Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1976
- Issue
- No. 39 (April 1976)
- Date
- 1976-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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UND ERZÄHLE ES DEINEM KINDE (Fortsetzung von Seite 1) unsere Altvorderen gedacht, wenn sie das Schicksal packte, weiter wandern zu müssen. Leider wissen die meisten Juden von uns wenig von der Geschichte des jüdischen Volkes, aus der Immer wieder über alle Zeitalter hinweg die beglückende Tatsache auftaucht, dass in den schwersten Perioden die Sorge um die Erhaltung der Lehre und um die Erhaltung der jüdischen Art die vordringlichste war. Noch aber sitzen wir an dem Sedertisch, und da an diesen Abenden jedes Kind ein unbedingtes Recht zum Fragen hat; vielleicht wird das eine oder andere die Frage nach dem Warum auch im andern Sinne anstellen. Wir Juden haben nach der Auffassung unseres Glaubens die Verpflichtung auf uns genommen, Gottesvolk zu sein. Immer wieder hat uns der Ewige durch den Mund unserer Lehrer und Propheten auf diese Verpflichtung hingewiesen. Immer wieder aber sind wir den Weg des Abfalls gegangen, und immer wieder ist deswegen eine harte Schickung über uns gekommen. Aber auch diese Verheissung haben wir auf unseren schweren und doch so schönen Weg mitbekommen, dass Gott uns nie gänzlich verlassen wird. Sagen wir das unseren Kindern und den Menschen, die wir im Familienkreise an diesem Abend um uns versammeln, sagen wir, dass letzten Endes das jüdische Schicksal in der Hand jedes einzelnen von uns liegt, dass jeder einzelne sich der Verpflichtung gegen die Gemeinschaft bewusst bleiben muss. Möchten wir nicht alle, dass aus der Schwere der Gegenwart nun endlich einmal eine völlige Lösung der Judenfrage kommt? Kann diese Lösung aber kommen, wenn viele von uns zwar wandern, aber diese Wanderung keine innere Umkehr bedeutet, sondern nur eine Verlagerung ihres bisherigen Daseins an eine andere Stelle? Wenn der Ewige durch die Hand Mosches damals das jüdische Volk in seine Heimat führte, so war es vor allem der Gedanke, dass aus der Verweichlichung ihres damaligen Seins heraus in Härte und Not sich ein neues Volk bilden musste. Und wenn wir auch wissen, dass in diesem Augenblick Erez Jisrael gewiss nicht in der Lage ist, alle auf der Wanderung begriffenen Juden aufzunehmen, eine Gewissheit gibt uns das Pessachfest: hier wird ein jüdisches Volk neu gebildet, das bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen. Hier im Lande Israel lernt jedes jüdische Kind, dass zuerst das Volk kommt und der Kampf um den Boden, dass es sich einzuordnen und unterzuordnen hat. Nur in einem soll es die Verbindung mit der Vergangenheit bewusst suchen und pflegen. Es soll anknüpfen an die unvergänglichen und hohen Güter des Glaubens. Es soll versuchen, in Gemeinschaft und Glauben diese unlösbare Verbindung herzustellen, die das Glück unserer Gemeinschaft ausmachte, als sie ihre glanzvollsten Zeiten vor Jahrtausenden erlebte. Wir sitzen am Sedertisch eingehüllt in die Kleider, die wir einst tragen sollen, wenn wir uns zur letzten Ruhe begeben. Wir essen das Bitterkraut und das ungesäuerte Brot. Aber trotz aller dieser Symbole aus der Vergangenheit sind wir hoffnungsfreudig für unsere Gemeinschaft, die wir sicher verankert sehen in der Hand Gottes, den sein Volk auf wunderbare Weise geführt hat. Für die meisten von uns wird dieser Pessach der lezte sein in dieser Umgebung, aber er wird nicht der letzte sein für, unser jüdisches Volk, das sich eine neue Zukunft und ein neues Schicksal zu formen sucht. Jüdisches Nachrichtenblatt Pessach 1939 Jeder kann jedem (PESSACH-GEDANKEN IM Es war Richard Beer-Hofmann, der unvergessliche jüdisch-österreichische Dichter, der an einer Stelle seines Werkes (im ‘‘Schlaflied für Mirjam’’) das bittere Wort prägte, “Keiner kann keinem Gefährte hier sein”. Dieses Zitat wurde oft und gerne von Autoren und Rezensenten angeführt und ist heute so zeitnahe wie bei seinem Entstehen. — Aber dennoch, wir Israelis sind heute oft versucht, zu glauben, dass, hätte unser Glaubensgenosse Beer-Hofmann jetzt gelebt und wäre Zeuge der Wiedererstehung des altneuen Israel geworden, so hätte er vielleicht aus innerster, durch das Geschehen optimistischer gewordenen Überzeugung gedichtet : "JEDER KANN JEDEM GEFÄHRTE HIER SEIN!” Hier — das bedeutet für uns zunächst Israel, bedeutet aber darüber hinaus in unserer Generation jetzt in vielen Fällen entweder ein regelmässiges Treffen mit den Altersgenossen-(innen) oder jedoch ein geruhsames, gemütliches Leben in einem der vielen Altersheime, Pensionärs-Clubs, Wohnheim für Ältere oder wie immer die einzelnen Betitelungen heissen mögen. Ausser diesen grösseren, in sich geschlossenen Wohnbezirken gibt es ja bekanntlich auch viele private Heime dieser Art. — Das Positive der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, das eben Nicht-einsam-sein, das kein Gefühl der Verlassenheit in einem älteren Menschen aufkommen lässt — dies im Verein mit dem Bewusstsein des gerade in unserem Volk so stark ausgeprägten Gesellschaftsgeistes macht grösstenteils den berühmten “Goldglanz” des Alters, des Älterwerdens oder Alterns aus! Nicht minder berühmt sind der Wille und die Anlage fast jeden jüdischen Menschens beiderlei Geschlechts, auch in diesen Jahren noch viel beizutragen zum allgemeinen Gelingen, mitzuorganisieren, wenn es etwa um wohltätige Zwecke, Basare etc. oder auch um gemeinsam zu verbringende Festtage geht, kurz, einen nützlichen Beitrag im neuen Kreis und auf dessen verschiedenen Gebieten zu leisten. In der Praxis sieht das meist so aus, dass eben jemand beispielsweise einer heute in schon fast jedem Heim vorhandenen Leihbibliothek vorsteht, dass ein anderer gelegentliche Vorträge oder auch mal eine musikalische Darbietung organisiert. Dass daneben auch Amateur-Maler ihre Bilder oder Hobbisten ihre kunstgewerblichen Erzeugnisse ausstellen können, versteht sich von selbst. Natürlich kann man aber auch Bridge spielen, an Sprachzirkeln teilnehmen, Gruppen-Gymnastik betreiben oder je nach Lust und Laune einmal ganz still und für sich allein einen “Beobachterposten” beziehen, um von dort aus etwaige Studien zu machen. Indessen, — last, but not least sei hier die eminente Bedeutung jeder Heimsynagoge, des regelmässigen Gottesdienstes und der dazu prädestinierten “Diener am Wort” erwähnt. All dies Vorstehende zusammen, ergibt einen mehr als ausfüllenden Tages- und Zeitplan, und man fragt sich unwillkürlich selbst, wo es solches überhaupt in früheren Zeitläuften gab: Der älter werdende Mensch noch immer Teil eines betriebsamen, bunten Gemeinschaftslebens! Ist es nicht selbstverständlich, dass er immer wieder Freunde unter seinesgleichen findet, denen er von seinen Erfahrungen berichten kann, mit denen er Gedanken austauscht und gelegentlich auch etwas von dem ablädt, was man als das berühmt-berüchtigte “Päckchen” eines jeden bezeichnet? — Wohl uns, aber auch wohl den Kindern, die bei ihren Besuchen ihre Eltern vergnügt antreffen, sich mit ihnen daran freuen, dass sich das Leben Gefährte hier sein" KREISE DER ÄLTEREN) auch in diesen Jahren angenehm gestalten lässst... Letzteres gilt aber auch für die zahllosen Veranstaltungen, die regelmässig in den “Klubs des Goldenen Alters” stattfinden und deren Mitglieder stets wieder jeweils zusammenführen. Persönliches Aussprechen mit Freunden, Anregung und Abwechslung sind in allen Fällen die Kriterien dieser Treffen, deren psychologicher Wert gar nicht hoch genug einzuschätzen ist und ganz besonders von den Aerzten als positive, erfreuliche “Seelen-Theraphie” bewertet wird. Während der letzten Wochen wurde natürlich in allen Wohnheimen je ein grosser Gemeinschaftsseder arrangiert, womit ja gerade der Kernpunkt jeder Sederfeier berühmt wird: Ein Seder ohne Gädte ist keiner — wie viel mehr also bedeutet ein solcher im zahlenmässig grossen Rahmen. Welche Freude und Begeisterung herrschen an diesem Abend m jeder Gemeinschaft, strahlen aus auf jeden Einzelnen, der froh und dankbar die für jeden von früher her erinnerungsreichen Stunden nun hier miterlebt. Die leuchtenden Blicke untereinander verraten da mehr als jedes gesprochene Wort! Und die nachfolgenden Festtage bewahren und reflektieren das soeben Erlebte, verschönen das Fest, das wohl für Alle einen Hauch von unvergessener Kinderzeit und Elternhaus alljährlich mit sich bringt. Jetzt erfahren wir es beglückend von neuem, sind uns dessen bewusst, dass wiederum “jeder jedem Gefährte sein kann”.- Bei alledem aber will noch eines bedacht sein: Gar viele dieser Heimbewohner sind entweder erst kürzlich oder vielleicht bald nach dem vorjährigen Pessachfest in die für sie “neue Welt” übersiedelt”, nicht ohne Bangen, wie sich nun diese neue Epoche für sie gestalten werde. Jetzt verleben sie ihren ersten Sederabend in diesem Kreis, in der ihnen bis dahin unbekannt gewesen Atmosphäre; nur zu gerne lassen sie sich anstecken vom allgemeinen Frohsinn, finden sich beglückt davon, dass sie in diesen Jahren nochmals für sich eine Entscheidung getroffen haben, wohl wissend, dass die Kraft zu diesem grossen Entschluss nicht alleine von ihnen ausging... Sie wissen es alle und wir mit ihnen, dass es unendlich viele Dinge gibt “zwischen Himmel und Erde” — (werden deren eigentlich nicht immer mehr?! —), die keiner von uns allein bewältigen könnte, wäre ihm diese grosse, nie versiegende Hilfe nicht gewiss. Da dürfte bezüglich des Vorstehenden kaum etwas ergreifender sein, als der Augenblick, in dem mit allen gemeinsam auch diese in den Heimen neuen Menschen die altvertraute Frage stellen nach dem “Ms nischtanah ha-leila hase ml kol ha-leilot?” — Ja, für sie ist es eine neue Frage, die einen neuen Abschnitt einleitet, beginnend eben mit dem ersten Seder im neuen Zuhause. Da aber schliesst sich der Kreis der neugewonnenen Freunde eng um sie als wolle er die Antwort auf die nun so anders klingende, so neu postulierte Frage geben: Ja, es ist ein Unterschied, ein grosser dazu, aber auch ein beglückender und befreiender, weil viele Bedenken hinsichtlich der kommenden Jahre doch damit so gut wie aufgehoben scheinen. Man hat sich frei gemacht, u.a. auch von der schon mehr oder weniger schwer gewordenen eigenen Haushaltsführung, ist also quasi “ausgezogen” in die neue Freiheit, fast eben so, wie es eigentlich — parallel und im Grossen gesehen — uns und unseren Volke nur einmal geschah, nämlich damals zum Pessach- oder Passah-Fest, zum Feste der Überschreitung! Mögen wir es doch alle ausnahmslos auch in diesem, für Israel wiederum nicht leichten Jahr, (Fortsetzung Seite 3) 2