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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-09-01 · No. 38 (September 1975) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 38 (September 1975)
Date
1975-09-01
Page
Seite 7 (sequence 2187)
Language
German
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als wertvoll Anteilnahme verdient. Das Leben als solches ist ihm heilig. Geht er nach dem Regen auf der Strasse und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, dass er in der Sonne vertrocknen muss, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem Steinigen hinunter ins Gras. Kommt er an einem Insekt vorbei, das in einen Tümpel gefallen ist, so nimmt er sich die Zeit, ihm einen Halm zur Rettung hinzuhalten.” Erwägungen dieser Art stehen ohne Zweifel auch dem Judentum nicht fern. Moses war eine Zeitlang Hüter der Herden seines Schwiegervaters Jethro. Da zeigte er sich als ein wahrer Freund der Tiere. Und eben darum, so heisst es, macht Gott ihn zum Hüter der Herde seines Volkes Israel. Die Zehn Gebote nennen auch die Tiere unter den Nutzniessern des Sabbath. „Sechs Tage kannst -du arbeiten und all deine Werke verrichten. Aber der siebente Tag ist Feiertag dem Ewigen, deinem Gotte. Da sollst du keinerlei Werk verrichten, du und dein Sohn und deine Tochter, und dein Knecht und deine Magd, und dein Ochs und dein Esel und all dein Vieh, und dein Fremder, der in deinen Toren ist...” Im Gesamtkomplex Jüdischer Gesetze und Gebote, jüdischer Legenden und Sprüche ist das Prinzip der Ehrfurcht vor allem Lebendigen vielleicht nirgends mehr und stärker und schöner betont als im Schrifttum des Chassidismus. Der Chassidismus hat seinen Ursprung bei den Juden in Russland und in Polen im Beginn des 18. Jahrhunderts — er ist gewiss eine der feinsten Äusserungen jüdischen Geistes. Wie Albert Schweitzer, so sagen uns auch die Cbassidim — und sie sagen es uns immer wieder und wieder auf immer wieder neue Weise —, dass jedes lebende Wesen unsere Achtung, unser Mitgefühl, unsere Liebe, unsere Ehrfurcht braucht und verdient. Das Herz des wahren Chassid umfasst alle Keatur ohne Unterschied. Rabbi Sussja, so erzählt die Legende, zog einmal über Land und sammelte Geld, um Gefangene einzulösen. Da kam er eines Tages in eine Herberge, in der ein grosser Käfig mit allerlei Vögeln stand. „Und Sussja sah, dass die eingefangenen Vögel danach bangten, wieder im Raum der Welt zu fliegen und freie Vögel zu sein. Da sprach er zu sich : Da reimst du dir die Füsse ab, um Gefangene zu lösen, und was kann es für eine Lösung Gefangener geben, die grösser wäre, als diese Vögel aus ihrem Kerker zu befreien! Alsdann öffnete er den Käfig, und die Vögel flogen in die Freiheit.” Mitgefühl mit unsem Mitgeschöpfen in der Welt der Tiere ist nicht geringer an Wert als Mitgefühl und Liebe für unsere Menschenbrüder. „Sprich nicht in deinem Herzen”, so heisst es in den Unterweisungen des Baal-Schem, des Begründers des Chassidismus, „du seist grösser als dein Gefährte, weil du Gott mit Inbrunst dienst. Du bist nicht anders als alle Geschöpfe, die zum Dienst Gottes geschaffen wurden. Und womit wärest du angesehener als ein Wurm? Dient er doch dem Schöpfer mit seiner ganzen Einsicht und Kraft!” „Das Unternehmen, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen zu statuieren”, so heisst es bei Schweitzer”, “läuft darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserm Empfinden näher oder ferner stehen, was ein ganz subjektiver Massstab ist... Im Gefolge dieser Unterscheidung kommt dann die Ansicht auf, dass es wertloses Leben gäbe, dessen Schädigung und Vernichtung nichts auf sich habe. Unter wertlosen Leben werden dann, je nach Umständen, Arten von Insekten oder primitive Völker verstanden. ” Der Chassid denkt nicht anders. „In einer Mitternacht”, so lesen wir in Martin Bubers Chassidlschen Geschichten, als Rabbi Mosche Leib von Sassow in das Studium der heiligen Schriften versenkt war, da „klopfte es an sein Fenster. Draussen stand ein betrunkener Bauer und begehrte Einlass und Nachtlager. Einen Augenblick war das Herz des Rabbis erzürnt und sprach zu ihm : ,Wie erfrecht sich der Trunkenbold und was soll er uns hier im Haus?’ Dann antwortete er seinem Herzen : ,Und was soll er Gott in seiner Welt? Wenn Gott sich mit ihm verträgt, kann ich mich ihm weigern?’ Sogleich öffnete er die Tür und bereitete das Lager”. Alles was lebt, so ist die Überzeugung der Chassidlm, ist von Gott zum Leben berufen, ist durch sein blosses Dasein schon von Gott in seiner Existenz gerechtfertigt. Einen Menschen zu akzeptieren und einen anderen zu verwerfen, eines unserer Mitgeschöpfe anzunehmen und willkommen zu heissen und ein anderes abzulehnen — das wäre im Grunde ein Aufstand gegen Gott — ein Aufstand gegen Gott, der Alle ins Leben gerufen hat, der Allen Leben gibt: dem Rabbi wie dem Trunkenbold, dem Menschen wie dem Tier. Goethe äussert einmal: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.” Aber welchen Nutzen, welchen Sinn hat es, schon einmal Gedachtes noch einmal zu denken? Schon Gedachtes noch einmal zu überdenken — eine Einsicht, die schon einmal ausgesprochen ist, noch einmal und immer wieder und wieder neu zu erwägen — das ist nicht ohne Sinn. Es heisst ja doch zugleich: die schon einmal ausgesprochene Wahreit neu zu bestätigen, die alte Einsicht zu bekräftigen, sie in neuer Perspektive zu sehen, ihr auf diese Weise neue Anhänger zu gewinnen. Die Lehren des Judentums und die Lehren der Ethik Albert Schweitzers bestätigen in der Tat einander. Sie erhellen einander. Sie geben einander ein zusätzliches Mass an Überzeugungskraft. Es ist eine Ethik, die sie uns auf verschiedenen Wegen erschliessen — eine Ethik, der sie beide dienen. Dr. HANS MARGOLIUS Miami, U.S.A. NOTIZEN ZUR ETHIK Von HANS MARGOLIUS (Miami) 1. “Lesen”, sagt Schopenhauer, “ist ein blosses Surrogat des eigenen Denkens.“ Aber es ist doch zugleich immer wieder ein Weckruf und ein immer neuer Antrieb zu eigenem Denken — und mehr als das: oft genug auch ein sehr willkommener Gefährte der eigenen Gedanken. 2. Der Wert einer Philosophie besteht nicht nur in dem, was sie ist, was sie sagt — sondern ebenso sehr auch in dem, was sie in einem, der sich in sie versenkt, an weiterführenden Gedanken zu wecken vermag. 3. Eine Philosophie gewinnt uns nicht nur durch ihre Ideen, sondern zuweilen ebenso sehr auch durch die Art der Menschen, die sich zu Ihr bekennen. 4. Es bedarf keiner allzu grossen Kunst, im Menschen, im Leben, in der Welt: Mängel und Schwächen und Dunkel zu finden. Aber fast Jedes Wissen dieser Art ist unvollständig, ist nur eine halbe Wahrheit: solange wir die Tugend im Mangel, die Stärke der Schwäche, das Licht im Dunkel nicht sehen. 5. Jede Landschaft gewinnt eine eigene Schönheit in der Helle eines sonnigen Morgens. Alles Dasein gewinnt eine eigene Anmut: wenn das Licht eines erhellenden Gedankens es bescheint. 6. Philosophieren ist: Stellungnehmen — ein Stellungnehmen zum Leben, ein Stellungnehmen zur Welt Eben darum aber gibt es wohl ein Philosophieren nicht nur in Worten und Begriffen. Es gibt ein Philosophieren im Grunde auch in Zuneigung und Abneigung, in Gleichgültigkeit und Zärtlichkeit, Sehnsucht und Verlangen. Es gibt vermutlich auch ein Philosophieren der Tiere. 7. Jeder liebt es, von sich zu erzählen. Aber besagt das nur, dass jeder Mensch mit sich, seinen Erlebnissen, Problemen, beschäftigt ist? Sagt es nicht gleicherweise, dass ein jeder von sich eben auch zu erzählen verlangt und also sich Anderen mitzuteilen begehrt und Hörer sucht? Und ist dies Verlangen nach Hörem nicht vor allem: ein Verlangen nach Gemeinschaft? 8. So viele Fragen uns bedrängen, so viele Hoffnungen erhellen unsem Weg. 9. Unsere Mängel und Fehler, unsere Schwächen und unser Versagen uns vor Augen zu halten — das sollte nicht dazu dienen, uns vor uns selber verächtlich zu machen und niederzudrucken. Es sollte uns eher dazu bringen, die Mängel und Fehler, die Schwächen und das Versagen der Anderen mit Verstehen und Verzeihen und Nachsicht aufzufassen. 10. Der Gegensatz einer Tugend muss kein Fehler sein. Das Reich menschlicher Tugenden ist grösser als das Reich menschlicher Fehler. Dr. HANS MARGOLIUS, Miami Wir verdanken dem oben Genannten den Artikel über “Die Ethik Albert Schweizers und das Judentum”, sowie "Notizen zur Ethik” und wollen ihm, dem so bescheidenen Manne, einige Zeilen widmen. Hans Margolius ist am 12. September 1902 in Krotoschin (Provinz Posen) als Sohn des Lehrers der Jüdischen Schule geboren. Krotoschin war vor 150 Jahren eine blühende, Jüdische Gemeinde, in der der Talmud Jeruschalml, sowie verschiedene Machsorim etc. gedruckt wurden. Nach Absolvierung der Jüdischen Volksschule und des Gymnasiums in K. studierte er Philosophie und Literatur-Geschichte in Berlin, Jena und Hamburg. 1928 erhielt er den Dr. mit einer Arbeit über “die Ethik Franz Brentanos”, arbeitete bei Emst Cassirer und William Stern. Bis 1933 war er Bibliothekar an den städtischen Büchereien in Berlin-Kreuzberg unter Dr. Kurt Wormann, der Direktor der Universitäts-Bibliothek in Jerusalem geworden ist. Er heiratete im Jahre 1939 Edith Metzger und beide wanderten im selben Jahre nach Miami, Florida, aus. Ein Freund von Dr. M. schreibt mir wörtlich: Ich freue mich, dass Sie einen so wertvollen Mitarbeiter für Ihr Blatt gefunden haben. Die grössten Philosophen und Gelehrten: Einstein, Hermann Hesse, Albert^ Schweiter, Richard Beer-Hofmann, Eduard Spranger, Thomas Mann, Sarah Cleghorn und viele andere spendeten dem Autor uneingeschränktes Lob. Es ist unmöglich, ln diesem Rahmen all die Bücher und Aufsätze, die Dr. Hans Margolius geschrieben hat, hier aufzuzählen. Wir sind stolz, einen so bedeutenden Mitarbeiter gefunden zu haben und wünschen ihm von dieser Stelle aus weiteren Erfolg, sowie die Kraft, seine bedeutende Gelehrsamkeit den Mitmenschen zur Verfügung stellen zu können. VERBAND EHEMALIGER BRESLAUER IN ISRAEL PAUL u. MARGA FALKENBURG geb.Weiss, Kirjath Chaim — Haifa. Mosche Schareth Str. 85 D. Israel wünschen allen Dessauem-Breslauern und den Leipzigern, allen Freunden und Verwandten ein glückliches, gesundes und friedliches NEUES JAHR, zugleich herzlichst Masal Tow zum 70ten Geburtstag unseres lieben, so beliebten OSKAR GRAU, Kirjat Motzkin. T

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