Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1975
- Issue
- No. 38 (September 1975)
- Date
- 1975-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2190)
- Language
- German
- Belongs to
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Es Ist gegen mein Breslau-Buch der Einwand erhoben worden, dass das jüdische Breslau darin sehr knapp davon komme. Der Einwand kann sich wohl nur auf das jüdische Breslau der Assimilationszeit beziehen; denn vorher haben die Juden in Breslau gar keine oder nur eine geringe Bolle gespielt. Überhaupt habe ich die Erfahung gemacht, dass die früheren Breslauer automatisch nur an das Breslau ihrer Zeit denken. Ich aber hatte es. mit sieben Jahrhunderten zu tun, von denen der Anfang des 20ten oder selbst das 19. Jahrhundert nicht das wichtigste war. Richtig ist jedoch das Folgende: wenn ich das Martyrium der Breslauer Juden im 15. Jahrhundert während des Capistrano-Pogroms ausführlich dargestellt habe, so hätte ich auch genauer das “Paradies” der Assimilationszeit behandeln sollen oder v. dem, was sie dafür hielten. Das wäre nur gerecht, aber nicht ganz imbedenklich gewesen. Denn für sehr viele Breslauer war es Ja doch eine Art Paradies. Immer habe ich die vielen Toten auf dem Lohestrassenfrledhof und draussen in Kosel beneidet, die in der grossen Illusion gelebt haben und gestorben sind. Sie waren ln der Tat beneidenswert: sie sahen die Schlange nicht, die in ihrem Paradiese lauerte. Sie wollten sie nicht sehen. Dabei lagen die Dinge gerade in Breslau klarer zutage als anderswo. Es wird kaum eine zweite deutsche Stadt gegeben haben, in der auf einem riesigen, steinernen Schilde die Inschrift prangte: "Verein christlicher Kaufleute”. Kann man ehrlicher und unverblümter antisemitisch sein, als durch das Schild an der Zwinger-Ressource am Zwinger - platz? Es gibt darüber hinaus ein Dokument von den Anfängen der Asslmilatlonszeit in Breslau, das die Dinge klipp und klar ausspricht. Ich meine die kleine Festschrift, die mein Grossvater, der Stadtverordnete und Kommissionsrat Julius Hainauer 1871 anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der “Gesellschaft der Freunde” verfasst hat. Dort wird geschildert, wie es zur Gründung der Gesellschaft im Jahre 1821 gekommen ist. Damals waren nur fünfzehn Jahre seit der Zwangs-Assimilation durch Napoleon vergangen. Zwei Junge Breslauer Juden, Henry Melford und Joel Bernard, waren Mitglieder einer sogenannten Tabagie im Hause “Zur Krone” am Ringe in Breslau. Solange man nicht wusste, dass sie Juden seien, ging alles gut; von dem Augenblicke, an, da ihre Religion bekannt wurde, Hess man sie an keinem Tische mehr sitzen. So kam es zur Gründung der “Gesellschaft der Freunde”, die später das schöne Gesellschaftshaus auf der Graupenstrasse errichtete. Die Lage war glänzend; denn damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war die Freiburgerstrasse die beliebteste Wohngegend der Breslauer Juden. Sie hatten ursprünglich in der Nähe der Burg, in der Gegend der späteren Ursuliner- Strasse gewohnt. Dort haüe sie auch das Capistrano-Pogrom getroffen. Dann waren sie unter Umgehung des den Patriziern vorbehaltenen Ringes in die Gegend der westlichen Ohle gewandert. Lassalle ist am Karlsplatz geboren worden. Nach Niederlegung des zweiten, grossen Befestigungsringes auf Befehl von Napoleon zogen sie in die Gegend des Berliner Platzes und in die Freiburgerstrasse. Von da aus begann dann am Ende des 19. Jahrhunderts ihr Zug in den Süden der Stadt. Auf dem Berlinerplatz sind sie dann wieder zum Abtransport nach Auschwitz versammelt worden, nachdem sie ihre letzte Lebensnacht im — Saal der “Gesellschaft der Freunde” zugebracht hatten. Aus Breslau stammt ja auch der antisemitische Hetzroman “Soll und Haben” von Gustav Freytag. Seine Szenen an der damals noch nicht zugeschütteten Ohle sind weltbekannt geworden, und die Figur des Veitei Itzig spricht wörtlich. Eine Mördergrube haben die Breslauer aus ihrem Jedenhass wahrlich nicht gemacht. Niemals. Aber die Breslauer Juden wollten die Wirklichkeit nicht sehen; sie sahen darüber hinweg und glaubten, dann wäre sie nicht vorhanden. Aber die Schlange war vorhanden und zischte unverdrossen weiter. 2. Wer wollte bezweifeln, dass die Juden ln Breslau, wie in anderen Städten Deutschlands, während der Assimilationszeit unendlich viel Gutes und Nützliches für die Entwicklung der Stadt getan haben. Das Wirtschaftswunder der Deutschen Bundesrepublik geschah nach dem zweiten Weltkriege auf der Basis dessen, was Deutschland im 19. Jahrhundert von den Juden gelernt hatte; denn es ist schwerer, grosse Gesellschaften und Konzerne auf die Füsse zu stellen, als die laufenden Betriebe eines Tages zu übernehmen und nach bewährtem Muster weiter zu führen. DAS JÜDISCHE BRESLAU ZUR ASSIMILATIONSZEIT (1806—1933) Für das Wirken der Breslauer Juden im Geschäftsieben sei nur ein kleines Beispiel gegeben. Von den vier Seiten des Breslauer Ringes war eine Seite, die westliche, der alte Paradeplatz, wegen ihrer grösseren Entfernung von der Hauptverkehrsader geschäftlich nicht beliebt. Auf allen drei anderen Seiten aber dominierten jüdische Geschäfte. Auf der Südseite war zunächst ein christlicher Konzern: Grund im “Goldenen Becher”. Dann folgte das Leinenhaus von Stein und Koslowski, das Uniformgeschäft von Dr. Mayer und die Bank meines Verwandten Felix Lyon. — Auf der Westseite waren ursprünglich im ersten Viertel bis zum Hintermarkt nur Jüdische Geschäfte: das Spielwarengeschäft von Fränkel, das Kinderbekleidungsgeschäft von Kreutzberger und das Warenhaus Barasch. Später änderte sich hier das Bild: Barasch dehnte sich aus, und das Haus meiner Wankelschule wurde durch die Zentrale der Diskontogesellschaft ersetzt. Fränkel und Kreutzberger zogen auf die zweite Front der Westseite zwischen Hintermarkt und Albrechtstrasse. Ecke Albrechtstrasse und Schmiedebrücke war das grosse Pelzhaus von Breslauer. — Auf der Nordseite war das zweistöckige Posamentierwarenhaus meines Onkels Louis Cohn, des Vaters des Studienrates Willy Cohn, unter dem Namen Geschwister Trautner. Dahinter war die Buchhandlung von Priebatsch' unter dem Namen “Scola et scientia”, die dann später unter dem gleichen Namen hier in Jerusalem geführt wurde. Es wimmelte also am Ringe von jüdischen Geschäften. Auch auf der Schweidnitzerstrasse gab es viele jüdische Läden und ebenso auf den anderen grossen Geschäftsstrassen. Es sei nur an Petersdorf auf der Ohlauerstrasse und an den Riesenbau von Wertheim auf der Schweidnitzerstrasse erinnert. Der Anteil der Breslauer Juden am Geschäftsleben war ein unverhältnismässig grosser, denn es hat in der besten Zeit der Assimilation nicht mehr als etwa 20.000 Juden unter 600.000 Christen in Breslau gegeeben. Die zweite Gruppe der Breslauer Juden war weniger in die Augen fallend, dafür aber unendlich viel hilf reicher als die Kaufleute: es war der seit Urzeiten gesegnetste Teil unseres Volkes die Jüdischen Aerzte. Die jüdische Aerzteschaft in Breslau war gross. Sie bestand im 19. Jahrhundert zum guten Teil aus den sogenannten praktischen Aerzten, die mit unleugbaren Nachteilen grosse Vorteile verbanden; denn wenn sie auch nicht annähernd d. Spezialkenntnisse d. heutigen Fachärzte besassen, so kannten sie dafür die Mitglieder der von ihnen betreuten Familien zum Teil seit der Geburt was für beide Teile von grossem Nutzen war. Die heutigen Spezialärzte stehen Ja doch zum Patienten im Verhältnis von Schiffen, die nachts sich begegnen. Ja, in USA sitzt der leitende Arzt eines grossen Krankenhauses im obersten Stockwerk seines Wolkenkratzers, allein in seinem Zimmer, das er nicht verlässt. Er stellt die Diagnosen nach den Akten, die ihm zugehen und braucht die Kranken angeblich nicht vor sich zu sehen: ein lebender Komputer. — Aber es hat in Breslau auch schon im 19. Jahrhundert grosse Spezialärzte gegeben. Ein Beispiel, über das wir zufällig genau Bescheid wissen, war der sogenannte Augen-Cohn, Professor Hermann Ludwig Cohn, dem sein Sohn Emil Ludwig in seiner Autobiographie ein schönes Denkmal gesetzt hat. Professor Cohn war als Augenhygieniker ebenso berühmt wie als Operateur, wobei ihm sein wallender Vollbart offenbar kein Hindernis war. Es gab grosse Chirurgen grosse Hals- und Nasenspezialisten, auch Internisten unter den Breslauer Juden. Das jüdische Krankenhaus auf der Hohenzollernstrasse war ein vorr zügliches Institut, wenn es einem auch in der Rückerinnerung mit seinem niedrigen Pavülonsystem winzig erscheint, verglichen mit den riesigen Medical Centern der Gegenwart. Ein Denkmal hatte in Breslau allerdings kein Jüdischer Arzt, wohl aber ein Botaniker, der Professor Ferdinand Cohn. Es stand kurz hinter dem Eingang zum Südpark rechter Hand. Es zeigte nicht die Gestalt Professor Cohns, sondern eine allegorische Gärtnerfigur, die, wenn ich nicht irre, einen Baum okulierte. Der Gedanke an ein Cohn-Denkmal in Breslau kommt einem heute wie ein Märchen aus uralten Zeiten vor. Das Terrain des Südparks hatte der Stadt Breslau einer der reichsten Juden geschenkt: Julius Schottländer, Rittergutsbesitzer in Hartlieb bei Breslau. Er besass neben seinem Hartlieber Schloss auch ein kleines Palais am Tauentzienplatz; denn er war ein sehr frommer, wenn auch liberaler Jude und wollte an den Hohen Feiertagen in den Tempel gehen können und nicht fahren müssen. Zum Dank für seine Grosszügigkeit hat man ihm am Südparkteich die kleine Schottländerhalle errichtet. Sie stand auf einem kleinen Hügel, und im Winter spielte darin die Musik für die Eisläufer. Und schliesslich waren die Breslauer Juden in einer dritten Gruppe sehr rege: als Förderer der Kunst. In den vier Breslauer Theatern waren Juden in grosser Zahl Stammgäste, was für diese Kunstinstitute eine grosse Hüfe war. Das Symphonieorchester und die Singakdemie unter dem wenig höflichen Professor Dohrn (“Die Erbbegräbnisse weiter hinter...”) hatten unter ihren Hörem gleichfalls viele Juden. * Es gibt heut kein deutsches Breslau mehr, sondern auf seinen Ruinen ein polnisches Wrotzlaw. Es ist also auch nicht mehr von Bedeutung, dass ein bescheidener, kleiner Breslauer Medizinstudent vom Anfang des Jahrhunderts heute in England Sir Ludwig Guttmann heisst; er wäre selbst in der goldensten Zeit des deutschen Assimilations-Paradieses in Breslau niemals Ludwig von Guttmann geworden. Das “Ausgehen der Lichter über Europa” durch den ersten Weltkrieg hat dem Wesen des Breslauer Judentums nicht wesentlich genutzt. Die schauerliche Zerrüttung der Moral durch Nachkrieg und Inflation hat zwei Jüdschen Gruppen sehr geschadet. Vor allem den jüdischen jungen Frauen und zwar mehr als den jungen Männern, die den Krieg an der Front durchgestanden hatten. Es gingen viele Ehen in die Brüche, wenn die Mädchen im Grunde nicht den Ehemann, son- (Fotsetzung Seite 11) 10