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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-09-01 · No. 38 (September 1975) · p. Seite 3

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Ludwig Kunz, Freund der Dichter Eine längst fällige Auszeichnung seitens seiner Landsleute, der Ostdeutschen, wurde einem Mann zuteil, der sich in den Zwanziger Jahren in hervorragender Weise für Dichter und bildende Künstler eingesetzt hat: dem Görlitzer Ludwig TCnn»*. Anlässlich des von der Esslinger Künstlergilde ausgegebenen Adreas Gryphius-Preises (in diesem Jahr erhielt ihn Frank Thiess) wurde ihm in einer Feierstunde im Düsseldorfer “Haus des Deutschen Ostens” eine Ehrengabe überreicht. In der Form eines Werkstattgesprächs wurde er vorgestellt, gab er einen Abriss seiner auch nach der Emigration wieder aufgenommenen Tätigkeit. Mit leiser Stimme, als scheue er sich von seinem Werk zu sprechen, berichtete Ludwig Kunz von den “Lebenden”. In loser Folge hatte er diese Flugblätter in den Jahren 1923—31 herausgegeben. Ein später Nachdruck macht sie heute zu einem kostbaren Zeugnis jener Epoche. Was diese Blätter erstrebten, sagt er im ersten Blatt: “Den Lebenden sind diese Blätter gewidmet. Ungekannten wie bereits Namhaften. Kräften aber immer, denen noch nicht volle und allgemeine Würdigung zuteil wird. Unabhängig jeder speziellen Parteiung wollen diese Blätter allen wichtigen Gegenwartskünsten nachspüren.” In eindringlicher Weise stellte er sie — von denen viele Schlesier sind — heraus: in eigener Sache, im Gedicht, im Holzschnitt, durch gegenseitige Besprechung, durch regelmässigen Hinweis auf ihre neu erschienenen Werke. Namen wie Wilhelm Lehmann, Oskar Loerke, Carl Hauptmann, Jakob Haringer, Johannes Urzidil, Hermann Stehr, Max Hermann (Neisse), Hermann Kasack, Moritz Heimann und viele, viele andere versetzen uns in eine Epoche lebendigen Schaffens in zum Teil ganz neuartiger Diktion. Liebevoll nimmt er sich ihrer an. Da lässt er Max Herrmann (Neisse) über Hermann Stehr als Dichter sprechen, Oskar Loerke über dessen Prosa, Hans Frank über Stehrs Lyrik (wie viel verdankte er Ludwig Kunz!). Ein Blatt enthält einen Aufuf Gerhart Pohls—Frund Gerhad Hauptmanns und Ludwig Kunz’ — “An meine Freunde, die jungen deutschen Dichter!” An anderer Stelle schreibt Döblin über Robert Musil, Wilhelm Lehmann über Loerke, Max Hermann (Neisse) über Else Lasker- Schülers Abrechnung mit den Verlegern “Ich räume auf!”. Der frühverstorbene Görlitzer Maler- Dichter Fritz Neumann-Hegenberg, der in Jakob Böhmes Gedankenwelt lebte und den Jakob Böhme-Bund mitbegründete, Meister unzähliger Gemälde, wird mit seiner einzigen graphischen Arbeit vorgestellt, Johannes Wüsten, der Expressionist kat exochen, im Dritten Reich als Antifaschist im Zuchthaus umgekommen, Gerhard Mareks, um nur drei der bildenden Künstler herauszugreifen. Ein Blatt ist “Sechs jungen Schlesiern” gewidmet. Wir entdecken die Namen von Gerhard Menzel, Willi Wolfradt, Ernst Blass, Werner Fink — von der berühmten Görlitzer Apotheke am Untermarkt — und viele andere. In einem “Die Vernachlässigten” betitelten Blatt ergibt die Umfrage: Fritz Walter Bischof nennt Carossa, Wilhelm Lehmann, Gottfried Benn; Max Hermann (Neisse) erinnert an Carl Hauptmann, Wedekind, Sternheim, die Lasker-Schiiler; Hermann Hesse an Emmy Hennings und Jakob Maringer, Kasack an Benn, Döblin, Mombert und Wühelm Lehmann. Und hier finden wir Thomas Manns Hinweis auf den noch weitgehend imbekannten Franz Kafka: “Es muss ja seine Gründe haben, dass das Publikum diesen merkwürdigen und tiefen Denker nicht beachtet, aber sehr edel, sehr anerkennenswert sind diese Gründe nicht, und man muss tun, was man kann, um sie ausser Wirkung zu setzen”. Neben der Herausgabe dieser Flugblätter widmete Ludwig Kunz seine Untersuchungen Einzelnen. Hiervon eugt. u. a. die Schrift “Gerhart Hauptmann und das junge Deutschland” (Priebatsch’ Buchhandlung, Breslau 1932) mit Beiträgen von Max Herrmann (Neisse), Gerhard Menzel, Joh. R. Becher, Gerhart Pohl, Werner Milch, Hans Fallada — Namen, die vielen unserer Leser noch in Erinnerung sind. 1938 flieht Ludwig Kunz nach Holland, lebt dort zuerst Untergrund. Amsterdam ist nun seit Jahrzehnten seine neue Heimat. Auch hier ist sein Denken und Tun wieder auf die Förderung von ihm als wertvoll erachteter Künstler gerichtet. Er widmet sich der Übersetzung junger niederländischer Lyrik ins Deutsche. Hierfür erhält er 1965 den Martinus Nijhoff-Preis vom Prinz Bernhard-Fonds. Wieder gibt er eine Flugblätter Serie heraus. Heute ist sie — “DE KIM” (Horizont) — wie “Die Lebenden” eine Rarität. Im New Yorker Verlag Kraus Reprint erschienen 1974 die sieben Nummern als Faksimiledruck. Ludwig Kunz nennt sie im Vorwort “Meine kleine Amsterdamer Nachkriegszeitschrift”. Hier erscheinen Beiträge von und über Hermann Kasack, Thomas Mann, Wil- Anlässlich des 75jährigen Jubiläums des Jüdisch-theologischen Seminars Fränckelscher Stiftung in Breslau hatte der Verfasser der folgenden Betrachtungen die Anregung gegeben, Briefe ehemaliger Hörer aus der ersten Zeit des Bestehens der Anstalt, die über das Leben der Seminaristen Aufschluss geben, zu sammeln und zu veröffentlichen. Die Anregung fand keinen Wiederhall und wurde nicht verwirklicht. Solche Geschichtsquellen, welche die dort herrschende Atmosphäre und die Lebensverhältnisse der Schüler von innen her beleuchtet hätten, lassen sich heute kaum mehr auffinden. Deshalb dürften die im folgenden wiedergegebenen Briefe beziehungsweise Auszüge aus Briefen aus jener Zeit historisches Interesse beanspruchen. Sie sind von meinem seligen Vater vor 111 Jahren an seine Eltern und seinen ältesten Bruder geschrieben worden. Dr. .Alexander Kisch (1848—1917), ausgebildet am Breslauer Seminar in den Jahren 1863 bis 1873, bekleidete Rabbinate in Brüx (Böhmen), Zürich (Schweiz), Jungbunzlau (Böhmen) und zuletzt 33 Jahre in seiner Heimatstadt Prag. Zur Zeit der Niederschrift der Briefe war er mit 16 Jahren der jüngste Hörer der vom bedeutenden Repräsentanten der jungen “Wissenschaft des Judentums” geleiteten Breslauer Rabbinerbildungsanstalt, Zacharias Frankel, der, ein Vorkämpfer des “positiv-historischen” Judentums, ebenfalls aus Prag stammte. Das Dutzend erhaltener Breslauer Briefe meines Vaters aus d. Jahren 1864 bis 1866 gibt eine Vorstellung von dem damaligen Leben im Seminar, als neben dem “Direktor” andere Leuchten der jüdischen Wissenschaft wirkten, wie Heinrich Graetz, Jacob Bemays, Manuel Joel, Jacob Freudenthal. Von den Hörem stammten nur wenige aus wohlhabendem Hause. Zu dieseen gehörte mein Vater nicht. In einem der Briefe beschreibt er das kleine, nur mit drei Bettstellen, einem Tisch, einer Kommode und einem Stuhl kärglich ausgestattete Zimmer, das er mit zwei anderen Hörern, dem späteren Professor Nathan heim Lehmann, Henry Miller, Anna Seghers, Georges Duhamel, Jean Cocteau, Heinrich Böll, um nur einige wenige zu nennen. In einem Israel gewidmeten Pamphlet sind Max Brod, Schalom Ben- Chorin, Horst Schade, Abraham Schlonsky, Lea Goldberg, Hanna Szenesch vertreten. Einige Nummern bringen Beiträge in holländischer, französischer, englischer Sprache, Jeweils im Original. Im ganzen: eine grossartige Tribüne der internationalen Literatur und Kunst en miniature. Sein Ludwig Meidner-Buch "Dichter, Maler und Cafös” hat Julius Sachs schon in unserer vorigen Nummer vorgestellt. Ludwig Kunz ist unentwegt weiter auf die Förderung Junger Talente aus. So überträgt er die Poesie des holländischen Dichters, Malers und Zeichner Lucebert: “Wir sind Gesichter” erscheint 1972 bei Suhrkamp. Und so verdanken ihm eine ganze Reihe profilierter Dichter und bildender Künstler würdige, oft kostbare Ausgaben ihrer Werke. 1972 erhielt Ludwig Kunz ein Stipendium als Ehrengast der Villa Massimo. Er ist seit Jahren Mitarbeiter beim Westdeutschen und bei anderen Rundfunkanstalten, ist Mitglied des PEN-Clubs. Der 75jährige hat mit seinem Lebenswerk Grosses geleistet, leistet es noch. Unsere herzlichen Wünsche gehen zu ihm.. ELSE LEVI-MÜHSAM Jerusalem - Konstanz. Porges und Siegmund Flaschner im zweiten Stock der Reuschestrasse 20 bewohnte. Der Raum war eng und unwohnlich, eines der Betten konnte nur für die Benützung zur Nachtzeit aufgestellt werden. Wer, wie der Schreiber dieser Zellen, Gelegenheit hatte, die palastartigen Gebäude der heutigen amerikanischen Rabbinerseminare kennenzulernen, in deren “Dormitories” die Studenten einzeln in ein oder zwei mit allem modernen Komfort ausgestatteten Räumen wohnen, kann nur mit Bewunderung feststellen, dass aus Jenen engen Breslauer Verhältnissen Gelehrte von Weltruf hervorgegangen sind. Um nur einige Namen aus der Generation meines Vaters zu nennen: Wilhelm Bacher, Hermann Cohen, Moritz Güdemann, Gustav Karpeles, Alexander Kohut, Nathan Porges, Adolf Schwarz, David Simonsen. Sie alle behielten aber ihre Studienzeit in Breslau in angenehmer und dankbarer Erinnerung. Öles weiss ich aus den Erzählungen derjenigen unter ihnen, die ich noch persönlich gekannt habe. Auch mein Vater wusste von seinen Breslauer Jugendjahren über das Seminar und seine Lehrer allerlei zu erzählen, was das Interesse des Sohnes In seiner eigenen Studienzeit fesselte. Ein gosses Bild Zacharias Frankels hing in seinem Studienzimmer. Nach seinem Tode hat es die Familie dem Prager Jüdischen Museum geschenkt. Wo es sich Jetzt befindet, ist mir unbekannt. Auch hat mein Vater zu der “Jubelschrift” zum 70. Geburtstag von Graetz einen Beitrag beigesteuert. Die Pflege der persönlichen Beziehungen zum Breslauer Seminar wurde nach meines Vaters Tode von mir fortgesetzt. Ich stand in persönlicher und brieflicher Verbindung mit den Mitgliedern des Lehrkörpers, den Professoren Marcus Brann, Isaak Heinemann und Israel Rabin. Und das, ohne noch zu ahnen, dass nach dem Einbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an mich die Einladung ergeben werde, im Seminar Gastvorlesungen über Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der (Fortsetzung Seite 4) Briefe aus dem Breslauer Seminar vor hundert Jahren s

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