfreundlich — oder schon sehr müde. Sein kalter Empfang und sein kühler Ton machte mir schon wieder Herzklopfen. Er schlug in seinen Akten nach und sagte dann: “Aber Sie gehören ja gar nicht nach Berlin! Hat man Ihnen denn nicht in Breslau gesagt, dass Ihr Visum in Stuttgart liegt? Ich sass — und das war mein Glück — sonst wäre ich umgefallen. Meine Hände zitterten, die Tränen stürzten, und ich riss aus der Tasche ein Taschentuch. Da geschah ein Wunder. Das Bild des Grossvaters in Uniform fiel aus der Tasche. Der Konsul hob es auf und fragte: “War der Feldrabbiner Dr. Rosenak Ihr Mann? Von ihm hörte ich schon. Und ist der Oberrabbiner Ihr Bruder?” — Er wurde freundlicher und fragte, ob ich genug Geld bei mir hätte. Dann würde er in Stuttgart anrufen, ob er mir ein Visum geben könne. Es war dort alles in Ordnung, und so sagte er im wärmeren Ton: “Ich freue mich, dass alles stimmte. Nun will ich Ihnen auch die Wahrheit sagen: Heute abend schliesst unser Konsulat, und heute abend geht auch wohl der letzte Transport”. Sagt — liebe Enkelkinder — war dies nicht ein Wunder — Aber zur Ruhe kam ich noch lange nicht. BERICHTIGUNG: In der Broschüre: "Als Jude in Breslau 1941” erscheint unter Namens-Register: Boehm — Rechtsanwalt (Nichtjude) 11. Dies ist ein grober Druckfehler. Rechtsanwalt Dr. Boehm aus Brieg war streng orthodoxer Jude und bitten wir, seine Angehörigen um Entschuldigung, dass sioh dieser Fehler eingeschlichen hat. Er wird bei den Neuerscheinungen berücksichtigt werden. VERBAND EHEMALIGER BRESLAUER IN ISRAEL 10