Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-04-01 · No. 37 (April 1975) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 37 (April 1975)
Date
1975-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/7411685-7412437-7493592--0516-7412440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Dr. Israel Abraham Rabin s.A. In dem kulturellen Leben Schlesiens, aber auch weit darüber hinaus in dem jüdischen Geistesleben Deutschlands und der Diaspora spielte die Tätigkeit des Jüd.-Theologischen Seminars Fränkelscher Stiftung in Breslau eine führende Rolle. Die Rabbiner, die es erzog, befestigten die Verbindung mit dem Judentum an allen Orten, an denen sie wirkten. Die Dozenten bereicherten durch die Werke ihrer Forschung jedes Gebiet jüdischen Wissens. Unter ihnen ragte Dr. I. A. Rabin hervor als ein Gaon, dessen ausgebreitete Talmud und Thorakenntnis ihr festes Fundament in den bedeutendsten Jeschiwoth Litauens erhalten hatte. Seine Lehre stand) allen geistigen Zeitströmungen offen. Dabei blieb ihre Grundlage jederzeit die strenge Treue zum überlieferten Judentum. Dr. Rabin war eine Kampfnatur, die nicht vor Wandlungen zurückschreckte. Er eilte ihnen gewissermassen entgegen und bereicherte an ihnen seine Seele. Dadurch erhielt seine Persönlichkeit eine selten zu findende Vielseitigkeit, die in den wichtigsten Ländern jüdischen Lebens ihre Prägung erhalten hatte. Er wurde 1882 in der ukrainischen Mittelstadt Proskurow geboren, in der sein Vater als angesehener Rabbiner der Gemeinde waltete. Zehn Generationen von Talmudisten und Rabbinen waren ihm in seiner Familie voran gegangen. Von mütterlicher Seite war er ein Nachkomme des als Talmud-Autorität bekannten Rabbi Chaim Hakohen Rappaport, der Rabbiner in Lemberg war. In Lemberg hatte Rappaport erfolgreich in dem Kampf der Rabbinen gegen die Frankistenbewegung mitgewirkt. Die Frankisten hatten wegen ihrer feindlichen Stellung zum Talmud und ihrer G”ttes-Auffassung als Trinität den Beifall der katholischen Geistlichkeit gefunden. Unter kirchlichem Patronat fand in Lemberg 1759 ein Religions-Gespräch mit den Frankisten statt, in dem Rabbi Rappaport die Anprangerung des Talmud als menschenfeindlich und Quelle des Ritualmordes so gründlich widerlegte, dass der Talmud vor Verbrennung bewahrt blieb. Seiner Ahnen würdig zeichnete sich Israel Rabin als “Hui” in den Jeschiwoth von Tels, Kowno und Slobotka aus und erhielt mit 17 Jahren die Approbation als Rabbiner. Jede Gemeinde seiner Heimat hätte ihn mit Freude als ihren Rabbiner aufgenommen, aber sein Sehnen stand danach, moderne Wissenschaften in sich aufzunehmen und zu diesem Zwecke eine Universität zu beziehen. In Russland war dies unmöglich. Auf alle Fälle bedurfte er dazu das Reifezeugnis eines profanen Gymnasiums. Mit eisernem Fleiss lernte er in Kowno die russische Sprache und die für die Prüfung notwendigen Fächer: Mathematik, allgemeine Geschichte, Literatur, wie Physik und Chemie und erhielt als Extraneer das Reifezeugnis. Zu dieser Zeit hatte er seine Seele bereits mit dem zionistischen Ideal erfüllt. Als Rabbiner Reines im Kongress 1902) die politische Richtung des “Misrachi” ins Leben rief, die einen Aufbau Israels auf religiöser Grundlage forderte, wurde der junge Rabin ihr treuster Anhänger und blieb es für sein ganzes Leben. Er organisierte an vielen Orten Misrachigruppen und wurde als Abgeordneter der Partei 1902 zum Zionistenkongress in Basel gesandt. Dieser, der erste Kongress, an dem er teilnahm, war von dem leidenschaftlichen Streit über die Annahme der britischen Forderung erfüllt, zum Aufbau der nationalen Heimstätte statt der historischen Heimat der Väter, Uganda zu bestimmen. Wie so oft in seinem Leben war Rabin bei den Gegnern. Die Minorität der “Nein”-sager Dr. Rabin verliess das Plenum und sass im Vorsaal auf dem Boden, unter Tränen die Eicha rezitierend, die Trauerklage über die Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem. Nach dem Pogrom von Kischinew (1903) brachte Rabin 90 Waisen im Dunkel der Nacht über die Grenze Russlands nach Wien zu Dr. Herzl. Hier übernahm der Pädagoge Belkm die Verlassenen und führte sie nach Israel. Sein Universitätsstudium begann Rabin in Berlin und setzte sein Studium in Bern fort. Die Schweiz war damals das Eldorado der russischen Studenten. In Bern scharte sich ein Kreis um Dr. Weizmann. Radikal sozialistisch gesinnte Studenten fanden sich zu endlosen Debatten zusammen. Rabin stand diesem Treiben fern und widmete sich ganz dem Studium. Prof. Marti, der Dozent der theologischen Fakultät, zog den kenntnisreichen Studenten zur Klärung bibelwissenschaftlicher und hebräisch-sprachlicher Fragen, heran. Unterdes schrieb Rabin seine Doktor-Dissertation “Die Vierländersynode in Polen” und erwarb den Doktorgrad mit der höchsten Auszeichnung summa cum laude. Bald darauf legte er die Staatsprüfung ab, die ihn zum Lehren an höheren Erziehungsinstituten berechtigte. Seine Fächer waren semitische Sprachen, Geschichte Geographie und Pädagogik. Die Universität in Neuchatel bot ihm die Dozentur für semitische Sprachen an. Aber er folgte der Bitte des Hilfsvereins der deutschen Juden, das Lehramt am Lehrer-Seminar in Jerusalem zu übernehmen, das dieser Verband unterhielt. Dieser Aufgabe widmete er sich in den Jahren 1909 bis 1911. Doch eine freie pädagogische Tätigkeit war schwierig. Die Schüler folgten seinen Ideen mit Begeisterung. Aber der Jischuw fürchtete eine Abwendung der Jugend unter zeitgemässen Einflüssen von strenger Orthodoxie, der die Chaluzim der Arbeiterpartei feindlich gegenüberstanden. Jede Entwicklung war noch im Anfang. Ben Jehuda, ebenfalls angefeindet, warb für seine Idee, hebräisch zur Landessprache zu machen. In der Arbeit für dieses Ziel fand Rabin höchste Befriedigung, wiederum für sein ganzes Leben. Mit David Jellin zusammen gründete er in Jerusalem einen Waad halaschon und betrieb die Bildung neuer hebräischer Terminologie. Aus diesem Wirken rief ihn die russische Judenheit zu sich zurück. In Odessa bestand eine staatlich geförderte grosse Jeschiwah, an der auch profane Fächer gelehrt wurden. Ihr Leiter war der bekannte Raw Zair, Rabbi Chaim Czernowitz, den die Regierung mangels eines akademischen Diploms nicht anerkennen wollte. An seiner Stelle übernahm Dr. Rabin (1911) das Amt des Rektors. Als Dozenten wirkten unter ihm die später in Israel zur Bedeutung gelangten Prof. Klausner und Assaf. In dem regen jüdischen Leben in Odessa bestimmten Bialik, Achad Haam und Usslschkln geistig und politisch die Meinungen. Dr. Rabin fügte sich in die kulturellen Bestrebungen durch seine Vorträge über die jüdischen Geistesschätze auch ausserhalb seiner Berufsarbeit, ein und beteiligte sich an dem Aufbau der neu Ins Leben gerufenen hebräischen Zeitschriften. Aus dieser fruchtbaren Arbeit führte ihn das Schicksal 1914 nach Deutschland. Wenige Tage, vor Ausbruch des 1. Weltkrieges überschritt er die Grenze, um den Badeort Homburg, aufzusuchen. Dort wurde er als Angehöriger einer feindlichen Nation inhaftiert. Der Rabbiner der Gemeinde in Frankfurt, Dr. Horowitz, erreichte bei der Militärbehörde die Befreiung des russischen Gelehrten und die Genehmigung seiner Übersiedlung nach Giessen. In Giessen konnte Dr. Rabin seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen. Prof. Kahle, Dozent für semitische Sprachen an der Universität, bat ihn um seine Teilhaberschaft bei der Herausgabe des Werkes “Masoreten des Westens”. Als Assistent am Orientalischen Seminar der Universität hielt er ausserdem Vorlesungen über biblische und talmudische Terminologie. Von Giessen aus wurde er an die Universität in Frankfurt a/Maln berufen und von dort 1921 nach Breslau als Dozent an das Jüdisch-Theologische Seminar. Dort war der Lehrstuhl für Geschichte durch den Tod des Historikers Prof. Marcus Brann freigeworden und die Bibel-Wissenschaft durch den Heimgang von Rabb. Dr. Horovitz ihres Lehrers beraubt. Dr Rabin übernahm in beiden Fächern das Lehramt und musste Vorlesungen über Talmud, hebräische Literatur und Geographie Palästinas hinzufügen, ein übergrosses Feld der Arbeit. Die Vorlesung über Geographie hielt er zum grössten Teil in hebräischer Sprache, an deren Verbreitung er auch half, in dem er sich für die Gründung einer hebräischen Sprachschule einsetzte. Zugleich übernahm Dr. Rabin das Amt des Bibliothekars an der Seminar-Bibliothek und widmete weitere reiche Zeit der Katalogisierung ihres Bücherschatzes und der Verbesserung und Erweiterung einer wissenschaftlichen Festlegung der wertvollen Manuscripte und Inkunabeln. Von 1926 an war er zu dem Lektor für die biblische und talmudische Terminologie an der Breslauer Universität berufen. Lehren, Wissen des jüdischen Geistesschatzes, verbreiten und vertiefen war ein Element seiner starken Persönlichkeit. Gestalten an der Formung des jüd. Gemeinschaftslebens mitzuwirken, ein anderes. Das Kuratorium hatte Dr. Rabin bei seiner Berufung an das Seminar zur Bedingung machen wollen, dass er sich in Breslau jeder zionistischen Tätigkeit enthalte. Dr. Rabin hatte erklärt, dass er unter solchem Zwange auf die Berufung verzichte und so hatten sich die Herren seinem Willen gefügt. Demnach führte Dr. Rabin in Breslau seine zionistisch-misrachistische Tätigkeit als Vorsitzender der Misrachi-Ortsgruppe fort. Ihm danken es viele, dass zu einer Zeit, in der sich die politische Endrechtung der deutschen Juden vorbereitete, ihr Herz für den Aufbau des jüdischen Staates in Israel entflammt wurde. Das Bajit neeman, (das Jüdische Haus), das Dr. Rabin in seiner Wohnung im Seminar-Gebäude, Wallstr. 14 aufbaute, wurde zum geistigen Mittelpunkte für Fachgenossen und Parteifreunde, für seine Studenten, auch, christliche Dozenten und Hörer, für Freunde des Seminars wie für Mitarbeiter an den Arbeiten der Gemeinde. Misrachiführer aus dem Auslande waren seine Gäste. David (Fortsetzung auf Seite 4) 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.