Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Viele Stimmen hören wir am Tage, laute, leise, schrille, sanfte. Wie eine zarte Melodie klingt manchmal die menschliche Stimme an unser Ohr. Ein Geschenk des Himmels, als ich sie in meiner schwersten Zeit hörte. Die schönste Stimme ist die Stimme der Mutter, die das Kind schon ohne die Sprache versteht, und die Stimme des Vaters. Wann hörte diese geliebten Stimmen das letzte Mal? Ich muss weit zurückgreifen in die böse Zeit, November 1941, die ersten Judentransporte gingen vom Westen nach dem Osten. Bitte das Buch nicht zuzuklappen, es heisst “Die Menschliche Stimme” und nur diese sollen Sie hören. Viele Jahre hat es gedauert, um die andere zum Abklingen zu bringen, um so strahlender leuchten diese. Ich lebte in K. und erwartete jeden Tag meine Aussiedlung; da erreichte mich ein Telegramm, dass mein Vater sterbenskrank liegt. Nach vielen Mühen gelang es meiner Cousine Käthe, all die notwendigen Papiere und das amtsärztliche Attest zu besorgen und mir gelang es, wie ein Wunder, eine kurze Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich fuhr mit dem gelben Stern nach dem Osten. Wie viele schwere Aufgaben erwarteten mich da. Mein Vater lag abgezehrt und elend danieder. Glücklich waren meine lieben Eltern, mich wiederzusehen! Alle Juden mussten ins Gemeindehaus ziehen; es gelang mir, ein Zimmer für die Eltern allein zu bekommen. Endlich war alles vorüber und ich sass mit schwerem Herzen an Vaters Bett. Mein Gesuch, hier zu bleiben, wurde abgelehnt, dazu kam noch die Nachricht, dass ich mit dem nächsten Transport mit musste. Ich bat meine Freundin Grete um Verlängerung meines Aufenthaltes. Nur nicht denken! Vater schlummert etwas ein. Mutter sitzt neben ihm, hält seine Hand. Wie friedlich fällt draussen der Schnee, wie friedlich brennt der Ofen ein starkes Feuer. Leise öffnet sich die Tür, der Vater) von Ruth (der Schwiegertochter) kommt, um nach Vater zu sehen. Er bläst sich in die Hände. Ein kalter Tag ist heute. Wie fühltst Du Dich, Nathan? “Besser”, flüstert Vater. “Hast Du keine Handschuhe?’ "Nein,” antwortet er. Ich muss mich zu ihm runterbeugen, um zu verstehen, was er sagt. “Friedei, gib ihm die Handschuhe, nimm sie aus meiner Manteltasche, ich brauch jetzt keine”. Seine grenzenlose Güte strahlt noch in seiner schweren Krankheit aus. Um ihn aufzuheitern, sprechen wir von den guten, alten Zeiten, von seiner Energie, dem Aufbau seines Geschäftes. “Und was ist mir geblieben?” sagt Vater. Dann zeigt er auf die Bilder von uns 3 Kindern. Ich werde in die Gemeinde ans Telefon gerufen. Grete ruft an. Mein Herz klopft so stark. “Friedei, ich habe für Dich die Verlängerung von 3 Tagen bekommen, aber Du musst dann bestimmt da sein.” “War es schwer?” frage ich. “Nein”, sagt sie, “ganz einfach.” Wie einfach, weiss ich selbst. Besorgt fragt sie; “Hast Du schon etwas gegessen? Du musst Dich trotz allem stark halten. Wie geht es dem lieben Vater? Bleib gesund. In 3 Tagen!” In 3 Tagen, in drei Tagen ... Vater’s Zustand hat sich am nächsten Tag sehr verschlechtert, wir haben eine Nachtschwester bestellt. Es ist eine gute Bekannte von uns. Sie sitzt mit mir am Bett, hält Vaters Puls und fragt: "Wann musst Du fort, Friedei?” Ich lege den Finger auf den Mund, zu spät. “Du willst mich verlassen, mein Kind?” “Nein”, sage ich, “Vater, ich bleibe immer bei Dir, immer! und in mir — 3 Tage!, wie werde ich das aushalten? Ich möchte doch noch so gern Mutter zur Seite stehen in den schweren Tagen. Wieder sitze ich am Bett. Ich denke an die grosse Liebe Vaters zu mir. Mutter sagte immer, er würde mir auch die Sterne herunterholen wollen. Mein guter Vater erfüllte mir all meine Wünche, auch den letztes. Er stirbt in derselben Nacht. Am nächsten Tag gibt es viel zu erledigen. Ich gehe zun Post, um meine Geschwister zu benachrichtigen. Der Beamte fragt mich : “Ist das der Tau von der Krakauerstrasse?” “Ja, es ist mein Vater”. — “Das war ein guter Mensch. Was ist das für eine verrückte Welt, in der wir leben!” Dieselben Worte hörte ich später nochmal. Am nächsten Tag ist die Beerdigung. Viele Menschen sind in der Halle versammelt! Ich sitze neben unserer guten Mutter, wie zur Salzsäule erstarrt. Keine Träne rinnt. Plötzlich geht ein Schauer durch meinen Körper, ich fange an zu zittern. “Was hast Du, mein Kind?” fragt Mutter. Die menschliche St i m me Was soll ich sagen? Ein Windstoss kommt mir zur Hilfe : “Es zieht.” Meine gute Mutter, die nie jemanden belästigen wollte, reagiert spontan, sie winkt dem Leichendiener und bittet, die Tür zu schliessen, dann legt sie ihren Arm um mich. Diese letzte Zärtlichkeit begleitete mich als Trost wie ein sanftes Streicheln in meiner schwersten Zeit der Gefangenschaft. Am Abend geht mein Zug. Was für ein Abschied! “Behüt’ Dich Gott”, sagte Mutter. “Behüt’ Dich Gott, Mutter!‘” Er hat es getan. Ich sah niemanden von all den Lieben, die ich verliess, wieder. Trotz des Ausgehverbotes begleitete ich mein Vetter Sally ein Stück des Weges. Stumm reichten wir uns die Hände. Ich nehme meinen Koffer. Schwerer als das Gewicht des Koffers drückt mich seelische Last auf meinem Herzen, meine gute Mutter, alle Lieben zurückzulassen. Endlich erreiche ich den Bahnhof, es ist noch viel Zeit bis zum Abgang des Zuges. Ich setze mich in den äussersten Winkel des Wartesaales an einen Tisch. Endlich löst sich die Starre in mir, die Tränen fliessen. Mir gegenüber sitzt ein Soldat, er hat so gütige Augen. “Wohin fährst Du?” fragt er im oberschlesischen Dialekt. “Erst bis Berlin, dann weiter bis Köln”. “Ich Dir Deinen Koffer in Coupe bringen, Platz belegen, ich fahre nach Berlin. Aber, wein nicht..., eine verrückte Welt ist das.” Der Tisch wird besetzt, wir schwelgen. Endlich wird der Zug ausgerufen. Der Soldat nimmt meinen Koffer, der so schwer ist, was hat man mir nicht noch alles mitgegeben, läuft zum Bahnsteig, winkt vom Coupefenster, ein Eckplatz ist belegt. Ausgehöhlt von Schmerz und Kummer, will ich nichts mehr hören, sehen, nur schlafen, schlafen! Der Soldat sitzt mir gegenüber und schaut mich traurig an. Ich verstecke mich hinter meinem Mantel. Endlich kommt der langersehnte Schlaf. Plötzlich, spüre ich, die Luft ist anders, es riecht nach Desinfektion. Bin ich schon gefangen? Ich stöhne, sehe Licht und über mir den Militärmantel. Der brave Soldat sagte, im schönsten oberschlesischen “Dialekt” : “Dir war kalt gewesen, da habe ich Dich zugedeckt.” Es wird noch alles gut werden! Eine symbolische, menschliche Tat, der Soldatenrock, deckte den gelben Judenstern zu. Früh morgens hielt der Zug in Berlin, der Soldat holte meinen Koffer heraus und setzte mich in den Zug nach Köln. Im Abteil sind viele Menschen, ich geht auf den Gang, drücke seine Hände und sage: “Von Herzen Dank, Dank!” Er steigt aus, geht den Bahnsteig entlang. Ich schaue ihm nach, dort geht ein Mensch! Zurück ins Abteil. Mein Kopf ist schwer, was steht mir bevor? Endlos ist die Fahrt, bis der Zug in Köln spät abends hält. Grete kommt aud einer Ecke heraus,, wir liegen uns weinend in den Armen. “Gott sei Dank, dass Du da bist, die Gestapo hat gefragt, morgen geht unser Transport.” Ich habe Angst, dass man Grete erwischt, da Ausgehverbot ist, sie begleitet mich vors Haus. “Sei nicht traurig, alle sind schon fort.” Leere Räume haben immer etwas Seelenloses in sich, diese strömten einen so grausigen Anblick aus, dass ich nicht imstande war, etwas zu tun, ich fiel mit meinen Sachen ins Bett. Mitten in der Nacht wachte ich durch Fliegeralarm auf, ein furchtbares Bombardement setzte ein. Wie gut wäre es, von einer Bombe erlöst zu werden. Mein Wunsch erfüllt sich nicht. Am nächsten Tag müssen wir in die Messhalle, wir fahren mit Gretes Eltern, Schwester, Max und Alex, mit der Strassenbahn hin. Wir nehmen Abschied von unserem persönlichen Leben und Eigentum. Nun schweigt die menschliche Stimme lange, lange Zeit bei der Fahrt nach Riga, beim Hinzug ins Ghetto, bei der Einordnung zur Arbeit. Ein Leben ohne Freiheit beginnt. Ein langer, mühseliger Weg, vom Güterbahnhof ins Ghetto, das Bild der vielen Flüchtlinge erinnerte mich an ein Bild von Chagall. Im Ghetto mussten wir uns in die Häuser verteilen, wir fanden eine kleine Wohnung, gedeckte Tische, Brotreste, viele Sachen liegen herum, es sieht nach Flucht aus, noch wussten wir nichts, von der Tragik, die vorangegangen war. Wir fanden die schönste Literatur vor, Noten, herrliche Wäsche und Kleidung, alles deutete auf eine hohe Kulturstufe der lettischen Juden hin. Nachts lasen wir in den Büchern, so wurden unsere Gedanken etwas abgelenkt. Nicht lange dauerte es, alle Sachen wurden beschlagnahmt, um zur Winterhilfe nach Deutschland geschickt zu werden. Später erfuhren wir von den lettischen Juden, die in einem besonderen Teil wohnten, dass man ihre Frauen und Kinder getötet hatte, um für uns Platz zu schaffen. Wir arbeiteten in einem Schuppen, sortierten die Wäsche. In wehmütiger Stimmung lege ich all die schönen Decken, Kissen zusammen. Ich sehe einen Offizier mit seiner Frau an unserem Tisch vorbei gehen. “Liebling, willst Du Dir nicht etwas Schönes von den Sachen aussuchen?’” fragt er sein Frau. Ein energisches “Nein” ertönt, “ich will mit diesen blutbefleckten Dingen nichts zu tun haben.” Ein dankbarer Blick von mir trifft sie, sie lächelt mich an. Ein Geschenk, in unserer Situation, die menschliche Stimme zu hören. Allmählich ordnete sich alles ein. Wir mussten jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, die Wohnung aufräumen und zum Arbeitsplatz gehen, wo wir zur Arbeit eingeteilt wurden. Grete arbeitete in der lettischen Eisenbahn und ich bei der deutschen Reichsbahn. Weihnachten 1941. Grete kommt heute früher an. Sie erzählte uns freudestrahlend, auf dem 4