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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-04-01 · No. 37 (April 1975) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 37 (April 1975)
Date
1975-04-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Die Pferdebahn und die allen Tanten von JENNY BRESLAUER, Tel-Aviv, Was ein Märchen ist, das ist relativ. Fuer das Kind von heute ist es die Pferdebahn; für uns war es damals, als wir Kinder waren das Flugzeug, und ein Raumflugzeug haetten wir uns in unserer kuehnsten Phantasie nicht vorstellen koennen. Meine Enkeltochter Susi verlangt immer wieder; “Erzaehle mal eine Geschichte von einer alten Tante, die in der Pferdebahn gefahren ist.” Ich offeriere ein Maerchen von einer Fee, die in einer “Günldenen Karosse” fuhr. Doch Susi findet alte Tanten, — wie es sie heute nicht mehr gibt—die in der Pferdebahn fuhren, interessanter. Die Pferdebahn definiert sie als eine “Elektrische”, vor die ein Pferd gespannt war. Ich versuche ihr klarzumachen, dass das Pferd die Bahn zog an Stelle der Elektrizitaet. “Ach, das arme Pferd! Vier Pferde zogen eine gueldene Karosse mit einer einzigen Fee, und ein einziges Pferd musste ganz allein eine Bahn ziehen, die nicht elektrisch war, mit vielen Menschen darin. Das ist aber ungerecht!” Sie hat ganz recht, seine Arbeitsbedingungen waren unmoeglich, und keine Gewerkschaft kuemmerte sich darum, es war ja kein Hafenarbeiter, sondern nur ein “Haferarbeiter”. Ich wurde gerade noch rechtzeitig geboren, um mit der letzten Pferdebahn zu fahren, die es noch in Breslau gab, als sonst schon in ganz Breslau nur Elektrische Bahnen verkehrten. Sie fuhr nach dem "Kraeuterweg” ganz weit draussen, am äussersten Ende von Breslau, wie schon der Name sagt. Ich hatte dort nichts zu tun, aber ich wollte mit der Pferdebahn fahren, und ich quaelte meine Mutter so lange, bis sie mit mir nach dem “Kräuterweg ’ in der Pferdebahn fuhr, einmal hin und einmal her. In Wind und Wetter, bei Sonnenschein und Regen trottete das arme Tier vom Morgen bis zum Abend geduldig den gewohnten Weg. Es verdiente sich seinen Hafer sauer. Im Sommer schuetzte es manchmal vor der Sonne ein grosser Strohut, mit zwei Loechem versehen, aus dem seine Ohren herausguckten. An der Haltestelle brachte ein “Brr” des Kutschers Pferd und Wagen zum Stehen, das Klingelzeichen war nur fuer die Passagiere bestimmt. Mit derselben Begeisterung, wie ich mit der letzten Pferdebahn, fuhren “die Alten Tanten” — so nannte ich die Tanten meiner Eltern, zum Unterschied von den “richtigen Tanten” — als sie noch juenger waren, mit der ersten “Elektrischen”, als sonst noch in ganz Breslau nur Pferdebahnen fuhren. Die erste Elektrische war eine Guertelbahn, und es war ein beliebtes Sonntagsvergnuegen, einmal um die Stadt herum zu fahren. Besonders Vergnuegungssuechtige fuhren sogar zweimal rum, wie Kinder auf dem Rummelplatz mit der Berg-und Talbahn. Ich entsinne mich noch sehr gut an Tante Charlotte. Solche Typen gibt es heute nicht mehr. Jeder von uns hat mal solche “Alten Tanten” gehabt, wie aus “Jettchen Gebert” entsprungen, d.h. Georg Hermann hat sie genau nach dem Leben gezeichnet. Zu Tante Charlotte gehoerte auch ein Onkel, der “Onkel Doktor”. Das Paar wohnte auf der Freiburger Strasse, am Ausgangspunkt respektive an der Endhaltestelle der neuen Guertelbahn. Sie hatten in die Rentabilität dieses neuen Verkehrsmittels Vertrauen gehabt und ein paar Aktien der Guertelbahn erworben. Sie sassen am Fenster und beobachteten durch den "Spion”, wer und wieviele Fahrgaeste in “ihre” Bahn einstiegen, und man wollte gehoert haben, wie der Onkel, fortgetragen von freudiger Erregung, wie die Zuschauer bei einem Rennen oder Fussballmatch, vor sich hinmurmelnd die prospektiven Fahrgaeste anfeuerte: “immer rin, immer rin!” Tante Charlotte war etwas geizig. Sie war sehr stolz auf ihren studierten Mann, und redete Ihn nie mit seinem Vornamen, sondern nur mit “Doktor” an. Aber deswegen hatte sie doch "die Hosen an”. Natuerlich bildlich gesprochen, denn damals trugen doch die Damen noch keine Hosen, jedenfalls nicht als Oberkleidung — sondern nur flanellene, mit “Langetten” ausgebogt, unter vielen Unterroecken, von denen der oberste der “Anstandsrock" hiess, und ueber diesem kam dann schliesslich ein “Maxi-Rock”, der so maximal war, dass man sein nachschleppendes Ende grazioes raffen musste, beim Einsteigen in die Pferdebahn oder Elektrische. Der Onkel tat aber doch, was er wollte, wenn die Gelegenheit guenstig war. Das war sie zum Beispiel, wenn Besuch zum Essen eingeladen war. Dann langte der Onkel kraeftig zu, kraeftiger als es ihm sonst vergoennt war. Durch die Blicke, die die Tante ihm vom anderen Ende des Tisches zuwarf, liess er sich nicht stören, und ass still und unbeirrt weiter. Dann schrie Tante Charlotte mit ihrer heiseren Stimme ueber den ganzen Tisch herueber: “Doktor, Du wirst Dir den Magen verderben”. Darauf liess er es ankommen, wer war hier schliesslich der Doktor? Aber dass Tante Charlottes Kinder ein Lied singen mussten, wenn Besuch da war, und die Tante einen Augenblick aus dem Zimmer ging, damit sie sich nicht an dem Kuchen vergriffen — das ist wohl nur erfunden, aber es haette wahr sein koennen. Doch allzu haeufig wurden weder der Onkel noch die Kinder in Versuchung gefuehrt, denn meistens fanden Tante Charlottes Einladungen unter dem Motto statt; “Besuchen Sie uns doch mal “gemuetlich”, so zwischen Kaffee und Abendbrot!” Wenn Tante Charlotte schon ihren Gaesten gegenueber nicht sehr freigebig war, noch sparsamer war sie, wenn es sich um ihr Dienstmädchen handelte. Aber das scheinen zur damaligen Zeit, als diese noch nicht “Raumpflegerin” hiessen, viele Damen gewesen zu sein. Im Kaffeekraenzchen ruehmten sich die Damen, wie sparsam sie “Ihrer” das Abendbrot zuteilten. “Wenn wir Fisch haben, dann bekommt meine immer, nen Hering”, sagte Tante Charlotte. “Meine isst nicht gern Fleisch, da geb ich ihr einen Kuhkaese”, uebertrumpfte sie eine andere. Das war denn doch einer der Damen zuviel, resp. zu wenig. Nicht ganz so sparsam, aber mit einer nicht minder scharfen Zunge begabt wie die anderen Damen, beschaemte sie die Teilnehmerinnen des Kraenzchens durch ihre Grosszuegigkeit “Und ich geb’ meiner immer ein ganzes Ei, platzt se, da platz se!” Mit diesem Knalleffekt will ich die Erzaehlungen von den “Alten Tanten” fuer heute schliessen. Es waere zwar noch viel von dieser und andren alten Tanten zu erzaehlen, denn sie lebten bis in ein hohes Alter, ja, Tante Charlotte wurde fast 100 Jahre. “Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch”, schliesst meine Enkeltochter Susi hochbefriedigt mit dem Maerchenschluss Ja, sie leben heute noch — in meiner Erinnerung. Sommer gab es nur in Schlesien (Horst Erdmann Verlag, Tuebingen und Basel) Einige vierzig Schlesische Erzähler bringen in diesem von Jochen Hoffbauer herausgegebenen und mit einem Geleitwort von Hugo Hartung versehenen Schlesien-Buch Heiteres und Besinnliches, um obigen Titel zu beweisen. Denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, auch nicht in Schlesien. Das Buch hat u.a. — um nur einige zu nennen — Beitraege von Jochen Klepper, Max Tau, Ruth Hoffmann, Hugo Hartung, Arnold Ulitz, Heinz Piontek, Horst Lange, Horst Bienek, W. v. Eichborn, Friedrich Bischoff, Dora Lotti Kretschmer, Alfons Teuber, W.v. Scholtz, Hermann Stehr, Hans Chr. Kaergel, F. Sommer, H. Nickrawietz, G. Uhde, W. Meckauer, P. Keller, A. Lubos, E. Hoinkls, C. Zivier, Jocken Hoffbauer, wie gesagt, um aus der Fuelle der Beitraege nur einige zu nennen. Schöne Illustrationen schuf Prof. O. Matulla. Jugenderinnerungen geben diesem Buch das Gepraege. Ferientage, Sommerzeit, Typen, Festtage und viel Interessantes und Bemerkenswertes wird geschildert, Wanderlust, Geburtstage, Urlaube, Gewohnheiten und Gestalten, Brauchtum und Erlebnisse das alles fuellt die Seiten dieses Erinnerungsbuches an schoene Stunden in Schlesien, im Elternhaus, in der einstigen Athmosphaere, ln dem Flair des “Es war einmal...” Julius Sachs Professor Ismar Elbogen ZUM 100. GEBURTSTAG AM 1. SEPTEMBER 1974 Unser Versprechen, bei der Drucklegung der letzten Zeitung Nr. 36, unseren Lesern eine Wuerdigung dieses grossen Gelehrten des deutschen Judentums zu bringen, wollen wir jetzt einloesen. Als Dozent an der “Hochschule fuer die Wissenschaft des Judentums” in Berlin hat Elbogen nicht nur als Lehrer und Freund seiner Hoerer Ausserordentliches geleistet, sondern auch als juedischer Historiker, dem wir und die Nachwelt Unendliches zu verdanken haben. Die Lehren des Judentums, die Welt der Gebete, das Standardwerk “Germnania Judaica”, “Das Juedische Lexikon”, “Der jüdische G”ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung” u. vieles andere, hat er dem Judentum geschenkt. Mit Leo Baeck, der auch, wie er, aus dem Posenschen stammte, verband ihn eine innige Freundschaft und als Kollegen an der “Hoschschule” ehrte einer den anderen. Wer die Geschichte des Deutschen Judentums schreibt, und das wird fuer die Nachwelt vom Leo Baeck-Institut in dankenswerter, ausfuehrlicher Weise getan, kann an Ismar Elbogen nicht voruebergehen. Erst 1938 verliess er Berlin und starb am 1. August 1943 in New York. Leider ist er nur 69 Jahre alt geworden. Die letzten 5 Jahre seines arbeitsreichen Lebens waren der Abfassung seines umfangreichsten Werkes gwidmet “Ein Jahrhundert juedischer Geschichte”. Es Ist uns unmoeglich, in diesem Rahmen all das aufzuzählen, was dieser Mann geleistet hat. Sein Leitmotiv war: “Unsere Lage ist nur dann verzweifelt, wenn wir selber verzweifeln.” Seine Tochter, Schoschana Rosenberg geb Elbogen, Tel Aviv, ist eine bekannte Persoenlichkeit im oeffentlichen Leben und leistet viel fuer den guten Ruf unseres Staates. 15

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