Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1975
- Issue
- No. 38 (September 1975)
- Date
- 1975-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2186)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Ethik Albert Schweitzers und Als im Jahre 70 die Römer vor den Toren nen für das religiöse Sein des Menschen betont. Jerusalems standen, da gelang es Rabbi Jochanan ben Sakkai durch eine List aus der belagerten Stadt zu entkommen und die Gunst der römischen Feldherrn zu gewinnen. Und das so sehr, dass dieser ihm einen Wunsch freistellte! Da aber, so berichtet die Legende bat Rabbi Jochanan ben Sakkai nicht tun den Abzug der römischen Truppen, nicht um die Schonung des heiligen Tempels ln Jerusalem. Alles, worum er bat, war der Bau einer neuen Schule. “Lass mich“, so bittet er den Römer, “in Jawne eine Schule gründen!” Sein Wunsch wird erfüllt. Mit der Schule in Jawne aber beginnt nun eine neue Zeit, eine von Grund auf neue Periode ln der Geschichte des Jüdischen Volkes. Vielleicht nicht erst seither, aber seither gewiss mit besonderer Klarheit und Deutlichkeit hat das Judentum sich selbst als eine “Schule” verstanden, ist das Judentum vor allem als eine bestimmte “Lehre” zu begreifen. Es ist nicht die Botschaft eines “Sakramentes”, die das Judentum den Menschen bringen will, sondern Lehre und Unterweisung. Die Jüdischen Propheten sind Denker und Lehrer, nicht eigentlich Mittler zwischen Mensch und Gott. Und selbst Moses, der Gesetzgeber, der Begründer des Jüdischen Volkes, heisst in der Tradition der Juden: “Moses, unser Lehrer!” So ist es gewiss nicht unangebracht, das Judentum vornehmlich als eine bestimmie “Lehre” zu betrachten — als eine Lehre, die man mit anderen Lehren vergleichen kann, die man anderen Lehren wie der Lehre des Plato oder der Lehre Spinozas oder der Lehre Kants allen rechtens konfrontieren darf. Vielleicht gibt es unter d. Lehren der Philosophen keine, die so sehr zu einer Konfrontierung mit der Lehre des Judentums herausfordert wie die Philosophie von Albert Schweitzer. Und es gibt sicherlich keinen besseren Weg, um für die Ethik Schweitzers ein tieferes Verständnis zu gewinnen, als eben sie mit Lehren des Judentums zu vergleichen. Die Beziehungen Schweitzers zum Christentum, seine Beziehungen vor allem zu Jesus, sind von ihm selbst vielfach klar herausgestellt worden. Aber seine Ethik steht .in mancher Hinsicht den Lehren des Judentums näher als den Lehren des Christentums. Und davon ist bislang meines Wissens wenig die Rede gewesen. Das Judentum ist und war immer eine Religion des Realismus. Der Jude versucht nicht, den Realitäten des Daseins zu entfliehen und im Jenseits einer anderen und besseren Welt sein eigentliches Leben zu finden. Sein wesentliches Interesse ist nicht eine Welt jenseits der Grenzen menschlicher Erfahrung, sondern das Bemühen die Welt des menschlichen Lebens hier auf Erden mehr und mehr mit dem Geiste Gottes zu erfüllen, die Erde selbst zu einem Reiche Gottes zu machen. Es ist nicht die Befreiung des Geistes von den Fesseln der Wirklichkeit, sondern die Verwirklichung des Geistes im Leben, die sein höchstes Ziel ausmacht. Judentum ist Realismus des Geistes. Einen "Realisten des Geistes” — das aber ist es auch, was Martin Buber in seinem Freunde Albert Schweizer sieht. Einen kurzen Aufsatz zu Schweitzers 80. Geburtstag im Jahre 1955 nennt Buber “Ein Realist des Geistes”. Und hier schreibt er: “Und, vor deren Augen so sehr wie wohl in keiner früheren Zeit, Geist und Leben auseinandergeraten sind, ist es ein starker Trost und Zuspruch, dass es diesen Mann Albert Schweitzer gibt, in dem sich ihr schöpfungsmässiges Beisammensein bekundet und bewährt”. Seit den Tagen Jochanan ben Sakkais haben jüdische Denker immer wieder und wieder die alles überragende Bedeutung von Lehren und Ler- Seit jener Schule in Jawne ist die Schule, ist das “Lehrhaus” zu allen Zeiten das eigentliche Zentrum jüdischen Gemeindelebens geblieben. Die grossen Repräsentanten des Judentum im Lauf der Geschichte: Philo und Maimonides, Spinoza und Moses Mendelssohn, Israel ben Elieser und Hermann Cohen, Constantin Brunner, Franz Rosenzweig und Martin Buber — sie alle sind auch oder sogar vornehmlich PhUosophen gewesen. Wieder und wieder wird dem Juden und seinen Lehrern die Bedeutung und der Wert des Denkens vor Augen gestellt. Nur ein denkender Mensch kann ihrer Meinung nach wirklich ein “Frommer” sein. Dass nur das Denken uns den Zugang zu wahrer Religiosität erschliesst — das ist auch die Überzeugung von Schweitzer. Er wird nicht müde, uns zum Nachdenken aufzurufen. „Schon als Knabe”, so schreibt er, „konnte ich nicht begreifen, dass man die Überzeugungen und Ideale, in denen der Mensch die geistige höhere Auffassung seines Lebens zu betätigen hat, auf etwas anderes als das Denken begründen wolle... Ich bin überzeugt, dass der Mensch durch das Denken zu ethischem Verhalten und zur Frömmigkeit geführt wird, weil ich solches an mir selber erlebt habe. “Es ist der Mangel an Denken, der in den Augen Schweitzers verantwortlich ist für alles Unheil, das d. Menschheit im Lauf ihrer Geschichte immer wieder zu erdulden hatte. Und er ist gewiss, dass sehr „viel Ungerechtigkeit und Gewalt und Lüge”, die die Menschen bedrängen, „kraftlos werden würden, wenn nur eine Spur von Sinnen über den Sinn der Welt und des Lebens unter uns aufkäme.” Sinnen über Welt und Leben — die Fähigkeit des Denkens aber, so lehrt uns Schweitzer, ist dem Menschen gegeben, um ihn instand zu setzen, sein Leben zu ordnen und zu leiten und besser zu machen. Sie ist ihm nicht gegeben : um mit ihr die Rätsel des Alls zu lösen und in den Sinn des Weltganzen einzudringen. Aber wenn wir unfähig sind, zu erklären, worin die Welt ihren Ursprung hat und warum sie überhaupt existiert — unfähig irgendetwas über den letzten Sinn der Welt auszusagen — unfähig, auszufinden, was Gott seinem Wesen nach ist, — so sind wir doch sehr wohl in der Lage, die Stimme Gottes in unserm Herzen zu vernehmen. In der Welt tun mich her tritt Gott mir als „rätselhafte Schöpferkraft” entgegen. Er schafft und baut auf, aber er vernichtet und zerstört auch. Und ich bin unfähig, zu erkennen : warum. Aber in meinem Innern offenbart Gott sich in anderer Weise. Hier spricht er zu mir als die Stimme des Gewissens, als ethischer Wille, als Wille der Liebe. „Der Gott, der in dem Denken über die Welt erkannt wird, und der, den ich als ethischen Willen erlebe, lassen sich nicht zusammenbringen. Beide sind eins; aber wie sie es sind, verstehe ich nicht”. „Es gibt einen Ozean”, so schreibt Schweitzer in einer der schönsten Stellen in seinen Schriften. „Kaltes Wasser, unbewegt. In dem Ozean aber ist der Golfstrom, heisses Wasser, das vom Äquator zum Pole fliesst. Fragen wir alle Gelehrten, wie es physikalisch vorstellbar ist, dass zwischen den Wassern des Ozeans, wie zwischen zwei Ufern, ein Strom heissen Wassers fliesst, bewegt in dem Unbewegten, heiss in dem kalten. Sie können es nicht erklären. So ist der Gott der Liebe in dem Gott der Weltkräfte eins mit ihm, und doch so ganz anders als er.” Weisen die Lehren des Judentums uns' nicht genau in die gleiche Richtung? Da Moses Gott bittet, ihm seine „Herrlichkeit” zu zeigen, da offenbart er ihm das „Gute“, die Wirkungen seines Wesens. Er offenbart ihm das Judentum nicht sein Wesen selbst; er offenbart ihm nicht die Weise, in der er die Welt regiert. Die Weise, ln der Gott die Welt regiert, ist unbegreiflich für menschliches Verstehen. Der Prophet Micha sagt uns : „Es ist dir kund getan, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: Nichts anderes als Recht tun, die Liebe lieben und in Demut wandeln vor deinem Gotte!” Nicht darin, so bemerkt Hermann Cohen zu diesen Worten des Propheten, besteht die Offenbarung Gottes, dass er uns die Natur seines Seins enthüllt. Der Sinn, die Bedeutung Gottes für den Menschen ist in der Offenbarung des Ethischen, in der Offenbarung der Forderungen des Guten auf Erden. Die Propheten, so äussert auch Leo Baeck einmal, hatten nie die Absicht, das Wesen Gottes zu definieren. Allein indem der ethische Wille im Innern des Menschen sich erhebt, fühlt der Mensch sich von Gott gerufen, fühlt der Mensch sich auf dem Wege zu Gott. Das Zentrum der jüdischen Religion, so beginnt Samuel Schulman ein Essay über „Jüdische Ethik”, ist nicht irgendeine Art von Dogma, sondern ein Gebot, nicht Glaube, sondern Tun. Anhänglichkeit an Gott besteht im Einklang mit dem treffenden Paradox des Talmuds, nicht im Glauben, sondern in Gehorsam: “Ich wünschte, so spricht Gott, sie hätten Mich vergessen, aber meine Gebote befolgt!” Kein Zweifel, dass die Lehren des Judentums mit der Ethik Albert Schweitzers einer Meinung sind: Das Wesen Gottes als Regenten der Welt mag dem Menschen für immer ein unlösbares Rätsel und Geheimnis bleiben. Wir sind nichts desto weniger sehr wohl in der Lage zu wissen, was Gott von uns als ethisch handelnden Menschen erwartet. Was fordert Gott von uns : Was macht das Grundprinzip der Ethik? „Das Grundprinzip der Ethik”, so sagt uns Schweitzer, ist „Ehrfurcht vor dem Leben”. Um das Wesen, die Natur, die grundlegende Tatsache alles Lebens zu finden, tut es nur hot, In unser eigenes Selbst zu blicken. So meint Schweitzer wie Arthur Schopenhauer vor ihm. Wenn wir das tun, dann finden wir, dass die treibende Kraft in jedem Leben der „Wille zum Leben” ist. Auch in diesem Punkte stimmt Schweitzer mit Schopenhauer überein. Aber anders als Schopenhauer, wünscht Schweitzer nun, dass wir diesen Willen zum Leben in uns bejahen — mehr als nur das! —, dass wir „Ja” sagen zu dem Willen zum Leben in allen lebenden Wesen. „Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ,Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will”. Wenn der Mensch diesen „Willen zum Leben” in sich bejaht, so handelt er natürlich und ehrlich. Zugleich aber findet der Mensch, der begonnen hat nachzudenken, in sich auch den Impuls, den Willen zum Leben auch in jedem anderen lebenden Wesen zu bejahen — den Impuls : jedem lebenden Wesen eben mit der gleichen Ehrfurcht vor dem Leben zu begegnen, mit der er den Willen zum Leben in sich selber bejaht. Leben in allen seinen Äusserungen zu bejahen — alles Leben als heilig zu achten — dies ist die Grundlage aller wahren Ethik. „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.” Jedem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen — das aber heisst nun in der Meinung Schweitzers keineswegs etwa nur alles menschliche Leben heüig zu halten. „Der Mensch, der wahrhaft ethisch ist, fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben 6