Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1975
- Issue
- No. 37 (April 1975)
- Date
- 1975-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erinnerungen aus meiner Studentenzeit in Breslau Gewöhnlich fangen Prüfungen für Studenten an, wenn die Jahre des Studiums beendet sind. Der Pall liegt anders im Studium der Medizin. Hier ist die erste Prüfung im anatomischen Seziersaal. Gegenstand der Prüfung ist nicht akademisches Wissen, sondern seelischer Gleichmut. Ich weiss von vielen, die. nach Verlassen des Seziersaals auch das Medizinstudium verlassen haben. Unser Anatom Prof. Kallius, ein hochelegant aussehender Mann mit grossem Lehrtalent. Sehr komplizierte Sektionen wurden statt von uns Studenten von dem sich grosser Popularität erfreuenden Institutsdiener ausgeführt. In die Geheimnisse der Botanik führte uns Prof. Rosen ein. Sein Vortrag war nicht genügend instruktiv. Seine Lieblingstheorie war, dass die Monarchie eine naturgegebene Einrichtung sei. Man sähe das an dem Leben der Ameisen und Bienen, in dem so viel proletarische Kreaturen für das Wohl der Königin arbeiteten. Wir entschuldigten diese Ansicht damit,' dass er sich als Botaniker in das Gebiet der Zoologie gewagt habe. Zoologieprofessor war Doflein, ein hochkulti- Dr. ISRAEL ABRAHAM RABIN sei. And. (Fortsetzung von Seite 4) Petitionen der Kaufleute, die Protokolle der Fürsten und Städtetagungen. Aus allem suchte er das Lebensbild der Juden zusammen, dessen Titel -war: Der Kampf um Recht, Handelsfreiheit, Wohnfreiheit und Lebenssicherung. In diesem Kampfe gab es drei wichtige Etappen. Die erste war das Privileg, das der reiche Israel Benedikt für sich, seine Familie und seine Bediensteten erhielt in Glogau zu wohnen und Handel zu treiben. Die Judenschaft in Zuelz erreichte mehr. Sie erhielt im Jahre 1699 vom Kaiser das Privileg, welches ihr als einer gesamten Judengemeinde Recht und Freiheit gewährleistete. Die dritte Etappe bildete das kaiserliche Toleranzedikt vom Jahre 1713, das den Juden Schlesiens ihr Recht zum Aufenthalt, zum freien Verkehr und zur wirtschaftlichen Betätigung sicherte, wenigstens formell. Mit welchen Opfern wurde der Fortschritt erkämpft! Seit dem Erscheinen der Juden in Schlesien ging zwischen den herrschenden Mächten, dem Kaiser, den Fürsten, den Ständen, den, Städten, den Gutsherren ein Streit vor, wem und in welcher Höhe die Ausnutzung der Steuerkraft der Juden zugebilligt werden durfte. Wem der Jude mehr zahlte, der gab ihm zeitlich einen gewissen Schutz. Mit einer seltenen Ausnahme in Zuelz. Dort herrschte der freisinnige und menschlich empfindende Freiherr von Proskowski dem der Kaiser für ein grosses Darlehen Zuelz mit allen seinen Einkünften, auch den Abgaben der Juden, verpfändet hatte. Proskowski wusste, dass seine Mahnung, die Regalien von den Juden würden bei ihrer Ausweisung nicht mehr an die kaiserliche Kasse gezahlt werden, ln Wien wirken würde. Er erlangte Schutz für seine Juden. Aber an anderen Orten, in Breslau, in Oppeln, in Beuthen, wurde das Ausweisungsdekret vom Jahre 1582 mit grosser Haerte durchgeführt. Die Juden mussten in aller Eile ihre Wohnungen verlassen, ihr Mobiliar verkaufen und ihre Forderungen an die Einwohner einziehen, was ihnen nur schwer gelang. Manche Juden gingen nach Glogau, andere nach Zuelz, die meisten mussten zurück in das Reich. Auch in Zuelz wäre der Protest des Freiherrn von Proskowski gegen die Ausweisung seiner Juden kaum wirksam gewesen, wenn ihre goldene Gegenleistung nicht erfolgt wäre. 2000 Gulden erkauften die kaiserliche Zustimmung, dass die Juden bleiben durften. Für die jüdischen Hauvierter Dozent. Sein sehr musikbegabter Sohn veranstaltete Kammermusikabende, an denen ich oft teilnahm.-Physik lehrte Prof. Lummer. Seine Vorlesungen waren auch für Nicht-Mediziner anziehend wegen seiner gradezu sensationellen Experimente. Unser Chemiker war Prof. Biltz. Er schien ein friedlicher Mann zu sein, beschäftigte sich jedoch beruflich mit Forschungen auf dem Gebiete der Giftgase. Prof. Huerthle war unser Physiologie, ein anscheinend engstirniger, provinzieller Typ. Sein Sohn, mein Studienkollege, arrangierte eine Kundgebung gegen eine Studentin, einzig und allein wegen ihrer polnischen Herkunft. In einer Beziehung glichen sich alle vor-klinischen Professoren. Sie liessen niemand im Phy- 6icum durchfallen. Nach dieser Prüfung begann das eigentliche medizinische Studium. Hier stand die “Innere Medizin” im Vordergrund. Otto Minkowski entdeckte durch ein Experiment an einem Hund die hormon-bedingte Ursache der Zuckerkrankheit, er gehört allein dadurch in die Reihe der genialen medzinischen Forscher. Infolge seiner schnellen und östlichen sierer in Zuelz war diese Summe unerschwinglich. Sie wurde von den hilfsbereiten Juden in Prag und anderen Gemeinden in Maehren, Boehmen und Polen aufgebracht. Die Fürsten und Stände wiederholten ihren Sturm auf den Kaiser und beruhigten sich erst nach dem Erhalt einer Sondersteuer, die die Juden in Höhe von 100 Dukaten jährlich an das Generalsteueramt in Schlesien für sie abfiihren mussten. Im Jahre 1627 erschien ein kaiserliches Edikt, dass den Juden in den habsburgischen Landen gegen eine jährliche Kontribution von 40.000 Dukaten das Aufenthaltsrecht wie den freien Zutritt zu den Jahres und Wochenmärkten der Städte zubilligte. Die Juden von Prag erwarben sich ein grosses Verdienst um ihre Brüder in Schlesien, dass sie ihre Einbeziehung in dieses Edikt durchsetzten. Das Geld entschied wieder über die Lage der Juden. Aber schliesslich konnten sich ihre Gegner nicht der Tatsache verschliessen, dass die Juden als Handelsträger ein wertvolles Bindeglied zwischen dem schlesischen Handel und den slavischen Ländern bildeten. Dr. Rabin führt aus: “Der Unternehmungsgeist der Juden, ihre Beweglichkeit, ihre weitreichenden Beziehungen waren dazu geeignet... die schlesische Wirtschaft aus der Enge der ständischen Interessen, der gewaltsamen Begrenzung durch kaufmännische Priviligien und der Zwangsjaske der Zunftordnung herauszuheben und den schlesischen Handel in den Handelsverkehr des Habsburgischen Reiches hineinzustellen... Der Kaiser hatte, politisch gesehen ein Interesse daran, für die Freiheit der schlesischen Juden einzutreten.” Endlich ging das gesamte politische Geschick Schlesiens in die Hände Friedrichs II. und damit in seine weiter schauende Handelspolitik über. Dr. Rabin schliesst seine Schilderung des Auf und Ab in dem Kampfe um die Sicherung der jüdischen Rechtslage in Schlesien mit den Worten: “Sie war viel mehr als die Herstellung einer billigen Proportion zwischen Christen und Juden, sie war nicht nur Forderung der Humanität, Gebot der Gerechtigkeit, sie bedeutete einen Dienst am Staate”. Er schrieb diese Worte, als die Nazis bereits die Juden als die grössten Schädlinge des Staates hinstellten und ihre Wühlarbeit damit endeten, dass sie Humanität und Gerechtigkeit in den Flammen von Auschwitz verbrannten. Akzent verratenden Sprechweise wurde er nur von einer Minderheit der Studenten verstanden. Der Chirurg Prof. Küttner dagegen hatte eine klare praezise Vortragsweise. Wenn er nach Vorstellung eines Falles die Türen hinter dem Patienten fest geschlossen haben wollte, wusste man schon, dass die Prognose dieses Falls hoffnungslos war. Gynäcologe war der alte Geheimrat Küstner, der später durch Prof. Fraenckel ersetzt wurde. Unsere Bänke waren voll von Küstnerschen Schlagphrasen wie z.B. “Meine Herren, in solchem Falle nur kein Extraperitonealer”. Nicht vergessen sei der vortreffliche Dermatologe Prof. Jadassohn. Er sah aus wie sein eigner Diener, aber wie charmant war er, wenn er dozierte. Erwähnt seien noch der Vollständigkeit halber der Paediater Stolte, Ophthalmologe Uthoff, der Otologe Hinsberg und der Pharmakologe Pohl. Soweit gehen einige meiner Erinnerungen an meine Studentenzeit in Breslau. Ein Semester, 1919, verbrachte ich, studierte ich wäre übertrieben, in Würzburg, ein andres 1921, in Heidelberg. Die Stimmung in Würzburg war aus politischen Gründen im allgemeinen sehr beeinträchtigt. Eine Studentenverbindung versuchte mich zu keilen, doch ich ging sorgsam Biersaufereien, Fechtuebungen und dergleichen aus dem Wege und begnügte mich, um nicht allen Kontakt zu verlieren, damit, als “Verkehrsgast” beizutreten. Würzburg war damals eine reizvolle Stadt. Ihre Architektur, besonders das fürstbischöfliche Schloss und die Umgebung, sind mir noch heute eine kostbare Erinnerung. 1921 war ich in Heidelberg. Ludolf Krehl lehrte innere Medizin. In ganz schlichter einfacher Kleidung ging er von seinem Wohnhaus zur Klinik und niemand, der ihn sah, hätte vermutet, dass er bahnbrechend auf dem Gebiete der pathologischen Physiologie war. Damals war die Blütezeit der Heidelberger Universität. U.A. las Gundolf ueber Goethe und eine Nationalökonom von Weltruf, Max Weber. Um noch einmal auf Breslau zurückzukommen, es war — trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem ersten Weltkrieg — gut für mich, dass ich meine Studentenjahre in Breslau verbringen konnte. Damals bestand in der Gesellschaft ein erfreuliches Gleichgewicht zwischen konservativem und liberalem Denken und Radikale sowie Fanatiker waren nur sehr selten anzutreffen. Dr. CARL SACHS 07060 Plainfield N.Y. 606 Crescent Ave. (U.S.A.) AUFRUF Betr. Kommerzienrat Jonas Fränckelsche Stiftungen in Breslau Jeder, der etwas weiss, Unterlagen hat, oder weiss, wo sich Unterlagen befinden, oder etwas weiss betr. die Organisation, Buchhaltung, Verwaltung u.s.w., der Fränckelschen Stiftungen in Breslau, also: das Seminar, Krankenhaus, Wohnungs- Stiftung, Familien-Stiftung melde sich an endstehende Adresse. Etwa 1960 sind in Amsterdam Unterlagen aus dem Gebäude Breslau, Wallstr. 14 zum Kauf angeboten worden. Wer weiss, wo die Unterlagen herkamen? Welche Firma war beim Verkauf tätig? Zuschriften bitte schnellstens an: Th. WIETSMA Kobbe 21 (Fügellan) DOKKUM — die Niederlande Ruf 05190—2627. 5