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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-09-01 · No. 38 (September 1975) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 38 (September 1975)
Date
1975-09-01
Page
Seite 9 (sequence 2189)
Language
German
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HAMBURG, 7. SEPTEMBER 1922 Ein Thema, das vor Jahren und wieder Im letzten Jahre Staub aufgewirbelt hat. "Der Untergang der deutschen Juden”, so heisst das Buch von Felix Theilhaber, dessen 2. Auflage 1921 erschienen ist. Der Verfasser weisst darin an Hand der Statistik nach, dass in der deutschen Judenheit infolge der Abwanderung vom Lande in die Stadt, infolge Mischehen und Taufen und schliesslich infolge der immer geringer werdenden Achtung vor den sexualhygienischen Religionsgesetzen des Judentums der Geburtenrückgang immer erschreckendere Formen annehme. Die eingentliche boden ständige deutsche Judenheit sei in den letzten Jahrzehnten bereits beträchtlich zusammengeschrumpft, und nur der Zustrom von Juden aus dem Osten habe den Bevölkerungsrückgang noch nicht in Erscheinung treten lassen. Sobald dieser Zustrom aufhöre, müsse der Untergang unaufhaltsam kommen, zumal die deutsche Judenheit durch den Friedensvertrag ihres Hauptkräftereservoirs, der Provinz Posen mit ihren ehemals bedeutenden Kleinstadtgemeinden, beraubt worden sei. Wir haben nicht die Absicht, hier nochmals in eine Erörterung des Theilhaberschen Buches einzutreten oder zu der heftiigen Polemik gegen die Untergangstheorie Stellung zu nehmen. Nur eins mag nebenbei gesagt sein: Theilhaber prophezeit nicht den Untergang des Judentums oder der Judenheit — also kann auch Jesaias und Jeremias Heilsbotschaft für den Rest von Gesamtisrael nicht als Gegenbeweis angeführt werden — sondern den Untergang der leider vielfach dekadenten deutschen Juden. Und für ein solches Verschwinden der Juden einzelner Länder liefert die Geschichte genug Beispiele. Indes mögen Theilhabers Statistiken richtig oder falsch sein: Eine äusserst wichtige Seite des Untergangsproblems lässt er ganz ausser Acht — und muss sie ausser Acht lassen, weil er ja nur als Arzt, als Sexual- und Rassenhygieniker spricht. Nicht nur die physiologische, sondern noch weit mehr die geistig-kulturelle Substanz der deutschen Judenheit ist vom Untergang bedroht! Es lohnte sich, über dieses Thema ein besonderes Buch zu schreiben. Freilich lassen sich hier keine Statistiken aufstellen. Aber ein Blick auf das jüdische Kulturniveau der deutschen Juden vor hundert Jahren muss uns belehren, dass wir eine beispiellose Periode des Verfalls hinter uns haben. Würden wir uns nach äusseren, für die Statistik erfassbaren kulturellen Kundgebungen richten, so müssten wir allerdings zu dem Schluss kommen, dass wir in einer Zeit ausserordentlicher geistiger Blüte leben. Niemals wurde für Vortragszyklen, Volkshochschulen und dergl. so viel Propaganda gemacht, niemals für die Gründung neuer jüdischer Institutionen und die Erhaltung der alten so viel geredet und geschrieben wie in den letzten Jahren. Aber diese Blüte ist nur eine Scheinblüte, eine Fassade, die von einigen wohlmeinenden Notablen und einer Handvoll Idealisten für den Augenblick errichtet wurde. Die grosse Masse der deutschen Judenheit entwächst dem geistigen Milieu und den Lebensformen des Judentums immer mehr. Und für die Institutionen wird STATIONERY — BOOKSELLER Josef Freyhan formerly Dr. Wilhelm Freyhan 63431 Tel-Aviv, Ben Jehudastr. 60 empfiehlt: Lehrbücher, Lehrmittel NEUESTE LANDKARTEN IN ALLEN MASSTAEBEN Special-Abteil.: Israel Reiseführer TEL. 280564 Israelitisches Familienblatt UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN? Von Dr. FRIEDRICH RUELF, Hamburg weit mehr geredet als getan. In Wirklichkeit sind sie alle durch die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands vollständig ruiniert. Es wäre zur Aufklärung der deutschen Juden dringend notwendig, eine Liste von sämtlichen Schulen, Lehrerseminaren, Waisenhäusern, Altersheimen und Krankenhäusern, die ihre Pforten schliessen oder ihren Betrieb verkleinern mussten, aufzustellen. Viel zu wenig bekannt ist z.B., dass die jüdischen Lehrerseminare in Kassel und Hannover bereits eingegangen sind, das in Münster, Ostern 1923 aufgelöst wird und das Berliner wohl bald folgen dürfte. Der Grund hierfür ist nicht nur das Fehlen von ausreichendem Betribskapital, sondern vor allem die massenhafte Abwanderung der jungen Seminaristen in andere Berufe. Und das ist wahrlich kein Wunder. Ein Beruf, der seit vielen Jahrzehnten (nicht erst seit dem Kriege) von den deutschen Juden entwürdigt und der Verelendung preis gegebenen worden ist, übt keine Anziehungskraft mehr aus. Welcher halbwegs begabte und tüchtige Mensch wird sich heute dazu entschlossen, mit sehenden Augen in ein Schicksal der Rechtlosigkeit, der Bedrückung und der Not hineinzurennen. Nicht viel besser steht es im Rabbinerstande. Auch der Rabbiner erscheint heute durch die Gleichgültigkeit und Herzenskälte, die seinem Wirken entgegengebracht wird, sowie auch durch die immer drückender werdende Not so wenig beneidenswert, dass auch dieser Beruf bald den Mangel an brauchbarem Nachwuchs empfindlich spüren wird. Der Lehrerstand vernichtet, der Rabbinerstand verkümmert — wisst Ihr, deutsche Juden, was das bedeutet? Ihr wisst es nicht, sonst hättet ihr diesem Niedergang' nicht tatenlos zugesehen. Es bedeutet ein völliges und restloses Schwinden der Lehre aus der Mitte Israels. Und wenn die Lehre geschwunden ist, da stürzt alles auseinander, dann gibt es für die deutsche Judenheit nur eine Parole: En Tikwah — keine Hoffnung. Man kann es deutlich beobachten, was es für eine kleine Gemeinde bedeutet, wenn sie ihren Lehrer verloren hat und keinen neuen anstellen kann. Der religiöse Mittelpunkt ist geschwunden, der Zusammenhang der Seelen hört auf, das, was man “Zibbur” nennt, ist vernichtet. Die Jugend wächst ohne religiöse Unterweisung, ohne g”ttesdienstliche Übung auf. Man unterschätze nicht diese paar Brocken hebräisch, diese paar biblischen Geschichten, dieses Stückchen religiöser Lebensform. In Wahrheit sind gerade diese Trümmer einer jüdischen Kultur die letzten geistigen Kraftquellen des deutschen Judentums. Wo man keinen hebräischen Gruss mehr versteht, wo man nicht mehr Schir Hamaaloth singen kann, wo die Feiertage nichts mehr bedeuten, da ist es vorbei mit dem Judentum, trotz aller Mitgliedschaft in Logen und Hilfsvereinen, trotz alles vergeistigten Monotheismus. Ein Judentum ohne jüdisches Milieu, ohne die kulturbüdnende Kraft einer jüdischen Lebensgemeinschaft, ist ein verkrüppeltes Gebilde, unfruchtbar und steril. Ein jeder weiss es: Was wir heute noch an jüdischem Geist unser eigen nennen, ist aus früheren Geschlechtern herübergerettet, ist das reflexartige Nachwirken eines Lebens, das ehedem frisch pulsierte. “Aus Pietaet” gegen Eltern und Grosseltern werfen wir nicht alles von uns. Aber wird in der nächsten Generation unsere Betätigung des Judentums, d. nicht aus frischer Begeisterung, sondern aus matter Pietät erfolgte, noch irgendeine werbende Kraft ausüben? Unser Vorbild wird unseren Sündern kein Hindernis sein, mit dem Judentum umzuspringen, wie es ihnen gefällt. Untergang der deutschen Juden? Als biologischer Komplex sind wir noch weit vom Untergang entfernt. Denn vorläufig haben wir noch immer Zuzug aus anderen Ländern, durch den unsere physischen Kräfte neu aufgefüllt werden. Aber ln geistig kultureller Hinsicht werden wir immer blutleerer und kraftloser. Und diesem Verfall kann auch der Zuzug von Ostjuden nicht wehren. Denn gerade die Ostjuden assimilieren sich in Deutschland erschreckend schnell, und schon die Kinder der Zugewanderten sind oft bereits viel unjüdischer als die Kinder alteingessenener Familien. Wenn wir nicht selbst entschlossen der Auflösung Halt gebieten, dann ist der Untergang des Judentums in Deutschland besiegelt. Ein Hoffnungsschimmer strahlt uns aus unserer Jugend entgegen. Die bewusste jüdische Jugend, soweit sie zu den Jugendbewegungen gehört oder ihnen nahesteht, hat unabhängig von der älteren Generation wenigstens wieder den Willen zu jüdisch-kultureller Aufbauarbeit gefunden. Wie weit dieser Wille über dille tan tische Versuche hinaus zu ernster Tat reifen kann, bleibt abzuwarten. Immerhin ist hier wieder ein wenig vom Hauche einer echten Begeisterung zu spüren, — in unserer Wüste, ein wahrhaft erfrischendes und beglückendes Moment. Dass unsere ältere Generation an diesem Regenerationsprozess aktiv teilnehme, können wir nicht mehr erwarten. Aber eins müssen wir von Ihr erwarten und verlangen: Dass sie wenigstens die materiellen Mittel schafft, die unsere Institute brauchen um weiter existieren und auch späteren Geschlechtern noch dienen zu können. Wenn die deutschen Juden der Gegenwart nicht die traurige Berühmtheit gewinnen wollen, das Judentum in Deutscrland zu Grabe getragen zu haben, dann mögen sie wenigstens in pekuniaerer Hinsicht ihre Pflicht tun. Sie können es und können noch mehr. Jedes eingegangene Waisenhaus, Krankenhaus, oder Lehrer-Seminar ist eine Schande für den jüdischen Namen und ein unersätzlicher Verlust für unsere Sache. "Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft”. Gilt diese Prophetenwort auch für uns deutsche Juden? Darauf können wir nur selbst die Antwort geben. * Nachbemerkung : Dieser Artikel ist uns von Frau Jetty Egra geb. Wiener, Ramat Gan, SchUostr. 7, der Gattin des 1. Vorsitzenden ehemal. Hannoveraner, Emanuel Egra, zur Verfügung gestellt worden, wofür wir von dieser Stelle aus bestens danken. DIE REDAKTION II PAPIERWAREN ROTKOWITZ BÜROBEDARF ROTKOWITZ GESCHENKE ROTKOWITZ ROTKOWITZ Office Equipment and Stationerj Tel-Aviv, Rambam Str. 24 Tel. C25420

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