Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DAVID TICHAUER, London - Probleme An keinem Gebiet der Philosophie Ist das religiöse Denken so Interessiert, wie an der Ethik. Weite Kreise können auf die Probleme der theoretischen Psychologie, der Erkenntnistheorie und der Metaphysik leichten Herzens verzichten und haben kein Verhältnis zu diesen Zweigen der Forschung. Die religiösen Systeme selbst bergen viele auf Erkenntnis zielende Lehren, doch hat wohl keines eine lückenlose Darstellung von Welt, G—tt, Schöpfung etc. gegeben oder auch nur gegeben wollen. Hingegen birgt jede Religion — und ganz besonders die jüdische — eine Fülle ethischer Sätze in sich, und viele glauben, dass eine religionslose Ethik möglich sei. Die Philosophen sind freilich fast durchweg anderer Meinung und wie mir scheint mit Recht. Die Wissenschaft hat gewiss das Recht, jedes Problem als ihr zugehörig zu betrachten, auch wenn sie nicht weiss, zu welchem Ende das Unternehmen führen wird. Ich will in dieser kurzen Abhandlung keine Lösung der Frage geben, welcher Ethik, der autonomen oder der heteronomen, der Vorzug gebührt; das lässt sich nicht auf wenigen Seiten erledigen. Der Versuch, den ich hier mache, ist nicht der einer umfassenden Vergleichung und Wertung, sondern mehr eine Berichterstattung für interessierte Leser, wie gegenwärtig die wissenschaftliche Ethik orientiert ist. Dabei wird sich im Laufe des Aufsatzes herausstellen, dass es gewisse Seiten ethischer Fragestellungen gibt, die ganz gewiss nur der Wissenschaft zugehörig sind, aber deren Resultate über das System hinaus auch für die Ethik der Religion von Bedeutung sein können. Während die religiöse Ethik G—tt als Gesetzgeber einführt und Normen für alle Lebenslagen gibt, so dass sie den Namen inhaltliche Ethik verdient, hat die wissenschaftliche immer mehr erkannt, dass die formale Ethik ihr besonderes Feld ist. Welch ethischen Theorien auch immer die einzelnen Systembildner zuneigen, in einem sind sie einig : das sittliche Bewusstsein ist die Heimat und der Ursprung alles Besonderen. In ihm finden wir selbstbesinnlich vor, was wir allgemein als Pflichtbewusstsein, Reue etc. bezeichnen. Sucht also die religiöse Ethik den Weg von den Pflichten zum Träger der Pflicht, so geht die wissenschaftliche von dem Subjekt der Moral zu dem Objekt. Es ist kein Wunder, dass diese methodische Verschiedenheit — von anderen abgesehen — grosse Unterschiede der heteronomen und autonomen Ethik bedingt. Es gibt Philosophen, die sich mit den verschiedenen Methoden der Ethik auseinandersetzen und lehnen auch die theologische ab, weil sie bewirkt, dass nicht aus rein ethischer Einstellung, sondern weil G—tt der Gesetzgeber ist, Gesinnungen und Handlungen das Prädikat gut bezw. böse zugeschrieben, das Sittengesetz befolgt oder verletzt wird. Die sittliche Beurteilung richtet sich mehr auf die Neigungen und den Charakter, als auf die Handlung, die auch noch von den Motiven und anderen exogenen Faktoren abhängig ist. Neigung ist eine dauernde Veranlagung des Individuums, die bei der Vorstellung bestimmter Selten einer möglichen Handlung Wünsche, die auf deren Verwirklichung gerichtet sind, im Gefolge hat. Motive hingegen sind die einzelnen, momentan gegebenen Vorstellungen; der Charakter ist die Gesamtheit der Neigungen in ihren gegenseitigen Stärkeverhältnissen. Gegenstand des sittlichen Urteils ist der Charakter, nicht die Handlung, Bedingung ist der von Hemmungen freie, durch den Charakter determider Ethiknierte Wille. Wo finden wir die Kriterien für Tugend und Laster? Viele Eigenschaften, deren eine oft eine Tugend, die andere ein' Laster ist, gehen ohne scharfe Grenzen in einander über, z.B. Geiz und Sparsamkeit, und es hält schwer generell ihre Breite zu bezeichnen. Mit wenigen Worten möchte ich das Problem der Willensfreiheit streifen. Mir scheint es berechtigt, dass die Wissenschaft einen absoluten Indeterminismus ebenso wenig für die Psychologie wie für die Ethik zugeben kann. Immer kann es bei der sittlichen Freiheit nur um das wesens- Den in diesen Mitteilungen Nr. 36 S. 6 veröffentlichten Beiträgen zur Geschichte der Juden in Rosenberg O/S aus dem Nachlass von Rabbiner Dr. Louis Lewin s.A., folgen hier Notizen zur Geschichte von 3 weiteren oberschlesischen Kleingemeinden. 1. Konstadt. Juden lassen sich hier seit der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen. Zwischen 1812—15 erwarben 41 von ihnen das Bürgerrecht. Die Synagoge wurde 1852 erbaut. In 1843 wohnten hier 33 Familien oder 161 Personen, in 1913 120 Juden. LITERATUR: Breslauer Staatsarchiv P.A. n 49 d. Archiv d. Jüd. Gern. Breslau, Mitgliederverzeichnis 1776 S. 55, 83, Archiv d. Jüd. Gern. Kempen, Posen, Fach 13 Vol. II, Handschriften Sammlung Louis Lewin in der Bibliothek der Yeshiva University New York Nummern 45 S. 5, 149, 201, 355, 379, Der Orient 1844 S. 20, Handb. d. J. Gemeindeverwaltung 1913, Denkschrift z.d. Entwurf und Verordnung d. Verhältnisse d. J. betr., Berlin (18^6/7), Beil. I B.S. 26, Mitteilung, d. Syn. Gem. Oppeln 1936 Nr. 41 S. 4, cf. Encyclopedia Judalca (Eschkol), s.v., diese Mitteil. Nr. 31 S. 11. 2. Kreuzburg. Bis zum Jahre 1848 durften sich hier in der Regel keine Juden offiziell ansiedeln. Es wurde aber im Jahre 1841 berichtet, dass einzelnen um Stadt oder Staat besonders verdienten Personen der Wohnsitz ausnahmsweise schon seit ca. 1781 — 1791 gestattet war. Auch 1802 wurden solche erwähnt und zwischen 1812—15 wurden 14 Juden hier Bürger, einer von diesen war Hirschei Proskauer, von Proskau O/S stammend. Die meisten besetzten sich daher in den umliegenden Dörfern, wie Bodland, Brinnitze (woher die Brinnitzer kamen), Kraskau (wo schon seit 1765 ein Friedhof und Synagoge mit einem Kultusbeamten, auch eine Schule und Mikwah existierte), Loffkowitz, Reinersdorf (wo Juden in 1775 sich fanden und von wo Oberrabbiner Dr. B. Ritter, Rotterdam, stammte) und Schönfeld (wo 1776 Juden erwähnt wurden und von wo ein Freiwilliger im Jahre 1813 am Befreiungskriege teilnahm). Im Jahre 1843 wohnten hier 27 Familien oder 195 Personen. Es ist anzunehmen, dass die Synagogengemeinde sich hier zugleich nach 1848 konstituierte und 1850 eine Eingabe an die Regierung machte, ein Bethaus zu errichten, welches aber erst 1856 genehmigt wurde. Eine neue Synagoge wurde 1886 gebaut. Jahrzehntelang beabsichtigte die Gemeinde ihren eigenen Friedhof anzulegen, um weitere Beerdigungen in Kraskau zu vermeiden, derselbe wurde aber erst 1927 eingeweiht und der Obhut der hiesigen Chewrah Kadischa unterstellt. Von den Rabbinern der Gemeinde wurden folgende erwähnt: David b. Meir Schlesinger, der in gemässe, triebfreie Handeln gehen. Wir würden uns in diese Dinge besser hineinfinden, wenn wir die psychologische Kausalität insbesondere die durch den Willen nicht mechanistisch fassen. Motivfrei handeln ist für wissenschaftliche Betrachtung unzulässig. Das Schwierige ist hier das Quantitative. Es gab jüdische Religionsphilosophen, die dem Determinismus zustimmten. Die Probleme der Religionsphilosophie — Verantwortlichkeit, Strafe, Verhältnis G—ttes zu den Geschöpfen — sind dadurch nicht ausgeschaltet. Auch bei Annahme des Indeterminismus bleiben viele offene Fragen. Lohn und Strafe können auch in der deterministischen Ethik Platz finden, und sei es auch alS strenge Parallele naturgesetzlicher Konsequenz ins Ethische übertragen. Kraskau und hier amtierte. Er wurde von R. Nachum Trebitsch in Nikolsburg, Mähren im Jahre 1838 nach Zuelz O/S als “eine sehr grosse Persönlichkeit” für eine Vakanz empfohlen, winde aber dort nicht gewählt. Er war Verfasser von Zedah la-Derech, eine Predigt über Halachah und Agadah, Breslau 1851. Damals wohnte er schon nicht mehr hier. Dr. M. Piorkowsky, ein Wissenschaftler, der aus Ujest O/S stammte und seit 1841 erwähnt wurde. Er und andere Gelehrte lieferten Beiträge zum Volkskalender für Israeliten auf das Jahr 1847, veröffentlicht von M. Troplowitz, Kreuzburg 1846, 8o. Er war auch der Verfasser eines unveröffentlichten Manuskripts: Supplement zu J. Buxtorf’s, Concordantiae bibl. hebr., Basel 1632 in 2 starken Folio Baenden, I Partikeln, II Nomina Propria, hier geschrieben in 1848, gebunden, nicht im Buchhandel. Das Manuskript wurde 1897 zum Preise von 36 Mk. zum Verkauf angeboten und folgendermassen beschriebenen: “ausserordentlich schön und sorgfältig ausgeführt, das Werk eines wahrhaften enormen Fleisses”. Rabbiner Pick wurde hier in 1868 erwähnt. Über andere literarische Interessen in der Gemeinde wird berichtet, dass mehrere Subscrlbenten im Machzor Breslau (Sulzbach) 1830, 80, Teil 9 und in den Deruschim des Menachem Zevi b. Simon Deutsch, Breslau 1843 verzeichnet sind. Eine jüd. Elementarschule existierte hier einige Jahre. Sie hatte in 1871 zwei Klassen, wurde damals aufgelöst und die Schüler den christlichen Systemen zugeteilt. Ein mit Kreuzburg verknüpfter Philantrop Geheimer Commerzienrat Simon Cohn errichtete hier mehrere Stiftungen und wurde auch im Jahre 1889 als Mitstifter des hiesigen Gymnasiums genannt. Ein berühmter Sohn K.’s war der hier im Jahre 1844 geborene Moritz Cohn (Pseudonym Conimor). Während er in einem kaufmännischen Betrieb tätig war, schrieb er einige Stücke, die erfolgreich aufgeführt wurden, danach gab er seine bisherige Karriere auf und liess sich im Jahre 1875 als Schriftsteller in Wien nieder. Er schrieb meistens Dramen, wie Der Improvisator, 1874, vor der Ehe, 1876, usw. Ausserdem lieferte er zahlreiche Beiträge für die Presse. Der Name von Arnold Zweig wird auch einmal in Verbindung mit Kreuzburg erwähnt. LITERATUR: Diese Mitteilungen Nr. 31 S. 11, Nr. 38 S. 2, Monatsschrift f. Gesch. u. Wissensch. d. Judent. 1895 S. 234, 1897 Heft 6, Umschlag S. 4, 1906 S. 238, Breslauer Jüd. Gemeindeblatt 1933, S. 4, 1934 Nr. 17 S. 11, Der Israelit, Frankfurt a.M. 1868 S. 683, Der Orient 1844 S. 20, Literaturbl. d. Zur Geschichte der Juden in Konstadt, Kreuzburg und Pitschen O/S 8