Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1975
- Issue
- No. 38 (September 1975)
- Date
- 1975-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2184)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Briete aus dem Breslauer Seminar (Fortsetzung von Seite 3) Juden zu halten. So fuhr ich denn in den Jahren 1933 und 1934 allöchentlich für zwei Tage von Halle, meinem damaligen Wohnort, nach Breslau und hielt dort Vorlesungen für die natürlich ständig schrumpfende Hörenzahl, bis ich selbst anfangs 1935 nach d. Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte. Mehrere Jahre vorher schon hatte, ein anderes Zeichen der Verbundenheit mit dem Seminar, meine Trauung mit dem in Breslau lebenden Fräulein Hildegard Feywulowitz in der Seminarsynagoge stattgefunden. Am 10. August 1954 war ein Jahrhundert verflossen, seitdem das Breslauer Seminar seine Tore geöffnet und eine segensreiche wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit begonnen hatte, die nach vierundachtzig Jahren durch die brutale Gewalt des nationalsozialistischen Staates ihr Ende fand. Aus Jenem Anlass widmete ich ein Heft des 16. Bandes der von mir in New York herausgegebenen Zeitschrift “Historia Judaica” der Erinnerung an das Breslauer Seminar. Es enthielt Beiträge der damals noch lebenden ehemaligen Lehrer Isaak Heinemann und Albert Lewkowitz sowie des ehemaligen Hörers Rabbiner Adolf Kober. Das schien mir Jedoch nicht genügend, um das Andenken an die grosse Leistung dieser bedeutenden in ihrer Eigenart in der Geschichte einzig dastehenden Pflanzstätte Jüdischen Geistes für spätere Generationen lebendig zu erhalten. Es gelang mir schliesslich, einen umfassenden Gedächtnisband unter dem Titel “Das Breslauer Seminar, Jüdisch-Theologisches Seminar (Fraenkelscher Stiftung) in Breslau 1854—1938” zusammenzustellen, der 1963 im Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen erschienen ist. Auf 442 Seiten umfasst er Abhandlungen verschiedener Autoren über alle Aspekte der Geschichte des Seminars, Studien zu diesem Problemkreis und ein Verzeichnis der Lehrer und Schüler mit Kurzbiographien und Bibliographien ihrer Schriften für die Jahre 1904 bis 1938. In Fortsetzung der von Marcus Brann 1904 veröffentlichten Seminargeschichte, die das halbe Jahrhundert seit d. Gründung umfasst, schrieb der aus dem Seminar hervorgegangene St. Gallener Rabbiner Lothar Rothschild (1909—1974) “Die Geschichte des Seminars von 1904—1938”. Das sind die Breslauer Erinnerungen eines Nicht-Breslauers. Es folgt nun der Wortlaut der Briefe, die den Anlass zur vorstehenden Betrachtungen geboten haben. GUIDO KISCH, Basel * Breslau, den 1.3.1864 Bester Heinrich, Trotzdem Du mir schon mehrmals geschrieben hast, komme ich doch erst heute dazu, Dir zu antworten und für Deine lb. Zehen zu danken. Mein so langes Stillschweigen hat teils im Mangel an Zeit, teils in Mangel an Stoff seine Ursache. Ein Tag verfliesst wie der andere, und die Beschäftigung ist so einförmig, dass, wenn Du einen Tag aus meinem hiesigen Leben kennst, Du auch die anderen kennst. Nun will ich Dir so einen Tag schildern. Um 6 Uhr früh hört man 3 mal das Wort “Kisch”! rufen; worauf ich, nachdem ich noch einmal vom Herrn Kohn am Arm gezogen, aufstehe, mich anziehe, wasche und kämme. Nun gehe ich in Schul, wo man auf die 10. Person wartet, die bin ich über noch nicht, denn ich bin erst der 7., und in dieser Beziehung sieht man wie das Judentum hier nicht anders ist, als bei uns, dass hier ebenso wenig Eifer ist, als im lieben Prag. •Doch das ist jetzt noch nicht meine Sache, da muss ich noch 10 Jahre warten. 10 Jahre wirst Du wiederholen, Ja, 10 sage zehn Jahre habe ich hier zu sein, um dereinst mit G”ttes HUfe dann Sein Wort lehren zu können. Ich habe nämlich 3—4 J. hier das Gymnasiale zu lernen, zu dieser Zeit höre ich Talmud und Hebräisch im allgemeinen beim Dr. Graetz. Nach Ablauf dieser 3—4 Jahre muss ich bei uns zu Hause die Maturitätsprüfung machen, um vom Militärdienste befreit zu sein, denn ein ausländisches, wie es hier heisst, Abiturientenzeugnis befreit nicht vom österr. Militärdienste. Sodann höre ich die Universität, mache das Doktor Examen und prakticiere ein Jahr als Prediger; zu dieser Zeit hört man Talmud und Hebräisch beim H. Director, jüdische Geschichte und Literatur beim H. Dr. Graetz. Doch so weit will ich mich nicht verirren; ich komme nun von Schul nach Hause, frühstücke, gehe ins Seminar, wo ich bis 12 Uhr bleibe, zu Hause mittagmahle ich, arbeite etwas und gehe entw. um 2 oder 3 ins Seminar, bleibe bis 5 dort, gehe zum Dr. Zuckermandel, nachdem ich im Seminar mit 10 Pers. Minche und Mariw gebetet habe, um Talmud zu lernen, von da zu Hause angelangt, esse ich eine Semmel, arbeite etwas, nachtmahle und arbeite noch so lange, wie es gerade notwendig ist. — Neues von hier hätte ich Dir nichts mitzuteilen, als dass Frl. Hentschel, die Tochter Deiner Patienten, Braut ist. — Lebe recht wohl, gesund, glücklich, wie es Dir wünscht Dein Dich täglich mehr liebender Bruder. ALEX KISCH 2. Breslau, den 30. Januar 1865 Teuerste Eltern! Freitag fand die Gedächtnisfeier im Seminar statt. Deputationen des Vorstandes und Repräsentanten der Synagogengemeinde, mehrere Universitätsprofessoren, der Rabbiner Dr. Joel wohnten der Feier bei. Nachdem unter Leitung des Cantor Deutsch der Psalm 16 mit Instrumentalbegleitung vom Seminarchore gesungen worden war, hielt der Direktor eine Ansprache, in der er unter Hinweis auf die Verdienste des Stifters auch dessen Willenvollstreckem ein grosses Verdienst um die Anstalt zuerkannte, und in diesem Sinne gedachte er der beiden im verflossenen Jahre gestorbenen Curatoren Dr. Levf und L. Milch. Nachdem der Direktor auch noch die Namen derjenigen Zöglinge nannte, die Stipendien erhalten, hielt der Dr. Horowitz, einer der drei Abiturienten einen ausgezeichneten Vortrag über “Die Bestimmung des Rabbiners in der Jetztzeit”. Nach vollendetem Vortrage wandte sich der Direktor mit einer gemütlichen Ansprache an die Abiturienten, in der er ihnen einiges über ihr Verhalten in Zukunft sagte; hierauf überreichte er ihnen die auf Pergament geschriebenen Diplome. Alle drei Abiturienten haben das Examen der Reife mit Auszeichnung bestanden. Ein Hörer des Seminars, Dr. Bamberger, der im kommenden Jahre entlassen werden soll, ist schon jetzt, von der isr. Cultusgemeinde in Königsberg in Preussen als Rabbiner und Prediger angestellt worden... 3. Breslau, den 18. Januar 1866 Vielgeliebte Eltern! Warum ich Euch erst heute schreibe? Offen gesagt, weil ich diesmal das Briefschreiben so weit als möglich hinauszuschieben suchte. Und das wurde mir diesmal gar nicht schwer, da ich mit Arbeiten sehr überhäuft bin, und jeder Brief, den ich schreibe, einen Riss in meine Zeiteinteilung macht. Erst heute, da ich wie alle Freitage etwas mehr Zeit habe, mache ich mich an diese mir sonst so liebe, diesmal aber unangenehme Beschäftigung. Ich bin schon ohnedies missgestimmt darüber, dass mir namentlich Dr. Graetz für meine Arbeiten nicht gehörige Anerkennung zollt, und da kommt noch so ein Brief wie Euer letzter hinzu, um mich ganz ausser Fassung zu bringen. Dass Ihr Euch infolgedessen wie in einem Chore über mein Inzeitungenschreiben beklagt, finde ich natürlich, aber nicht gerecht. Ich will zuerst das letztere begründen. Ich bin die Monate Oktober, November, Dezember und Januar hier und habe wähernd dieser ganzen Zeit 25 Taler (50 Gulden) von der Gemeinde (Prag, ein Stipendium) bekommen, obschon ich, wie Euch in den Ferien klar gemacht habe und heute noch einmal beweisen will, fast das Dreifache gebraucht habe. Ich (monatlich) : Mittagsbrot 5 Taler, Frühstück 1 Taler, Wohnung 2% Taler, Nachtmahl 1 y2 Taler zu Hause, Vesper u.s.w. (täglich 5 Kreuzer gerechnet) 1 Taler, Licht und Beheizung 1% Taler, Wäsche 1 Taler, also Summa über 13 Taler. Dass unser Geld schlecht steht, hat natürlich auf die Preise hier keinen Einfluss, so dass ich heuer 40 Gulden weniger habe als voriges Jahr. Da musste ich mich natürlich um einen Nebenerwerb Umsehen, und wollte Stunden geben. Inzwischen erfuhr ich aber, dass die Stelle eines Breslauer Correspondenten für die “Laubhütte” (eine jüdische Wochenzeitung, die in Regensburg erschien) für mich nicht imeinträglich wäre, bewarb ich mich darum und erhielt sie auch. Die Aufsätze, die während dieser Zeit von mir erschienen sind, habe ich Euch nicht eingeschickt, weil ich von Euren Briefen eingeschüchtert worden bin. Es kostet mich sehr wenig Zeit, wöchentlich drei bis vier Stunden, und dafür bekomme ich monatlich wenigstens 5 Taler (10 Gulden), was mir natürlich recht willkommen ist. Auf diese Weise hoffe ich, mir auch etwas ersparen zu können (monatlich 4 Taler). Bis jetzt sind von mir 3 Teile eines Aufsatzes “Die Apokryphen”, “Ein Pseudomessias”, "Jüdische Familiennamen in Prag” erschienen und gestern habe ich von meinem Redakteur auch für zwei Aufsätze “Juda-ha-Levy” und “Die Zerstörung Jerusalems nach dem Talmud” für die nächsten Wochen Auftrag bekommen. Dies wird mir zusammen zirka 15 Taler eintragen, doch habe ich bis dato, da die Aufsätze noch nicht vollendet sind, noch kein Geld erhalten. Das kann mich also im Studium nicht stören, sondern vielmehr fördern... * Breslau, 5. April 1866 Teuerste Eltern, Unsere Lage ist Jetzt wirklich eine traurige. Ein Krieg ist fast ausgemacht und bei der grossen finanziellen Kalamität Österreichs fällt unser Geld von Tag zu Tag. Die 90 Gulden, die ich nach Hause geschickt habe, sind seit damals um 13 Gulden weniger wert geworden. Es kommt jetzt wirklich auf den Tag an. Ich warte mit äusserster Spannung auf das Geld von der Gemeinde, denn der Tag, den man es mir später schickt, ist schon ein Verlust von 1 bis 2 Gulden. Von vorgestern auf heute hat unser Geld 6% Verloren. Wenn das so fortgeht, geht Österreich einem Staatsbankrott entgegen. Ich ersuche Euch, mir also auch sobald als möglich das Geld zu schicken, d.h., es schon in Prag auf preussische Banknoten umzuwechseln, da es auf der Fahrt verliert. Ihr entschuldigt wohl, wenn ich überhaupt davon spreche, aber wie gesagt, jede Stunde ist jetzt mit Verlusten verbunden. Mir geht es sonst hier wie gewöhnlich. Man muss recht viel arbeiten. Im Falle eines Krieges wäre es möglich, dass das Seminar geschlossen würde, doch Gott möge uns vor einem solchen Unglück bewahren, denn besonders für Österreich wäre ein Krieg ein harter Schlag... 4