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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-09-01 · No. 38 (September 1975) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 38 (September 1975)
Date
1975-09-01
Page
Seite 15 (sequence 2195)
Language
German
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Die Geschichte einer Krankenstation Es Ist mir ein Bedürfnis diese Erinnerungen aufzuschreiben im Angedenken derer, mit denen ich diese letzten, dunklen Tage zusammen gewirkt und gearbeitet habe, und denen es nicht vergönnt war in der Freiheit ein neues Leben zu beginnen. Es war in den letzten Junitagen im Jahre 1943, als die letzten Transporte volljüdischer Familien von Breslau in den Osten geschickt wurden und die Altersheime von Frau Anni Cohn und Frau Weissberg nach Theresienstadt transportiert wurden. Das war die endgültige Liquidierung der Jüdischen Gemeinde in Breslau. Zurück blieben ungefähr 200 Familien mit einem arischen Ehepartner - Mischehen. Die Frankel Stiftung Wallstr. 14—18 wurde uns weggenommen — zuletzt war dort das Altersheim von Frau Anni Cohn untergebracht — und der grosse Gemeindeblock Wallstr. 13 mit der alten Storch Synagoge im Hof wurde “Haus der deutschen Schwester”. Das jüdische Krankenhaus Hohenzollenstr. war schon lange beschlagnahmt, danach konnten jüdische Patienten in einer ehemaligen Privatklinik auf der Viktoriastr. liegen und die letzten Jahre war das Krankenhaus auch in dem Gemeindekomplex Wallstr. 13 untergebracht, zusammen mit all den anderen jüdischen Institutionen, sowie Schule, Kindergarten und Waisenhaus. Die jüdischen Partner der Mischehen brauchten aber ein Krankenhaus, sie konnten ja nicht von deutschen Aerzten behandelt werden. Man wies uns die Verwaltungsgebäude des Jüd. Friedhofs Cosel zu, um dort eine Krankenstation einzurichten. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem wir mit sehr ärmlicher Ausstattung — einiges Mobilar, ein Operationstisch, das minimalste an Instrumenten und Arzneien u. einigen Apparaten ziemlich sprach und hilflos vor dem Gebäude standen, Es war vernachlässigt und verkommen, es Wohnte dort wohl lange schon kein Verwalter mehr. Aber in kürzester Zeit entstand dort ein Krankenhaus, ein Zufluchtsort für Viele, in jede Beziehung. Die Atmosphäre u. das Verhältnis zwischen Kranken, Aerzten und Personal war ein so harmonisches und starkes wie es wohl nur in schwersten Zeiten zu finden ist. Jeder machte eigentlich alles. Die Aerzte halfen, wo sie konnten, die Schwestern wuschen Ge- Von links nach rechts: Dr. Hayn (Leiter d. Krankenhauses), Dr. Hirsch-Kauffman, Pfleger Kurt Loewy, Dr. Garnmann, Herr Vulkan, Herr Schäfer, Herr James Elsner, Dr. Schüller. schirr und die Küchenchefin machte Verbände. Ich war dort Mädchen für alles, räumte auf, machte Einkäufe, half in der Küche, bei Operationen und auf Station. Wir hatten 5 Krankenzimmer, 2 Ordinationszimmer für die Aerzte, Büro, Küche und im I. Stock 2 Isolationszimmer für eventuelle anstekkende Krankheiten. Die sonnige Blumenhalle, wo früher Pflanzen für den Friedhof verkauft wurden, verwandelten wir in einen beinahe perfekten Operationssaal, und Dr. Schüller, der Chirurg, führte so manche schwierige Operation in verhältnissmässig primitiven Verhältnissen aus. Es war schon ein kleines Wunder diese Krankenstation. Im Sommer war es eine Erholung für Kranke und Personal auf dem schönen Friedhof mit den alten Bäumen spazieren zu gehen, aber sie Hessen uns die Ruhe nicht geniessen. Täglich kam die Gestapo, meistens Herr Hampel persönlich, sie bestimmten, wer von den Kranken entlassen wurde, wer arbeitsfähig war und sie hatten auch ihre Beobachter bei den Operationen. Es war jüdischen Frauen verboten Kinder zu bekommen, sie wurden sofort mit Einzeltransport nach Auschwitz geschickt, so war es natürlich auch verboten, Schwangerschaftseingriffe zu unternehmen, die aber trotz aller wachen Gestapoaugen unter grösster Gefahr manchmal durchgeführt werden konnten. Wir alle hatten Spezialausweise für die Strassenbahn, denn der Friedhof lag weit ausserhalb der Stadt. Bei Nacht durfte nur eine Schwester Wache haben, war aber manchmal ein Arzt dringend nötig nachts, musste er zu Fuss gehen. Ich hatte eine besondere Erlaubnis ein Fahrrad zu. benützen, da ich der Einkäufer des Krankenhauses war und so traf ich auf einer meiner Fahrten ein grosses Lastauto mit jungen Menschen, die auf Rücken und Brust einen Magen David trugen. Der freudige Schock war auf beiden Seiten gleich gross. Sie hatten keine Ahnung, dass Juden noch frei herumliefen — ich trug einen Judenstern wie alle jüdischen Mischlinge — und wir hatten keine Ahnung, dass so nahe bei uns, nur einige km. von Breslau entfernt, sich einige der unmenschlichen Arbeitslager befinden. Ich fuhr dem Auto nach u. die Militärposten wandten sich ab und Hessen uns ein paar Worte wechseln. So 2. Reihe von links nach rechts: Suse Gattei, Ilse Peiser, Schwester Nora, Ruth Roth, Karla (Wolff) Grabowski, Klaus. erfuhr ich, dass in Hundsfeld, Neukirch und Klettendorf sich jüdische Arbeitsläger befinden mit jungen Menschen aus allen möglichen Ländern. Sie erzählten mir, dass sie jeden Morgen diesen weg zur Arbeit fuhren und so wartete ich oft am Morgen auf das Auto und manchmal gelang es mir, Päckchen mit Brot oder Arzeneien heraufzuwerfen. Bald gab es noch einen anderen, viel traurigeren Kontakt mit den Lägern. Bis heute ist mir die Gründlichkeit und Bürokratie der Nazis unverständlich. Statt ihre Verbrechen zu verheimlichen, offizialiesierten sie sie ganz unverschämt. Wir bekamen die Toten dieser Läger zur Bestattung. Sie waren natürlich alle an “Herzschlag” gestorben. Es kam ein Anruf von einem der Läger, wir kommen in 2 Stunden mit 5 oder 6 Leichen. Sie wurden alle in einem Holztrog gebracht meistens auf einem Pferdekarren. Die Schwestern nahmen die Tahara vor, Jeder einzelne wurde gewaschen und gekleidet solange Hemden und Talitoth reichten. Eine Gruppe Männer, die “Chewra Badische”, mit meinem Vater als Kantor, beerdigten jeden Einzelnen in seinem Grab. Feld 24 war das Feld dieser Opfer. Wir legten Listen mit Namen und Sterbedaten an, die leider dann verloren gingen. Es gab auch eine Lichtseite dieser Geschehnisse. Wenn die begleitenden Posten menschlich waren, konnten wir mit den Jungen, die ihre toten Kameraden brachten, sprechen, sie in die Küche setzen und ihnen zu essen und zu trinken geben und sie mit Medikamenten und Verbandstoff versorgen. Wir erfuhren ihre Arbeitsplätze, die Wege die sie zur Arbeit gingen und konnten ihnen dann unter Steinen oder in verstekten Plätzen Lebensmittel und Medikamente hinterlassen. Ab und zu — sehr selten — brachten sie auch Verwundete zu einer Amputation oder mit gebrochenen Gliedern. Sie kamen auf einem Pferdekarren mit Stroh und mussten gleich nach der Operation zurück. Unverständliche Menschlichkeit der Nazis, warum nicht gleich erschiessen? Es war eine dunkle Zeit für uns aber wenn es nicht so absurd wäre, möchte ich sagen, es war die schönste Zeit der Verfolgungsjahre, Im Herbst 1944, kurz vor der Liquidierung der Krankenstation, wurde eine junge Frau aus einem der Frauenläger zu uns gebracht, die in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft war. Sie wurde in einem der Isolationszimmer im I. Stock untergebracht, die nie von der Gestapo kontrolliert wurden, denn sie hatten vor Ansteckung Angst. Wir hatten dort einen Tuberkolosen Kranken. Das Geheimnlss um diese junge Frau habe ich nie erfahren. Man munkelte, dass der Vater des Kindes ein deutscher Offizier war und sie so gerettet wurde. Sie gebar bei uns ein Mädchen, ich habe sie aber dann im letzten Inferno der Belagerung Breslaus aus den Augen verloren. Dann kam der schwarze Tag, an dem alles aufgelöst wurde und sich alle jüdischen Teile der Mischehen In wenigen Stunden in der Willmann Str. zum Abtransport einzufinden hatten. Wir gingen in den Untergrund und so wie wir viele Andere. Aber Viele, — ich weiss die genaue Zahl nicht — fanden sich zu diesem letzten Leidensweg zusammen, der über Gross-Rosen nach Bergen Belsen ging. Nur ganz wenige sind zurück gekommen. Auf diesem Transport ging der Leiter der Krankenstation, unser sehr verehrter Dr. Hayn von uns und kam nicht wieder. Mit ihm ging meine gute Freundin Suse Gattel-Suschko, die so vortrefflich die Küche geleitet hatte und aus nichts etwas kochen konnte, deren Vater in einer Einzelaktion nach Auschwitz kam und wir nur seine Urne zurückbekamen. Mit diesem Transport ging auch der Pfleger Löwy, von dem man später hörte, dass die Russen ihn nach Sibirien verschleppt hätten. Man weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Mein Gedenken gilt auch Heinz (Fortsetzung Seite 16) KRANKENSTATION FLUGHAFENSTR. 1943 IN BRESLAU .*• v 15

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